Schädeldeformation

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Mangbetu-Mutter mit Säugling, Kongo, zwischen 1929 und 1937, Tropenmuseum, Amsterdam

Als Schädeldeformation (Schädeldeformierung, Schädelverformung) bezeichnet man sowohl die reversible als auch die irreversible Verformung des Schädels. Diese entsteht meist dadurch, dass auf den noch weichen Säuglings- beziehungsweise Kinderschädel entweder über längere Zeit eine einseitige leichte Belastung (z. B. durch immer gleiche Schlafposition) oder kurzfristig eine starke Belastung (z. B. durch engen Geburtskanal, Geburtszange) einwirkt. Schädeldeformationen sind sowohl in der Medizin als auch in der Ethnologie ein geläufiger Begriff.

Mindestens bis ins 20. Jahrhundert, in milden Formen möglicherweise noch heute, wurden Schädeldeformationen auch künstlich vorgenommen. Diese Eingriffe mussten, um keinen allzu großen gesundheitlichen Schaden hervorzurufen, in der frühen Kindheit, meist durch Bandagieren, hervorgerufen werden. Dabei wurde jedoch das starke Hervortreten der Augen bemerkt.[1] Während der Völkerwanderungszeit waren solcherlei Deformationen auch zwischen Mitteleuropa und Zentralasien verbreitet. Sie wurden von den Hunnen westwärts getragen und dort von germanischen Völkern übernommen.

Medizin[Bearbeiten]

Schädeldeformationen (in der Medizin auch Schädelasymmetrie) können aus verschiedenen Gründen entstehen: Zum einen können sie als Geburtsfolge bei zu starker Einwirkung einer Geburtszange oder bei zu engen Geburtswegen auftreten. In diesem Fall ist die Deformation meist nur vorübergehend.

Eine Schädelasymmetrie kann auch durch stärkere Einwirkungen auf den Schädel über eine längere Zeit, z. B. durch falsches und einseitiges Liegen, verursacht werden.

Im dritten Fall ist die Schädeldeformation eine Folge angeborener oder in den ersten Monaten erworbener Gehirnveränderungen. Diese sind meist dauerhaft. Dazu zählen:

Bei der beabsichtigten, in der Völkerkunde und den historischen Wissenschaften beobachteten Deformierung ging man bis vor wenigen Jahren davon aus, dass es keine negativen Folgen für die Gesundheit der Betroffenen gebe. Es scheint jedoch, als seien diese häufiger von bestimmten Krankheiten betroffen. Zu den Folgeerscheinungen zählt etwa das häufigere Vorstehen der oberen Zahnreihe, Arthrose der Unterkiefergelenke oder die Verengung der Augenhöhlen.[2]

Geschichte und Ethnologie[Bearbeiten]

Die ältesten Deformationen sind an Neanderthalerschädeln in Shanidar (43.000 v. Chr.) zu beobachten.[3] Allerdings wurden hieran Zweifel geäußert.[4] Als gesichert gelten hingegen entsprechende Funde aus der Jungsteinzeit, italienische und ungarische Funde belegen die Sitte vor bis zu 10.000 Jahren, die ältesten Funde stammen aus dem 9. Jahrtausend v. Chr.[5], wobei Funde aus dem Kaukasus und der Ukraine wesentlich später erscheinen, als im Nahen Osten.

Als noch älter gilt eine andere Form der Schädelmanipulation, die Eröffnung eines Loches im Schädel, die sogenannte Trepanation. Als weitere Manipulation im Kopfbereich erschien das Entfernen der Schneidezähne, das während der Jungsteinzeit in Italien[6] und in Nordafrika[7] während des Ibéromaurusien fassbar ist (Schädel Hattab II, Nordmarokko, 8900 ± 1100 BP[8]).

