Santal (Volk)

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Landlose Santal in der Stadt Dinajpur, Bangladesch (2010)
Santal-Gehöft in Dinajpur, Bangladesch (2014)
Santal mit Pfeil und Bogen in Bolpur, Westbengalen (1923)

Die Santal – auch Santhal oder Saonta, Saonthal, Saunta – sind ein indigenes Volk in Indien, Bangladesch und Nepal. In Indien bilden sie mit rund 6,6 Mio. Angehörigen im Jahr 2011 die drittgrößte Ethnie unter den rund 700 „anerkannten Stammesgemeinschaften“ (Scheduled Tribes).

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hauptsiedlungsgebiete der Santal liegen in den indischen Bundesstaaten Jharkhand (2,8 Mio. Angehörige), Westbengalen (2,5 Mio.), Odisha (0,9 Mio.) und Bihar (0,4 Mio.), sowie im nordöstlichen Bangladesch, in Terai in Nepal und in Bhutan. Üblicherweise wohnen Santal in Dörfern mit 400 bis 1000 Einwohnern, in größeren Industriestädten leben sie in eigenen Vierteln. Wo gemischt gewohnt wird – vor allem in kleineren Städten –, leben sie auch in der Nachbarschaft von Angehörigen niederer Kasten, nie jedoch mit Dalit zusammen.[e 1]

In 5 Bundesstaaten sind die ansässigen Santal als Scheduled Tribe anerkannt (ST: „registrierte Stammesgemeinschaft“), dem nach der Verfassung Indiens staatliche Schutz- und Fördermaßnahmen zustehen. Insgesamt 6.570.800 Santal ermittelt die Volkszählung in Indien 2011 bei den 5 ST.[1]

Die folgende Liste vergleicht soziale Indikatoren der ansässigen Santal-Stammesgemeinschaften in 5 Bundesstaaten:[1][2][3]

  • Einwohnerzahl des Bundesstaates (siehe Vergleichsliste der indischen Staaten)
  • Santal: insgesamt 6,57 Millionen in Indien
  • Bevölkerungsentwicklung ab 2001: indienweiter Zuwachs von 12,6 % (von 5,8 Mio.; Bevölkerungswachstum in Indien: +17,6 %)
  • Anteil an der jeweiligen Bevölkerung – die Santal stellen 0,5 % der Einwohner Indiens (1.210.855.000)
  • ländlicher Raum – nur 5,6 % aller Santal leben in Städten (indienweit: 31 %)
  • Geschlechterverteilung: Anzahl der weiblichen zu 1000 männlichen Personen (ausgeglichen wäre 1000 : 1000) – mit 1007 gibt es bei den Santal mehr Frauen (Indien: 943)
  • unter 7: Kinder von 0 bis 6 Jahren und ihre Geschlechterverteilung von Mädchen zu 1000 Jungen – auch hier liegen die Santal mit 976 höher als Indien (919 : 1000)
  • Lesefähigkeit (ab 7 Jahren), auch bei Männern (♂) und Frauen (♀), sowie die Lücke zwischen beiden – die Santal liegen mit 53 % Alphabeten deutlich unter den Werten von Indien (74 %; 82 % ♂ und 65 % ♀ = 17 % Lücke)
  • ST (Scheduled Tribes): die Registrierung als „Stammesgemeinschaft“ gilt nur für die Einwohner eines Staates (siehe ST-Liste) – die 5 ST der Santal stellen 6,3 % der 705 ST in Indien (104 Mio.), hinter den Gond und den Bhil (vergleiche die 33 größten indigenen Völker Indiens)
Bundes­staat Einwohner Santal ab 2001 Anteil länd­lich weib­lich unter 7 weib­lich lesen Lücke ST Anteil
36 IndienIndien Indien 1.210,9 Mio. 6.570.807 +12,6 % 0,54 % 94,34 % 1007 : 1000 15,59 % 976 : 1000 52,6 % 64,3 % 41,0 % 23,3 % 5 6,30 %
1 Jharkhand 33,0 Mio. 2.754.723 +14,3 % 8,35 % 94,71 % 1009 : 1000 16,75 % 975 : 1000 50,8 % 62,9 % 39,0 % 23,9 % 1 41,92 %
2 Westbengalen 91,3 Mio. 2.512.331 +10,2 % 2,75 % 94,02 % 1012 : 1000 13,55 % 979 : 1000 54,7 % 66,1 % 43,5 % 22,6 % 1 38,23 %
3 Odisha (Orissa) 42,0 Mio. 894.764 +15,1 % 2,13 % 92,65 % 1008 : 1000 16,25 % 972 : 1000 55,6 % 68,1 % 43,3 % 24,8 % 1 13,62 %
4 Bihar 104,1 Mio. 406.076 +10,5 % 0,39 % 97,55 % 0966 : 1000 18,89 % 972 : 1000 43,1 % 53,1 % 32,7 % 20,4 % 1 6,18 %
5 Tripura 3,7 Mio. 2.913 +35,4 % 0,08 % 96,29 % 0924 : 1000 14,76 % 982 : 1000 71,0 % 78,7 % 62,6 % 16,1 % 1 0,04 %

