Sahra Wagenknecht

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Sahra Wagenknecht, 2013

Sahra Wagenknecht[1] (geboren am 16. Juli 1969 in Jena; amtlich zunächst Sarah[2] Wagenknecht) ist eine deutsche Volkswirtin, Publizistin und Politikerin (PDS, Die Linke).

Ab den frühen 1990er Jahren hatte sie maßgebliche Funktionen in verschiedenen Vorstandsgremien der PDS inne. Nach der 2007 erfolgten Vereinigung der PDS mit der SPD-Abspaltung WASG konnte sie ihren Einfluss in der Nachfolgepartei Die Linke erweitern. Dort galt die bekennende Kommunistin Wagenknecht lange Zeit als Protagonistin des linken Parteiflügels.[3]

Von 2010 bis 2014 war sie eine der stellvertretenden Parteivorsitzenden. Davor vertrat sie die PDS bzw. Die Linke von 2004 bis 2009 als Mandatsträgerin im Europäischen Parlament. Seit September 2009 ist Wagenknecht Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Ab 2011 war sie dort stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linksfraktion. Am 13. Oktober 2015 löste sie zusammen mit Dietmar Bartsch, einem Vertreter des als gemäßigt geltenden Parteiflügels, den bis dahin amtierenden Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi ab[4] und ist damit zur Oppositionsführerin des 18. Bundestags aufgerückt.

Herkunft und Jugend (1969–1990)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sahra Wagenknecht bei ihrem Vortrag Leben wir in einer Leistungsgesellschaft? in Karlsruhe, Juli 2011
Sahra Wagenknecht während des Bundestagswahlkampfes in Düsseldorf-Bilk, August 2009

Sahra Wagenknecht ist die Tochter einer Deutschen und eines Iraners, der als West-Berliner Student ihre in der DDR lebende Mutter kennenlernte. Seit dem Ablauf seiner Aufenthaltsgenehmigung im Jahr 1972 gilt er als verschollen. Als sie zum ersten Mal Bundestagsabgeordnete wurde, änderte sie die amtliche Schreibung ihres Vornamens entsprechend der persischen Schreibweise ab, wie es der ursprünglichen Namensgebung der Eltern entsprach. Ihre Mutter war nach Wagenknechts Angaben gelernte Kunsthändlerin[5] und arbeitete für den staatlichen Kunsthandel; Sahra wuchs zunächst bei ihren Großeltern in einem Dorf bei Jena auf; mit Schulbeginn zog sie zu ihrer Mutter nach Ost-Berlin.[6] Während ihrer Schulzeit wurde sie Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ)[6] und schloss 1988 die Erweiterte Oberschule (EOS) „Albert Einstein“ in Berlin-Marzahn mit dem Abitur ab.[7] Die in der DDR übliche militärische Ausbildung für Schüler empfand sie als extrem belastend: Sie konnte nichts mehr essen, was ihr von den Behörden als politischer Hungerstreik ausgelegt wurde.[8] Als repressive Reaktion darauf durfte sie in der DDR nicht studieren. Als Begründung wurde genannt, sie sei „nicht genügend aufgeschlossen […] fürs Kollektiv“. Ihr wurde eine Arbeitsstelle als Sekretärin zugewiesen. Diese kündigte sie allerdings nach drei Monaten, was für DDR-Verhältnisse äußerst ungewöhnlich war. Sie erhielt fortan keinerlei staatliche Unterstützung mehr und bestritt ihren Lebensunterhalt mit dem Erteilen von Nachhilfestunden.[9] Kurz vor dem Untergang der DDR-Diktatur trat Wagenknecht der SED bei.[10]

Studium (1990–1996)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Wende studierte sie ab dem Sommersemester 1990 Philosophie und Neuere Deutsche Literatur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihr Studium in Berlin brach sie nach Angaben der Wirtschaftswoche ab, da sie „an der Ostberliner Humboldt-Universität kein Verständnis mehr für ihr Forschungsziel fand“. Danach immatrikulierte sie sich an der niederländischen Reichsuniversität Groningen (RUG) für den Studiengang Philosophie. Nach eigenen Angaben hatte sie zuvor alle Scheine bis auf die Abschlussarbeit in Berlin gemacht und erwarb im September 1996 in Groningen den akademischen Grad Magistra Artium (M. A.) mit einer Arbeit bei Hans Heinz Holz über die Hegelrezeption des jungen Marx.[11] Diese Untersuchung wurde 1997 als Buch veröffentlicht.

