Schauspielhaus (Wien)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Neues Logo (2015)

Das Schauspielhaus Wien ist ein Theater in der Porzellangasse 19 im 9. Wiener Gemeindebezirk Alsergrund.

Seit 1. Juli 2015 ist Tomas Schweigen neuer künstlerischer Leiter. Das aktuelle fixe Ensemble umfasst sieben Schauspielerinnen und Schauspieler aus fünf Europäischen Nationen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schauspielhaus Wien – Ensemble

Die Geschichte des Hauses reicht bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, als im Kellergeschoß von Porzellangasse 19 sich ein Varietébetrieb befand, der dann zu einem der ersten Kinosäle Wiens adaptiert wurde und von 1913 bis 1975 (während des Dritten Reichs arisiert)[1] die Namen Heimat-Kino[2] bzw. Citta 2000[3] trug und im letzten Jahr seiner Existenz 597[4] Sitzplätze bot.

1978–1986

Das Schauspielhaus eröffnete, nachdem Hans Gratzer, (* 1941 in Wiener Neustadt; † 2005 in Rainfeld) Leiter der Theatergruppe Werkstatt (Neues Theater am Kärntnertor), es zum Theaterraum umfunktioniert hatte, am 4. Mai 1978 mit Jean Genets Der Balkon.[5] Mit Klassikerinszenierungen, Gegenwartsdramatik und Musical-Produktionen bespielte Hans Gratzer das Schauspielhaus bis 1986.

1987–1990

Von 1987 bis 1990 leitete George Tabori (* 1914 in Budapest; † 2007 in Berlin) das Schauspielhaus, in dem er sein Theaterlabor „Der Kreis“ nach dem Vorbild von The Actors Studio installierte. Die Eröffnung fand am 5. Mai 1987 mit Eugene O’Neills Der Eismann kommt statt. Mitglieder des wechselnden Ensembles waren unter anderem Therese Affolter, Otto Clemens, Angelica Domröse, Silvia Fenz, Ursula Höpfner, Isabel Karajan, Leslie Malton, Hildegard Schmahl, Michael Degen, Rainer Frieb, Detlef Jacobsen, Hilmar Thate und Vitus Zeplichal. Für die Musik war Stanley Walden, für den Bühnenraum Andreas Szalla zuständig. Als Co-Regisseur wirkte neben Tabori Martin Fried. Tabori inszenierte unter anderem Stalin von Gaston Salvatore. Er wurde dafür mit dem Publikumspreis der Mülheimer Theatertage 1988 ausgezeichnet. Für die Uraufführung von Thomas Braschs Frauen. Krieg. Lustspiel in Koproduktion mit den Wiener Festwochen und den Bregenzer Festspielen erhielten 1988 Tabori die Kainz-Medaille für Regie und Domröse die Kainz Medaille für die Darstellung der Klara. Weitere Höhepunkte waren die Uraufführung von Lears Schatten nach William Shakespeare in Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen 1989 und die Aufführung von Shakespeares Hamlet in Koproduktion mit den Wiener Festwochen 1989/90. Das Theater Der Kreis endete mit Taboris Wechsel an das Burgtheater und der Rückkehr Hans Gratzers ans Schauspielhaus im Jahr 1991.

1991–2001

1991 kehrte Gratzer für eine zweite Direktionszeit bis 2001 ans Schauspielhaus zurück. Als Ur- und Erstaufführungshaus versuchte er, die Bühne als erstrangiges deutschsprachiges Gegenwartstheater zu positionieren. Zu seinen größten Erfolgen zählte die Entdeckung des Dramatikers Werner Schwab. Auch waren österreichische Erstaufführungen britischer Autoren wie Sarah Kane oder Mark Ravenhill zu sehen. In seiner letzten Saison führte Gratzer das Haus gemeinsam mit Martin Haselböck als reines Musiktheater, während im Gassenlokal nebenan eine völlig neue Form des Theaters, „das Schaufenster“, in Szene gesetzt wurde.[6]

