Saul Aaron Kripke

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Saul Kripke)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Saul Aaron Kripke (* 13. November 1940 in Bay Shore, Long Island, New York) ist ein amerikanischer Philosoph und Logiker. Er schrieb wegweisende Beiträge zur Logik, insbesondere auf dem Feld der Modallogik, und zur Sprachphilosophie, insbesondere zur Namenstheorie.

Saul Aaron Kripke (2005)

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Saul Kripke ist der Sohn der Autorin Dorothy K. Kripke und des Rabbiners und Universitätslehrers Myer Kripke. Bereits als Kind offenbarte er ein erstaunliches mathematisches Talent, mit sechs Jahren hatte er sich Hebräischkenntnisse angeeignet, in der vierten Klasse hatte er bereits alle Dramen von Shakespeare gelesen. [1]

Kripke studierte zunächst Mathematik an der Harvard-Universität, wo er 1962 mit dem Bachelor abschloss. Während seines Studiums erhielt er mehrere Preise und Auszeichnungen. Bereits 1958 − im Alter von achtzehn Jahren − veröffentlichte Kripke eine Arbeit zur Modallogik unter dem Titel A Completeness Theorem in Modal Logic in The Journal of Symbolic Logic. Wenige Jahre später folgten weitere grundlegende Untersuchungen zur Modallogik, u. a. Semantical Considerations in Modal Logic (1963) und Semantical Analysis of Modal Logic (1963/65).

Von 1964 bis 1966 lehrte er an der Princeton-Universität und von 1966 bis 1968 an der Harvard-Universität. Danach wurde er an die Rockefeller-Universität in New York berufen, wo er bis 1976 Philosophie unterrichtete. Im Jahr 1977 übernahm Kripke bis zu seiner Emeritierung 1997 die McCosh-Professur für Philosophie an der Princeton-Universität.[2] 1978 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen. Kripke ist Philosophieprofessor am CUNY Graduate Center.

Kripke ist gegenwärtig Mitglied des Graduate Center der City of New York. Im Jahr 2001 wurde er mit dem renommierten Schock-Preis für Logik und Philosophie ausgezeichnet.

Kripke hat über ein Dutzend renommierter Gastprofessuren und eine weitaus größere Zahl von „Distinguished Lectureships“ innegehabt, u. a. an den Universitäten Oxford, London, Berkeley, Los Angeles, Princeton, Cornell, California Institute of Technology, Wisconsin, Uppsala und Tel Aviv. Er erhielt die Ehrendoktorwürde von der University of Nebraska, der Johns Hopkins University und der Universität Haifa.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Modallogik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kripke-Modell modallogischer Systeme

Kripke trug entscheidend zur semantischen Klärung der Modallogik bei und beeinflusste mit seinen modelltheoretischen Untersuchungen die moderne Modallogik grundlegend. Er führte den Begriff einer (normalen) Modellstruktur ein. Eine Modellstruktur ist ein geordnetes Tripel (G,K,R), wobei K eine (nicht-leere) Menge, R eine reflexive Beziehung über K und G ein Element von K ist. Intuitiv gesehen ist K die Menge aller möglichen Welten, G die wirkliche Welt, während R als relative Möglichkeit bestimmt ist. Hat man eine solche Modellstruktur, so ordnet ein Modell jeder atomaren Formel P einen Wahrheitswert Wahr (W) oder Falsch (F) in jeder der Menge K angehörenden Welt H zu.[3]

Namenstheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1972 veröffentlichte Kripke eine vielbeachtete Studie zur Semantik der Eigennamen, die 1980 unter dem Titel Naming and Necessity in erweiterter Buchform erschien. Er entwickelt darin eine neue Theorie der Eigennamen. Nach Frege und Russell sind Eigennamen abgekürzte Beschreibungen; Beschreibungen haben Sinn und Bedeutung. Dagegen stellt Kripke die These, dass ein Eigenname nur eine Bedeutung (Referenz) hat. Nur so kann er in allen möglichen Welten ein und denselben Gegenstand bezeichnen. Eigennamen sind „starre Bezeichnungsausdrücke“ (rigid designators). Der Name wird dem zu benennenden Gegenstand in einem Akt der Taufe verliehen und dann in einer „Kette der Kommunikation“ weitergegeben.

Die Anwendung dieser Theorie auf die Bezeichnungen natürlicher Arten führt bei Kripke zu der Überzeugung, dass natürlichen Arten bestimmte Eigenschaften notwendig zukommen. Aussagen, die wissenschaftliche Entdeckungen darüber darstellen, was eine bestimmte Art ist, sind keine kontingenten, sondern notwendige Wahrheiten im strengsten Sinn.