Das christlich-missionarische Joshua Project listet die Santal Anfang 2019 mit insgesamt 8.211.600 Angehörigen, davon 642.000 in Bangladesch, 50.000 in Nepal und 5.600 in Bhutan.[4]

1971 kam die Volkszählung in Assam auf 3,6 Mio Santal (ohne die Wanderarbeiter zu erfassen); eine darauf basierende Schätzung für 1990 ging von mehr als 4 Mio. Santal aus.[e 1]

Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Tastatur mit Zeichen in der Santali-Buchstaben­schrift Ol Chiki

Das Santali ist die meistgesprochene Sprache der Munda-Untergruppe der austroasiatischen Sprachfamilie. Im Jahr 1925 entwickelte Raghunath Murmu die Buchstabenschrift Ol Chiki, die den phonetischen Besonderheiten des Santali gerecht wurde.

Für 2011 werden 7.368.200 Sprecher des Santali und seiner Dialekte gezählt, neben den 6.973.300 Sprechern der Hauptsprache 358.600 Karmali- und 26.400 Mahili-Sprecher sowie rund 9.900 andere.[5] Damit wird das Santali von mehr Einwohnern Indiens gesprochen als die offiziell gezählten 6.570.800 Santal-Angehörige.

Das linguistische Sammelwerk Ethnologue listet 2018 für Bangladesch 225.000 Santali-Sprecher und für Nepal 50.900.[6]

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der überwiegende Teil der Santal ist in der Landwirtschaft tätig, wobei ein erheblicher Teil Subsistenzwirtschaft betreibt. In der Landwirtschaft sind – ebenso wie beim Herstellen der für den täglichen Gebrauch erforderlichen Gegenstände – die Aufgaben geschlechtsspezifisch verteilt. Seit Jahrzehnten zieht aber auch ein Teil der Bevölkerung als Wanderarbeiter, saisonal oder dauerhaft, in die industriellen Zentren des Landes.[e 2]

Wirtschaftlicher Wohlstand wird dadurch demonstriert, dass sich Familien Hausangestellte oder Feldarbeiter leisten können.

Soziale Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gesellschaft der Santal ist patrilinear und strikt endogam organisiert. Sie ist in 12 Clans („Paris“) unterteilt, die wiederum aus 164 Sub-Clans bestehen. Unterhalb dieser Ebene ergibt sich die gesellschaftliche Ordnung aus den Kriterien älter/jünger sowie rein/unrein. Prestigeunterschiede zwischen den Clans bestehen, spielen aber im Alltag keine große Rolle. Die Gesellschaft ist weitestgehend egalitär organisiert. Obwohl die Abstammung ein wichtiges gesellschaftliches Kriterium ist, reicht die konkrete Erinnerung an die Vorfahren nur drei oder vier Generationen zurück, um weiter zurückreichend im mythischen Bereich aufzugehen.[e 3]

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Formen des Zusammenlebens der Ehegatten gibt es unterschiedliche Modelle. Der Standard ist, dass der Mann einen Brautpreis an die Herkunftsfamilie der Frau zahlt und diese dann bei ihm wohnt. Für mittellose Männer ist es aber auch möglich, am Wohnort der Braut den Brautpreis abzuarbeiten und dann im Dorf der Familie der Frau zu leben. Unverheiratete Mütter können heiraten, Witwen dürfen erneut heiraten, Levirat (Schwagerehe: Heirat eines Bruders des Verstorbenen), Polygynie (Vielweiberei) und Scheidung durch gemeinsames Übereinkommen sind möglich.[e 3] Üblich ist, dass die Söhne zusammen mit ihrer Frau im Haushalt des Vaters leben, aber auch separat wohnende Kleinfamilien sind möglich. Das Erbe unterliegt komplizierten Regeln, die die männlichen Erben gegenüber den weiblichen bevorteilen.[e 3]