2001–2007

2001 wurden Airan Berg (* 1961 in Tel Aviv) und Barrie Kosky (* 1967 in Melbourne) als künstlerische Leiter des Hauses bestellt. Bergs und Koskys interkultureller Ansatz machte das Theater zu einem Ort, der sich diversen Interpretationen unterschiedlichster Kulturen öffnete. Die Aktion „Hunger auf Kunst und Kultur“ wurde 2003 in Kooperation mit der Armutskonferenz initiiert um Kunst und Kultur auch für sozial benachteiligte Menschen zu öffnen. Nach künstlerischen Differenzen mit seinem Codirektor verließ Kosky 2005 das Haus; Airan Berg führte es bis 2007 als internationale Koproduktionsbühne. 2005 starteten Schauspielhaus und Universität Wien (Fakultät für Bildungswissenschaften) mit Theater für Alle (siehe auch: Kultur für alle) ein Projekt, das für Blinde und Sehbehinderte die Erschließung von Theater durch ausgebildete Kulturassistenten zum Ziel hat.[7]

2007–2015

Von 2007 bis 2015 war Andreas Beck (* 1965 Mülheim an der Ruhr) künstlerischer Leiter des Schauspielhauses. Das Schauspielhaus verstand sich unter seiner Leitung als Theater des Zeitgenössischen, als Autorentheater im „klassischen“ Sinn. Der Fokus lag dabei auf junger und jüngster Dramatik. Andreas Beck wurde für den Neustart im Schauspielhaus Wien mit dem Nestroy Spezialpreis 2008 ausgezeichnet.

Weitere Nestroy-Auszeichnungen folgten: Den Autorenpreis 2010 (Bestes Stück) gewann Kathrin Röggla für „worst case“ in der Inszenierung von Lukas Bangerter. 2011 war Franziska Hackl Gewinnerin in der Kategorie Bester Nachwuchs als Flora in Grillenparz von Thomas Arzt. In der Kategorie Bester Schauspieler wurde im selben Jahr Max Mayer in der Rolle des Jägers/Fischers in Grillenparz sowie in verschiedenen Rollen in Bruno Schulz: Der Messias von Malgorzata Sikorska Miszuk ausgezeichnet. 2014 ging der Autorenpreis (Bestes Stück) an David Greig für „Die Ereignisse“ in der Uraufführung/Deutschsprachigen Erstaufführung von Ramin Gray. Den Nestroy für die Beste Ausstattung 2015 nahm Ivan Bazak für „Johnny Breitwieser“ entgegen, der Hauptdarsteller Martin Vischer war als bester Schauspieler nominiert.

Seit 2015

Seit Juli 2015 ist Tomas Schweigen (* 1977 in Wien) künstlerischer Leiter des Schauspielhauses, den Fokus legt er seitdem auf innovative Formen der Autorenschaft, offene Arbeitsformen und progressive, junge Regiehandschriften. Jan-Christoph Gockel war 2016 mit „Imperium“ nach dem Roman von Christian Kracht für den Nestroypreis in der Kategorie Beste Regie nominiert. In der Spielzeit 2016/17 wurden zum ersten Mal in der Geschichte des Hauses gleich zwei Inszenierungen, die immersive Dauerperformance „Cellar Door“ und „Imperium“, für das Berliner Theatertreffen nominiert. Im gleichen Jahr war die Produktion „Città del Vaticano“ von Falk Richter/Nir de Volff zu den Lessingtagen des Thalia Theaters Hamburg und „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt“ von Miroslava Svolikova (Regie: Franz-Xaver Mayr) zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen. Auch in den darauffolgenden Spielzeiten wurden jeweils mehrere Produktionen zu Festivals eingeladen und für Preise nominiert: So wurde die Uraufführung von Thomas Köcks „Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!)“ (Regie: Thomas Köck, Elsa-Sophie Jach) für den Nestroypreis in der Kategorie Beste Regie nominiert und die Uraufführung von Enis Macis „Mitwisser“ zum Festival Stücke. Mülheimer Theatertage NRW 2019 und zu den Autorentheatertagen in Berlin eingeladen. Lucia Bihlers Roman-Adaption „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse gastierte 2019 beim Regie-Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater. Insgesamt gastierte das Schauspielhaus zwischen 2017 und 2019 dreimal in Folge bei den Berliner Autorentheatertagen.

Ensemble[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das aktuelle Ensemble unter dem künstlerischen Leiter Tomas Schweigen besteht aus Simon Bauer, Vera von Gunten, Jesse Inman, Steffen Link, Sophia Löffler, Clara Liepsch, Til Schindler und Sebastian Schindegger – drei Schauspielerinnen und fünf Schauspieler aus vier Europäischen Ländern.