Gegen die traditionelle Auffassung, dass alle und nur die apriorischen Wahrheiten notwendig sind, erklärt Kripke, dass es auch kontingente Wahrheiten a priori (z.B.: „Das Urmeter ist 1 m lang“) und notwendige Wahrheiten a posteriori (z.B.: „Augustus ist identisch mit Octavian“) gibt. „A priori“ und „a posteriori“ sind für ihn erkenntnistheoretische Begriffe, mit denen wir danach fragen, wie wir die Wahrheit einer bestimmten Aussage erkennen können. Dagegen sind „notwendig“ und „kontingent“ ontologische Begriffe, mit denen wir danach fragen, ob die Welt in dieser Hinsicht auch anders hätte sein können, als sie tatsächlich ist.

Regelfolgen und Privatsprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1982 legte Kripke mit Wittgenstein on Rules and Private Language eine viel diskutierte Interpretation des Werks von Ludwig Wittgenstein vor, deren Texttreue zwar umstritten ist, die aber großen Einfluss auf die weitere Diskussion der Philosophie Wittgensteins hat.[4] Diese spezifische Weiterentwicklung der Positionen Wittgensteins wird in der analytischen Philosophie des Öfteren mit dem Wortspiel „Kripkenstein“ bezeichnet.[5] Kripke macht sich in seinem Buch für die These stark, dass Wittgensteins Argument gegen die Möglichkeit einer privaten Sprache vorrangig unter dem Gesichtspunkt des „Regelfolgens“ erklärt werden muss. Die Schlüsselstelle gegen die Möglichkeit einer Privatsprache ist für Kripke die von Wittgenstein im § 201 der Philosophischen Untersuchungen geäußerte Bemerkung, „eine Regel könnte keine Handlungsweise bestimmen, da jede Handlungsweise mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen sei“. Dieses Paradox begründet nach Kripke eine neue Form des philosophischen Skeptizismus.

Sonstige Beiträge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weiterhin ist er bekannt für seinen Beitrag zur Entwicklung formaler Theorien, um die Lügnerparadoxie zu umgehen.

Kripke hat seit Ende der 1980er Jahre nur wenige Arbeiten publiziert. In einer Sonderausgabe der Zeitschrift Mind (Oktober 2005) ist ein neuer Aufsatz von Kripke (Russell’s Notion of Scope) erschienen, der – ebenso wie andere Texte Kripkes – auf der Tonbandaufzeichnung eines Vortrags basiert. Er lehnt ein streng naturalistisches Weltbild und den Materialismus ab.[6]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichung (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Identity and Necessity. In: M.K. Munitz (Hrsg.): Identity and Individuation. New York 1971
  • Naming and Necessity. In: Gilbert Harman u. Donald Davidson (Hrsg.): Semantics of Natural Language. Reidel, Dordrecht, Boston 1972
  • Wittgenstein on Rules and Private Language. An Elementary Exposition. Harvard University Press, Cambridge [Ma.] 1982 ISBN 0-674-95401-7
    • Deutsche Ausgabe: Wittgenstein über Regeln und Privatsprache. Eine elementare Darstellung. Suhrkamp, Frankfurt 1987 ISBN 3-518-29383-4
  • Unrestricted Exportation and Some Morals for the Philosophy of Language, Collected Papers Bd. I, Oxford University Press. Podcast (MP3; 33,8 MB) der zugehörigen City University of New York LECTURE SERIES-Aufzeichnung vom 30. Juni 2008
  • Reference and Existence. The John Locke Lectures. Oxford University Press, Oxford etc. 2013 ISBN 978-0-19-992838-5
    • Deutsche Ausgabe: Referenz und Existenz. Die John-Locke-Vorlesungen. Aus dem Englischen übersetzt von Uwe Voigt. Reclam, Stuttgart 2014 ISBN 978-3-15-010966-3.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mitchell S. Green: Kripke, Saul Aaron (1940– ), in: John R. Shook (Hrsg.): The Dictionary of Modern American Philosophers. Thoemmes Continuum 2005, S. 1360–1367
  2. Matthias Schirn: Saul A. Kripke. In: Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Philosophie der Gegenwart. Kröner, Stuttgart 1991, S. 288.
  3. Vgl. Matthias Schirn: Saul A. Kripke. In: Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Philosophie der Gegenwart. Kröner, Stuttgart 1991, S. 289.
  4. Kripke hat selbst eingeräumt, dass er weder Wittgensteins noch ein eigenes Argument darstellen wolle, sondern ein bedeutendes philosophisches Argument, wie es auf ihn gewirkt hat, vgl. A. Rami: „Wittgensteins Paradoxon des Verstehens“, 56 (2002) ZfphilF, S. 2.
  5. Xin Sheen Liu: „Kripkenstein: Rule and Indeterminacy“, Paideia Archive.
  6. Andreas Saugstad: Saul Kripke: Genius logician. Go Inside Magazine vom 25. Februar 2001 (Siehe Weblink).