Sappho

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Dieser Artikel behandelt die antike Dichterin; zu weiteren Bedeutungen siehe Sappho (Begriffsklärung).
Darstellung der Sappho auf einem Kalathos, um 470 v. Chr., Staatliche Antikensammlungen, München (Inv. 2416)

Sappho (attisch und neugriechisch Σαπφώ Sapphṓ, Aussprache meist [ˈzápfoː], klassisch [sapʰːɔ́ː]; * zwischen 630 und 612 v. Chr.; † um 570 v. Chr.) war eine antike griechische Dichterin. Sie gilt als wichtigste Lyrikerin des klassischen Altertums und hat kanonische Bedeutung. Sappho lebte in Mytilene auf der Insel Lesbos in der Nordägäis, dem kulturellen Zentrum des 7. vorchristlichen Jahrhunderts. In ihren Dichtungen spielt die erotische Liebe eine wichtige Rolle. Nach heutigen Schätzungen sind nur etwa sieben Prozent ihres Gesamtwerks erhalten geblieben.[1]

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sappho nennt sich in ihren Texten selbst Ψάπφω Psapphō, klassische Aussprache [psápʰːɔː]. Eine ähnliche Schreibung begegnet nur auf einer schwarzfigurigen Hydria im Nationalmuseum Warschau,[2] wo der Dichterin der (eventuell verschriebene) Name Psathō zugewiesen ist. Alle anderen antiken Autoren und Inschriften benutzen hingegen die heute gebräuchliche Form Sápphō. Dies gilt auch für Sapphos Landsmann und Zeitgenossen Alkaios; die unterschiedlichen Schreibweisen lassen sich schwerlich als im Laufe der Zeit eingetretene oder dialektal bedingte Veränderungen erklären. Unter Umständen begann ihr Name, der sich auf keine griechische Wurzel zurückführen lässt, mit einem im anatolischen Raum benutzten Zischlaut, der sich im griechischen Alphabet nur unvollkommen wiedergeben ließ und daher unterschiedlich transliteriert wurde.[3]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Leben der Sappho ist nur in späteren Legenden aufgezeichnet. „Dank antiker Quellen und autobiografischer Hinweise aus ihren Werken“ kann ihr Leben ansatzweise wiedergegeben werden.[4] Sie entstammte einem alten mytilenischen Adelsgeschlecht. Das Marmor Parium überliefert, dass Sappho aus Mytilene verbannt worden und nach Sizilien gefahren sei.[5] Diese Verbannung, die sie wohl nur als Familienmitglied traf und nicht ihr persönlich galt, geschah zwischen 604/03 v. Chr. und 596/95 v. Chr.[6] Um das Jahr 591 v. Chr. kehrte sie nach Lesbos zurück und versammelte dort eine Gruppe von jungen Mädchen vornehmer Herkunft als Schülerinnen um sich. Sie unterrichtete die jungen Frauen in musischen Fertigkeiten wie Poesie, Musik, Gesang und Tanz und trat mit ihnen bei Festen zu Ehren der Götter auf.

Nach Chamaileon von Herakleia hieß ihr Vater Skamandros oder Skamandronymos,[7] letztere Namensform gibt auch Herodot.[8] Laut Chamaileon war der Name ihrer Mutter Kleis, der ihrer Brüder Charaxos, Erigyios und Larichos.[7] Ihren eigenen Zeugnissen nach hatte sie eine Tochter, die sie wohl als Kleïs in einem Fragment direkt anspricht und deren Gestalt sie mit der goldener Blumen vergleicht.[9] Auch die Suda nennt eine Tochter Kleïs,[10] außerdem den Vater des Kindes, einen ansonsten nicht bezeugten Ehemann namens Kerkylas von der Kykladen­insel Andros.[11]

Ins Reich späterer Legendenbildung muss auch die bereits bei Menander und bei Ovid vorausgesetzte Behauptung[12] verwiesen werden, Sappho habe sich aus unerwiderter Liebe zu Phaon von einem Felsen gestürzt. Da die mythische Tradition den mit göttlicher Schönheit ausgestatteten Phaon als Fährmann zwischen Lesbos und Kleinasien lokalisierte, dürfte nicht zuletzt die geographische Nähe zur Heimat der Sappho die Entstehung dieser Konstruktion begünstigt haben.[13]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sappho geht zu Bett
Charles Gleyre (1867)

