Schäferei

Die Schäferei – im eigentlichen Sinn die Wander- oder Hüteschäferei – umfasst die Behütung, Zucht und Verwertung (Milch, Fleisch, Wolle, Leder) von Schafen. Sie begann vor rund 10.000 Jahren mit der Domestizierung des Schafes in Kleinasien und hat sich von dort über ganz Asien und Europa verbreitet.
Heute spielt sie in der Landwirtschaft Europas sowie in der Schafproduktion eine eher untergeordnete Rolle, während sie vor allem in Asien und Afrika noch als Subsistenzwirtschaft im Pastoralismus (Beweidung natürlicher Weidegründe als traditioneller Nomadismus oder moderner mobiler Tierhaltung) praktiziert wird. In Südeuropa und den Alpen findet teilweise noch eine (transhumante) Wanderweidewirtschaft mit Schafen statt, bei der ein jahreszeitlicher Weidewechsel zwischen Flachland und Gebirge über sogenannte Triftwege vorgenommen wird.
Die Wanderschäferei in Deutschland wird vor allem mit der Landschaftspflege (Offenhaltung der Weiden, die sonst verbuschen würden) in Natur- und Landschaftsschutzgebieten oder zur Deichpflege verbunden.
Beruf: Schäfer
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In der pastoralen Hüteschäferei werden die Herden von Hirten bewacht und von Weide zu Weide getrieben. Bei der Wander- und Hüteschäferei auf anthropogenem Grünland spricht man vom Beruf des Schäfers. In Deutschland hat der Ausbildungsberuf die amtliche Bezeichnung Tierwirt, Fachrichtung Schäferei.
Die Aufgabe des Schäfers ist insbesondere, die Herde zusammenzuhalten, vor Gefahren zu schützen und auf die Gesundheit der Tiere zu achten. Ein traditionelles Werkzeug ist die Schäferschippe.
Ein Wanderschäfer bewacht (hütet) seine Schafherde tagsüber mit Hilfe von Hütehunden. Nach dem Abgrasen einer öffentlichen Weidefläche (früher Allmende) werden die Tiere – heute meist nach Vorgaben der Flächeneigentümer (zumeist Städte/Kreise, Länder oder der Bund) – auf die nächste Fläche getrieben (oder auch mit Fahrzeugen transportiert). Früher übernachteten manche Schäfer in kleinen hölzernen Schäferkarren direkt bei ihrer Herde, heute fahren sie am Abend in der Regel mit dem Auto zu ihrem festen Wohnsitz. Für die Nacht wird die Weide oft mit einem mobilen, elektrischen Weidezaun eingefriedet. Seit der Rückkehr des Wolfes verbleiben teilweise Herdenschutzhunde bei den Schafen. Außerhalb der Vegetationsperiode werden die Schafe vielfach in Ställen auf dem Grundstück des Schäfers gehalten.
Schafzucht wird heute vielfach als Nebenerwerb oder Hobby betrieben, da die Erlöse aus Schaffleisch oder Schafsmilch und Schafswolle nicht ausreichen. Für Schäfer, die im Auftrag der Behörden in der Landschaftspflege tätig sind, stellt die Europäische Union Mittel zur Verfügung.[1]
Aufgaben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zu den Aufgaben eines Schäfers gehört
- Ablammung und Aufzucht der Tiere, einschließlich Kenntnisse der Anatomie, Physiologie, Züchtung, Rassenkunde und der Reproduktion von Schafen;
- Wissen über Weidewirtschaft und Futtergewinnung;
- Beherrschung der Schafhaltung allgemein, wozu auch Stallbau, Pferchtechnik, Hygienemaßnahmen sowie Kenntnisse von Tierkrankheiten zählen;
- Hütetechnik mit dem Herdenhund und dessen Ausbildung sowie Wolfsabwehr;
- die Produktion von Wolle, Fleisch und Milch sowie die Vermarktung dieser Produkte. Deswegen sollte er auch das tierschutzgerechte Schlachten seiner Schafe beherrschen.
Geschichte
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Die Schäferei gehört zu den ältesten Gewerben der Welt. Die Domestizierung des Schafes begann vor 10.000 Jahren in Kleinasien und hat sich von dort über ganz Asien und Europa verbreitet. Zu früherer Zeit galt die Schäferei als unehrlicher Beruf.[2]
Schäferei im 18. Jahrhundert am Beispiel der Rhön
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Aus dem Hochstift Fulda sind aus alten Akten besonders ab dem 18. Jahrhundert verschiedene Formen der Schäferei überliefert:
- Als Erbschäferei wurden Schäfereien bezeichnet, in denen meist größerer Landbesitz besiegelt durch eine Verleihungsurkunde in den Besitz des Schäfers überging. Meist wurden damit Gutshöfe bedacht und es war die seltenere Variante.
