Schauspiel Hannover

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Das Schauspiel Hannover bildet gemeinsam mit der Staatsoper Hannover die Niedersächsische Staatstheater Hannover GmbH. Es bietet dem Publikum Theater, Unterhaltung und Musik an fünf verschiedenen Orten. Neben dem Schauspielhaus gehören dazu Cumberlandsche Bühne, Cumberlandsche Galerie sowie in der Altstadt Ballhof Eins und Ballhof Zwei.

Schauspielhaus Hannover

Spielstätten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spielstätten in der Prinzenstraße[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schauspielhaus

Eingangsbereich des Schauspielhauses

In der Prinzenstraße nahe dem Hauptbahnhof steht seit 1992 die Hauptspielstätte des Schauspiels. Der Bau des Schweizer Architekten Claude Paillard besteht aus Stahlbeton und ist mit weiß lackierten Aluminiumplatten verkleidet. Er bietet auf Rängen und Parkett Platz für 630 Zuschauer.

Auf der sogenannten Großen Bühne wird traditionell das erste Stück der neuen Spielzeit präsentiert, thematisch nimmt sich die Spielstätte vergangener Epochen durch Autoren wie Kleist, Shakespeare, Tolstoi oder Ibsen ebenso an wie zeitgenössischen Stücken von Juli Zeh oder Rimini Protokoll.

Im angrenzenden historischen Gebäudeteil, der über den Theaterhof zu erreichen ist, befinden sich zudem die Cumberlandsche Galerie (bis zu 85 Plätze) und die Cumberlandsche Bühne (bis zu 198 Plätze), die ebenfalls als Spielorte dienen. Über das Foyer erreicht man zudem das Theatermuseum, welches neben aktuellen Ausstellungen auch kontinuierlich das Theatergeschehen des Hauses dokumentiert und archiviert.

Cumberlandsche Bühne

2009 hat mit der Intendanz von Lars-Ole Walburg in den Räumen an der Prinzenstraße die Cumberlandsche Bühne eröffnet. Bis dato wurde sie lediglich als weitere Probebühne genutzt. Sie ist der neue Spielort für Gegenwartsdramatik, Projekte und Adaptionen mit knapp 200 Plätzen. Junge, preisgekrönte Dramatiker wie Nis-Momme Stockmann („Der Freund krank“) oder Katja Brunner mit „Von den Beinen zu kurz“ wurden dort zum Teil uraufgeführt, umgesetzt werden aber auch Projekte des Zeitgeschehens wie „Soldaten“ von Harald Welzer und Sönke Neitzel oder „Sie können das alles senden. Reden in der Demokratie“ von Christoph Frick.

Cumberlandsche Galerie

Das unter Denkmalschutz stehende Galerie-Treppenhaus wird sowohl für Aufführungen und Lesungen als auch für Partys und Gastronomie genutzt. Die Cumberlandsche Galerie wurde zwischen 1883 und 1886 als Erweiterung des Museums für Wissenschaft und Kunst gebaut. Da darin überwiegend Kunstschätze der Welfen ausgestellt werden sollten, trägt sie den Namen des letzten hannoverschen Kronprinzen, der sich seit 1878 Herzog von Cumberland nannte. Der Charme der Galerie liegt besonders in ihrem großen Treppenhaus, das durch seine dreiläufige Treppe mit gusseisernen Stützen und Geländern geprägt ist. Je nach Bedarf können unterschiedliche Ebenen im Treppenhaus bespielt werden. So wird für die Zuschauer bei Judith Schalanskys „Hals der Giraffe“ eine Ebene zum Klassenzimmer, „Böser Hund“ dagegen nutzt für sein Bühnenbild zwei Geländer und die entsprechenden Treppenaufgänge. Die Galerie bietet damit eine hervorragende Möglichkeit für kleinere Projekte und Darstellungsformate, auch vielfach genutzt in der regelmäßigen „Montagsbar“.

Spielstätten in der Altstadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ballhof

Sowohl Ballhof Eins als auch Ballhof Zwei werden von Jungem Schauspiel und Junger Oper genutzt und bespielt. Gegründet wurde das Junge Schauspiel 2000 unter der Intendanz von Wilfried Schulz. Das Junge Schauspiel Hannover bietet in der hannoverschen Altstadt in Ballhof Eins (250 Plätze) und Ballhof Zwei (150 Plätze) Schauspiel für alle Generationen, aber auch mit einem verstärkten Fokus auf der Theaterarbeit mit und für Jugendliche und Schulen. Unter der Intendanz von Lars-Ole Walburg setzt das Schauspiel Hannover seit Herbst 2009 weiterhin verstärkt auf entsprechende Projekte und Kooperationen in diesem Bereich. So werden theaterpädagogische Projekte unter anderem durch die Region Hannover gefördert, und mit Hilfe des Kooperationspartners enercity konnten über ein jeweils eigens entwickeltes Konzept Inszenierungen wie „Coraline“ oder „Candide“ umgesetzt werden.

Ballhof Eins

Ballhof Eins

Der Ballhof war ursprünglich eine Sporthalle, in der man dem damals üblichen Ballspiel, einer Art Federball, ungestört von Wind und Wetter nachkommen konnte. Gebaut wurde er zwischen 1649 und 1664 unter Herzog Georg Wilhelm auf dem Gelände des ehemaligen St.-Gallen-Hofs. Später wurde er mehrfach verkauft und diente bis zum Zweiten Weltkrieg unter anderem als Versammlungshalle, Lichtspielhaus, Auktionshaus, Möbellager und Spielstätte städtischer Bühnen.