Zum Werk der Sappho gehörten Götterhymnen, Hochzeits- und Liebeslieder, die in der Antike in neun Büchern gesammelt waren, heute jedoch alle verloren sind. Die Überlieferung muss sich daher auf Verweise und Zitate anderer Autoren oder auf Papyrusfragmente stützen. Bis heute konnten nur vier ihrer aiolischen Gedichte auf diese Weise mit hinreichender Sicherheit rekonstruiert werden. Eines der letzten davon wurde erst im Jahre 2004 bekannt, als die beiden Professoren Michael Gronewald und Robert Daniel vom Institut für Altertumskunde an der Universität zu Köln auf einem Papyrus, der als Mumienkartonage verwendet worden war, Teile davon fanden und zur Rekonstruktion einsetzen konnten. Ein weiteres wurde im Jahre 2005 entdeckt. Fragmente von zwei weiteren bisher unbekannten Gedichten, darunter das sogenannte „Brüdergedicht“, in dem Sappho die Heimkehr ihres älteren Bruders Charaxos besingt und auch ihren jüngeren Bruder Larichos erwähnt,[14] wurden 2014 von dem amerikanischen Papyrologen Dirk Obbink entdeckt.[15]

Sappho gilt als die bedeutendste Lyrikerin der Antike; besonders gerühmt wurde im Altertum ihre klare und ausdrucksstarke Sprache, durch die sie unter anderem zum Vorbild des römischen Dichters Horaz wurde. Auch Catull beeindruckten Sapphos Werke, so dass er sie sogar in seinen Gedichten zitierte (z. B. carmen 51, 62). Zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod schätzte Platon ihre Lyrik so sehr, dass er Sappho als zehnte Muse bezeichnete. Oft wurde sie in der antiken Rezeption als Homer in Frauengestalt gesehen, und Friedrich Schlegel schrieb 1798 dazu: „Hätten wir noch die sämtlichen sapphischen Gedichte: vielleicht würden wir nirgends an Homer erinnert.“[16]

Ihre Lieder, in denen sie die Schönheit ihrer Freundinnen, Schülerinnen und vor allem auch ihrer Tochter besingt, sind im Anschluss an ein Scholion zu Martials Epigramm 7,67 seit Domizio Calderino (1474) auf die Liebe Sapphos zu Frauen bezogen worden; von dieser Interpretation des Martialepigramms leitet sich die Bezeichnung „lesbische“ oder „sapphische“ Liebe für weibliche Homosexualität her.

Die vierzeilige Sapphische Strophe ist nach ihr benannt und geht auf sie zurück. Sie erfand mit ihr eine neue lyrische Form einer Monodie.[17]

Nach dem griechischen Rhetor und Grammatiker Athenaios (2./3. Jahrhundert n. Chr.) soll Sappho die „mixolydische Weise“, eine Oktavgattung des griechischen Tonsystems, erfunden haben. Der „leidenschaftliche Charakter“ dieser Melodieweise scheine „tatsächlich der temperamentvollen Sprache der Dichterin zu entsprechen.“[18]

Textbeispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Δέδυκε μὲν ἀ σελάννα ...

Im aiolischen Dialekt des Altgriechischen:

Δέδυκε μὲν ἀ σελάννα
καὶ Πληίαδες· µέσαι δὲ
νύκτες, πάρα δ᾿ ἔρχετ ὤρα·
ἔγω δὲ μόνα κατεύδω
Untergegangen ist zwar der Mond
und die Pleiaden. Nachtmitte schon
und vorbei geht die Stunde.
Ich aber schlafe alleine.[19]
Aphrodite
Lied auf der Scherbe
Aphrodite. Allmächtige komm vom Äther herab…
zu deinem Tempel. einst von Kretern erbaut.
Unter den Apfelbäumen des heiligen Hains.
als sie dir Opfer brachten auf den Altären.
schwelten damals der kühlenden Quelle entlang
Wolken von Weihrauch.
Immer noch rinnt das Wasser. von Zweigen beschattet.
zum Garten hinab und tränkt mir die Rosen der Laube.
wo ich voll Seligkeit, während sie lautlos entblättern, Kypris erwarte.
Drüben. dort auf der Weide tummeln sich Pferde.
grasen im Klee und in den reifenden Ähren.
Süßer Geruch von Blumen weht von der Wiese
hierher zu mir.
Göttin der Liebe! Empfange mein Blumengebinde.
Komm und erscheine uns. Fülle die goldenen Schalen.
mische mit Nektar den Wein und schenke uns eine
himmlische Freude.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Plakat für Massenets Oper Sapho

Ausgehend von Frankreich gab es eine ganze Reihe Opernkompositionen, die sich mit dem Sujet Sappho befassten. Der ersten dieser Opern aus der Zeit der Französischen Revolution liegt ein Libretto von Constance-Marie Pipelet de Leury zugrunde: Sapho, Musik von Jean Paul Egide Martini, Paris, Théâtre Louvois, 12. Dezember 1794.