- Als Laßschäferei wurde eine frühe Form von Genossenschaften benannt. Die Genossen hatten keinerlei Besitzanspruch an den Flächen und mussten jährlich neu deren Nutzung beantragen. Die Herrschaft legte dabei die abzugebenden Lämmer fest und bestimmte auf welchen Hutungen die Genossen eine festgelegte Anzahl an Schafen halten durften.
- Eine weitere Form war die Gemeinheit. Darunter verstand man Flächen im Gemeindeeigentum zur gemeinsamen Koppel- oder Hütehaltung. Das Nutzungsrecht stand dabei oft mehreren Gemeinden gemeinsam zu und lässt sich auf die gemeine Mark zurückführen. Diese Gemeinheiten (Allmenden) wurden in der Rhön erst in den 1870er Jahren aufgelöst.[3]
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Schafe dann hauptsächlich in Gemeinde-, Genossenschafts- und in manchen Gebieten Wanderschäfereien gehalten. In Hessen-Nassau gab es 1913 56 Gemeindeschäfereien und 256 Genossenschaftsherden.[4]
Schafhaltung in der DDR
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der DDR wurden Schafe vor allem zur Wollproduktion gehalten. Auf diese Weise konnten Devisen für den Import von Schafwolle aus Australien oder Neuseeland gespart werden. Das führte zum Aufbau von 6000 Schafherden mit 2,65 Mio. Tieren (gesamte Bundesrepublik 2018: 1,6 Millionen Tiere).[5] Das Lammfleisch wurde zu 90 % in die Bundesrepublik und in den arabischen Raum exportiert. Jede LPG wurde verpflichtet, eine Schafherde zu halten. In der DDR waren ca. 6000 Schäfer tätig, der Berufsnachwuchs wurde an einer speziellen Schäferschule ausgebildet. Nach der Wende entfiel die Notwendigkeit der Devisenbeschaffung und der Schafbestand sank deutlich.[6]
Hüteschafhaltung in Deutschland heute
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Deutschland hat der Ausbildungsberuf des Schäfers die amtliche Bezeichnung Tierwirt, Fachrichtung Schäferei. Vor der Ausbildung leistet man nur in Bayern ein Jahr lang ein Berufsgrundschuljahr (BGJ) ab.[7] Die Ausbildung umfasst drei Jahre mit einer Abschlussprüfung. Es besteht anschließend die Möglichkeit zur Ablegung der Meisterprüfung.[8]
Im Jahr 2017 zählte der Bundesverband Berufsschäfer in Deutschland 989 hauptamtliche Schäfer sowie 1,1 Millionen Mutterschafe, 0,6 Millionen weniger als im Jahr 2001. Laut Schafsreport Baden-Württemberg lag der Durchschnittslohn bei 6,15 Euro pro Stunde.[9] Seit 2020 ist die Süddeutsche Wander- und Hüteschäferei Teil des Bundesweiten Verzeichnisses des immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission.[10]
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Schäfer auf der Schwäbischen Alb (1980er Jahre)
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Ausbildung zum Schäfer (1985)
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Kretischer Schäfer in traditioneller Kleidung (2006)
Schäferei in Kunst und Kultur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Schäferei hat in der christlichen Symbolik (der gute Hirte, das verlorene Schaf) Niederschlag gefunden. Auch in Stadtwappen finden sie sich bis heute, z. B. in Jonsdorf.
In der Renaissance und im Barock fand in europäischen höfischen Kreisen eine Idealisierung von Schäferinnen und Schäfern statt, die sich in der Literaturgattung der Schäferdichtung und den dazugehörenden Schäferspielen und dem Schäferroman niederschlug. Im 18. Jahrhundert entstand daraus die Mode des Damenhutes Bergère.
Auch in der Bildenden Kunst wurde die Schäferei immer wieder zum Sujet, unter anderem Claude Lorrain, François Boucher, Paulus Moreelse, Luigi Chialiva, Anton Romako und Johann Georg Mohr stellten Schäferinnen oder Schäfer dar. Von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert war das Pastorale ein weitverbreitetes Bildmotiv.
