Schattenbibliothek

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Schattenbibliotheken sind Volltextdatenbanken im Internet, die wie klassische Bibliotheken öffentlich eingesehen werden können und dabei gegen geltende Urheberrechtsbestimmungen verstoßen. Angelehnt an entsprechende Handlungen in Bezug auf Software, Musik oder Filme, ist mitunter auch von „Buchpiraterie“ die Rede. Schattenbibliotheken werden oftmals begründet, um vor dem Hintergrund der sogenannten Zeitschriftenkrise einer breiten Öffentlichkeit den Zugriff zu kostenpflichtiger wissenschaftlicher Literatur zu ermöglichen.[1] Sie sind – neben der politischen Forderung, öffentlich finanzierte Forschungsergebnisse sollten für jedermann frei verfügbar sein (Open Access) – eine weitere Reaktion auf die teilweise exorbitant hohen Preise insbesondere für naturwissenschaftliche Literatur.[2]

Kontroverse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kontroversen um Schattenbibliotheken verlaufen entlang von ähnlichen Linien wie die zum verallgemeinerten Fall der Medienpiraterie. Einerseits stellen Schattenbibliotheken verbreitete Geschäftsmodelle von Verlegern in Frage und werden von dieser Seite problematisiert.[3][4] Auch im Verhältnis zu klassischen Bibliotheken, die wirtschaftlich vom Verlagswesen abhängen und umgekehrt, sind Schattenbibliotheken oft schneller, einfacher zugänglich, umfangreicher ausgestattet und günstiger und werden in der Folge als eine Bedrohung des Bibliothekswesens wahrgenommen.[5]

Projekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als eine der größten Schattenbibliotheken galt im Jahr 2015 das Projekt Library Genesis, das manchmal auch Aleph genannt wird.[5][6] Weitere Schattenbibliotheken sind die Tor-Dienste TorBoox, Imperial Library of Trantor und der Jotunbane’s Reading Club.[7] Das Projekt Sci-Hub sucht stärker als andere Schattenbibliotheken die Öffentlichkeit.[8] Sci-Hub propagiert auch bewusster als andere Projekte den sogenannten Guerilla Open Access.[9]

Rechtliche Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schattenbibliotheken verletzen das Urheberrecht der Autoren bzw. der Verleger oder sonstiger Berechtigter und sind daher rechtswidrig.[4] Klagen von Verlagen ist demzufolge zunehmend stattgegeben worden. Beispielsweise wurde dem Wissenschaftsverlag Elsevier im Sommer 2017 in einem Rechtsstreit gegen Sci-Hub von einem New Yorker Gericht Schadensersatz in Höhe von 15 Millionen US-Dollar zugesprochen.[10]

Die Nutzung von Schattenbibliotheken durch Leser ist dagegen im Schrifttum differenzierter beurteilt worden. Die Diskussion greift in Ermangelung einschlägiger Urteile hierzulande auf Literatur und Rechtsprechung zum Streaming von Filmen aus unrechtmäßigen Quellen zurück.[2]

So ist vertreten worden, das Lesen piratierter Schriften am Bildschirm sei als bloßer Werkgenuss erlaubt, nur das Speichern und das Ausdrucken verstoße gegen das Urheberrecht. Dies deshalb, da letztere nicht „geboten“ im Sinne von § 53 II 1 Nr. 1 UrhG wären.[4] Das Lesen wissenschaftlicher Literatur ist für die Nutzer von Bibliotheken regelmäßig nicht mit besonderen Kosten verbunden. Auch soweit hierfür die Fernleihe genutzt wird, entständen nur geringe Gebühren, die kaum ins Gewicht fielen. Jedoch ist zu bedenken, dass auch der bloße Lesegenuss durchaus einen geldwerten Vorteil darstellt, weil dadurch beispielsweise Aufwendungen für die Nutzung kostenpflichtiger Dienste eingespart werden können, die ebenfalls nur einen Lesezugriff gewähren (§ 44a Nr. 2 UrhG).[4] Der Urheberrechtler Eric Steinhauer kam daher im Jahr 2016 zu dem Schluss, das Lesen von Texten aus der Schattenbibliothek Sci-Hub erfolge „in einer rechtlichen Grauzone“.[4]

Demgegenüber hat der Europäische Gerichtshof im Jahr 2017 in Bezug auf das Betrachten von Filmen aus unrechtmäßiger Online-Quelle eine Urheberrechtsverletzung seitens des Benutzers bejaht.[11] Die Entscheidung ist in der Folge auf Schattenbibliotheken vielfach übertragen worden. So wäre schon der bloße Abruf von Dateien aus einer Schattenbibliothek, auch wenn sie nicht gelesen, gespeichert oder ausgedruckt würden, rechtswidrig.[2]

