Schahumjan (Provinz)

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Lage Schahumjans in Bergkarabach

Schahumjan (armenisch Շահումյան, russisch Шаумян, auch Shahoumyan, benannt nach dem armenischen Revolutionär Stepan Schahumjan) ist eine Provinz der international nicht anerkannten Republik Arzach, laut deren Gesetzgebung sie aus dem ehemaligen Rajon Schahumjan nördlich und dem ehemaligen Rajon Kalbadschar um den Ort Karwatschar (Քարվաճառ, Kəlbəcər, Кельбаджар bzw. Карвачар) nordwestlich der ehemaligen Autonomen Oblast Bergkarabach besteht. Tatsächlich unter ihrer Kontrolle ist jedoch nur das Gebiet von Karwatschar. Während sich die nominelle Hauptstadt Schahumjan (bis 1938 Nerkin Schen, Неркин Шен bzw. Ներքին Շեն, 1992 von Aserbaidschan in Aşağı Ağcakənd umbenannt) unter aserbaidschanischer Kontrolle innerhalb des Rajon Goranboy befindet, ist der Verwaltungssitz de facto in Karwatschar.

Die Provinz hat eine Fläche von 1 829,8 Quadratkilometer und laut dem Zensus von Bergkarabach von 2005 2 560 Einwohner bei 1,4 Einwohnern pro Quadratkilometer.[1] In der Provinz liegen 15 Gemeinden.[2]

Karwatschar/Kəlbəcər[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ruine der im Bergkarabachkrieg zerstörten Dorfschule von Zar mit Steinfragmenten aus der in den 1950er Jahren zerstörten Klosterkirche der Heiligen Jungfrau Maria

Das de facto Gebiet der Provinz Schahumjan liegt westlich des ehemaligen Autonomen Gebiets Bergkarabach und ist seit 1993 durch Einheiten der Republik Arzach und der armenischen Armee besetzt. Die Provinz fällt hier mit dem aserbaidschanischen Bezirk Kəlbəcər zusammen, der von der aserbaidschanischen Regierung 1991 pro forma im Zuge der Auflösung der Oblast Bergkarabach um den östlich davon gelegenen Westteil der Provinz Martakert erweitert wurde.

In diesem Teil der Provinz befindet sich der Tartar-Canyon und in dessen Nähe das Kloster von Dadiwank (auch Chotawank/Khotavank genannt), knapp außerhalb der ehemaligen Grenzen des Autonomen Gebiets Bergkarabach. Außerdem liegt hier der Verwaltungssitz Karwatschar.

Im Dorf Zar gibt es nur spärliche Überreste des einst bedeutenden armenischen Fürstensitzes. Noch in den späten 1890er Jahren konnte der armenische Bischof Makar Barchudarjanz Fotografien von den Ruinen des Klosters der Heiligen Jungfrau (errichtet 1225), der Kapellen Sankt Sarkis und Sankt Gregor (errichtet 1274) und anderer mittelalterlicher Bauten anfertigen, die überwiegend aus dem 13. bis 15. Jahrhundert stammten.[3]

Laut Forschungen des armenischen Historikers und Archäologen Samwel Karapetjan (* 1961) dienten die alten armenischen Kirchengebäude von Zar seit Ende des 19. Jahrhunderts den kurdischen Bewohnern als Steinbruch für die Errichtung von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Insbesondere in den 1940er und 1950er Jahren wurden die Gebäude zu diesem Zwecke beschleunigt abgebrochen. In den Wänden einer in den 1950er Jahren errichteten Schule konnten insgesamt 133 Steinfragmente mit Überresten armenischer Inschriften und Steinreliefs nachgewiesen werden.[4]

Schahumjan/Nerkin Schen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bergkarabach und umliegende Gebiete: im heute aser­baidscha­nischen, armenierfreien Gebiet im Norden Getaschen, Schahumjan (Nerkin Schen) und Gjulistan