Die Kindererziehung liegt in der Verantwortung der Großeltern. Jungen durchlaufen im Alter von 8 bis 10 Jahren einen Initiationsritus, bei dem ein Onkel mütterlicherseits die Unterarme mit fünf Narben versieht. Mädchen unterlaufen nach der ersten Menstruation eine Initiations-Zeremonie. Moderne Schulbildung ist wegen des Lehrermangels in ländlichen Gebieten ein Problem.[e 4]

Politische Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im politischen Bereich wird die gesellschaftliche Ordnung von der Autorität der Häuptlinge und Priester überlagert.[e 2] Diese sind im Dorf Teil eines „Ältestenrats“, der neben ihnen noch aus dem Assistenten des Priesters, dem für die Moral der Jugend Zuständigen und dem Boten des Dorfes besteht. Diesen steht die Dorfversammlung gegenüber, die keine hierarchische Struktur kennt. Hier werden Streitigkeiten innerhalb der Dorfgemeinschaft beigelegt. Häufigste Streitfälle handeln um sexuelle Übergriffe, Land, Schulden, den Bösen Blick, Eifersucht und Hexerei; letztere Anschuldigung wird oft erhoben. Die Hexe wird durch Magie identifiziert und wurde traditionell zum Tod verurteilt. Gleiches galt für Inzest und den Bruch des Endogamie-Gebots. Alle anderen Verstöße gegen die Ordnung wurden in der Regel mit Kompensationszahlungen ausgeglichen.[e 4]

Im Verbund von etwa 12 Dörfern gibt es einen „Oberhäuptling“ (Pargana); seine Zuständigkeit ist die formale Streitschlichtung in einem Gericht und die Organisation dorfübergreifender Jagden. Oft finden solche großen Jagdereignisse und die Gerichtssitzungen zu einem gemeinsamen Termin statt.[e 4]

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut Volkszählung in Indien 2011 sind die insg. 6,57 Millionen Santal zu 63 % Hindus (Indien: 80 %) und zu 5,5 % christlich (Christen in Indien: 2,3 %); muslimisch sind 0,2 % (Indien: 14 %). Im Unterschied zu den beiden großen indigenen Ethnien Bhil und Gond haben die Santal sehr viele Anhänger von ethnischen Religionen und neuen religiösen Bewegungen: 31 % sind keine Anhänger der 6 großen indischen Religionen. Die alte animistische Religion „Sarna“ hat 1,5 Mio. Anhänger (23 %), „Sari Dharma“ hat 478.200 Anhänger, „Bidin“ 27.600 und „Santal“ 4.800 Anhänger, weitere 17 kleine Religionen haben insg. 7.400 Anhänger (vergleiche die größten ethnischen Religionen Indiens).[7]

Die folgende Liste berechnet die Anteile der Santal, die einer der 6 großen Religionen in Indien angehören oder einer unter „Andere Religionen und Überzeugungen“ (Other Religions and Persuasions) angegebenen – atheistisch (ohne Glauben an Göttlichkeit) sind nur 102 Santal in Odisha (vergleiche Atheismus in Indien):[7]