Es folgten Kompositionen von Friedrich August Kanne 1810, Anton Reicha 1822, Johannes Bernardus van Bree 1834, Saffo von Giovanni Pacini 1840 und schließlich Charles Gounod (1851).

Gut 100 Jahre nach Martini/Pipelet de Leury (1897) wurde in Paris die Oper Sapho. Pièce lyrique des französischen Komponisten Jules Massenet (1842–1912) aufgeführt mit dem Libretto von Henri Cain nach dem Roman Sapho: moeurs parisiennes von Alphonse Daudet (1884; deutsch: Sappho, Pariser Sittenbild 1884).

Der amerikanische Schriftsteller J. D. Salinger benannte seine 1955 in The New Yorker veröffentlichte Erzählung Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute (Raise High the Roof Beam, Carpenters) nach einer Zeile aus dem Fragment LP 111. In der Erzählung wird als Quelle der fiktive Autor Irving Sappho der Elysium Studios GmbH angegeben.

Die Künstlerin Judy Chicago widmete Sappho in ihrer Arbeit The Dinner Party 1974–1979 einen der 39 Plätze am Tisch.

Die Dichterin Sappho steht im Zentrum des Musiktheaterabends „Nocturno“ in der Bundeskunsthalle Bonn. Die Uraufführung des Werks des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas war am 23. März 2013.[20][21]

2014 gaben Michael Gratz und Dirk Uwe Hansen eine Anthologie mit dem Titel Muse, die zehnte. Antworten auf Sappho von Mytilene. heraus, in der Autoren wie Angelika Janz, Odile Kennel, Tobias Roth oder Armin Steigenberger sich lyrisch mit Sappho auseinandersetzen.[22]

Literarische Darstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vertonung der Gedichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Angélique Ionatos (Komposition und Gesang), Nena Venetsanou (Gesang): Sappho De Mytilene (CD Album), Auvidis 2008 (1991); nach einer Übersetzung ins moderne Griechisch von Odysseus Elytis
  • Aribert Reimann, Drei Gedichte der Sappho für Sopran und neun Instrumente, komponiert nach einer Übertragung von Walter Jens. Mainz: Schott Musik International, 2000 (Partiturnummer 50403).
  • Claus Kühnl, Fünf Gesänge nach lyrischen Fragmenten der Sappho nebst einem Alterslied für Mezzosopran und Klavier (2010)

Ausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sappho. Und ich schlafe allein: Gedichte. Neu übersetzt von Albert von Schirnding. C. H. Beck, München 2013, ISBN 978-3-406653-23-0
  • Sappho. Scherben – Skizzen. Übersetzungen und Nachdichtungen von Dirk Uwe Hansen. udo degener verlag, Potsdam 2012, ISBN 978-3-940531-70-4.
  • Sappho: Lieder. Griechisch und deutsch, Hrsg. Max Treu. 4., durchges. Auflage. Heimeran, München 1968
  • Sappho. Strophen und Verse. Übersetzer und Herausgeber Joachim Schickel. Insel, Frankfurt 1978, ISBN 3-458-32009-1.
  • Sappho. Liebesgedichte. Auswahl Marion Giebel. Übersetzer Joachim Schickel. Insel, Frankfurt 2007, ISBN 978-3-458-34945-7.
  • Greek Lyric. Band 1, Sappho and Alcaeus. Hrsg. und übers. von David A. Campell. Harvard University Press, Cambridge, Mass. 1982, reprint 2002 (Loeb Classical Library), ISBN 0-674-99157-5. (Griechisch – Englisch).
  • Griechische Lyrik in einem Band. Übersetzer und Herausgeber Dietrich Ebener. 2. Auflage. Aufbau, Berlin 1980
  • Sappho. In: Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos. Auswahl Mark Lehmstedt. Digitale Bibliothek, 30. Directmedia, Berlin 2000 (CD-ROM)
  • Sappho. Untergegangen der Mond. Lieder und Strophen. Ausgewählt und neu übersetzt von Michael Schroeder. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006, ISBN 3-538-06318-4
  • E. Lobel & D. Page: Poetarum Lesbiorum Fragmenta, Oxford 1955
  • D. Page: Sappho and Alcaeus, Oxford 1955. 5. Aufl. 1975