Nach eigenen Angaben begann sie 2005 ihre Dissertation zum Thema The Limits of Choice. Saving Decisions and Basic Needs in Developed Countries („Die Grenzen der Wahlfreiheit. Sparentscheidungen und Grundbedürfnisse in entwickelten Ländern“) im Fach Volkswirtschaftslehre. Im August 2012 reichte sie ihre Arbeit an der Technischen Universität Chemnitz bei dem Professor für Mikroökonomie Fritz Helmedag ein, der unter anderem auch Vertrauensdozent der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist. Zwei Monate später bestand sie ihre mündliche Prüfung zum Dr. rer. pol.[12] mit der Gesamtbewertung magna cum laude.[13] Im Oktober 2013 veröffentlichte der Campus-Verlag ihre Doktorarbeit über das Verhältnis von Einkommen und Rücklagen.[14][15]

Von August 2012 bis August 2014 verfasste sie in der Tageszeitung Neues Deutschland regelmäßig Artikel in der Kolumne Der Krisenstab.[16][17]

Parteikarriere (1991 bis heute)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1991 war Wagenknecht Mitglied des Parteivorstandes der PDS. Lediglich 1995 musste sie fünf Jahre lang aus dem Vorstand ausscheiden, weil Gysi sie für so untragbar hielt, dass er mit seinem Rückzug gedroht hatte.[18] Von 1991 bis 2010 war sie Mitglied der Leitung der Kommunistischen Plattform (KPF), einem Zusammenschluss orthodox-kommunistisch orientierter Mitglieder und Sympathisanten innerhalb der Partei und blieb dies auch nach der Verschmelzung von WASG und PDS.[19] Die von Wagenknecht, als Sprecherin der KPF, öffentlich vertretene „positive Haltung zum Stalinismusmodell“, bewertete der Parteivorstand als unvereinbar mit den Positionen der PDS.[20] Wagenknecht war das einzige Vorstandsmitglied, das der Vorstandserklärung zum Mauerbau die Zustimmung versagte, weil die überfällige Mauer endlich das lästige Einwirken des Klassenfeindes beendet habe. Noch im Mai 2008 erklärte sie im Spiegel, dass sie den Begriff Diktatur für die DDR (die sie zuvor als „das friedfertigste und menschenfreundlichste Gemeinwesen, das sich die Deutschen im Gesamt ihrer Geschichte bisher geschaffen haben.“ bezeichnet hatte) für unangemessen halte.[18]

2000 wurde sie erneut in den Parteivorstand der PDS gewählt. Im März 2006 gehörte sie zu den Initiatoren der Antikapitalistischen Linken, einer gemeinsamen Gruppierung aus Mitgliedern der WASG und Linkspartei. Seit Juni 2007 ist Wagenknecht Mitglied des Parteivorstandes der Partei Die Linke und seit Oktober 2007 Mitglied der Programmkommission. Ihren innerparteilichen Vorstoß, eine Kandidatur für den Vize-Parteivorsitz der Linken beim ersten Parteitag der fusionierten Partei im Mai 2008 zu erwägen, beendete sie nach der Ablehnung durch den Parteivorsitzenden Lothar Bisky sowie durch den Fraktionsvorsitzenden der Linken im Deutschen Bundestag Gregor Gysi und erklärte in einer Pressemitteilung, nicht als stellvertretende Vorsitzende zu kandidieren. Sie wurde auf dem Parteitag mit 70 Prozent der Stimmen erneut in den Parteivorstand gewählt. Auf Vorschlag Gysis und des Parteivorstands wurde Wagenknecht auf dem Bundesparteitag der Linken Anfang Mai 2010 mit 75,3 Prozent der Stimmen zur stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt.[21] Am 8. November 2011 wurde sie mit 61,8 Prozent der Stimmen zur 1. Stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gewählt.[22]

Abgeordnetenlaufbahn (2004 bis heute)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Bundestagswahl 1998 trat Wagenknecht in Dortmund als Direktkandidatin der PDS an. Sie errang in ihrem Wahlkreis 3,25 Prozent der Erst- und 2,2 Prozent der Zweitstimmen. Bei der Europawahl in Deutschland 2004 gelang Wagenknecht der Einzug ins Europaparlament. Vorausgegangen war eine parteiinterne Kampfabstimmung. Im Juli 2009 schied sie aus dem Europaparlament aus.

