Samaritanischer Pentateuch

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Text des Samaritanischen Pentateuchs von 1616 (Dtn 1,44-2,7), Cambridge University Library

Der Samaritanische Pentateuch oder Samaritanus ist die von den Samaritanern überlieferte hebräische Version der Tora (des Pentateuch). Die Samaritaner sehen nur die fünf Bücher der Tora als Heilige Schrift an, nicht die weiteren Schriften des Tanach. Auch die jüdische mündliche Tora erkennen sie nicht an. Äußerlich unterscheiden sich die Handschriften des Samaritanischen Pentateuch von jüdischen Handschriften durch die verwendete samaritanische Schrift, eine Variante der althebräischen Schrift.

Handschriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ältesten bislang bekannten Handschriften des Samaritanischen Pentateuch stammen aus dem 11. Jahrhundert n. Chr.[1] In der Samaritanergemeinde von Nablus, dem biblischen Sichem, genießt die Abischa-Rolle besonderes Ansehen, weil sie angeblich von Abischua, dem Sohn des Pinhas (Sohn Eleasars), des Enkels Aarons, stammt. Es ist nur noch der hintere Teil der Rolle erhalten (Num 35 EUDtn 34 EU); dieser stammt von mehreren Schreibern aus dem 12.–14. Jh. Dass der Text des Samaritanischen Pentateuch tatsächlich jedoch viel älter ist, ist durch Inschriften mit Texten aus dem Samaritanischen Pentateuch (insbesondere dem Dekalog) aus dem 3. bis 6. Jahrhundert sowie die verschiedenen Fassungen des samaritanischen Targum erwiesen.

Der westeuropäischen Forschung unmittelbar zugänglich wurde der Samaritanische Pentateuch erst, nachdem der italienische Forschungsreisende Pietro della Valle 1616 in Damaskus eine aus dem Jahr 1345 stammende Handschrift erworben und nach Europa mitgebracht hatte. Der Text dieser Handschrift, die heute in der Pariser Nationalbibliothek aufbewahrt wird,[2] wurde in der Pariser und der Londoner Polyglotte zusammen mit dem samaritanischen Targum in samaritanischer Schrift abgedruckt und war bis zum Anfang des 20. Jh. der für den Vergleich mit anderen Versionen herangezogene Standardtext.[1]

Benjamin Kennicott, der den samaritanischen Pentateuch hoch schätzte, hat im 18. Jh. die Varianten des Konsonantentexts in den ihm zugänglichen samaritanischen Handschriften gesammelt und in einem Apparat zusammen mit dem samaritanischen Text der Londoner Polyglotte dem masoretischen textus receptus und dessen Varianten gegenübergestellt. Dabei hat er den samaritanischen Pentateuchtext (in Quadratschrift) nur dort abgedruckt, wo er vom masoretischen Text abweicht.[3]

Die Bedeutung des Samaritanischen Pentateuch für die Herstellung des Urtextes des Pentateuchs wurde seit einem Verdikt von Wilhelm Gesenius 1815 wesentlich geringer veranschlagt. Seither gilt er als fast wertlos für die biblische Textkritik. Daran hat sich auch dadurch nichts geändert, dass inzwischen ältere Handschriften bekannt geworden sind. Bereits August von Gall konnte für den eklektischen Text seiner 1914–1918 erschienenen Ausgabe[4] einzelne Handschriften des 12. und 13. Jh. verwenden. Diese bislang einzige vollständige kritische Ausgabe des Samaritanischen Pentateuch schloss erstmals auch Varianten der Interpunktion sowie der in den Handschriften nur sporadisch gesetzten Vokal- und textkritischen Zeichen ein.

