Scharnier

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Scharnier

Scharnier ist die umgangssprachliche Bezeichnung für ein um eine Achse drehbares Gelenk (Freiheitsgrad f=1), das insbesondere als Beschlag von einfachen Klappen an Möbeln und Behältern verwendet wird. Scharniere an Türen, Fenstern und Kisten werden auch als Bänder bezeichnet.

Einfache Scharniere werden i. d. R. aus zwei Blechstreifen gefertigt, indem jeweils eine Seite zu einer oder mehreren zylindrischen Rollen umgebogen (gerollt) wird. Die Rollen werden so nebeneinander positioniert, dass ein Stift durch das Zentrum der Rollen gesteckt werden kann. Der Stift dient als Achse, um welche sich die Flügel des Scharniers drehen. Platz- und materialsparende Scharniere werden aus dünnem Blech gefertigt und besitzen mehrere nebeneinanderliegende Rollen. Siehe auch Laschenscharnier. Anstelle von Rollen werden auch Ösen verwendet, die sich um die Stiftachse drehen.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine einfache Türe mit zwei Türbändern, die das Türblatt stabilisieren und mit der Zarge verbinden. Ein Ende der Bänder wurde vom Schmied dekorativ aufgebogen, das andere zu einer Rolle geformt.

Das Wort „Scharnier“ wurde im 18. Jahrhundert aus dem Französischen entlehnt. Französisch charnière „Scharnier(gelenk)“ geht seinerseits zurück auf lateinisch cardo „Türangel, Wendepunkt“, von dem auch das Wort kardinal „grundlegend“ abstammt.[1]

Scharnier oder Band[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Begriffe Band und Scharnier werden häufig synonym verwendet. Die Bevorzugung eines der Begriffe in bestimmten Zusammenhängen hat historische Gründe.

Bänder werden traditionell aus Stahlbändern hergestellt und an einem Bolzen oder dem Zapfen einer Angel drehbar befestigt. Scharniere wurden traditionell oft aus Stahlblech gefertigt und besaßen zwei zueinander ähnliche Teile (Bandlaschen), von denen eines fest montiert wurde, während sich das andere auf der gemeinsamen Achse darum bewegen konnte. Die DIN EN 1527 Schlösser und Baubeschläge - Beschläge für Schiebetüren und Falttüren - Anforderungen und Prüfverfahren verwendet den Begriff Scharnier speziell als Beschlag, der zwei Falttüren miteinander verbindet, während Türen ansonsten an Türbändern aufgehängt werden.[2]

Besonders lange Möbelscharniere werden aus Blechbändern gefertigt. Da sie unter anderem verwendet werden, um die Klappe über der Tastatur von Klavieren zu befestigen, werden sie häufig als Klavierband bezeichnet.

Hölzerne Klappen und Deckel sowie Türblätter und Fensterflügel aus Brettern oder Kanteln wurden traditionell zur Stabilisierung häufig mit eisernen Bändern belegt (beschlagen). Diese wurden zugleich auch zur beweglichen Aufhängung der Elemente genutzt, indem die Bänder am Ende zu einer Rolle gebogen wurden. Scharniere an Türen, Fenstern und Klappen werden daher auch heute noch als Bänder bezeichnet. Der Zapfen, der an der Türzarge befestigt wird, um das Band zu tragen, wird auch als Angel bezeichnet.

Ausführungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Türscharniere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Türscharniere bestehen gewöhnlich aus einer Achse und mindestens zwei Buchsen. Zur Befestigung der Scharniere am Türflügel mit Schrauben oder Nägeln sind sie mit gelochten Blechen bzw. Bändern verbunden. An Stahltüren werden die Buchsen auch angeschweißt. Die Seite der Tür, an der sich das Türscharnier befindet, wird Bandseite oder Scharnierseite genannt.[3]

Klappen- und Möbelscharniere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Möbelscharnier oder Möbelband ist ein Drehgelenk, das in der Regel aus mehrgliedrigen Gewerben (Teilen) besteht. Durch ein Möbelscharnier wird eine Möbeltür am Korpus befestigt.

Als Anschlag wird die Kontaktfläche bezeichnet, an der die Klappe oder Möbeltür am Korpus anliegt bzw. anschlägt. Man unterscheidet folgende Anschlagarten:

  • Eckanschlag (Türkante schließt mit der äußeren Ecke des Seitenteils des Möbelkorpus ab)
  • Innenanschlag (die Tür liegt innerhalb des Möbelkorpus)
  • Mittel- oder Zwillingsanschlag (Türkante schließt mittig auf dem Seitenteil)

Neben den im folgenden genannten Bauweisen gibt es verschiedene Spezialscharniere: Winkelscharnier, Weitwinkelscharnier, Alu-Rahmen-Scharnier, Null-Einsprung-Scharnier, Stollenscharnier (um 3 mm erhöhte Grundplatte), Glastürscharnier (26 mm Topfbohrung), Cristalloscharnier (zum Kleben) usw.