Bei der Bundestagswahl 2009 kandidierte Wagenknecht für das Direktmandat im Wahlkreis Düsseldorf-Süd. Am 18. März 2009 wurde sie dafür vom Kreisverband der Linken in Düsseldorf nominiert.[23] Wagenknecht wurde vom Landesparteitag auf Platz 5 der Landesliste in Nordrhein-Westfalen gewählt.[24] Sie erhielt am 27. September 2009 9,7 Prozent der Erststimmen. Über die Landesliste zog sie in den Bundestag ein.

Wagenknecht ist seit 2011 eine von zwei ersten Stellvertreterinnen des Vorsitzenden der Bundestagsfraktion. Im Januar 2012 wurde bekannt, dass Sahra Wagenknecht als eine von 27 Bundestagsabgeordneten der Linken unter Beobachtung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz stehe.[25]

Am 6. März 2015 teilte sie in einer persönlichen Erklärung mit, im Herbst 2015 nicht zur Wahl für den Posten der Fraktionsvorsitzenden anzutreten.[26][27] Nachdem der amtierende Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi am 7. Juni 2015 auf dem Bundesparteitag der Linken in Bielefeld seinen Rückzug von diesem Amt zum Herbst des Jahres angekündigt hatte, erklärte sich Wagenknecht wenige Tage später doch bereit, gemeinsam mit Dietmar Bartsch in einer Doppelspitze Gysis Nachfolge antreten zu wollen.[28] Am 13. Oktober 2015 lösten Wagenknecht und Bartsch Gysi im Fraktionsvorsitz ab und fungieren seitdem gemeinsam als Oppositionsführer im 18. Deutschen Bundestag.

Politische Positionen und Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wirtschaftspolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wagenknecht kritisierte die Kompromisse der Partei bei den Regierungsbeteiligungen in den Ländern wie z. B. das Kürzen sozialer Leistungen und die Privatisierungen in Berlin. Die Regierungsbeteiligungen der Partei und ein „Schmusekurs gegenüber Rot-Grün“ werden von ihr aufgrund der „tiefen politischen Differenz“ mit der SPD bzw. Rot-Grün abgelehnt. Wagenknecht gehörte lange Zeit zur Antikapitalistischen Linken und zur Kommunistischen Plattform, wo sie auch Mitglied im Bundeskoordinierungsrat war. Seit Februar 2010 ruht ihre Mitgliedschaft in dieser Parteiströmung.[29]

Wagenknecht forderte im Jahr 2000 eine Überwindung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse. In einem Artikel des Ressorts „Lebensart“ von ZEIT-online protokollierte Marc Kayser einen „Traum“ Wagenknechts von einer Begegnung mit einem Zeitreisenden, der Grundzüge einer „anderen Gesellschaft“ beschreibt.[30] Eine Rückkehr zum Sozialismus der DDR lehnt Wagenknecht jedoch ab. Nach ihrer Ansicht sollen aber Leistungen der Daseinsvorsorge wie Wohnen, Bildung, Gesundheit, Wasser- und Energieversorgung, Banken und Schlüsselindustrien durch die öffentliche Hand getragen werden, um „das Diktat der Rendite und der Aktienkurse“ zu überwinden.[31]

Finanzkrise und Eurokrise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Spiegel Online nannte Christian Rickens Wagenknechts Lösungsvorschlag zur Finanzkrise und Eurokrise „in seinem Kern erzliberal“, er enthalte ein „paar ziemlich schlaue Ansätze“.[32] Tatsächlich beruft sich Wagenknecht auf Vordenker des Ordoliberalismus, deren Ideen sonst eher in der FDP vertreten werden. Wagenknecht schlägt in der 2012 erschienenen Neuausgabe ihres Buches Freiheit statt Kapitalismus einen Schuldenschnitt und gewisse darauf folgende Maßnahmen vor, um die Euro-Krise zu beenden, gleichzeitig Wirtschaftswachstum zu generieren und die Finanzmärkte zu regulieren:[32]