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Frühchristliche Darstellung von Jesus Christus als Guter Hirte, 4. Jahrhundert, Rom, Terme di Diocleziano
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Schäfer und Schäferin, 1700 bis 1730, Stickerei, Nordamerika, New York City, Metropolitan Museum of Art
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Jan Siberechts: Schäferin, 1660er Jahre, Sankt Petersburg, Eremitage
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Johann Joachim Kändler, nach einem Entwurf von François Boucher: Schäferliebespaar, circa 1742–45, Meissener Porzellan, Metropolitan Museum of Art
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Winslow Homer: Warm Afternoon, 1878, Washington D.C., National Gallery of Art
Schäfer und Musik
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„Ein Schäfer muß auch auf einem Blas-Instrumente spielen können, nicht des alten Wahns wegen, daß die Schafe mehr durch die Musique, als durch das Weiden und durch das Futter sollen fett werden, sondern deswegen, weil die Schafe (wie die Erfahrung bestätiget) vor andern Thieren, insbesonderheit die Musique lieben: sie gedeyen davon ungemein, und werden dadurch sehr munter. Ausserdem ist es dem Schäfer sehr bequem, mit der Flöte seine Heerde commandieren zu können: wie auch die ausländischen Schäfer thun, die mit gewissen Stückchen auf ihrer Sackpfeifen sie zusammen halten, selbige an sich rufen, und wieder wegtreiben.“
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Extensive Tierhaltung
- Hirtenvolk – Vorwiegend von der Viehzucht lebende, nicht sesshafte Völker
- Schäferlauf – traditionelles Fest der württembergischen Schäferzunft
- Albschäferweg – ein Wanderweg auf den Spuren der Albschäfer auf der Schwäbischen Alb
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Schafzucht. Das Magazin für Schaf- und Ziegenhalter. Ulmer, Stuttgart, 2006–, ISSN 1862-0264 (1909–1980 unter dem Titel: Deutsche Schäfereizeitung, 1981–2005 Deutsche Schafzucht, ISSN 0720-0862)
- Annette Arnold, René Reibetanz: Alles für das Schaf. Handbuch für die artgerechte Haltung. pala, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-89566-236-2.
- Carolin Eiberger: Ökologische Schafhaltung in Deutschland. Status Quo und Zukunftsperspektiven. Empirische Untersuchung und ökonomische Bewertung. Logos, Berlin 2006, ISBN 978-3-8325-1394-8 (Dissertation an der Universität Hohenheim 2006, 181 Seiten).
- Wolfgang Jacobeit: Schafhaltung und Schäfer in Zentraleuropa bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. 2. Auflage. Akademie-Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-05-000144-5.
- Helmut Kühnemann: Schafe. 2. Auflage. Ulmer, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-8001-5473-9 (= Ratgeber Nutztiere).
- Friedrich-Wilhelm A. Reckfort: Wanderschäfer. Arbeit und Leben, Wirtschaft und Soziales. Waxmann, Münster / New York, NY 1994, ISBN 3-89325-165-0 (Dissertation Universität Münster 1992, 250 Seiten, unter dem Titel: Wanderschafhaltung im westfälischen Raum).
- Wolfgang Schlolaut, Günter Wachendörfer: Handbuch Schafhaltung. 5. Auflage. DLG-Verlag, Frankfurt am Main 1992 (u. a. Verlage), ISBN 3-7690-0492-2.
- Julius Scholz: Das Schäfereirecht nach gemeinem Rechte und mit besonderer Rücksicht auf die Gesetze mehrerer deutschen Staaten. Für Juristen und Landwirthe. Vieweg, Braunschweig 1837 (Digitalisat).
- Iman Sharief: Die Lebensmittelkette beim Schaf : Transfer von Zoonoseerregern vom Tier zum Lebensmittel, Freie Universität Berlin 2015 DNB 107315078X (Dissertation FU Berlin 2015, Volltext online, PDF, kostenfrei, 155 Seiten, 2,56 MB).
- Albrecht Thaer: Handbuch für die feinwollige Schaafzucht. Maeckensche Buchhandlung, Reutlingen 1811 (Digitalisat).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Bundesverband Berufsschäfer e. V.
- Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände (VDL)
- Berufsbild des Schäfers in Vergangenheit und Gegenwart auf berufe-dieser-welt.de
- Leistungshüten der hessischen Schäfer, hr Retro auf zdf.de
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ mai/dpa: Beruf: Schafe suchen Schäfer. In: Focus Online. 7. April 2007, abgerufen am 14. Oktober 2018.
- ↑ Theodor Hornberger: Der Schäfer. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 1955, S. 38–42.
- ↑ Hubert Beier: Untersuchungen über 70 Jahre organisierte Rhönschafzucht und die sich daraus ergebenden Folgerungen für die Zukunft dieser Rasse, Gießen, 1984, Dissertation an der Justus-Liebig-Universität Gießen, S. 21/22
- ↑ Hubert Beier: Untersuchungen über 70 Jahre organisierte Rhönschafzucht und die sich daraus ergebenden Folgerungen für die Zukunft dieser Rasse, Gießen, 1984, Dissertation an der Justus-Liebig-Universität Gießen, S. 22–25
- ↑ FAOSTAT. Abgerufen am 30. Mai 2021.
- ↑ Die Schäferschule auf der Website der Stadt Wettin-Lobejün, abgerufen am 9. August 2020
- ↑ Zur Ausbildung des Schäfers auf www.lfl.bayern.de. Abgerufen am 28. Dezember 2010
- ↑ Alm- und Zuchtprojekt Alpines Steinschaf. Abgerufen am 30. Mai 2021.
- ↑ Annette Bruhns: Das verlorene Schaf. In: Der Spiegel. Nr. 33, 2018, S. 52 f. (online).
- ↑ Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe. Abgerufen am 13. März 2022.