Sadiq al-Azm

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Sadiq al-Azm 2006

Sadik Dschalal al-Asm (arabisch ‏صادق جلال العظم‎, DMG Ṣādiq Ǧalāl al-ʿAẓm; gebräuchlichere englische Transkription: Sadiq Jalal al-Azm; * November 1934 in Damaskus) ist ein syrischer Philosoph, Universitätsprofessor und Menschenrechtsaktivist.

Leben[Bearbeiten]

Al-Azm wuchs als Sohn einer wohlhabenden und traditionsreichen sunnitischen Familie in Damaskus auf. An der Amerikanischen Universität von Beirut (AUB) studierte er Philosophie bis zum B. A. 1957, bevor er sein Studium an der Yale University fortsetzte. Dort erwarb er 1959 einen M. A. und 1961 mit einer Dissertation zum französischen Philosophen Henri Bergson abschließend den Doktorgrad (Ph. D.).[1]

Akademische Laufbahn[Bearbeiten]

1963 kehrte er als Dozent für Philosophie nach Beirut an die AUB zurück. 1968 entließ ihn die Hochschule, nachdem er eine Reihe kontroverser Standpunkte vertreten hatte.[2] Ab 1970 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Palästina-Studien in Beirut und als freier Autor für verschiedene Zeitschriften, teilweise unter Pseudonym.[2] Von 1977 bis zu seiner Emeritierung 1999 war er Professor für moderne europäische Philosophie an der Universität Damaskus. Er hat an vielen Universitäten der Welt als Gastprofessor gelehrt, darunter 1988–1992 und 2005–2008 in Princeton, im deutschsprachigen Raum unter anderem in Berlin, Bonn, Hamburg, Lüneburg und Oldenburg. 2011/2012 war er Fellow am Käte-Hamburger-Kolleg für Rechtskultur in Bonn,[3] 1990/1991 sowie 2012/2013 am Wissenschaftskolleg zu Berlin.[4]

Wissenschaftliches Werk[Bearbeiten]

Al-Azm beschäftigte sich intensiv mit der Philosophie Immanuel Kants, zu dem er zwei Bücher in englischer Sprache verfasste und dessen Beitrag zur ideengeschichtlichen Aufklärung ihn maßgeblich beeinflusste.[5] Große Bekanntheit erlangte al-Azm durch seine 1968 und 1969 erschienen Werke Selbstkritik nach der Niederlage und Kritik des religiösen Denkens, mit denen er jeweils zentrale Dogmen des politischen und des religiös-kulturellen Diskurses innerhalb der arabischen Gesellschaft radikal angriff. Selbstkritik nach der Niederlage ist eine Zustandsanalyse der arabischen Welt anlässlich des historischen Einschnitts, den der Sechs-Tage-Krieges von 1967 darstellte. Das Werk wurde unter anderem als „eine der eindrucksvollsten und kontroversesten Schriften des arabischen politischen Denkens“[6] und „die schärfste aller Anklagen der arabischen Gesellschaft und Kultur“[7] bezeichnet. Al-Azm beklagte darin die Rückständigkeit seiner Region und ihrer politischer Führer und forderte eine grundsätzliche Modernisierung, die einen Bruch mit überkommenen Traditionen bedinge. Wichtiger Bestandteil müsse dabei die Säkularisierung der arabischen Gesellschaft sein. Philosophische Unzulänglichkeiten dominanter Religionsauslegungen und ihren hemmenden Einfluss auf die Entwicklung der arabischen Kultur der Gegenwart arbeitete er in seiner Kritik des religiösen Denkens detaillierter heraus.[2] Seit dieser Zeit sind viele seine Schriften in mehreren arabischen Ländern verboten, erfahren jedoch weiterhin eine starke Nachfrage ihrer Leserschaft.[2]

Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb das Verhältnis der islamisch geprägten Kultur zu gesellschaftlicher Aufklärung und Moderne zentrales Thema seines philosophischen Werkes. Dabei beteiligte er sich aktiv an den wichtigsten Debatten, die um die Beziehungen zwischen dem Islam und dem Westen geführt wurden und bei denen al-Azm stets gegen die Vorstellung eine Trennung in zwei Welten argumentierte.[8] Ein prominentes Beispiel war seine Kritik an Edward Saids These zum westlichen Orientalismus: Nach al-Azm stelle Said den Westen ebenso eingeengt und reduziert dar wie das aus dem Imperialismus abgeleitete Orientalismuskonzept, das Said in den wissenschaftlichen Diskurs eingeführt hat. Zur Veranschaulichung stellt Al-Azm dem ein orientalisch geprägtes Okzidentalismusbild gegenüber. Auch in die Diskussion um die vom iranischen Revolutionsführer Ruhollah Chomeini mit islamischen Religionsvorschriften begründeten Todesdrohungen gegen den britisch-indischen Autor des Romans Die Satanischen Verse, Salman Rushdie, schaltete sich al-Azm mit zahlreichen Beiträgen ein. Als einer von sehr wenigen arabischen Intellektuellen verteidigte er Rushdie dabei vehement.[2]