Volkszählung
in Indien 2011[7]
00f Santal 00f
6.570.807
fJharkhandf
2.754.723
Westbengalen
2.512.331
0fOdisha0f
894.764
00Bihar00
406.076
0fTripura0f
2.913
Religion 100 % 42 % 38 % 14 % 6 % 0,04 %
1. Hindus 63,146 %0 54,274 %0 68,147 %0 63,299 %0 91,832 %0 94,027 %0
2. Muslime 0,198 % 0,203 % 0,211 % 0,103 % 0,292 % 0,309 %
3. Christen 5,464 % 8,578 % 3,625 % 0,842 % 5,893 % 5,596 %
4. Sikhs 0,015 % 0,017 % 0,014 % 0,011 % 0,012 %
5. Buddhisten 0,017 % 0,020 % 0,015 % 0,007 % 0,029 %
6. Jainas 0,005 % 0,006 % 0,005 % 0,003 % 0,007 % 0,034 %
7. Andere R. u. Ü. 30,896 %0 36,628 %0 27,748 %0 35,521 %0 1,526 % 0 %
7.1 „Sarna“ 22,997 %0 35,457 %0 8,419 % 35,433 %0 1,424 %
7.2 „Sari Dharma“ 7,278 % 19,034 %0
7.3 „Bidin“ 0,420 % 0,992 % 0,011 %
7.4 Santal 0,073 % 0,034 % 0,132 % 0,019 % 0,085 %
7.5 …weitere… 0,112 % 0,126 % 0,136 % 0,053 %
7.9 unklassifiziert 0,017 % 0,018 % 0,016 % 0,017 % 0,017 %
8. Ohne Angabe 0,258 % 0,273 % 0,235 % 0,213 % 0,408 % 0,034 %
Realzahlen der Religionsanhänger 
2011         alle Santal:  Jharkhand  Westbeng. Odisha   Bihar   Tripura
Santal:          6570807 =  2754723 + 2512331 + 894764 + 406076 +   2913
------------------------------------------------------------------------
1. Hindus        4149215 =  1495105 + 1712085 + 566377 + 372909 +   2739
2. Muslims         13014 =     5590 +    5304 +    925 +   1186 +      9
3. Christians     359002 =   236304 +   91074 +   7531 +  23930 +    163
4. Sikhs             987 =      481 +     361 +     96 +     49 +      0
5. Buddhists        1121 =      564 +     375 +     63 +    119 +      0
6. Jains             348 =      172 +     115 +     30 +     30 +      1
7. Other R & P   2030146 =  1008997 +  697120 + 317833 +   6196 +      0
8. Not Stated      16974 =     7510 +    5897 +   1909 +   1657 +      1

„7. Other Religions and Persuasions“ (2,03 Mio. von 6,57 Mio. = 30,9 %):
------------------------------------------------------------------------
Sarna            1511078 =   976742 +  211516 + 317038 +   5782
Sari Dharma       478193 =        0 +  478193
Bidin              27602 =    27331 +     271
Santal              4771 =      938 +    3321 +    166 +    346
Sumra Sandhi        2059 =     2059 +       0
Sarvdharm           1495 =      113 +    1382
Addi Bassi          1100 =      478 +     561 +     61
Kharwar              385 =      385 +       0
Sant                 356 =        0 +     356
Saran                352 =        0 +     352
Achinthar            273 =      273 +       0
Tribal Religion      245 =        0 +     245
sarin                185 =        0 +     185
Marangboro           167 =       87 +      80
Sarvdharm            130 =        0 +       0 +    130
Seran                125 =        0 +     125
Atheist              102 =        0 +       0 +    102
Saranath              95 =        0 +       0 +     95
Tribal Religion       86 =        0 +       0 +     86
Adi                   84 =       84 +       0
Alchichi              78 =        0 +      78
Saranath              62 =        0 +      62
Other unclassified  1123 =      507 +     393 +    155 +     68

Das christlich-missionarische Joshua Project listet die vorgeblich 642.000 Santal in Bangladesch als 54,4 % hinduistisch, 9,5 % christlich und 35,2 % „unbekannt“; die 50.000 Santal in Nepal: 86,6 % Hindus, 7 % Christen und 5,6 % unbekannt; die 5.600 Santal in Bhutan: 68,4 % Hindus, 2,6 % christlich und 29 % unbekannt.[4]

Ethnische Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andachtsort der Sarna-Religion während des Baha-Festes im Dorf Gobindpur (Odisha, 2018)
Während des Sarhul-Festivals führt ein Santal-Priester Zeremonien durch (Gobindpur, Odisha, 2018)
„Gosanne“: Andachtsort der Santal (2018)

Die Religion der Santal verehrt als oberste Gottheit Thakurdschi; sie ist zwar für das ganze Universum zuständig, wird aber sehr abstrakt gedacht.[8]

Bonga

Zentral für die Glaubensvorstellung ist eine Versammlung oberster Geister, Bonga, von denen es 150 gibt[e 4] und jeder für unterschiedliche Aspekte des Lebens und der Welt zuständig ist. Zugleich werden Verstorbene Bonga.[e 5] Bongas sind in der Regel freundlich gesinnt. Das gilt allerdings nicht für die Bongas des Waldes, zu denen auch die Geister derjenigen gehören, die eines unnatürlichen Todes gestorben sind. Sie sind den Menschen feindlich gesinnt.[e 4]