  • „Die EU-Staaten sollten beschließen, dass alle Schulden oberhalb einer bestimmten Grenze nicht mehr zurückgezahlt werden.“ Wagenknecht schlägt 60 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung als Grenze vor.
  • Der Schuldenschnitt führe zu einer Pleite vieler europäischer Banken und Versicherungen. Diese Pleite sei gerechtfertigt, denn „Risiko und Haftung hängen in einer Marktwirtschaft nun einmal zusammen.“

Die Politik solle auf diese Pleiten der Finanzindustrie nach Wagenknecht folgendermaßen reagieren:

  • Der Staat versorgt die Banken mit frischem Eigenkapital und solle jene Teile der Banken weiterführen, die für eine Volkswirtschaft relevant sind: (a) Das Geschäft mit Kundeneinlagen und (b) Die Kreditvergabe an die Wirtschaft. Damit werde eine Rezession verhindert. Das Investmentbanking der jeweiligen Banken solle jedoch in großen Teilen abgewickelt werden.
  • Der Staat bürgt für Spareinlagen und Lebensversicherungen bis zu einer Höhe von einer Million Euro pro Person.
  • Die Euro-Staaten erhalten bis zu einer Defizit-Obergrenze von etwa 4 Prozent der Wirtschaftsleistung pro Jahr und einer noch festzulegenden maximalen Gesamtverschuldung direkt von der Europäischen Zentralbank (EZB) Kredite, so dass sie nicht mehr vom Kapitalmarkt abgeschnitten sind.
  • Die EZB bleibt weiterhin unabhängig.
  • Banken sollen Kredite überwiegend aus den Spareinlagen ihrer Kunden gewähren.

Verhältnis zum Stalinismus und zur DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1992 lobte Wagenknecht in ihrem Artikel „Marxismus und Opportunismus“[33] Stalins Herrschaft in der Sowjetunion u.A. als „die Entwicklung eines um Jahrhunderte zurückgebliebenen Landes in eine moderne Großmacht während eines weltgeschichtlich einzigartigen Zeitraums; damit die Überwindung von Elend, Hunger, Analphabetismus, halbfeudalen Abhängigkeiten und schärfster kapitalistischer Ausbeutung“.

In aktuellen Äußerungen setzt sich Wagenknecht kritisch mit dem „repressiven politischen System der DDR“ auseinander, lehnt aber eine Charakterisierung der DDR als Unrechtsstaat ab, weil dies darauf hinauslaufe, die DDR auf eine Ebene mit der NS-Diktatur zu stellen.[34] Die DDR sei kein demokratischer Staat gewesen, jedoch sei auch im heutigen kapitalistischen System keine echte Demokratie möglich.[35] Für Wagenknecht ist der Sozialismus auf Basis des Grundgesetzes möglich.[36] Gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Kommunistischen Plattform sprach sich Wagenknecht 2008 zudem in einer Stellungnahme gegen ein allgemeines Gedenken in Form eines Gedenksteins auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde mit der Aufschrift „Den Opfern des Stalinismus“ aus, da sich unter diesen auch Faschisten befunden hätten, drückte aber ihr Mitgefühl mit den unschuldigen Toten aus.[37] Ihre Haltung zum Stalinismus wurde innerhalb der Linkspartei teilweise als zu unkritisch empfunden und unter anderem von Gregor Gysi[38] und dem Bundestagsabgeordneten Michael Leutert kritisiert. Letzterer sprach sich 2008 gegen ihre Kandidatur als stellvertretende Parteichefin aus, weil sie sich zu wenig vom Stalinismus distanziere.[39] Wagenknecht selbst erklärte 2009 ihre umstrittenen Äußerungen zum Stalinismus von 1992 retrospektiv mit „Trotz und Wut über rechte Geschichtsverfälschung“ und distanzierte sich von diesen, da sie „nicht minder einseitig waren als die Geschichtsschreibung des Mainstreams, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.“[40]