Schädel von der Halbinsel Krim, der im 19. Jahrhundert fälschlicherweise den Awaren zugeschrieben wurde

Der griechische Arzt Hippokrates berichtet im 5. Jahrhundert v. Chr. von dem Volk der Makrokephaloi, das seinen Kindern nach der Geburt erst mit der Hand und später mit Bandagen den Kopf deformiert. Er glaubte, diese einmal vorgenommene Manipulation sei erblich, wie Blauäugigkeit.[9] Schädelverformungen gab es auch auf Kreta.[10]

Deformierter Schädel einer Alamannin der Völkerwanderungszeit
Deformierter Schädel einer jungen Frau, wahrscheinlich einer Alanin, Museum von Yverdon

Die meisten beabsichtigten Schädeldeformierungen in Eurasien stammen aus dem 1. bis 7. Jahrhundert. Als Ursprungsort wird Zentralasien angenommen, wo sie sich im 1. Jahrhundert belegen lassen. Ethnisch werden sie den Hunnen zugewiesen. Sie sind im 5. und 6. Jahrhundert gelegentlich an Grabfunden der von den Hunnen unterworfenen oder beeinflussten Völker wie den Goten,Gepiden (in diesen Fällen bis in das 6. Jahrhundert), Thüringern, Alamannen, Franken (bei den letzten beiden eher selten, 7. Jahrhundert), Bajuwaren (mindestens 20 Schädel an 7 Fundstellen, vor allem am Reihengräberfeld Straubing-Bajuwarenstraße an einem Mann und 10 Frauen) und Burgundern nachweisbar. Der 1925 von F. Holter publizierte deformierte Schädel der Frau von Obermöllern gehört zu den typischen meist weiblichen Deformationen. Dabei wurde der Kopf mit fest geschnürten Bandagen vom Kindesalter an in eine längliche Form gebracht. 2006 waren in Deutschland 64 Funde mit nachweislichen Schädeldeformationen bekannt, aus der Schweiz 15 und aus Frankreich 43.

Mittels Isotopenuntersuchungen ließ sich zeigen, dass die Betroffenen meist ortsfest lebten, es handelte sich also nicht um Zugewanderte, die etwa durch Ehekontrakte von anderen Stämmen in das Fundgebiet gelangt waren. Damit konnte wahrscheinlich gemacht werden, dass es sich um Nachahmungsprozesse der nomadischen Kultur durch die germanischen Gruppen handelte.[11]

Oft, so mutmaßte man, hatte die Schädeldeformation eine soziale Bedeutung und war der Oberschicht vorbehalten. Die anhand ethnologischer Vergleiche gezogene Schlussfolgerung, es habe sich um Angehörige adliger Gruppen gehandelt, ließ sich anhand der oftmals bescheidenen Grabausstattungen nicht bestätigen. Hier sind wohl eher Assimilationsprozesse an eine zeitweilig als überlegen erachtete Kultur in Betracht zu ziehen.

Schädeldeformation, Nazca-Kultur (200 bis 100 v. Chr.)

In Asien gab es Kopfdeformationen in Südasien (besonders Indien) und in Kleinasien. Angeblich soll die Familie von Echnaton deformierte Schädel gehabt haben, was aber in der Fachwelt umstritten ist.

Besonders viele deformierte Schädel fand man in Mittel- und Südamerika in Gräbern der Maya, der Inka oder anderer Andenvölker. Ein deformierter Kopf galt vermutlich als schön und adelig. Auch einige nordamerikanische Indianerstämme, die Chinook, deformierten die Schädel ihrer Kinder.

Stillende Mangbetu-Mutter mit Säugling, dessen Kopf bandagiert ist, Casimir Zagourski, zwischen 1929 und 1937, Kongo, heute im Tropenmuseum, Amsterdam

Einige Völker, wie die Mangbetu im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo, deformierten früher absichtlich ihren Säuglingen mit Brettern und Bandagen die Schädel, was vermutlich als Schönheitsideal galt.

Bei einer Schädeldeformation (in der Völkerkunde auch Kopfdeformation) wurde der Hinterkopf abgeflacht, verlängert oder die Stirn abgeflacht. Eine solche Schädeldeformierung stellt eine von Eltern oder Angehörigen durchgeführte, unumkehrbare Veränderung der Schädelform in der frühen Kindheit dar. Diese Praxis ist häufig eine elterliche Investition an Zeit und Energie in die Zukunft ihres Kindes. Das Kind selbst kann sein Einverständnis nicht geben. Diese intentionale Verformung muss von der unbeabsichtigten unterschieden werden, denn auch Fehllagerungen des Säuglings können ähnliche Wirkungen erzielen. Auch wenn eine der beiden Kranznähte (Schädelnaht zwischen Stirn- und Scheitelbein) verwächst, bildet sich ein „Schiefschädel“. Verwächst die Scheitelnaht (Schädelnaht zwischen den beiden Scheitelbeinen), bildet sich ein „Turmschädel“.