An die Bonga werden Gebete und Opfer adressiert, um Böses abzuwenden. Bei Opfern werden Tiere dargebracht, in der Regel Vögel. Das geschieht durch Priester (Lodschhas, Naeke), männliche Personen, die auch in Medizin, Weissagung und Zauberei bewandert sind. Gemeinsam mit ihrer Frau repräsentieren sie das mythische Ursprungspaar, von dem die Santal ihre Abstammung ableiten. Hauptaufgabe des Priesters ist es, die Opferzeremonien bei den jährlich vom ganzen Dorf begangenen Festen im heiligen Hain zu leiten.[e 5] Die Feste beziehen sich zum Teil auf den landwirtschaftlichen Zyklus, andere auf andere auf wichtige Ereignisse im Leben, wie Geburt, Heirat und Beerdigung. Geister haben unterschiedlich weit reichende Wirkungskreise: den individuellen Haushalt, das Dorf, die Ebene des Sub-Clans oder den Bereich der Vorfahren. Wichtigster Geist ist Maran Buru (Großer Berg), der bei jedem Opfer angerufen wird. Er hat den Santal Sex und Reisbier gebracht. Seine Frau ist Jaher Era (Herrin des heiligen Hains). Böse Geister können Krankheiten verursachen, die Dorfgrenze bewohnen, in den Bergen, im Wasser, in Tigern und im Wald auftreten.

Riten

Ereignisse im Leben, wie Geburt, Heirat und Beerdigung werden durch religiöse Riten begleitet. Der heilige Wald (Jaher) am Rand der Siedlung ist charakteristisch für ein Santal-Dorf. Dort wohnen die Bonga.[e 4] Religiöse Praktiken der Santal haben im Laufe der Zeit Elemente aus dem Hinduismus übernommen.[e 5] Zu den wichtigsten religiösen Festen der Santal gehören das Baha-Fest und das Sohrai-Fest.[9]

Heiler

Der Odschha ist ein Heiler, dessen Praktiken sich zwischen magischen Handlungen (Opferung des eigenen Blutes an die Bonga) und profundem pharmazeutischen Wissen um die Heilkraft von etwa 300 Pflanzen bewegen.[e 5]

Tod

Die Seele wird – vorausgesetzt die korrekten Rituale wurden durchgeführt – nach drei Generationen zum Bonga. Diese Rituale bestehen unter anderem in folgendem Ablauf:[e 5]

  • Die Leiche wird verbrannt.
  • Der Hauptleidtragende (in der Regel der älteste Sohn des oder der Verstorbenen) sammelt die verbliebenen Knochen ein.
  • Diese werden einige Zeit unter den Dachsparren des Hauses, mit Blumen bedeckt, aufbewahrt und so lange von weiblichen Leidtragenden rituell mit Milch, Reisbier und heiligem Wasser versorgt.
  • Der Hauptleidtragende ist von dem Verstorbenen besessen und verkörpert ihn während eines Gesprächs mit dem Priester, das dazu dient, ihn mit der jenseitigen Welt vertraut zu machen.
  • Ein Jahr später werden die Knochen gewaschen und eine Ziege geopfert, dadurch wird der Verstorbene zu einem namentlich bekannten Vorfahren.
  • Einen Monat später wird ein Ritual durchgeführt, das ihn von seinem Namen befreit. Er wird ein namenloser Vorfahr und geht in die Unterwelt ein. Er ist nun auch Teil der Vorfahren, die im hinteren Raum des Hauses verehrt werden und denen dort Reisbier geopfert wird.
  • In einem weiteren Schritt wird der Verstorbene zum Bonga. Darüber, wie das geschieht, wird nie gesprochen.

Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Santal-Tanzgruppe (2012)
Dhodro banam: violin-artige Streichinstrumente aus Bihar (2013)
Trommler mit einer tumdak (2012)

Wohnen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das traditionelle Santal-Haus wird aus Lehm errichtet und kann an den Außenwänden mit aufgemalten Dekors – oft floralen Mustern – verziert sein. Es hat eine Veranda, von der aus sich der äußere Raum eines Hauses erschließt. Ein Haus hat immer mindestens zwei Räume. Der hintere Raum dient der Aufbewahrung des Getreides, über das dort die Ahnen wachen, denen dort auch Opfer dargebracht werden. Auf der Trennlinie zwischen beiden Räumen steht der zentrale Pfosten, dem beim Errichten des Gebäudes Opfer dargebracht werden und der ebenfalls rituell wichtig ist.[e 6]

Darstellende Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tanz spielt eine große Rolle in der Kultur der Santal. Oft wird der Tanz mit zwei Trommeln begleitet: der tamak und der tumdak.