Nördlich der ehemaligen Autonomen Oblast Bergkarabach liegt der ehemalige Rajon Schahumjan, der zur Sowjetzeiten eine fast in Gänze armenische Bevölkerung hatte. Die Hauptstadt Nerkischen[5] oder Nerkinschen[6] (Nerkin Schen, Неркин Шен bzw. Ներքին Շեն, „unterer“ oder „innerer Weiler“) wurde 1938 zu Ehren von Stepan Schahumjan in Schaumjanowsk (russisch Шаумя́новск) oder Schahumjan (armenisch Շահումյան) umbenannt. Nach der Vertreibung der Armenier erhielt sie 1992 den aserbaidschanischen Namen Aşağı Ağcakənd.[7] Weitere wichtige Orte waren Getaschen, Martunaschen und Gjulistan.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kloster Dadiwank

Ebenso wie das Gebiet der ehemaligen Autonomen Oblast Bergkarabach gehörten die heute von der Republik Arzach als Provinz Schahumjan beanspruchten Flächen im Altertum zur armenischen Provinz Arzach, im Mittelalter zum Königreich Arzach und sodann zum Fürstentum Chatschen. Im 17. und 18. Jahrhundert gehörte das nördliche Gebiet zum Meliktum Gjulistan – einem der Fünf Fürstentümer von Karabach – unter den Fürsten Melik-Abowjan, die ihren Sitz in der Festung Gjulistan direkt an der heutigen Frontlinie hatten.

Die Ortschaft Zar an der heutigen Grenze zur Republik Armenien, bis ins 12. Jahrhundert Wajkunik genannt, war mit ihrer Festung bis zur Zerstörung durch die Truppen Timurs Sitz der armenischen Adligenfamilie Dopjan.[8][4] Im 15. Jahrhundert wurde Zar Sitz des armenischen Meliks von Ober-Chatschen und wurde zu einer größeren Festung ausgebaut.[9] Spirituelles Zentrum war hier das 1214 errichtete Kloster Dadiwank, wo auch die Fürsten von Ober-Chatschen bestattet wurden.[10]

1750 wurden die fünf Meliktümer durch das Khanat Karabach unterworfen. Auch der ehemalige Fürstensitz Zar wurde zerstört und in den folgenden Jahrzehnten von turksprachigen und kurdischen Siedlern in Besitz genommen.[9] Um Gjulistan und Nerkin Schen blieb jedoch die armenische Besiedlung. 1813 kam das Gebiet durch den genau hier unterzeichneten Vertrag von Gjulistan an Russland.[11][12][13]