Kontroverse zu Peres[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als der israelische Staatspräsident Schimon Peres am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus 2010 als Gast im Deutschen Bundestag sprach, erhoben sich die Abgeordneten Christine Buchholz, Sevim Dağdelen und Wagenknecht zum Schlussapplaus nicht von ihren Sitzen. Sie wurden deswegen öffentlich und parteiintern kritisiert, so erklärte der Berliner Landeschef der Linkspartei, Klaus Lederer, das Verhalten der Abgeordneten für „inakzeptabel“,[41] Michael Leutert erklärte sie für „nicht wählbar“.[42] Wagenknecht erklärte ihr Verhalten später:

„Zum Gedenken an die Opfer des Holocaust habe ich mich selbstverständlich von meinem Platz erhoben. Dass ich nach der Rede von Shimon Peres nicht an den stehenden Ovationen teilgenommen habe, liegt darin begründet, dass ich einem Staatsmann, der selbst für Krieg mitverantwortlich ist, einen solchen Respekt nicht zollen kann.“[43]

Im Jahr 2012 in einem Radio-Interview darauf angesprochen, erklärte sie nochmals:

„Wir haben uns alle erhoben, alle Abgeordneten der Linken, als es darum ging, der Opfer des Holocaust zu gedenken, und das wäre ja auch eine Unverschämtheit gewesen, zu diesem Anlass sitzen zu bleiben. Ich bin sitzen geblieben am Ende der Rede von Peres, weil Peres diese Rede – was ich sehr bedauerlich fand – eben auch genutzt hat, nicht nur zum Gedenken, sondern eben auch um aktuelle Nahostpolitik anzusprechen und teilweise dort auch Passagen drin waren, die schon als Kriegsvorbereitung in Richtung Iran interpretiert werden mussten. Und da muss ich sagen, bei einer solchen Rede kann ich am Ende nicht aufstehen, weil ich bin eine Kriegsgegnerin, ich lehne Kriege ab, und ich hoffe jetzt auch, dass es keinen Krieg im Nahen Osten geben wird.“[44]

Verhältnis zur Politik Kubas und Venezuelas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wagenknecht zeigt eine Sympathie gegenüber der Politik der Staaten Kuba und Venezuela. Über eine Presseerklärung ließ sie mitteilen, „dass die andauernde Existenz des kubanischen Systems einen Hoffnungsschimmer für diejenigen in der sogenannten Dritten Welt bedeutet, die die Verlierer einer markt- und profitorientierten globalisierten Welt sind“.[45] Ebenso verteidigte sie die vom venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez beschlossene Verstaatlichung der Ölförderanlagen des US-Konzerns ExxonMobil.[46]

Familienpolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang Juni 2015 unterzeichnete Wagenknecht zusammen mit 150 weiteren Prominenten aus Kultur und Politik einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin, in dem die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften gegenüber der zweigeschlechtlichen Ehe gefordert wurde.[47]

Flüchtlingspolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wagenknecht befürwortet in der Flüchtlingspolitik im Gegensatz zu ihrer Partei eine Begrenzung der Aufnahme von Flüchtlingen und begründet diese unter anderem mit „Grenzen der Aufnahmebereitschaft in der Bevölkerung“.[48]

Merkels Flüchtlingspolitik, so Wagenknecht, habe in Deutschland zu einem „völligen Staatsversagen“ geführt, „auf sozialem Gebiet ebenso wie auf dem der inneren Sicherheit“. Deutschland „würde zerreißen“, sollte es erneut eine Million neuer Flüchtlinge geben. „Natürlich gibt es Kapazitätsgrenzen, wer das leugnet, ist doch weltfremd.“

Nach den sexuellen Übergriffen in Köln Anfang 2016 äußerte Wagenknecht: „Wer sein Gastrecht missbraucht, der hat sein Gastrecht eben auch verwirkt“ und wurde dafür in ihrer Partei und Fraktion nahezu einhellig kritisiert: Das Recht auf Asyl sei nicht verwirkbar. Lob kam hingegen von der rechtspopulistischen AfD.[49]