Chadar Badar ist ein öffentlich aufgeführtes Puppentheater.[10] Die 10 bis 15 cm großen Marionetten werden von einem Puppenspieler bewegt, die Handlung von ihm erzählt und von Musikern begleitet. Um diese Kunst zu erhalten, wurde in Kankurgachi ein nationales Puppenmuseum eingerichtet.[11] Erzähler genießen einen erhöhten sozialen Status.[e 4] Die mündliche Tradition ist umfangreich.[e 5]

Bildende Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Holzarbeiten und Schnitzereien, ebenso wie Schmiedearbeiten gehörten zur bildenden Kunst, sich heute aber angesichts preiswerter industrieller Massenproduktion im Rückzug befinden. Auch die kunstvolle äußere Bemalung der Wohnhäuser zählt hierzu.[e 2]

Gebräuche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Jagd im Wald ist eine wichtige, auch in religiöse Riten eingebettete, kollektive Angelegenheit des Dorfes, an der sich alle Männer beteiligen. Die erfolgreiche Jagd ist auch ein Sieg über die bösen Geister des Waldes. Pfeil und Bogen sind nicht nur dabei wichtig, sondern spielen bei zahlreichen – auch religiösen – Handlungen eine wichtige Rolle.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einwanderung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das älteste Siedlungsgebiet der Santal, das erschlossen werden kann, wird aufgrund von Sprache und kultureller Besonderheiten im nördlichen Kambodscha rekonstruiert. Noch vor der arischen Einwanderung nach Indien kamen sie über Bengalen und Assam in den Subkontinent. In der eigenen mythischen Überlieferung gründeten sie hier ein Königreich. Die Überreste von Befestigungsanlagen auf Hügeln werden dieser Periode zugeordnet.[e 1]

Ursprünglich waren die Santal eine Jäger und Sammler-Kultur. Das spiegelt sich heute noch darin, dass ein umfangreiches Wissen zu Heilpflanzen tradiert wird und traditionell mehr als 80 verschiedene Arten von Fallen zur Jagd bekannt sind.[e 1] Nach einer Phase, in der Landwirtschaft durch Brandrodung betrieben wurde, steht heute der Anbau von Reis in Nasskultur im Mittelpunkt ihrer Landwirtschaft. Ursprünglich befand sich der Boden im Besitz von Familienverbänden. Erst mit dem britischen Kolonialregime wurde individuelles Eigentum an Boden eingeführt.[e 2]

Kolonialzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In vorkolonialer Zeit standen die Santal außerhalb der traditionellen Staaten. Als die britische Kolonialmacht in der Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend die von den Santal besiedelten Gebiete für ihr Kolonialreich vereinnahmte und Pachtzins und Steuerabgaben für die Produkte des Waldes verlangte, kam es 1856 bis 1858 zum Santal-Aufstand, nahezu zeitgleich mit dem Sepoy-Aufstand 1857. Beide Revolten wurden niedergeschlagen. Seit Inkrafttreten der Verfassung Britisch-Indiens aus dem Jahr 1935 (Government of India Act 1935) sind die Santal als geschützte Minorität rechtlich gesondert erfasst.

Indische Union[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit der Verfassung von 1949 (Artikel 342) sind die Santal als einer der Scheduled Tribes eingestuft. Dies soll dazu dienen, eine spezifische Förderung zu ermöglichen. Aufgrund der in vielen Teilen unbefriedigenden sozialen Situation sympathisieren Teile der Santal mit den Naxaliten[12] und dem Jharkhand Tribalist Movement, wobei es punktuell auch zur Zusammenarbeit mit mundari-sprachigen Aktivisten kommt.[e 1]

