Samuel Widmer

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Paul Samuel Widmer Nicolet (* 24. Dezember 1948 in Zuchwil;[1]18. Januar 2017 in Lüsslingen-Nennigkofen[2]) war ein Schweizer Arzt, Psychiater, Psychotherapeut und Autor. Er war Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (FMH), tätig in eigener Praxis und lebte sowie arbeitete in Lüsslingen-Nennigkofen in der Nähe von Solothurn (Schweiz). Seine Methoden waren in der Öffentlichkeit umstritten.[3]

Lehre und Praxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Samuel Widmer war Spezialist für Psycholytische Psychotherapie. Bis 1993 besass er eine Spezialbewilligung vom BAG (Bundesamt für Gesundheit), mit den Substanzen MDMA und LSD psycholytische Psychotherapien durchzuführen.[3] Er ist Mitbegründer des Europäischen Collegiums für Bewusstseinsstudien (ECBS) und der „Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Psychotherapie“ (SÄPT). Widmer referierte u. a. auf den Basler Psychotherapietagen. Er leitete spirituelle Workshops, Meditations- und Tantra-Seminare und Meditationsreisen. Seine spirituellen Lehrer waren Krishnamurti und Carlos Castaneda. Widmer lebte mit zwei Frauen zusammen und hatte mit beiden elf Kinder. Um Samuel Widmer und seine Frau Danièle Nicolet herum ist die Kirschblütengemeinschaft, ein Kollektiv mit etwa 80 Erwachsenen und 55 Kindern, entstanden.

Das Inzest-Tabu[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusätzlich zu dem Begriff des vollzogenen Inzestes, bei welchem der Vater die Tochter oder der Therapeut die Klientin tatsächlich für seine sexuellen Bedürfnisse missbraucht, hat Samuel Widmer den Begriff des „ehrbaren Inzestes“ geprägt. Beim sogenannten „ehrbaren Inzest“ nehme der Vater genauso wie beim vollzogenen Inzest die erwachende Sexualität seiner Tochter wahr. Aber aus Angst, damit nicht adäquat umgehen zu können, weise er die Tochter zurück. Die Tochter erlebe einen Verrat an der Liebe und des Vertrauens. Dies sei eine Traumatisierung, der so gut wie jede Frau unserer Gesellschaft unterworfen sei und welche in der Konsequenz genauso tief gehe wie der tatsächlich erfolgte Missbrauch.

Laut Samuel Widmer ist die Grundvoraussetzung für einen wahrhaftigen Kontakt zu einem anderen Menschen, dass man sich offen und vorbehaltlos, vorurteilslos und auch nicht eingeschränkt durch Tabus, Regeln und Verbote begegne, sprich: nur da, wo grundsätzlich alles möglich ist, könne wahrhaftige Begegnung stattfinden.

Das Kern-Schalen-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grundannahme des Modells ist, dass sich im Laufe der Entwicklung eines Menschen „emotionale Schichten“ um den „Wesenskern“ seiner Psyche legen. Das Modell soll man sich wie eine Zwiebel vorstellen, deren Kern die Quelle unserer Lebensfreude darstelle. Um diesen Kern herum bilde sich im Laufe der Entwicklung aufgrund erfahrener und nicht verarbeiteter Verletzungen eine Schicht des Schmerzes und der Trauer. Da diese Gefühle häufig als unerträglich empfunden werden, bilde sich eine weitere Schicht der abwehrenden Gefühle wie Ärger, Aggression, Wut und Trotz. Hierfür werde das Kind nicht selten mit Liebesentzug bestraft, so dass eine weitere Schicht der Anpassung gebildet werde, charakterisiert durch Gefühle wie Langeweile, Überdruss, Sinnlosigkeit und Depression.