Die aktuell im Erscheinen begriffene Ausgabe von Stefan Schorch, deren erster Band (zu Leviticus) 2018 erschienen ist, legt den Text einer Handschrift von 1225 zu Grunde, die sich heute in der Chester Beatty Library in Dublin befindet. Diese Neuausgabe, die wie schon Kennicott und von Gall die Quadratschrift verwendet, berücksichtigt über ihre Vorgänger hinaus auch die mündliche Vokalisierungstradition und notiert in je eigenen Apparaten auch die Varianten der aramäischen und arabischen samaritanischen Übersetzungen sowie die nichtsamaritanischen Parallelen, u. a. in Septuaginta und Qumranhandschriften.

Verhältnis zu anderen Bibeltexten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In etwa 6.000 Fällen weicht der Text vom masoretischen Text ab, der heutigen wissenschaftlichen Bibelausgaben zugrunde liegt. Ein Großteil dieser Fälle betrifft nur die Orthografie, z. B. den Unterschied zwischen defektiver und Plene-Schreibung oder andere formale Unterschiede, nicht inhaltliche Aussagen.

Etwa 1.900 dieser Abweichungen stimmen mit denen der griechischsprachigen Septuaginta überein. Sie werden als Beleg für alte hebräische Textfassungen gedeutet, die beiden Bibelversionen vorlagen und von denen des Masoretentextes unabhängig entstanden sind.

Ein kleiner Teil der Abweichungen erklärt sich aus dem Interesse der Samaritaner, ihren Kult als den rechtmäßigen gegenüber dem Jerusalemer Tempelkult darzustellen. Dies gilt für ein hinter Ex 20,17 EU eingefügtes Gebot, ein Heiligtum auf dem Garizim zu errichten, und für etwa 20 Verse im 5. Buch Mose, die die Erwählung des heiligen Ortes nachträglich auf Sichem beziehen. Die begrenzte Zahl dieser Eingriffe wird heute nicht mehr als Entwertung des gesamten Textes aufgefasst, da ihnen sonst große Übereinstimmung sowohl mit dem Masoretentext als auch der Septuaginta gegenübersteht.

Viele Unterschiede zum Masoretentext sind sprachlicher Natur: Sie vereinfachen altertümliche und komplizierte Formulierungen, um die Verständlichkeit für palästinische Juden, die bereits seit 539 v. Chr. überwiegend Aramäisch sprachen, zu erhöhen. Diese Anpassungen wurden nach dem Aufkommen von aramäischen Bibelübersetzungen, den Targumim, überflüssig. Sie verweisen daher auf ein hohes Alter des samaritanischen Toratextes. Dieser kann somit nicht von der proto-masoretischen Texttradition abhängig gewesen sein, die den Targumim überwiegend vorlag.[5]

Unter den Schriftrollen vom Toten Meer fanden sich Handschriften, die dem Text des Samaritanischen Pentateuchs ähneln, ohne seine besonderen, auf den Garizimkult bezogenen Einfügungen zu kennen. Sie erwiesen das hohe Alter der ihm zugrundeliegenden Textüberlieferung.

Nur in Randnotizen und Zitaten nachgewiesen ist eine griechische Übersetzung des Samaritanus, das so genannte Samareitikon. Aus zahlreichen mittelalterlichen Handschriften bekannt ist der Samaritanische Targum, die Übersetzung ins Aramäische. Weiterhin existiert eine arabische Übersetzung des Samaritanus.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelbelege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Schorch, Leviticus, S. xvii.
  2. Eine Beschreibung findet sich bei von Gall, Der Pentateuch der Samaritaner, S. 3–4 archive.org.
  3. Benjamin Kennicott, Vetus Testamentum hebraicum cum variis lectionibus, Bd. 1, Oxford 1776, archive.org.
  4. August von Gall (Hrsg.): Der hebräische Pentateuch der Samaritaner. Berlin 1966 (photomechanischer Nachdruck der Ausgabe Gießen 1914–1918) (Nachdruck: Walter de Gruyter, 1993, ISBN 3-11-009258-1)
  5. Ernst Würthwein: Der Text des Alten Testaments. 4. Auflage. Württembergische Bibelanstalt, Stuttgart 1973, ISBN 3-438-06006-X, S. 47–49.