Politisches Engagement[Bearbeiten]

Nach dem Sechstagekrieg von 1967 und unter dem Eindruck des internationalen kulturellen Aufbruchs der Studentenrevolten von 1968 engagierte sich al-Azm in der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und gehörte 1969 als einer von mehreren Syrern zu den Gründern der als Abspaltung der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) gebildeten Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas (DFLP).[9] Unter der Führung Nayef Hawatmehs vertrat die marxistisch orientierte DFLP im Unterschied zu den übrigen PLO-Parteien die Idee einer Lösung des Nahostkonflikts durch Verhandlungen mit Israel und die Einrichtung eines eigenen Staates in den von Israel seit 1967 besetzt gehaltenen palästinensischen Gebieten. In den folgenden Jahren verfasste er zwei Bücher und zahlreiche Artikel, die sich kritisch mit den Ideologien der palästinensischen Befreiungsbewegung auseinandersetzten.[10]

Kurz nach dem Tod des langjährigen syrischen Diktators Hafiz al-Assad im Juni 2000 schloss sich al-Azm mit führenden Intellektuellen des Landes zusammen, die gemeinsam das „Manifest der 99“ veröffentlichten: einen Aufruf zur Aufhebung des Kriegsrechts, zur Amnestie aller politischen Gefangenen und zur Einrichtung von Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechten.[10][11] 2001 war er einer der Erstunterzeichner der in ihren Forderungen noch etwas weiter gehenden „Erklärung der Tausend“.[12][10] 2006 schloss er sich der „Beirut-Damaskus-Deklaration“ an, einem offenen Aufruf zur Beendigung der syrischen Kontrolle über den Libanon.[13] Nachdem ihn der Ausbruch der revolutionären Unruhen in Syrien im Januar 2011 zunächst überrascht hatte,[14] betätigt er sich heute aktiv in der demokratischen Opposition gegen Diktator Baschar al-Assad und die erstarkten dschihadistischen Gruppierungen. Nach der Eskalation des Bürgerkriegs in Syrien erhielt al-Azm 2012 mit seiner Frau politisches Asyl in Deutschland.[15] Als Repräsentant des syrischen Schriftstellerverbands ist er Mitglied der 60-köpfigen Nationalen Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte („Syrische Nationalkoalition“), dem im November 2012 gebildeten Oppositionsbündnis, das seitdem von mehreren westlichen und arabischen Staaten als legitime politische Vertretung des syrischen Volks anerkannt wurde.[16]

Kontroversen[Bearbeiten]

Mit seinen Schriften provozierte al-Azm seit den 1960er Jahren heftigen Widerspruch aus verschiedenen Lagern, darunter von Konservativen, religiösen Fundamentalisten und Nationalisten.[13] Sein 1965 erstmals veröffentlichter Essay Satans Tragödie, mit dem er das traditionelle islamische Verständnis der Verantwortung Gottes für das Böse in Frage stellte, führte nach dem Erscheinen seines Buchs Kritik des religiösen Denkens (1969) zu einem durch den örtlichen Mufti ausgesprochenen Fatwa, das ihn der Apostasie für schuldig befand und in religiösen wie akademischen Kreisen für Aufruhr sorgte.[1][13] Die libanesischen Behörden ließen auf Druck des religösen Establishments einen Teil der Auflage beschlagnahmen, nahmen den nun als „Ketzer aus Damaskus“ verfemten al-Azm für zwei Wochen in Untersuchungshaft und erhoben Anklage wegen Aufhetzung zum Sektierertum, wovon er allerdings Anfang 1970 freigesprochen wurde.[17] Kurz zuvor hatte er bereits seinen Arbeitsplatz als Universitätsdozent verloren, nachdem er unter anderem eine Petition unterschrieben hatte, in der die USA zum Abzug aus Vietnam aufgerufen wurde, sein die arabischen politischen Eliten angreifendes Buch Selbstkritik nach der Niederlage vorgelegt hatte und nicht davor zurückgeschreckt war, Meinungsverschiedenheiten mit einflussreichen Professoren auszutragen.[2]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Kant's Theory of Time. Philosophical Library, New York 1967
  • Selbstkritik nach der Niederlage (arabisch, 1968), in englischer Übersetzung erschienen als: Self-Criticism after the Defeat. Saqi Books, London 2011, ISBN 978-0-863564-88-8
  • Kritik des religiösen Denkens (arabisch, 1969), in englischer Übersetzung erschienen als: Critique of religious thought. Gerlach Press, Berlin 2015, ISBN 978-3-940924-44-5
  • The Origins of Kant's Arguments in the Antinomies. Clarendon/Oxford University Press, Oxford 1972, ISBN 978-0198243755
  • The Palestine Resistance Movement Reconsidered. In: Edward Said (Hrsg.): The Arabs Today: Alternatives for Tomorrow. Columbus 1973, S. 121–135
  • Das mentale Tabu: Salman Rushdie und die Wahrheit in der Literatur. (arabisch), Riad el-Rayyes Books, London 1992
  • Unbehagen in der Moderne – Aufklärung im Islam. Fischer, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-596-11578-7
  • Syrien und der Friedensprozess. Verhandlungen, Machtspiele, Manöver - Ansichten aus Damaskus. In: Lettre International, Nr. 51, Winter 2000
  • Islam und säkularer Humanismus. Mohr Siebeck, Tübingen 2005, ISBN 3-16-148527-0
  • Secularism, fundamentalism, and the struggle for the meaning of Islam. (dreibändige Essaysammlung) – Band 1: On fundamentalisms; Band 2: Islam – submission and disobedience; Band 3: Is Islam secularizable? Challenging political and religious taboos. Gerlach Press, Berlin 2013–2014, ISBN 978-3-940924-20-9