Bangladesch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus Bangladesch gab es in der Vergangenheit wiederholt Berichte über ethnische Gewalt von Bengalen gegen die dortige kleine Minderheit von Santal. Am 6. November 2016 brachen Gewalttätigkeiten gegen eine Santal-Gemeinschaft in einem Dorf in der Upazila Gobindaganj (Distrikt Gaibandha) aus. Dabei kamen mehrere Angehörige der Santal ums Leben und ihr Dorf wurde vollständig niedergebrannt.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1974: W. G. Archer: The Hill of Flutes: Life, Love, and Poetry in Tribal India: A Portrait of the Santals. University of Pittsburgh Press, Pittsburgh 1974.
  • 1925: Paul Olaf Bodding: Santal Folk Tales. Harvard University Press, Cambridge MA 1925.
  • 1940: Paul Olaf Bodding: Santal Riddles and Witchcraft among the Santals. Oslo 1940.
  • 1925–1940: Paul Olaf Bodding: Studies in Santal Medicine and Connected Folklore 3 Bände. 1925–1940.
  • 1942: Paul Olaf Bodding: Traditions and institutions of Santals. Neu-Delhi 1942 (Neudruck 2001: Gyan Publishing House, ISBN 8121206723).
  • 1994: Byomkes Chakrabarti: A Comparative Study of Santali and Bengali. Kalkutta 1994.
  • 1973: Indu Roy Chaudhury: Folk Tales of the Santals (= Folk Tales of India. Band 13). Neu-Delhi 1973.
  • 1949: W. J. Culshaw: Tribal Heritage: a Study of the Santals. London 1949.
  • 1992: Sarwat S. Elahi: Santal. In: Paul Hockings (Hrsg.): Encyclopedia of World Cultures. Band 3: South Asia. New York 1992, ISBN 0-81611-808-6, S. 252–256.
  • 1988: P. C. Hembram: Sari-Sarna (Santhal Religion). Mittal Publications, Delhi 1988, ISBN 81-7099-044-0.
  • 1996: Timotheas Hembrom: The Santals: Anthropological-Theological Reflections on Santali & Biblical Creation Traditions. Kalkutta 1996.
  • 1909: Cecil Henry, Paul Olaf Bodding: Folklore of the Santal Parganas. London 1909 (online auf gutenberg.org).
  • 1965: Martin Orans: The Santal: a Tribe in Search of a Great Tradition. University of Chicago Press, Chicago 1965.
  • 1985: Onkar Prasad: Santal Music: A Study in Pattern and Process of Cultural Persistence (= Tribal Studies of India. Band 115). Neu-Delhi 1985.
  • 1976: J. Troisi: A Classified and Annotated Bibliography. Neu-Delhi 1976.
  • 2000: J. Troisi: Tribal Religion: Religious Beliefs and Practices among the Santals. Neu-Delhi 2000.
  • 2009: Barbara A. West: Santal (Santhal, Saontas, Saonthals, Sauntas). In: Encyclopedia of the Peoples of Asia and Oceania. Infobase, New York 2009, ISBN 978-0-8160-7109-8, S. 706–709 (Kurzbeschreibung; Leseprobe in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Santal – Sammlung von Bildern und Mediendateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • (e): Sarwat S. Elahi: Santal. In: Paul Hockings (Hrsg.): Encyclopedia of World Cultures. Band 3: South Asia. New York 1992, ISBN 0-81611-808-6, S. 252–256 (englisch).
  1. a b c d e S. 252.
  2. a b c d S. 253.
  3. a b c S. 253/254.
  4. a b c d e f g S. 254.
  5. a b c d e f S. 255.
  6. S. 252/253.
  • Sonstige Belege
  1. a b Zahlen der Santal in 5 Staaten (2011): Ministry of Tribal Affairs, Statistics Division: Statistical Profile of Scheduled Tribes in India 2013. Government of India, Neu-Delhi 2013, S. 141 („Santhal“) und 148–158iv (englisch; PDF: 18,1 MB, 448 Seiten auf tribal.nic.in).
  2. Zahlen der einzelnen Santal-ST je Staat (2011): Census of India 2011: A-11: Individual Scheduled Tribe Primary Census Abstract Data. Office of the Registrar General & Census Commissioner India, Neu-Delhi 2019 (englisch; Download-Übersicht);
    → 5 einzelstaatliche Excel-Tabellen: Jharkhand, Westbengalen, Odisha, Bihar, Tripura.
  3. 5.838.016 Santal bei der Volkszählung 2001: Ministry of Tribal Affairs: Report of the High Level Committee on Socio-Economic, Health and Educational Status of Tribal Communities Of India. Government of India, Neu-Delhi Mai 2014, S. 47 (englisch; umfangreiche Auswertung; PDF: 5,0 MB, 431 Seiten auf indiaenvironmentportal.org.in);