Auf dem Parteitag der Linken am 28. Mai 2016 wurde Wagenknecht mit einer braunen Torte beworfen. In einem gleichzeitig verteilten Flugblatt kritisierte die "Antifaschistische Initiative Torten für Menschenfeinde" ihre Position zur Flüchtlingskrise. Wagenknecht übersetze wie die AfD „den ‚Volkszorn‘ in politische Forderungen“.[48] Die Initiative zitierte in ihrem Flugblatt aus Wagenknechts Buch Reichtum ohne Gier folgende Zeilen aus dem Kontext der EU-Kritik: „Je größer, inhomogener und unübersichtlicher eine politische Einheit ist, desto weniger funktioniert das. Kommen dann noch Unterschiede in Sprache und Kultur hinzu, ist es ein aussichtsloses Unterfangen.“[50] Wagenknechts Kritik wendet sich an dieser Stelle gegen eine – ihrer Ansicht nach – demokratisch nicht legitimierte Herrschaft von Technokraten in der Europäischen Union. Demokratie setze überschaubare Verhältnisse und die Verbindung von Volk und Volksvertretern voraus.[51]

Nach den Anschlägen von Würzburg und Ansbach stellte Wagenknecht einen Zusammenhang zur Aufnahme von Flüchtlingen her und positionierte sich erneut gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und ihrer eigenen Partei.[52] Auch nachdem Wagenknecht ihre Thesen nach erster Kritik relativierte, reagierte ihre Partei mit deutlicher Ablehnung. Ihre Äußerungen seinen „natürlich nicht akzeptabel“.[53]

Sonstige Tätigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wagenknecht ist Jurymitglied von „Top 100“, einem Unternehmenswettbewerb für innovative Mittelständler.[54]