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Ludo Abicht: Islam & Europe: Challenges and Opportunities. Leuven University Press, Leuven 2008, S. 129 f.
  2. a b c d e f Elie Chalala und Michael Teague: 40 Year-Old Classic Remains Influential: Sadiq Jalal al-Azm’s ‘The Critique of Religious Thought’. In: Al Jadid (o. D.), abgerufen am 28. August 2015 (englisch)
  3. Ehemalige Fellows. Webseite des Käte-Hamburger-Kollegs, abgerufen am 28. August 2015
  4. Preisträger: Sadik Al-Azm (PDF). Porträt auf der Webseite des Goethe-Instituts, abgerufen am 28. August 2015
  5. Nachwort von Kai-Henning Gerlach und Walter Saller zu al-Azm: Unbehagen in der Moderne: Aufklärung im Islam. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1993, S. 139
  6. Fouad Ajami: The Arab Predicament: Arab Political Thought and Practice Since 1967. Cambridge University Press, Cambridge 1981, durchgesehene zweite Auflage 1992, S. 37
  7. Malcolm Kerr: The Arab Cold War. Oxford University Press, London 1971, S. 135
  8. Nachwort von Kai-Henning Gerlach und Walter Saller zu al-Azm: Unbehagen in der Moderne: Aufklärung im Islam. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1993, S. 144
  9. Mouaffaq Nyrabia: Syria: The children of the Six-Day War (PDF). In: 1968: Memories and legacies. GHI Bulletin Supplement 6 (2009), German Historical Institute, Washington D. C., S. 148 (englisch)
  10. a b c Franck Mermier: Sadik Jalal al-Azm ou la pensée en bataille (PDF). Vorwort zu al-Azm: Ces interdits qui nous hantent: islam, censure, orientalisme. Éditions Parenthèses, Marseilles 2008, S. 10, abgerufen am 29. August 2015 (französisch)
  11. Statement by 99 Syrian Intellectuals. In: Al-Hayat vom 27. September 2000, via Middle East Bulletin vom 5. Oktober 2000, abgerufen am 29. August 2015 (englisch)
  12. Sadiq al-Azm. Streitlustiger Aufklärer In: Frankfurter Allgemeine, 11. August 2011, abgerufen am 23. November 2012
  13. a b c Kersten Knipp: Porträt Sadik Al-Azm: Ein streitbarer arabischer Aufklärer. In: Qantara.de vom 13. Dezember 2009, abgerufen am 28. August 2015
  14. Sadik J. al-Azm: Syria in Revolt. In: Boston Review vom 18. August 2014, abgerufen am 28. August 2015 (englisch)
  15. Goethe-Medaille für syrischen Philosophen Sadik Al-Azm. In: Qantara.de vom 10. Juni 2015, abgerufen am 28. August 2015
  16. USA erkennen syrische Opposition an: „Verantwortung übernehmen“. In: taz.de vom 12. Dezember 2012, abgerufen am 28. August 2015
  17. Nachwort von Kai-Henning Gerlach und Walter Saller zu al-Azm: Unbehagen in der Moderne: Aufklärung im Islam. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1993, S. 138