Einfaches Scharnier (gerolltes Scharnier)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein gerolltes Möbelscharnier besteht aus zwei Teilen, den Gewerben, die unlösbar mit einem Stift verbunden sind. Häufig ist dieser Stift vernietet. Als Material für die Gewerbe wird Stahl, Edelstahl oder Messing verwendet. Sie weisen die Kröpfung A (gerade) auf.

Stangenscharnier[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Stangenscharnier wird häufig auch als Klavierband bezeichnet. Dieses aus dünnem Blech bestehende bandartige Scharnier wird außer an Klavieren und Flügeln auch bei Möbeln verwendet. Handelsüblich sind eine offene Breite von 16–180 mm und eine Materialdicke von 0,7–3 mm. Es kann in jede beliebige Länge geschnitten werden, eine übliche Länge ist 3500 mm.

Topfscharnier, Topfband[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Topfscharnier dient der verdeckten Montage von Möbeltüren. Es wird auch als Topfband bezeichnet. Am Korpus des Möbelstückes wird die Grundplatte befestigt, an welcher der sogenannte Hebel verschraubt ist. In der Tür wird der Topf in einer flachen Topfbohrung mit großem Durchmesser befestigt. Diese beiden Teile sind durch den Bandarm verbunden. Im Bandarm befindet sich meist eine Feder zum Schließen der Möbeltüre.

Die Topfbohrung hat gewöhnlich einen Durchmesser von 40 mm, 35 mm, 32 mm oder 26 mm (meist 35 mm), daneben befinden sich häufig zwei kleinere Löcher (oft mit 8 mm Durchmesser) zur Arretierung. Der Abstand des Hebels von der Grundplatte wird über Verstellschrauben justiert, die zur Ausrichtung der Möbeltür dienen. Gelegentlich werden die Hebel auch durch Schnappverschlüsse an der Grundplatte befestigt. Nur wenige andere Scharniere oder Bänder können wie die Topfscharniere in allen drei Achsen justiert werden.

Topfbänder unterscheiden sich im maximal möglichen Öffnungswinkel, der Entfernung der Grundplatte zum Topf und der Befestigungsart. Varianten sind die sogenannten Push-Bänder, die durch eine spezielle Feder das automatische Öffnen der Türe erlauben, sowie Silentia-Bänder, die durch eine Dämpfung im Inneren verhindern, dass die Türe beim Schließen an den Rahmen schlägt.

Filmscharniere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Kunststoffbehältern werden gelegentlich Scharniere verwendet, die einteilig mit den beiden zu verbindenden Elementen ausgebildet sind. Solche Scharniere bestehen im Wesentlichen aus einer dünnwandigen Verbindung, oft in Form eines Falzes, die durch ihre Biegsamkeit eine Drehung der verbundenen Teile ermöglicht. Filmscharniere gehen in der Regel mit Wanddickensprüngen einher, sollten aber für den Schmelzfluss und die Spannungsverteilung ebenfalls sanfte Übergänge erhalten.[4] Ein gerne verwendetes Material ist Polypropylen wegen seiner hohen Verschleißbeständigkeit. Filmscharniere sind nur begrenzt belastbar; insbesondere Scherung und verstärkte Belastung der Scharnierenden führen zu Bruch bzw. Riss. Aufgrund ihres Prinzips sind Filmscharniere äußerst kostengünstig in der Herstellung, jedoch bei Defekten nicht austauschbar, wenn sie im Verbund mit dem Grundkörper hergestellt wurden.

Weit verbreitet sind Filmscharniere bei Vorratsbehältern in Küche und Haushalt. Bekannt ist beispielsweise das Filmscharnier am Deckel der Tic Tac-Verpackung.

Rein technisch können Filmscharniere den Festkörpergelenken bzw. Federgelenken zugeordnet werden.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Scharnier – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Scharniere – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Duden online: Scharnier und kardinal
  2. Baunetz_Wissen_Beschläge Scharniere, In: BaunetzWissen.de
  3. DIN 18104-2:2013-05, S. 8
  4. Christian Bonten: Kunststofftechnik Einführung und Grundlagen. Hanser Verlag, 2014.