Schädeldeformation "Toulouse-Deformität"

Der französische Arzt Delisle berichtete Ende des 19. Jahrhunderts von Schädelverformungen in den französischen Departements Haute-Garonne und Seine-Maritime. Seinen Schätzungen zufolge besaßen 15 % der Männer und 10 % der Frauen verformte Schädel. Diese wurden durch Kinderhauben und Kopfbänder verursacht. Die Mädchen trugen diese Kopfbedeckung meist bis zur Verheiratung, die Jungen hingegen nur bis zum achten Lebensjahr. Diese Tradition im 14./15. Jahrhundert ging wohl von Belgien aus und wurde in den südfranzösischen Regionen bis Ende des 18. Jahrhunderts ausgeübt.[12]

Drei Motive lassen sich aus ethnologischen Studien erschließen. Zum einen handelte es sich oft um ein Mittel, ein bestimmtes Schönheitsideal zu erreichen, was insbesondere für Frauen angenommen wurde. Zum anderen grenzten sich häufig höhergestellte soziale Gruppen damit ab. Schließlich sollten Männer auf diese Art ein kriegerisches Aussehen erhalten.

Rudolf Virchow ging davon aus, dass es eine Entwicklung von der zufälligen zur absichtlichen, von der einfachen zur komplizierten Deformierung gegeben habe.[13] Da die Erscheinung überall anzutreffen war, sei es bei den Aschanti und Mangbetu Afrikas, den Chinook Nordamerikas, schien es außer dem Abgrenzungsbedürfnis der führenden Gruppen kein Motiv zu geben. Daneben tauchten, je nachdem, welche Fragestellungen im Mittelpunkt der Gesellschaft standen, Nützlichkeitserwägungen auf, wie das Lastentragen, die Jagd oder der Schutz vor Verletzungen, die körperliche und seelische Stärkung, das Schönheitsideal, die Abgrenzung von anderen „Rassen“, sogar die Unterscheidung vom Tier. Auch die Auslösung des Phänomens durch eine Anomalie, die genetisch bedingte Kraniosynostose wurde in Erwägung gezogen. Dabei handelt es sich um eine vorzeitige Verknöcherung einer oder mehrerer Schädelnähte. Das normale Wachstum des Schädels ist dadurch nicht möglich und ein kompensatorisches Wachstum mit ungewöhnlichen Schädelformen tritt ein.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerhard Hotz, Liselotte Meyer: Künstliche Schädeldeformierungen – ein uraltes und weltweites Phänomen, in: Bulletin der Schweizerischen Gesellschaft für Anthropologie 17,1–2 (2011) 87–96.
  • Karin Wiltschke-Schrotta: Manipulierte Körper - Gedanken zur künstlichen Schädeldeformation, in: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 134/135 (2004/2005) 11-27.
  • Art. Schädeldeformation, in: Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 26, Walter de Gruyter, 2004, S. 571-577.
  • Peter C. Gerszten: An investigation into the practice of cranial deformation among the Pre-Columbian peoples of northern Chile, in: International Journal of Osteoarchaeology 3 (1993) 87–98.
  • János Nemeskéri: Über den künstlich deformierten Schädel von Schöningen, Kr. Helmstedt (5.–6. Jahrhundert), in: Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte 45 (1976) 129–154.
  • Paraskevi Tritsaroli: Artificial cranial modification on a female skeleton from the byzantine site of Maroneia (Thrace, Greece), in: International Journal of Osteoarchaeology 21 (2011) 464–478.
  • M. A. Balabanova, A. V. Sycheva: Radiological investigations of the late Sarmatian skulls with deliberate deformation: in: M. Mednikova (Hrsg.): Artificial deformation of human head in Eurasian past, Opus: Interdisciplinary Investigation in Archaeology. Institut of Archaeology RAS 5. Moscow 2006, Bd. 5, S. 152-163. (russ., mit engl. Zusammenfassung)
  • M. P. Rhode, B. T. Arriaza: Influence of cranial deformation on facial morphology among prehistoric South Central Andean populations, in: American Journal of Physical Anthropology 130 (2006) 462-470.
  • C. Torres-Rouff, L. T. Yablonsky: Cranial vault modification as a cultural artifact: a comparison of the Eurasian steppes und the Andes, in: Homo 56 (2005) 1–16.
  • Ágnes Kustár: Facial reconstruction of an artificially distorted skull of the 4th to the 5th century from the site of Mözs, in: International Journal of Osteoarchaeology 9,5 (1999) 325–332.
  • Doris Pany: Das völkerwanderungszeitliche Kinderskelett von Schwarzenbach-Burg, Bezirk Wiener Neustadt, Niederösterreich, mit künstlich deformiertem Schädel, in: Archaeologia Austriaca 86 (2002) 149-161.