Haus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Raum ist trotz dominanter Architektur – der eine Hälfte des Theatersaales bestimmende Balkon wird von zwei Säulen getragen, die etwa mittig den Saal auf 9,6 m verengen – auf vielfältige Weise bespielbar. Sowohl Prosceniumsituationen als auch Raumbühnen können mit den flexiblen technischen Einrichtungen aufgebaut werden. Der Saal mit seinem alten, säulengetragenen Zuschauer-Balkon, fasst maximal 220 Zuschauer.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Schauspielhaus Materialien. (Periodikum; Erscheinungsverlauf: 1.1983–14.1985 nachgewiesen). Schauspielhaus, Wien.
  • Annemarie Türk (Idee und Koord.), Karin Kathrein (Vorwort): Schauspielhaus. 1978–1986. Löcker, Wien 1986, ISBN 3-85409-102-8.
  • Wolfgang Reiter, Heinz Rögl (Mitarb.): Wiener Theatergespräche. Über den Umgang mit Dramatik und Theater. Jelinek, Gratzer, Kirchner, Stolz, Beil, Löffler, Quitta, Werner, Schwab, Palm. Falter, Wien 1993, ISBN 3-85439-095-5.
  • Schauspielhaus Wien: Zeitung für Krieg und Frieden. (Periodikum; Erscheinungsverlauf: 1.1999–2.2000 nachgewiesen). Schauspielhaus-Betriebsges.m.b.H., Wien.
  • Hans Gratzer (Hrsg.): Schauspielhaus-Schaufenster. Eine Dokumentation. Das Autoren-Schaufenster 2000/01 im Wiener Schauspielhaus in Wort und Bild und die Daten der Schauspielhaus-Produktionen von 1978 bis 1986 und von 1991 bis 2001. Schauspielhaus Betriebsgesellschaft, Wien 2001, ISBN 3-902219-00-9.
  • Doris Schrenk: Kinobetriebe in Wien. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien 2009. – Volltext online (PDF; kostenfrei 1 MB).
  • Alexandra Sommer, Irmgard Maria Fuchs: Theater der Gegenwart – neue Dramatik. Diskursive Annäherung anhand des Schauspielhauses Wien, Spielzeit 2007/2008, und der österreichischen AutorInnen Gerhild Steinbuch, Händl Klaus, Ewald Palmetshofer und Johannes Schrettle. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien 2009. – Volltext online (PDF; kostenfrei, 1,5 MB).
  • Petra Paterno: Lichterloh. Das Wiener Schauspielhaus unter Hans Gratzer 1978 bis 2001. (Edition Theater, Band 3). Edition Atelier, Wien 2013, ISBN 978-3-902498-69-4.
  • Hannes Wurm: das Schauspielhaus Schaufenster. Beschreibung einer Form des neuen Theaters. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien 2003.  – Volltext online (PDF; kostenfrei, 1 MB).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Schauspielhaus Wien – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schrenk: Kinobetriebe in Wien, S. 47.
  2. Alfred Wolf, Helga Maria Wolf: 9. Im oberen Werd. In: austria-lexikon.at, 16. Juli 2012, abgerufen am 4. September 2012.
  3. Verein artminutes: KinTheTop. (…) Heimat Kino – Citta 2000 (1913-1975). In: kinthetop.at, abgerufen am 4. September 2012.
  4. Schrenk: Kinobetriebe in Wien, S. 97.
  5. Fritz Walden: Schauspielhauseröffnung in der Porzellangasse mit Genets „Der Balkon“: Illusion und Scheinwirklichkeit. In: Arbeiter-Zeitung. Wien 6. Mai 1978, S. 14 (arbeiter-zeitung.at – das offene Online-Archiv – Digitalisat).
  6. Hannes Wurm: das Schauspielhaus Schaufenster. Beschreibung einer Form des neuen Theaters. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien 2003. – Volltext online (PDF; 1 MB).
  7. Elisabeth Scheicher: „Theater für Alle“. Die Realisierung einer Vision. Diplomarbeit. Universität Wien, Wien 2012. – Volltext online (PDF; 0,8 MB).

Koordinaten: 48° 13′ 12″ N, 16° 21′ 41″ O