Saint-Pierre-le-Vieux (Straßburg)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gesamtansicht
Ansicht katholischer Teil
Ansicht protestantischer Teil

Die Église Saint-Pierre-le-Vieux ist ein Kirchenkomplex in Straßburg, der aus einer römisch-katholischen und einer evangelisch-lutherischen Kirche innerhalb der Protestantischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses von Elsass und Lothringen besteht.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünge und Mittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für zahlreiche Historiker ist die Kirche die erste christliche Kathedrale von Straßburg. Urkundlich erwähnt wurde sie 1130 zum ersten Mal. im Süden des Sakralbaus entdecke Robert Jean Charles Will (1910–1998), langjähriger Stadtbaudirektor des Gemeindeverbandes, Mauerreste aus römischer und merowingischer Zeit.

Gebaut entlang eines der wichtigsten römischen Wege der Stadt beherbergt der protestantische Teil – einst Apsis und Chor des ursprünglichen Kirche – noch einige mittelalterliche Wandmalereien und Grabplatten. Die Echtheit der hier aufbewahrten Reliquien des Amandus von Straßburg ist umstritten.

Die heute dominierende gotische Konstruktion im evangelischen Teil wurde im Jahr 1382 gebaut. Bemerkenswert war der flamboyante Chor im katholischen Teil aus dem Jahr 1455 von Jodokus Dotzinger (gest. 1472), der sich einen Namen als Münsterbaumeister machte.

1398 verlegte man das Kloster Honau von Rheinau nach hier.[1]

Trennung: eine Kirche – zwei Konfessionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die freie Reichstadt Straßburg spielte in der Reformation eine wichtige Rolle und brachte mehrere evangelische Vordenker wie Matthäus Zell und Martin Bucer hervor. 1529 wurden sämtliche Kirchen, darunter das Münster und Saint-Pierre-le-Vieux, protestantisch. Nachdem Straßburg 1681 unter Ludwig XIV. französisch wurde, gewann der in Frankreich dominierende Katholizismus an Bedeutung. Man suchte bei der Nutzung der Sakralbauten einen Kompromiss: Bei Saint-Pierre-le-Vieux bestand dieser darin, dass sich beide Konfessionen die Kirche teilen. Durch eine 1,50 m dicke Mauer trennte man Chor (katholischer Teil) vom Langhaus (evangelischer Bereich).

Der katholische Teil von Saint-Pierre-le-Vieux[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erhöhung der Zahl der katholischen Gläubigen führte zur Konstruktion einer neuen größeren katholischen Kirche. Der damalige Stadtbaudirektor von Straßburg, Jean-Geoffroy Conrath (1824–1892), errichtete 1867 um 90° zum Altbau gedreht eine neue Kirche im neugotischen Stil. Dabei wurde ein Großteil des mittelalterlichen Chors geopfert. Den Plan für die Gestaltung der Fassade und des neuen Turm entwarf der Breslauer Architekt Fritz Beblo (1872–1947), der 1910 bis 1918 den Posten des Stadtbaudirektors innehatte.

In dieser katholische Kirche wurden Anfang des 20. Jahrhunderts kostbare Flügelaltäre aus der Spätgotik und der Frührenaissance aufgestellt, die aus abbruchreifen Kirchen des Oberelsass gerettet wurden. Im Chor befinden sich zehn Gemälde, welche den Leidensweg Christi zum Gegenstand haben. Sie werden überwiegend dem Maler Heinrich Lützelmann zugeordnet.

Der evangelische Teil von Saint-Pierre-le-Vieux[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der evangelische Teil wurde seit der Teilung baulich nur wenig verändert: Das Kirchenschiff und der Turm stammen aus dem 14. Jahrhundert. Bemerkenswert sind der Lettner, der um 1500 entstand, und ein Relief von 1520, auf dem Hans Wyditz St. Anna dargestellt.

Zur Ausstattung zählt auch die historische Orgel, die 1898 von dem Orgelbauer Eberhard Friedrich Walcker erbaut wurde. Ihr Gehäuse stammt noch von einer Orgel von Andreas und Gottfried Silbermann aus dem Jahre 1709. Das heutige Instrument hat 24 Register auf zwei Manualen und Pedal.[2] Seit 2012 wird die Kirche mehr als Gemeindesaal genutzt. Gottesdienste finden nur noch bei besonderen Anlässen statt.

Ansicht des historischen Prospekts der Silbermann-Orgel
I Grand Orgue C–f3
Bourdon 16′
Principal 8′
Dolce 8′
Viole de gambe 8′
Octave 4′
Flûte à cheminée 4′
Doublette 2′
Tierce 135
Mixture IV 223
Trompette 8′
II Récit C–f3
Geigenprincipal 8′
Lieblich gedeckt 8′
Quintaton 8′
Salicional 8′
Voix céleste 8′
Flauto dolce 4′
Nasard 223
Cor de nuit 2′
Cornet III-V
Cromorne 8′
Pédale C–f1
Soubasse 16′
Violoncelle 16′
Octavebasse 8′
Prestant 4′
  • Koppeln: II/I, II 4′/I, I/P, II/P

Ökumene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die von zwei Konfessionen genutzte Kirche ist längst zum Symbol der Straßburger Ökumene geworden, die sich ähnlich wie im benachbarten Kehl durch ihre Intensität auszeichnet.

2012 wurde symbolisch ein Teil der Trennmauer eingerissen, so dass nun ein Durchgang zwischen dem evangelischen und katholischen Teil besteht.[3] Schon lange davor fanden regelmäßig ökumenische Gottesdienste statt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nikolaus Honold und Kurt Schütt: Chronik der Stadt Rheinau. 1988, S. 350–352.
  2. Nähere Informationen zur Walcker-Orgel
  3. Nähere Informationen zur [1]
  • Moszberger, Maurice et al.: Dictionnaire historique des rues de Strasbourg. Barr/Freiburg im Breisgau 2012.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Koordinaten: 48° 34′ 58″ N, 7° 44′ 24″ O