Literatur zur Wissenschaftsgeschichte[Bearbeiten]

  • Rudolf Virchow: Über die Schädel der älteren Bevölkerung der Philippinen, insbesondere über künstlich verunstaltete Schädel derselben, in: Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte 2 (1870) 151-158.
  • Johann Gerhard Friedrich Riedel: Über künstliche Verbildung des Kopfes, in: Zeitschrift für Ethnologie 3 (1871) 110-111.
  • Nicolaus Rüdiger: Über die willkuerlichen Verunstaltungen des menschlichen Körpers, in: Rudolf Virchow, F. v. Hotzendorff: Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge, 9. ser., H. 215, 1875, S. 1-43.
  • Rudolf Virchow: Ueber Schädelform und Schädeldeformation, in: Correspondenzblatt für Anthrop. 32,10-12 (1892) 135—139.
  • Michel Deutsch: Über die Schädeldeformation und die Schädelformen auf Vancouver Island im Anschluss an die Beschreibung zweier deformierter Schädel von dieser Insel, Diss. 1893.
  • José Imbelloni: Die Arten der künstlichen Schädeldeformation, in: Anthropos 25 (1930) 801-830.
  • Pedro Weiss: Tipología de las deformaciones cefálicas de los antiguos peruanos, según la osteología cultural, in: Revísta del Museo Nacional 31 (1962) 13-42.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schädeldeformation – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Shane R. Tubbs, E. George Salter, W. Jerry Oakes: Artificial Deformation of the Human Skull: A Review, in: Clinical Anatomy 19 (2006) 372–377.
  2. L. Jozsa, I. Pap: Pathological alterations on artificially distorted skulls, in: Annales Historico – Naturales Musei Nationalis Hungarici 84 (2006) 189–194.
  3. Erik Trinkaus: Artificial Cranial Deformation in the Shanidar 1 and 5 Neandertals. In: Current Anthropology 23,2 (1982) 198 f.
  4. K. W. Alt: Die artifizielle Schädeldeformation bei den Westgermanen, in: M. Mednikova: Artificial deformation of human head in Eurasian past, Opus: Interdisciplinary Investigation in Archaeology. Institut of Archaeology RAS 5. Moscow 2006, S. 115–126.
  5. A. Yu. Khudaverdyan: Cranial deformation and torticollis of an early feudal burial from Byurakn, Armenia, in: Acta Biologica Szegediensis 56,2 (2012) 133-139, hier: S. 137.
  6. John Robb: The Early Mediterranean Village. Agency, Material Culture, and Social Change in Neolithic Italy, Cambridge University Press 2007, S. 38.
  7. Louise T. Humphrey, Emmy Bocaege: Tooth Evulsion in the Maghreb: chronological and geographical patterns, in: African Archaeological Review 25 (2008) 109-123.
  8. Peter Mitchell, Paul Lane (Hrsg.): The Oxford Handbook of African Archaeology, Oxford University Press, 2013, S. 434.
  9. Georg Wöhrle, Jochen Althoff (Hrsg.): Biologie, Steiner, Wiesbaden 1999, S. 68 f.
  10. Kurt Pollak: Wissen und Weisheit der alten Ärzte, Econ, 1968, S. 48. Pollak vermutete ein Bedürfnis nach äußerlicher Unterscheidbarkeit der „Vornehmen“ „von den übrigen Menschen“.
  11. M. Schweissing, G. Grupe: Local of nonlocal? A research of strontium isotope ratios of theeth und bones on skeletal remains with artificial deformed skulls, in: Anthropologischer Anzeiger 58 (2000) 99–103.
  12. P. Broca: Sur la déformation toulousaine du crâne, in: Bulletin de la Société d’anthropologie de Paris 1–2 (1871) 100-131. (online)
  13. Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 26, Walter de Gruyter, 2004, S. 574.


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