Sanctuarium (Stuttgart)

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Sanctuarium
Leibfriedscher Garten, 090.jpg
Ansicht von Südosten, 2013Vorlage:Infobox/Wartung/Bild

Name Sanctuarium
Objekt Landschaftsarchitekonische Installation
Künstler Herman de Vries
Ausführung Schmiederei Fred Schmalz, Knetzgau
Baujahr 1993
Lage Stuttgart, Leibfriedscher Garten
Höhe über NN ca. 295 m
Material Stahl, Blattgold
Maße Durchmesser: 11 m
Höhe: 2,85 m
Anzahl Stäbe ca. 170

Das Sanctuarium ist eine landschaftsarchitekonische Installation des niederländischen Konzeptkünstlers Herman de Vries an der Nordwestspitze des Leibfriedschen Gartens in Stuttgart.

Das Sanctuarium (Heiligtum) ist eine der Kunststationen, die zur Internationalen Gartenbauausstellung 1993 (IGA '93) in der Parklandschaft des Grünen U in Stuttgart errichtet wurden und nach der Ausstellung erhalten blieben.[1]

Hinweis: Ziffern in Klammern, z. B. (12), verweisen auf die entsprechenden Nummern im Plan des Leibfriedschen Gartens.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Plan des Leibfriedschen Gartens.[2]

Das Sanctuarium (16) liegt an der Nordwestspitze des Leibfriedschen Gartens, gleichsam ein Gegenpol zum Gate of Hope (18) von Dan Graham in der Ostecke des Parks. „In der Nähe trifft die Heilbronner Straße (1) auf die Pragstraße (2), beide zählen zu den am stärksten befahrenen Straßen Stuttgarts. Just in diesem Winkel, zwischen den sich die Hänge herauf- und herabwälzenden Blechschlangen, mitten in der Dunstglocke der Abgase, hat Herman de Vries sein Heiligtum, sein Sanctuarium errichtet.“[3]

Der Leibfriedsche Garten fungiert innerhalb des Grünen U, einer geschlossenen Grünanlage von acht Kilometern Länge, als Bindeglied zwischen dem Rosensteinpark und dem Wartberg und dem anschließenden Höhenpark Killesberg. Der Garten liegt im Stuttgarter Stadtbezirk Stuttgart-Nord am Pragsattel, Stuttgarts Verkehrsknotenpunkt Nummer eins. Das Sanctuarium befindet sich in einem toten Winkel des Parks, denn der Übergang vom Rosensteinpark liegt in dessen Ostecke und der Übergang zum Wartberg in der Südwestecke.

Zugang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Sanctuarium kann man auf mehreren Wegen erreichen (Weg 1 und 3 sind auch für Behinderte geeignet):

  1. Die südlich gelegenen Samarastege (8) überbrücken die Heilbronner Straße und die Pragstraße. Von diesen Stegen aus hat man einen guten Blick auf das Sanctuarium.
  2. Wenn man an der Einmündung des Samarawegs (9) in die Samarastege weiter nordwestlich durch das Gelände läuft, gelangt man direkt bis an das Sanctuarium.
  3. Die nach außen noch am wenigsten zugewachsene Ansicht beobachtet man besser aus weiterer Entfernung, um sich nicht den Gefahren des brodelnden Verkehrs auszusetzen. Dazu begibt man sich von der Stadtbahnhaltestelle Pragsattel aus nach Südosten in Richtung Heilbronner Straße (1) auf eine kleine Kuppe (15), von wo aus man einen guten Blick auf das Sanctuarium hat.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Sanctuarium ist ein kreisrunder Bezirk in einem toten Winkel des Leibfriedschen Gartens. Es wird von einem torlosen Zaun eingeschlossen, der aus ca. 170 übermannshohen Stahlstäben von 2,85 m Höhe besteht. Die Spitzen der braunschwarzen, teilweise angerosteten Stahlstäbe sind „zu Lanzen geschmiedet und mit Blattgold vergoldet“.[4] Der Zaun setzt sich aus ca. 25 gebogenen, im Boden verankerten Gitterteilen von ca. 1,40 m Breite zusammen, die durch Querbänder unten und oben zusammen gehalten werden und miteinander vernietet sind.

Das Sanctuarium war 20 Jahre nach seiner Installation im Jahr 1993 entsprechend der Intention seines Schöpfers wie ein Urwald dicht bewachsen (siehe Konzept).[5] Die Zaunpfosten wurden noch zu Anfang 2018 von drei mittelhohen Bäumen überragt, dazwischen war „munter und nonchalant emporwuchernd“ Unkraut und Gestrüpp ohne Struktur zu erkennen, wie es die Seite des Stuttgarter Bürgerservice beschreibt. Vor allem Hundsrose, Roter Hartriegel und Waldrebe konnten sich hier ungehindert ausdehnen, quollen auch zum Zaun heraus und verdeckten ihn.

