Scharfschützengewehr

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Das M40A3 ist eine Präzisionswaffe des US Marine Corps im Kaliber 7,62 mm.

Ein Scharfschützengewehr ist ein langläufiges Gewehr mit gezogenem Lauf (Büchse), das dazu konzipiert wurde, Ziele in großer Entfernung zu treffen. Der Begriff Präzisionsgewehr oder Präzisionsbüchse wird meist im Zusammenhang mit Präzisionsschützen der Polizei gebraucht, beispielsweise Präzisionsschützenkommandos. Einsatzgrundsatz ist die Bekämpfung eines Ziels mit möglichst einem oder wenigen, aber effektiven Schüssen. Unterschieden wird es von der Designated Marksman Rifle.

Scharfschützengewehre werden militärisch von Scharfschützen und polizeilich von Präzisionsschützen eingesetzt, um ein großes Gebiet abzusichern, wie bei großen Veranstaltungen, oder ein herausragendes Einzelziel zu bekämpfen, ohne selbst entdeckt zu werden. Bei einem Polizeieinsatz wird aufgrund der hohen Präzision der „finale Rettungsschuss“ mit diesem Gewehrtyp ausgeführt. Auch Jäger und Wildhüter verwenden für die Jagd auf weiten, offene Flächen derartige Waffen. Im Schießsport werden sie für das Langstreckenschießen eingesetzt.

Geschichtliche Entwicklung[Bearbeiten]

Die ersten Gewehre für Scharfschützen waren im 18. Jahrhundert die deutschen Jägerbüchsen, die die Jäger der Jägerbataillone in Hessen und in Preußen in der Anfangszeit selbst mitbrachten und ansonsten zur Jagd dienten.

In den USA verwendeten amerikanische Waldläufer lange Musketen und die mit gezogenen Läufen versehenen Kentucky Rifles. Die im Jahr 1800 in England aufgestellten Scharfschützenverbände (95th (Rifle) Regiment) und King’s Royal Rifle Corps, das in den nordamerikanischen Kolonien als Royal Americans aus amerikanischen Kolonisten aufgestellt worden war und später in das 60. Regiment of Foot umbenannt wurde, waren mit Baker Rifles ausgerüstet.

Frühe bekannte Opfer eines Scharfschützen waren unter anderem

Scharfschützengewehre kamen in größerer Zahl erstmals im amerikanischen Bürgerkrieg auf, als auf beiden Seiten Scharfschützeneinheiten aufgestellt wurden, auf der Seite der Union beispielsweise die 1st und die 2nd U.S. Sharpshooters. Hier kamen zu Beginn des Krieges noch vielfach selbst mitgebrachte Gewehre und aus Europa (privat) eingeführte Schützengewehre zum Einsatz, bis die Unionstruppen im Frühjahr 1862 einheitlich mit Sharps-Hinterladegewehren ausgerüstet wurden. Vermutlich prominentestes Opfer eines Scharfschützen in diesem Krieg war John Sedgwick, ein Nordstaaten-General. Er starb durch einen Scharfschützen, weil er nicht in Deckung ging. Als seine letzten Worte gelten: Auf diese Entfernung können die Konföderierten selbst einen Elefanten nicht treffen.

Weitere militärische Waffen kamen zwischen 1890 und 1910 auf; sie waren modifizierte Waffen aus der Serienproduktion oder angepasste Jagdwaffen.

Erste spezialisierte Scharfschützengewehre wurden etwa ab 1916 gefertigt und eingesetzt. Diese Waffen wurden außerhalb der Serienproduktion gebaut und mit verschiedenen Läufen sowie Bauarten und Kalibern erprobt. Ab dann wurden auch in nachfolgenden Kriegen Scharfschützengewehre eingesetzt.

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

In der Zwischenkriegszeit kamen Scharfschützengewehre wieder aus der Verwendung, da die gute Schießausbildung und die Schießfertigkeiten der meist aus Berufssoldaten bestehenden Infanterie die Ausstattung der Truppe vermeintlich nicht rechtfertigen würde. Im Zweiten Weltkrieg führte dann jedes Land derartige Gewehre wieder ein.

Deutschland[Bearbeiten]

Die Wehrmacht führte Scharfschützengewehre und Scharfschützen erst wieder nach Beginn des Rußlandfeldzuges und den dort mit russischen Scharfschützen gemachten Erfahrungen wieder ein, und gliederte eigene Scharfschützen als Zielfernrohrschützen in jede Infanteriegruppe oder setzte sie unterstellt einer Kompanie in selbständigen Scharfschützentrupps ein.

Eines der ersten in großer Stückzahl hergestellten Scharfschützengewehre war der deutsche K98 im Kaliber 7,92 × 57 mm mit Zielfernrohr. Von diesem Gewehr wurden bis 1945 rund 130.000 Stück gebaut.[1] Daneben wurde das G43-Selbstladegewehr in der Scharfschützenrolle eingesetzt, während dem StGw-44 ZF im Kaliber 7,92 × 33 mm eher die Rolle der erweiterten Feuerunterstützung in der Schützengruppe zukam.