Hanjo Hamann und Daniel Hürlimann weisen darauf hin, dass die Nutzung von Sci-Hub nach Schweizer Recht wegen der Eigengebrauchsregelung rechtmäßig sei.[12]

Im März 2019 ordnete der Pariser Tribunal de grande instance aufgrund einer Klage von Elsevier und Springer Nature an, dass die französischen Internetzugangsprovider verpflichtet sind, den Zugriff auf Sci-Hub und Library Genesis zu sperren.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michaela Rossini: Schattenbibliotheken, die moralische Verpflichtung des Teilens und das Vermächtnis des Aaron Swartz. Masterarbeit, Universität Innsbruck. 2016, urn:nbn:at:at-ubi:1-5012.
  • John Bohannon: Who's downloading pirated papers? Everyone. In: Science. Band 352, Nr. 6285, 29. April 2016, S. 508–512 (sciencemag.org [abgerufen am 26. November 2017]).
  • Joe Karaganis: Shadow libraries. Access to educational materials in global higher education. The MIT Press, Cambridge, MA 2018, ISBN 978-0-262-53501-4 (mit.edu – Open Access).
  • Joe Karaganis, Balazs Bodo: Russia is building a new Napster — but for academic research. In: The Washington Post. 13. Juli 2018 (washingtonpost.com).
  • Eric Steinhauer: Die Nutzung einer „Schattenbibliothek“ im Licht des Urheberrechts: Einige Überlegungen am Beispiel von Sci-Hub - ein Diskussionspapier. 2016 (fernuni-hagen.de [abgerufen am 25. November 2017]).
  • Dorothea Strecker: Schattenbibliotheken: Ein Krisensymptom der Wissenschaft. In: iRights - Kreativität und Urheberrecht in der digitalen Welt. 11. August 2017 (irights.info [abgerufen am 4. Januar 2018]).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Balázs Bodó, Miriam Ruhenstroth: Schattenbibliotheken: Piraterie oder Notwendigkeit? In: iRights – Kreativität und Urheberrecht in der digitalen Welt. 10. Oktober 2014 (irights.info [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  2. a b c Dorothea Strecker: Schattenbibliotheken: Ein Krisensymptom der Wissenschaft. In: iRights – Kreativität und Urheberrecht in der digitalen Welt. 11. August 2017 (irights.info [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  3. Christoph Cadenbach, Tobias Kniebe: Es war einmal… In: Süddeutsche Zeitung Magazin. Nr. 40, 2011 (sueddeutsche.de [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  4. a b c d e Steinhauer, Eric, W.: Nutzung einer "Schattenbibliothek" im Licht des Urheberrechts: Einige Überlegungen am Beispiel von Sci-Hub - ein Diskussionspapier. 2016 (fernuni-hagen.de [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  5. a b Balázs Bodó: Libraries in the post-scarcity era. FarnhamAshgate9781472431653, 2015, ISBN 978-1-4724-3165-3 (uva.nl [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  6. Ulrich Herb: Wissenschaftsverlag Elsevier klagt gegen Schattenbibliothek. 14. Juni 2015, abgerufen am 4. Januar 2018.
  7. Andre Meister: E-Book-Piraten im Interview: "Die Buchverleger machen genau die selben Fehler wie die Musikindustrie". In: netzpolitik.org. 25. September 2013, abgerufen am 4. Januar 2018.
  8. Ulrich Herb, Timo Grampes: Wissenschaftstexte kostenlos im Netz – Piraterie im Zeichen der guten Sache. In: Deutschlandfunk Kultur. 24. Februar 2016 (deutschlandfunkkultur.de [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  9. Ulrich Herb: Guerilla Open Access und Robin-Hood-PR gegen Marktversagen. 4. März 2016, abgerufen am 4. Januar 2018.
  10. Quirin Schiermeier: US court grants Elsevier millions in damages from Sci-Hub. In: Nature. doi:10.1038/nature.2017.22196 (nature.com [abgerufen am 4. Januar 2018]).
  11. EuGH, Urteil in der Rechtssache C-527/15 – Stichting Brein – vom 26. April 2017 – Pressemitteilung Nr. 40/17Volltext
  12. Hanjo Hamann, Daniel Hürlimann: Open Access bei der Veröffentlichung rechtswissenschaftlicher Fachliteratur – was soll das? In: Hanjo Hamann, Daniel Hürlimann (Hrsg.): Open Access in der Rechtswissenschaft. Nomos, Baden-Baden 2019, ISBN 978-3-7489-0365-9, S. 9–36, 7, doi:10.5771/9783748903659-9 (nomos-elibrary.de [abgerufen am 1. November 2019]).
  13. French ISPs Ordered to Block Sci-Hub and LibGen. In: TorrentFreak. 31. März 2019, abgerufen am 3. April 2019 (englisch, Urteil).