Kurz vor Ostern 2018 wurde diese Vegetation, die nach Aussage des Künstlers das eigentliche Kunstwerk darstellt, durch das Garten- und Friedhofsamt der Landeshauptstadt Stuttgart bis auf den Boden zurückgeschnitten. Herman de Vries sieht in diesem Vorgehen einen Kulturfrevel. Sein Konzept sei gestört. Man habe es nicht respektiert. Der Leiter des Gartenamts rechtfertigte die Aktion dagegen mit einem Pflegekonzept, nachdem alle fünf bis sieben Jahre ein Rückschnitt innerhalb des Sanctuariums vorgesehen sei. De Vries bestreitet, dass dies so mit ihm abgestimmt gewesen sei, und will rechtliche Schritte prüfen.[6]

Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Herman de Vries lagen dem Entwurf zu seinem Sanctuarium u. a. folgende Leitgedanken zugrunde:[7]

  • „Das »Sanctuarium« ist ein respektierter und geschützter Raum. Der Schutz findet mittels eines schweren Stahlzauns statt [...]. In diesem Raum ist die Natur frei von menschlichen Eingriffen, ein Schutzraum zur Naturmanifestation in einer extremen Umgebung. [...]. Dazwischen ist das »Sanctuarium« völlig anders. Der Inhalt jetzt, Frühling 1993 noch ganz leer. Eine vielversprechende Leere. Was wird die Natur hier tun? Sicher wird sie etwas tun, geschehen lassen, auch in dieser giftigen Abgasatmosphäre wird sie sich ohne unser Zutun manifestieren.“
  • „So ist dies Stuttgarter »Sanctuarium« auch eine Herausforderung zum Schauen und Reflektieren und es ist an dieser Stelle auch ein sich zur Wehr stellen gegen eine Bedrohung durch unsere zu einseitig entwickelte technologisch-kommerzielle Kultur, und meinerseits sehe ich das auch als eine kulturelle Wahl in der Erkenntnis der Unwissenheit und der Notwendigkeit zur Ensicht.“
  • „Die Pflanzenwelt, die sich im »Sanctuarium« entwickeln wird, wird am Anfang gering sein. »Unkraut« werden es einige bei oberflächlicher Betrachtung nennen, jedoch kommt dieser Terminus aus einem ganz anderen Zusammenhang [...], nämlich aus der Situation der auf landwirtschaftliche Produktion eingerichteten Garten- und Ackerfläche. Hier hat der Mensch einen Zustand geschaffen wo bestimmte Gewächse in gross- oder kleinflächiger Monokultur (Kultur!) andere Pflanzen als Konkurrenten bekämpfen müssen.“
  • „Die Kunst ist aber nicht an erster Stelle im Entwurf des Stahlzauns und seiner Ausführung zu sehen. Das ist der Rahmen. Das wichtigste findet innerhalb dieses Zaunes statt. Es sind die Pflanzen die sich da ansiedeln, besonders die allerersten kleinen.“

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sanctuaries. In: Mel Gooding: Herman de Vries. Chance and Change, London 2006.
  • Christoph Gunßer: Die internationale Gartenbauausstellung Iga Expo '93 in Stuttgart. in: Deutsche Bauzeitung db. Zeitschrift für Architekten und Bauingenieure 127.1993, Heft 6, Seite 14–28, hier: 23-24.
  • Susanne Müller-Baji: Sanctuarium in Stuttgart-Feuerbach. Trauer um die Kunst. In: Stuttgarter Nachrichten, 18. April 2018, online.
  • Stadt Stuttgart (Herausgeber): Herman de Vries: Sanctuarium, 1993, online.
  • Jörg Scheller: Herman de Vries, Sanctuarium, 1993. In: Bärbel Küster (Herausgeberin); Wolfram Janzer (Fotos): Skulpturen des 20. Jahrhunderts in Stuttgart, Heidelberg 2006, Seite 218–221.
  • Herman de Vries; Andreas Meier (Herausgeber): To be. Texte – Textarbeiten – Textbilder. [Auswahl von Schriften und Bildern 1954–1995. Anlässlich der beiden Ausstellungen von Herman de Vries im Centre Pasquart in Biel (CH) 18. Februar–9. April 1995 und in der Städtischen Galerie am Fischmarkt, Erfurt, 23. April–28. Mai 1995], Stuttgart 1995, Seite 174–178.
  • Frank Werner (Herausgeber); Christof Luz (Essay); Hans Luz (Essay): Kunst-Natur-Schauspiel. Earthworks beyond the IGA 1993 Stuttgart, Stuttgart 1993, Seite [41–43].

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die zehn erhaltenen Kunststationen sind: Bei der Buche, Bienengarten, Egelsee, Gate of Hope, Grottenloch, Im Keuper, Sanctuarium, Stangenwald, Unter den Stangen, Villa Moser.
  2. Der Plan basiert auf einer OpenStreetMap-Karte.
  3. #Scheller 2006, Seite 219.
  4. #Werner 1993.3, S. [41].
  5. #Scheller 2006, S. 218.
  6. Naturkunstwerk - abrasiert (Memento vom 6. April 2018 im Internet Archive)
  7. #Vries 1995, Seite 174, 176, 177. – Die Kleinschreibung von de Vries wurde in Groß-/Kleinschreibung umgesetzt. Die Zeichensetzung wurde nicht verändert.

Koordinaten: 48° 48′ 30,8″ N, 9° 11′ 6,3″ O