    Zitat: „As per the 2001 census, the tribe with the largest population is the Bhil (12689952) followed by the Gond (10859422), the Santal (5838016) and the Mina (3800002).“
    → Zahlen der einzelnen Santal-ST je Staat (2001): Census of India 2001: ST-14: Scheduled Tribe Population by Religious Community (for each tribe separately). The Registrar General & Census Commissioner India, Neu-Delhi 2014 (englisch);
    → 5 einzelstaatliche Excel-Tabellen: Census Digital Library. Anleitung: Zuerst das Zensus-Jahr „2001“ auswählen, dann auf der erscheinenden Seite Tabulations Plan of Census Year – 2011 unten den Punkt Special Tables for Scheduled Tribes (ST-Series) anklicken, daraus ST-9 to ST-16 wählen, dann ST-14: Scheduled tribe population by religious community klicken und aus der erscheinenden langen Liste oder dem Pulldown-Menü den gewünschten Staat anwählen: Jharkhand, Westbengalen, Odisha, Bihar, Tripura – dort werden die Angehörigen der einzelnen Scheduled Tribes je Staat in detaillierten XLS-Excel-Tabellen alphabetisch gelistet, darunter auch die Gond; als Download-Name wird allerdings nur „ST.htm“ angeboten – vor jedem Abspeichern muss dieser Name geändert werden zu „ST-Staatsname.xls“, um sie als Excel-Tabelle laden und Überschreibungen vermeiden zu können.
  4. a b Vergleiche den Eintrag des Joshua Project zur Volksgruppen-Nummer 14743 „Santal“ auf joshuaproject.net (in der deutschen Wikipedia nicht verlinkbar).
  5. Santali-Sprecher (7.368.192): Census of India 2011: Paper 1 of 2018: Language – India, States and Union Territories (Table C-16). Office of the Registrar General & Census Commissioner India, Neu-Delhi 2018, S. 7: Tabelle Statement 1, Part-A: Languages Specified in the Eighth Schedule (Scheduled Languages) (englisch; PDF: 945 kB, 52 Seiten auf censusindia.gov.in).
  6. Ethnologue-Lexikon: Santhali: A language of India. 2018, abgerufen am 5. März 2019 (englisch).
  7. a b c Alle Religionsanhänger der Scheduled Tribes als Einzel-Download je Bundesstaat:
    Cenus of India 2011: ST-14: Scheduled Tribe Population by Religious Community. Office of the Registrar General & Census Commissioner India, Neu-Delhi 2019, abgerufen am 5. Februar 2019 (englisch; Download-Übersicht);
    plus Appendixe zu „Andere Religionen und Überzeugungen“: ST-14 A: Details Of Religions Shown Under ‘Other Religions and Persuasions’ in Main Table (for each tribe separately). (Download-Übersicht);
    1. Jharkhand: ST-14: Main Religions. + ST-14 Appendix: Other Religions (State 20).
    2. Westbengalen: ST-14: Main Religions. + ST-14 Appendix: Other Religions (State 19).
    3. Odisha/Orissa: ST-14: Main Religions. + ST-14 Appendix: Other Religions (State 21).
    4. Bihar: ST-14: Main Religions. + ST-14 Appendix: Other Religions (State 10).
    5. Tripura: ST-14: Main Religions. + 0 „Andere Religionen und Überzeugungen“.
  8. James Heitzman, Robert L. Worden: Tribal Religions. In: Dieselben (Hrsg.): India: A Country Study. GPO for the Library of Congress, Washington 1995 (englisch; online auf countrystudies.us).
  9. P. C. Hebram: Sari-Sarna. Mittal Publications, Neu-Delhi 1988, ISBN 81-7099-044-0, S. 42–47 (englisch).
  10. Sampa Ghosh, Utpal Kumar Banerjee: Indian Puppets. Abhinav Publications, Neu-Delhi 2006, ISBN 9788170174356, S. 494 (englisch).
  11. M. Ganguly: Tug at heartstrings of tribal heritage – Obscure Santhal puppetry Chadar Badar gets new lease of life. In: The Telegraph. Kalkutta, 7. Januar 2011, abgerufen am 25. Februar 2019 (englisch).
  12. Edward Duyker: Tribal Guerrillas: The Santals of West Bengal and the Naxalite Movement. Neu-Delhi 1987, ISBN 0-19-561938-2, S. 201 ff. (englisch).
  13. Nure Alam Durjoy, Mohammed Tazul Islam: Santal people’s fate remains unchanged. In: Dhaka Tribune. 11. November 2016, abgerufen am 26. Februar 2019 (englisch).