Zu Sowjetzeiten wurde in den fast vollständig armenischsprachigen Gebieten um Nerkin Schen und Gjulistan nördlich der Autonomen Oblast Bergkarabach der Rajon Schahumjan gebildet, der jedoch nicht der Autonomen Oblast zugeordnet wurde. Im Zuge des Bergkarabachkonflikts wurden die Armenier 1991 und 1992 aus dem Gebiet vertrieben. Aserbaidschanische OMON-Kräfte und Einheiten der Sowjetischen Armee führten vom 30. April bis zum 15. Mai 1991 die „Operation Ring“ (Операция «Кольцо») durch, nach Einschätzung von Human Rights Watch eine Kampagne mit dem Ziel, die jahrhundertelang armenisch besiedelten Dörfer nördlich und südlich der Autonomen Oblast Bergkarabach wie auch in der Oblast selbst zu entvölkern.[14][15] Offiziell wurde die Operation als „Kontrolle von Reisepässen“ bezeichnet, doch wurde intern als Ziel die Entwaffnung illegal bewaffneter armenischer Formationen genannt.[16][17] Militäreinheiten umstellten die Dörfer mit Panzern und nahmen sie unter Feuer. Bei den Operationen starben unter anderem die armenischen Anführer Tatul Krpejan und Simon Atschikgjosjan. Etwa 17.000 Armenier aus dem Rajon Schahumjan wurden gezwungen, das Land zu verlassen.[18] Im Dezember 1991 erklärte die Republik Bergkarabach den Rajon Schaumjan zu einem integralen Teil Bergkarabachs, doch erlangte im Sommer 1992 die aserbaidschanische Armee die endgültige Kontrolle über das Gebiet, das nunmehr armenierfrei war.[19] Schaumjanowsk erhielt 1992 den neuen aserbaidschanischen Namen Aşağı Ağcakənd und wurde in den folgenden Monaten teilweise neu mit Aserbaidschanern – Flüchtlingen aus Armenien und Bergkarabach – besiedelt.[7] Der ehemalige Rajon Schahumjan wurde dem Rajon Goranboy zugeschlagen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Results of 2005 census of the Nagorno-Karabakh Republic (PDF, englisch, abgerufen am 23. April 2008; 131 kB)
  2. Results of 2005 census of the Nagorno-Karabakh Republic (PDF, englisch; 227 kB)
  3. Մակար Բարխուդարյան (Makar Barchudarjanz): Արցախ (Arzach). Baku, 1895.
  4. a b Samwel Karapetjan: Armenian Cultural Monuments in the Region of Karabakh (engl. Übers. Anahit Martirossian). Gitutiun Publishing House of NAS RAA, Jerewan 2001. S. 11, 50–65.
  5. Egbert Jahn. Nationalism in Late and Post-Communist Europe, vol. 2, Nomos, 2009, S. 277.
  6. Сергей Новиков: Нагорный Карабах. Фронт за околицей. Часть третья, 19 май, 2017 (Karte mit Ortsnamen)
  7. a b Mark Elliott: Azerbaijan with Excursions to Georgia, Trailblazer, Hindhead (UK) 2004, S. 245.
  8. Բագրատ Արշակի Ուլուբաբյան (Bagrat Arschaki Ulubabjan): «Ծար» (Tsar). In: Հայկական սովետական հանրագիտարան [Armenische Sowjetische Enzyklopädie]. Հայաստանի գիտությունների ակադեմիա [Armenische Akademie der Wissenschaften], Երևան [Jerewan] 1979, Band 5, S. 120.
  9. a b Hasmik Hovhannisyan: New Shahumyan (Memento vom 2. Oktober 2011 im Internet Archive). Hetq, 23. Juli 2007.
  10. John Noble, Michael Kohn, Danielle Systermans: Georgia, Armenia and Armenia. Lonely Planet, 2008. S. 307.
  11. Encyclopaedia Britannica: Armenia:"In mountainous Karabakh a group of five Armenian maliks (princes) succeeded in conserving their autonomy and maintained a short period of independence (1722-30) during the struggle between Persia and Turkey at the beginning of the 18th century; despite the heroic resistance of the Armenian leader David Beg, the Turks occupied the region but were driven out by the Persians under the general Nādr Qolī Beg (from 1736-47, Nādir Shah) in 1735."
  12. Encyclopaedia of Islam. — Leiden: BRILL, 1986. — vol. 1. — p. 639-640.
  13. Րաֆֆի (Հակոբ Մելիք-Հակոբյան). Խամսայի մելիքութիւնները: Ղարաբաղի աստղագէտը: Գաղտնիքն Ղարաբաղի, Վիեննա, 1906. [Raffi (Hakob Melik-Hakobyan). The History of Karabagh's Meliks, Vienna, 1906, in Armenian. Eine andere Ausgabe ist «Խամսայի մելիքությունները», Երկերի ժողովածու, Երևան, 1964. Collection of Yerkrapah, Yerevan, 1964.]
  14. HRW Report on Soviet Union Human Rights Developments [in 1991]. Human Rights Watch, 1992.
  15. Azerbaijan: Seven years of conflict in Nagorno-Karabakh. Human Rights Watch, New York 1994, S. 9.
  16. Thomas de Waal: Black Garden: Armenia and Azerbaijan Through Peace and War. New York University Press, New York 2003, S. 114. ISBN 0-8147-1945-7.
  17. М. Гохман [M. Gokhman]: "Карабахская война," [The Karabakh War] Русская мысль [Russkaja Misl], 29. November 1991.
  18. Thomas de Waal: Black Garden: Armenia and Azerbaijan Through Peace and War. New York University Press, New York 2003, S. 116. ISBN 0-8147-1945-7.
  19. Thomas de Waal: Black Garden: Armenia and Azerbaijan Through Peace and War. New York University Press, New York 2003, S. 116, 194f. ISBN 0-8147-1945-7.

Koordinaten: 40° 6′ N, 46° 12′ O