Sowjetunion[Bearbeiten]

Die Rote Armee verwendete eine Variante des Mosin-Nagant M1891/30 mit dem Zielfernrohr PE bzw. PU als Scharfschützenwaffe.[2] Um das ZF montieren zu können, wurde der Kammerstengel verlängert und um 90° gekröpft. Neben dem über 200.000-mal hergestellten Mosin-Nagant[3] kam das SWT-40 zum Einsatz, von dessen Scharfschützenausführung etwa 50.000 Stück hergestellt wurden.

United Kingdom[Bearbeiten]

Die britische Armee modifizierte ausgesuchte Lee-Enfield-Mk.4-Gewehre.

USA[Bearbeiten]

Die Scharfschützen der US Army verwendeten das Springfield M1903.

Bauart und Kaliber[Bearbeiten]

Das Barrett M82A1 ist eine „Anti-Material“-Waffe im Kaliber 12,7 × 99 mm.

Die meisten Scharfschützengewehre sind Repetierwaffen. Bei halbautomatischen Ladeverfahren, bei denen bei der Schussabgabe oder unmittelbar danach sich wie bei Rückstoß- oder Gasdruckladern der Verschluss zurückläuft, leidet dadurch die Präzision. Beim Einsatz eines Scharfschützengewehrs durch die Polizei kommt es nicht auf die Schussfolge, sondern für den finalen Rettungsschuss auf die Präzision an.

Scharfschützengewehre besitzen heute als optisches Visier ein Zielfernrohr mit bis zu 24-facher variabler Vergrößerung. Diese werden durch Nachtsichtgeräte wie beispielsweise Restlichtverstärker oder Wärmebildgeräte ergänzt. In seltenen Fällen ist ein mechanisches Notvisier vorhanden. Als Zusatzausstattung für den Schützen oder den Beobachter werden heute meist Laserentfernungsmesser verwendet.

Heutige häufige Kaliber für Scharfschützenwaffen sind 7,62 × 51 mm NATO (.308 Winchester) sowie mit stärkerer Treibladung .300 Win Mag (7,62 × 67 mm) wie beim G22 und .338 Lapua Magnum (8,6 × 70 mm) oder 7,62 × 54 mm R wie bei den meisten Versionen des Dragunow-Scharfschützengewehr. Neuentwicklungen wie das Barrett M99 nutzen das jagdliche Kaliber .416 Barrett (10,6 × 83 mm).

Beispiele für weit verbreitete oder bekannte Waffen im Kaliber 7,62 mm sind das Heckler & Koch PSG1 und MSG90, das Steyr SSG 69, das Walther WA 2000, Varianten des Gewehres Remington 700, wie das M24 oder das M40, die von der US-amerikanischen Armee und verschiedenen Polizeibehörden eingesetzt werden, die AWM-Serie und das davon abgeleitete G22 der deutschen Bundeswehr. Durch die Angriffe von feindlichen Scharfschützen und Zivilpersonen, die sich an Gefechten als Heckenschützen im Jugoslawien-Krieg beteiligten, wurde öffentlich das außerhalb der NATO-Staaten weit verbreitete russische Dragunow-Scharfschützengewehr bekannt.

Gerade für die Bekämpfung von Zielen in größerer Entfernung werden auch Waffen mit größerem Kaliber, wie 12,7 × 99 mm NATO (.50 BMG) wie beispielsweise beim Barrett M82A1, HS .50, PGM Hécate II oder McMillan Tac-50 Verwendung, während das Kaliber 14,5 × 114 mm im NTW-20 eingesetzt wird. Sie dienen aber hauptsächlich zur Bekämpfung von Hartzielen, Materialzielen oder für Entfernungen bis zwei Kilometer.

Vereinzelt gibt es auch Gewehre mit kleinerem Kaliber, wie 5,56 × 45 mm NATO beim SIG 550-1 oder 5,8 × 42 mm beim chinesischen QBU-88. Diese konnten sich aber durch die geringere präzise Reichweite in der militärischen Nutzung nicht durchsetzen und sind daher eher für den Polizeieinsatz geeignet.

Spezialmunition[Bearbeiten]

Spezialmunition Raufoss Mk.211 im Kaliber .50 BMG mit panzerbrechender, Explosiv- und Brandwirkung

Innerhalb des eingesetzten Kalibers kann der Scharfschütze heute unter einer Vielzahl verschiedener Munitionssorten wählen. Gerade bei größeren Kalibern kann panzerbrechende, Brand-, Explosiv- oder Mehrzweckmunition verwendet werden.