Wenn ein Mensch wieder glücksfähig oder glücklicher werden möchte, müsse er sich durch diese Schichten durcharbeiten. Widmer verwendet nach eigenen Angaben zur therapeutischen Unterstützung in der Schweiz legale psycholytische Substanzen wie Ketamin und Ephedrin.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der ARD-Sendung „Ich mach Dich gesund!“ Scharlatane und falsche Heiler wurde Widmer aufgrund einer verdeckten Recherche vorgeworfen, Patienten nach wie vor Mescalin und MDMA zu verabreichen. Gruppensitzungen mit Patienten würden in „Drogentrips“ ausarten. Er wurde in der Sendung als „dubioser Heiler“ bezeichnet, seine Methoden seien lebensgefährlich. Sie wurden für schwere Gesundheitsschäden bei einer Patientin und für Todesfälle bei Patienten seiner Schüler verantwortlich gemacht.[4]

Der Tages-Anzeiger berichtete im März 2015 von einem Ermittlungsverfahren der Schweizer Polizei gegen Widmer wegen des Einsatzes harter Drogen. 2009 sei es in einer Therapiesitzung bei ihm zu schweren Vergiftungserscheinungen bei Teilnehmern gekommen; weitere Vergiftungsfälle seien ausserhalb seiner Praxis aufgrund seiner Therapiemethoden aufgetreten. In seiner Kirschblütengemeinschaft geniesse er den Rang eines Guru, Berichten von Aussteigern zufolge halte er seine Anhänger in sektenhafter Abhängigkeit.[3]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Aus der Stille. Short cuts to enlightment. Basic Edition, Basel 1997, ISBN 3-906410-37-4.
  • Ecstasy. Die User-Fibel. Edition Heuwinkel, Genf 1996, ISBN 3-906380-24-6.
  • Die Einsamkeit auf dem Weg. Meditationen. Edition Heuwinkel, Genf 1995, ISBN 3-9063-8024-13
  • Essenz schauen. Vom Ruhen im Urgrund allen Seins. Basic Edition, Basel 1998, ISBN 3-9521250-3-2.
  • Heute wurde uns eine Tochter geboren (mit Danièle Nicolet)
  • Im Irrgarten der Lust. Abschied von der Abhängigkeit; die Geburt der Freude. Edition Heuwinkel, Genf 1997, ISBN 3-906410-38-2.
  • Ins Herz der Dinge lauschen. Vom Erwachen der Liebe; über MDMA und LSD; die unerwünschte Therapie. Nachtschatten-Verlag, Solothurn 2002, ISBN 3-907080-03-3.
  • Des Kaisers Nacktheit, des Kaisers Dummheit. Von Freundschaften und Feindschaften. Basic Edition, Gerolfingen 2003, ISBN 3-9521758-9-7.
  • Perlen auf dem Weg
  • Stell dir vor, du wärst ein Stück Natur. Edition Heuwinkel, Genf 1995, ISBN 3-9063-8024-12
  1. Von der unerlösten Liebe zwischen Vater und Tochter. Vom Inzesttabu und seinen Folgen
  2. Stell Dir vor, Du wärst ein Stück Natur
  • Vom Allerinnersten (2005)
  • Die Wahrheit (2010)
  • Tantra - ein Lehrbuch von der Liebe Lebenskunst, mit Marianne Principi, Basic Editions, Nennigkofen 2016, ISBN 978-3-9524413-3-6.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Detailseite Kulturschaffende. In: sokultur.ch, abgerufen am 24. Januar 2017.
  2. Gabriela Battaglia, Ralph Donghi, Gregory Remez: Blüht der Sekte jetzt ein Witwenkrieg? In: Blick.ch vom 19./20. Januar 2017, abgerufen am 22. Januar 2017.
  3. a b c Hugo Stamm: Drogentherapien mit Hunderten von Klienten, Tages-Anzeiger, 22. März 2015, abgerufen am 23. März 2015
  4. „Ich mach Dich gesund!“ Scharlatane und falsche Heiler. ARD, archiviert vom Original am 26. März 2015, abgerufen am 18. Januar 2017 (ausgestrahlt am 23. März 2015, in der ARD-Mediathek bis zum abgerufen am 23. März 2016 abrufbar gewesen).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]