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 1997 heiratete Wagenknecht den Journalisten, Filmproduzenten und Geschäftsmann Ralph-Thomas Niemeyer.[55] Am 12. November 2011 erklärte der ehemalige SPD-Politiker Oskar Lafontaine, durch dessen Initiative 2005 das Wahlbündnis aus WASG und PDS erfolgte, er und Wagenknecht seien „eng befreundet“ – beide Politiker lebten zu diesem Zeitpunkt bereits getrennt von ihren Ehepartnern.[56] Seit Juni 2012 wohnt sie zusammen mit Oskar Lafontaine in Merzig (Saarland) nahe der französischen Grenze.[57] Die Ehe mit Niemeyer wurde dessen Angaben zufolge im März 2013 geschieden.[58] Seit dem 22. Dezember 2014 sind Lafontaine und Wagenknecht miteinander verheiratet.[59]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Sahra Wagenknecht – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zwischenzeitlich Sarah Wagenknecht-Niemeyer, wie beispielsweise auf dem Stimmzettel für die Wahl zum Deutschen Bundestag im Wahlkreis 108 Düsseldorf II am 27. September 2009 (Memento vom 25. Februar 2013 im Internet Archive) (PDF; 424 kB; Archiviert vom Original am 25. Februar 2013, abgerufen am 8. Dezember 2013).
  2. Renate Meinhof: Die Linkshaberin. In: Süddeutsche Zeitung. 14. Mai 2010, S. 3 (PDF; 126 KB [abgerufen am 14. Oktober 2015]).
  3. Hubertus Knabe: Honeckers Erben. Die Wahrheit über DIE LINKE. Propyläen Verlag, Berlin 2009. S. 338–340.
  4. vgl. bspw. Die Welt vom 13. Oktober 2015: „... Wagenknecht gilt als Wortführerin des linken Parteiflügels ... Bartsch zählt zu den gemäßigten Reformern ...“ (online auf welt.de, abgerufen am 17. Mai 2016)
  5. Sahra Wagenknecht (Hrsg.): Kapital, Crash, Krise … kein Ausweg in Sicht? 2., aktual. und erw. Auflage. Pahl-Rugenstein, Bonn 1999, S. 19.
  6. a b Günter Gaus: Zur Person: Günter Gaus im Gespräch mit Sahra Wagenknecht. In: rbb-online.de. 11. Februar 2004, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  7. Anja Maier, Stefan Reinecke: „Ich war ein Kind, das gern allein war“. In: taz.de. 30. April 2010, abgerufen am 16. Mai 2010.
  8. Interview - Ein Lauf mit Sahra Wagenknecht. In: RUNNER'S WORLD. Abgerufen am 30. Mai 2016.
  9. Markus Feldenkirchen: Die neue Mitte. In: Der Spiegel. Nr. 45/2011, 7. November 2011, S. 64 (online [abgerufen am 8. Dezember 2013]).
  10. Hubertus Knabe: Honeckers Erben. Die Wahrheit über DIE LINKE. Propyläen Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-549-07329-2. S. 339.
  11. Sahra Wagenknecht: Vom Kopf auf die Füße? Zur Hegelkritik des jungen Marx oder das Problem einer dialektisch-materialistischen Wissenschaftsmethode. Pahl Rugenstein Verlag, 1997, ISBN 3-89144-231-9.
  12. Auswahl der Promotionen 2012. In: tu-chemnitz.de. Abgerufen am 8. Dezember 2013.
  13. Miriam Hollstein: Sahra Wagenknecht darf bald Doktortitel tragen. In: welt.de. 31. Oktober 2012, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  14. Sahra Wagenknecht: The Limits of Choice: Saving Decisions and Basic Needs in Developed Countries. Campus Verlag, 2013, ISBN 978-3-593-39916-4.
  15. Stefan Mönke: Höhere Mathematik. In: Der Freitag. 14. November 2013 (online [abgerufen am 14. Oktober 2015] über die Dissertation).
  16. Kurt Stenger: Neue Kolumne im »nd«. In: neues deutschland. 6. August 2012, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  17. Tatort Krise: Wir ermitteln jetzt erst recht. In: neues deutschland. 23. August 2014, abgerufen am 4. Oktober 2015.
  18. a b Hubertus Knabe: Honeckers Erben. Die Wahrheit über DIE LINKE. Propyläen Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-549-07329-2. S. 338f.
  19. Matthias Meisner: Wagenknecht verzichtet für Parteivize auf Wortführerrolle. In: tagesspiegel.de. 11. Februar 2010, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  20. Wolfgang Thierse: Zehn Jahre Deutsche Einheit: eine Bilanz. Springer-Verlag, 2013.
  21. Wahl des Parteivorstandes 2010. In: die-linke.de. Abgerufen am 8. Dezember 2013.
  22. DIE LINKE hat Fraktionsvorstand gewählt. In: die-linke.de. 8. November 2011, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  23. Sahra Wagenknecht kandidiert in Düsseldorf. In: derwesten.de. 19. März 2009, abgerufen am 1. Juli 2015.
  24. Ole Reißmann: Bundestagswahl: Sicherer Listenplatz für Wagenknecht. In: Spiegel Online. 28. März 2009, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  25. Johannes Korge: Geheimdienst: Verfassungsschutz beobachtet 27 Linken-Abgeordnete. In: Spiegel Online. 22. Januar 2012, abgerufen am 26. Oktober 2013.
  26. www.sahra-wagenknecht.de: Persönliche Erklärung
  27. sueddeutsche.de: Beleidigt, getroffen, geschlagen
  28. Gysi-Nachfolge: Wagenknecht und Bartsch sollen Linken-Fraktion führen. Spiegel Online, 9. Juni 2015, abgerufen am gleichen Tage