Bereits im Zweiten Weltkrieg verschossen deutsche Scharfschützen eine besondere „B-Munition“ des Kalibers 7,92 × 57 mm. Dieser Munitionstyp wurde ursprünglich zum Einschießen der Bordmaschinengewehre in Jagdflugzeugen entwickelt. B stand dabei für „Beobachtungspatrone“. Die Geschosse explodierten beim Aufschlag und zeigten so die Lage der Garbe an. Die MGs konnten durch dieses optische Hilfsmittel relativ schnell justiert werden. Die Herstellung dieser Munition war damals sehr aufwändig und entsprechend teuer. Damit war sie in ihrer Nutzung bis etwa 1944 ihrer ursprünglichen Verwendung vorbehalten. Die sowjetische Armee setzte Explosivgeschosse als Gewehrmunition dagegen bereits zu Beginn des Krieges ein. Wegen ihrer hohen Wirksamkeit waren damit die Beutewaffen und -munition des Gegners sehr begehrt.[4]

Reichweite[Bearbeiten]

Die maximale effektive Reichweite ist je nach Waffe unterschiedlich, da sie von Bauart und Kaliber abhängt. Bei Militärwaffen liegt sie im Durchschnitt bei rund 1000 Metern. Bei Spezialausführungen mit großem Kaliber kann sie aber auch bis zu 2500 m reichen. Polizeiwaffen sind durch den häufigeren Einsatz in bebauten Gebieten in der Regel für kürzere Reichweiten ausgelegt.

Gerade bei großen Entfernungen spielen Wetterbedingungen wie Wind, Temperatur und Luftdruck, das verwendete Kaliber und der Schusswinkel eine wichtige Rolle, wodurch sich die tatsächliche effektive Reichweite vergrößern oder verringern kann. Auch die Munition hat maßgeblichen Einfluss auf die Reichweite. Deswegen wurden spezielle Munitionsarten und -formen für Scharfschützengewehre entwickelt, die beispielsweise eine bessere Aerodynamik (VLD-Geschoss) oder auch einen optimierten Aufbau der Pulverladung aufweisen.

Größte Kampfentfernungen[Bearbeiten]

Mit einem Barrett M82 wurde 2012 der über die bislang weiteste Entfernung tödliche Schuss abgegeben. Zwei Scharfschützen des australischen 2nd Commando Regiment feuerten etwa zeitgleich auf mutmaßliche Taliban-Kämpfer. Der per GPS-Entfernungsmesser gemessene Treffer auf 2815 m konnte keinem der beiden Schützen zugeordnet werden und wurde durch das australische Militär nicht bestätigt.[5]

Der auf die größte Distanz erzielte und bestätigte Treffer wurde von Craig Harrison, Soldat der britischen Armee, in Afghanistan mit einem AWM L115A3 im November 2009 erzielt (Stand Februar 2011). Harrison bekämpfte dabei einen feindlichen Schützen, der nach GPS-Messung 2470 m[6] entfernt war. Damit lag sein Ziel etwa 1000 Meter außerhalb der effektiven Reichweite seiner Waffe. Laut Harrison ermöglichten ihm die idealen Wetterbedingungen den Treffer – absolute Windstille, klare Sicht und geringe Temperaturen, da große Hitze zu Flimmern und aufsteigender Luft vom Boden geführt hätte. Harrison und sein Beobachter benötigten insgesamt neun Schuss, um die Visiereinstellung zu ermitteln und den ersten Treffer zu erzielen. Er konnte weiterhin erkennen, dass ein zweiter Mann die Waffe des getöteten Schützen übernahm und ihn mit dem nächsten Schuss seitlich in den Bauch treffen. Danach zerstörte er mit einem weiteren gezielten Schuss das Maschinengewehr.[7]

Erwerb[Bearbeiten]

Bushmaster 50 BA Carbine

Für Präzisiongewehre gelten in Deutschland die gleichen Bestimmungen wie für andere Gewehre auch. Der Erwerb ist mit einer Waffenbesitzkarte für Jäger und Sportschützen möglich.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Website zum K98k (französisch) (Memento vom 18. März 2011 im Internet Archive)
  2. Vic Thomas: The Sniper Rifles Of The Red Star. Mosin Nagant M91/30 and Variants. In: mosinnagant.net. Abgerufen am 19. Juli 2015 (englisch).
  3. Mick Toal: The Soviet 91/30 PU – Sniper Rifle of the Red Star. In: russian-mosin-nagant.com. Abgerufen am 19. Juli 2015 (englisch).
  4.  Albrecht Wacker: Im Auge des Jägers. Der Wehrmachts-Scharfschütze Josef Allerberger. 8. Auflage. VS-Books, Herne 2009, ISBN 978-3-932077-27-2, S. 163 ff.
  5. Taliban remain in fear of lethal strikes, writes Chris Masters The Daily Telegraph (Australien), 29. Oktober 2012
  6. British sniper shoots down Canada’s bragging rights
  7. Brit Sniper Makes Double-Kill at 1.54 miles with .338 Lapua Mag, (engl., aufgerufen am 11. Februar 2013)