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Sappho – Quellen und Volltexte
 Commons: Sappho – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Elke Hartmann: Frauen in der Antike. Weibliche Lebenswelten von Sappho bis Theodora. C.H. Beck, München 2007, ISBN 3-406-54755-9, S. 28.
  2. Inventarnummer 142333.
  3. Günther Zuntz: On the etymology of the name Sappho. In: Museum Helveticum 8, 1951, S. 12-35, doi:10.5169/seals-9844.
  4. Annarita Zazzaroni: Artikel Sappho. In: Annette Kreuziger-Herr, Melanie Unseld (Hrsg.):Lexikon Musik und Gender, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart u. Weimar 2010, ISBN 978-3-7618-2043-8 (Bär.), S. 456 f.
  5. Felix Jacoby: Das Marmor Parium. Weidemann, Berlin 1904, S. 12 zu Ep. 36 (Digitalisat).
  6. Denys Page: Sappho and Alcaeus. Oxford 1955, S. 225.
  7. a b Chamaileon Fr. 27 Wehrli.
  8. Herodot 2,135.
  9. Sappho Fr. 132 L-P.
  10. Suda, Stichwort Σαπφώ, Adler-Nummer: sigma 107, Suda-Online.
  11. Dies aber ist möglicherweise nur ein später, wohl in einer Komödie, angedichteter Spaß, da Andros, der vermeintliche Herkunftsort, gleichlautend mit dem Genitiv von anēr „Mann“ ist, welcher im Griechischen den Stamm des ersten Wortteils eines Kompositums bildet. Kerkos als zweiter Namensbestandteil bedeutete „Schwanz“ (auch im übertragenen Sinne); vergleiche zu dieser Deutung Wolfgang Aly: Sappho. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band I A,2, Stuttgart 1920, Sp. 2357–2385 (hier: Sp. 2361 Digitalisat).
  12. Menander, Fragment 258 Körte = PCG VI 1; Ovid, epistulae 15.
  13. Heinrich Dörrie: P. Ovidius Naso: Der Brief der Sappho an Phaon (= Zetemata. Heft 58). C.H. Beck, München 1975, passim; siehe aber auch Wolfgang Aly: Sappho. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band I A,2, Stuttgart 1920, Sp. 2364 f.
  14. „Brüdergedicht“: englische Übersetzung; deutsche Übersetzung.
  15. Lost Poems of Greek Poetess Sappho Found auf thearchaeologynewsnetwork.
  16. J. Minor (Hrsg.): Friedrich Schlegel, 1794–1802: Seine prosaischen Jugendschriften. Carl Konegen, Wien 1882, S. 242.
  17. Annarita Zazzaroni in Lexikon Musik und Gender 2010, S. 456.
  18. Eva Weissweiler: Musikalisch-schöpferische Frauen von der Antike bis zum Mittelalter. Ein kulturgeschichtlicher Überblick. In: Komponistinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Bärenreiter/DTV, München 1999, ISBN 3-423-30726-9 (erste Auflage: Komponistinnen aus 500 Jahren 1981), S. 23–57, hier S. 26-28 und Fn. 12, S. 55.
  19. Die weibliche Sicht auf die Gestirne (hier die Plejaden [das Siebengestirn] und die [Bogen-]Mondgöttin) wird oft unterbetont. Vgl. Lars Clausen, Einmal Mytilene; und zurück, in: Der Rabe Nr. 16, 1987, S. LVI f. mit Übersetzungskritiken und dem Vorschlag: Du sankest zu Sieben-Stern-Mädchen, | Bogenmond-Schützin! – Mitten im | Dunkeln vorbei geht die Stunde | mir, ach, die einsam ich kaure.
  20. Bonn Chance! Experimentelles Musiktheater: Nocturno
  21. ["Nocturno" von Georg Friedrich Haas: Die Dichterin im Musiktheater http://test.wdr3.de/buehne/nocturno100.html], WDR3 vom 23. März 2013
  22. Muse, die zehnte. Antworten auf Sappho von Mytilene. freiraum Verlag, 12. November 2014, abgerufen am 6. Dezember 2014.