  29. Bundessprecherrates der Kommunistischen Plattform der Partei DIE LINKE: Sahra’s Mitgliedschaft ruht. (PDF; 115 kB). In: sahra-wagenknecht.de. 5. Februar 2010, abgerufen am 8. Dezember 2013 (PDF).
  30. Marc Kayser: Ich habe einen Traum. In: Die Zeit. Nr. 41/2000, 5. Oktober 2000 (online [abgerufen am 8. Dezember 2013]).
  31. Franz Solms-Laubach: Sahra Wagenknecht will die DDR nicht mehr zurück. In: welt.de. 29. April 2009, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  32. a b Christian Rickens: Neue Ideen zur Euro-Rettung: Sahra Wagenknechts erzliberales Manifest. In: Spiegel Online. 25. Juli 2012, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  33. http://www.glasnost.de/pol/wagen.html
  34. Miriam Hollstein: Sahra Wagenknecht verspottet „neoliberale SPD“. In: welt.de. 19. Juni 2009, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  35. Alexander Hagelüken, Alexander Mühlauer: "Ich habe schon öfter mal Hummer gegessen". In: Süddeutsche Zeitung. 25. April 2008, S. 64 (online [abgerufen am 8. Dezember 2013]).
  36. Miriam Hollstein: Sahra Wagenknecht gibt auf. In: welt.de. 17. Mai 2008, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  37. Sahra Wagenknecht, Ellen Brombacher, Thomas Hecker, Jürgen Herold, Friedrich Rabe: Zur Diskussion: Prioritäten. Nachbetrachtungen zur Liebknecht-Luxemburg-Ehrung 2008 der Kommunistischen Plattform. In: forum-ds.de. 19. Januar 2008, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  38. Gysi übt Selbstkritik und attackiert Wagenknecht. In: welt.de. 9. Mai 2000, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  39. Linke streitet über Wagenknecht. In: taz.de. 21. April 2008, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  40. Sahra Wagenknecht: Bis heute habe ich die Solidarität nicht vergessen. Redebeitrag von Sahra Wagenknecht auf der Konferenz „Geschichte in Geschichten“ vom 4. Oktober 2009. In: sahra-wagenknecht.de. 4. Oktober 2009, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  41. Stefan Reinecke: Linkspartei zofft sich wegen Israel. In: taz.de. 2. Februar 2010, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  42. Markus Wehner: Die Zeit der Lügen ist vorbei. In: FAZ.net. 30. Januar 2010, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  43. Sahra Wagenknecht: Erklärung zur Rede des israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres im Bundestag am 27. Januar 2010. In: sahra-wagenknecht.de. 1. Februar 2010, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  44. SWR-Interview mit Wolfgang Heim, 1. März 2012. 20:30 min. (online, abgerufen am 8. Dezember 2013).
  45. Sahra Wagenknecht: EU-Politik zu Kuba ist einseitig und ungerecht. Erklärung zur Abstimmung über den Gemeinsamen Entschließungsantrag der Fraktionen von PPE, PSE, ALDE und UEN zur Haltung der EU gegenüber der kubanischen Regierung. In: sahra-wagenknecht.de. 2. Februar 2006, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  46. Sahra Wagenknecht: Kein Öl für Exxon! Venezuela hat ein Recht auf Vergesellschaftung der Ölindustrie. In: sahra-wagenknecht.de. 13. Februar 2008, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  47. spiegel.de
  48. a b Linken-Parteitag: Sahra Wagenknecht mit Torte beworfen. In: zeit.de. 28. Mai 2016, abgerufen am 28. Mai 2016.
  49. Linke und Flüchtlinge: Ärger um Sahra Wagenknecht - Politik - Tagesspiegel. In: tagesspiegel.de. undatiert, abgerufen am 28. Mai 2016.
  50. http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-05/linken-parteitag-sahra-wagenknecht-torte-angriff
  51. Sahra Wagenknecht: Reichtum ohne Gier: Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten. Campus Verlag, 2016, ISBN 978-3-593-50516-9 (google.de [abgerufen am 29. Mai 2016]).
  52. Annett Meiritz: Süddeutschland: Woche der Gewalt provoziert neue Flüchtlingsdebatte. In: Spiegel Online. 26. Juli 2016, abgerufen am 26. Juli 2016.
  53. Flüchtlingspolitik: Wagenknecht lässt Linke schäumen. In: Spiegel Online. 26. Juli 2016, abgerufen am 27. Juli 2016.
  54. Homepage des Wettbewerbs Top 100, abgerufen am 2. Februar 2016.
  55. Leute. In: berliner-zeitung.de. 6. Mai 1997, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  56. Maria Marquart: Beziehung mit Wagenknecht: Lafo in Love. In: Spiegel Online. 12. November 2011, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  57. Jule Lutteroth: Wagenknecht und Lafontaine: „Die große Liebe meines Lebens“. In: Spiegel Online. 9. März 2013, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  58. Anja Maier: In aller Freundschaft. In: taz.de. 13. Juni 2013, abgerufen am 8. Dezember 2013.
  59. Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht haben geheiratet. In: faz.net. 21. März 2015, abgerufen am 21. März 2015.