Nach 1945 wurde der Ballhof wieder als Theater genutzt, 1975 ließ Architekt Thilo Mucke den Saal und die Bühne modernisieren und das Foyer als Stahl-Glas-Bau mit Kupferdach neu bauen. Auf dem Spielplan stehen dort mit „Die Verwandlung“ von Kafka oder „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg Stücke, die auch als Diskussionsstoff im Unterricht geeignet sind. Mit den „Mythen der Freiheit“, einem Theaterkonzert der Band Rainer von Vielen, dem „Black Rider“ von Burroughs und Waits, sowie dem 2014/15 kommenden „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann oder GoethesTorquato Tasso“ präsentiert der Ballhof aber auch, ebenso wie die anderen Spielstätten, Stoffe für unterschiedliche Jahrgänge und Interessen.

Ballhof Zwei

Ballhof Zwei

Der Ballhof Zwei diente zunächst als Probebühne für den Ballhof und wurde 1990 von Thilo Mucke als polygonaler, vorspringender Bau an der Ecke Knochenhauer- und Ballhofstraße gebaut. Später wurde er auch als kleinere Spielstätte eingesetzt, mittlerweile ist er fester Bestandteil im Spielplan. Als die kleinere der beiden Bühnen eignet er sich besonders für Produktionen mit entsprechend kleineren und flexibleren Bühnenbildern. Mit Produktionen wie „Süd Park“, „Tschick“ und „Schillers Räubern“ wird die thematische Bandbreite von Comic-Serie über Jugendroman bis zum Klassiker abgebildet. Im Gebäude ist darüber hinaus das Ballhof Café untergebracht, das regelmäßig von Jugendlichen betrieben wird. Außerdem treffen sich und proben dort unter Anleitung von Profis aus den Bereichen Schauspiel, Regie, Bühne, Kostüm und Technik die verschiedenen Balljugend-Clubs.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hoftheater und Schauburg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Sprechtheater in Hannover hatte es bereits unter Georg V. (1819–1878) am Hoftheater nicht leicht, weil die Musik das künstlerische Geschehen bestimmte und das Schauspiel über die Grenzen der Stadt hinaus keine Aufmerksamkeit weckte. Einige Jahrzehnte änderten auch diverse Intendantenwechsel daran nichts.

Um 1900 gab es ein großes Umdenken in der deutschen Theaterlandschaft. Der Naturalismus fand Eingang in die Bühnen und Regieideen, Ausstattung und Dramaturgie gewannen an Wert. Hannovers Schauspiel verpasste diesen Schritt, und so forderte der Kritiker Johann Frerking 1911 drastische personelle Maßnahmen, die sogar umgesetzt wurden. Schauspieldirektor wurde Rolf Roenneke, Intendant Willy Grunwald und Kritiker Frerking selbst Dramaturg. Der Spielplan wurde generalüberholt und das Publikum mit Schiller, Kleist und Ibsen begeistert. Eine weitere Forderung war die räumliche Trennung von Oper und Schauspiel.

Schauburg, Ansichtskarte Nummer 1101 von Karl F. Wunder

So pachtete die Stadt Hannover 1911 vom preußischen Staat die Schauburg in der Hildesheimer Straße und nutzte sie als eigene Bühne für das Schauspiel. 1925 kaufte die Stadt das Gebäude sogar und benannte es in Schauspielhaus um. Gemeinsam mit der Oper im Lavesbau bildete das Schauspielhaus nun die „Städtischen Bühnen“ Hannovers, ehe 1943 beide Gebäude dem Krieg nicht standhalten konnten und zerfielen. 800 Zuschauer hatten in der Schauburg Platz, das Theater war beim Publikum äußerst beliebt. Dem Schauspiel Hannover gelang der Anschluss an das deutsche Theatergeschehen also doch noch, was allerdings dem Städtischen Theaterausschuss zu schnell gegangen war. Daher wurden Dramaturg Frerking und Schauspieldirektor Roenneke 1926 wieder entlassen. Georg Altman leitete nun das Schauspiel, schied aber mit der Machtergreifung Hitlers sofort wieder aus. Nachfolger wurde Alfons Pape.

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges ging der Theaterbetrieb wie zuvor weiter, doch 1943 wurde das Opernhaus durch Bombenangriffe zerstört. Ersatzspielstätte war zunächst das Schauspielhaus, dann das Galeriegebäude Herrenhausen. Noch vor der Zerstörung des Schauspielhauses wechselte die Leitung von Oper und Schauspiel. Heinrich Koch wurde Schauspieldirektor. In der Bombennacht vom 8. auf den 9. Oktober 1943 wurde das Schauspielhaus dann aber zerstört, und das Ensemble zog um in den Ballhof. Aus Angst vor den meist nächtlichen Fliegeralarmen begannen Vorstellungen häufig schon am Nachmittag. Am 1. September 1944 war auch diese Idee hinfällig, da alle Theater Deutschlands geschlossen wurden.

Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Interimsspielstätte Galeriegebäude im Großen Garten

Kurt Ehrhardt übernahm nach Kriegsende die Leitung des Schauspiels. Große Teile des Ensembles fanden wieder zurück, und im September 1945 wurde zunächst im Galeriegebäude Herrenhausen, dann erneut im Ballhof mit großem Erfolg wieder Theater gespielt. 1965 wurde Franz Reichert der Nachfolger Ehrhardts. Das Staatsschauspiel nutzte für besonders große Aufführungen das Theater am Aegi, im Künstlerhaus wurde gespielt und auch die Humboldt- und Leibnizschule waren Spielorte. Intendant Reichert wurde mit der Zusage nach Hannover geholt, dass in der Nähe des Bahnhofs ein Schauspielhaus gebaut werden würde. Obwohl dieses Versprechen nicht eingehalten wurde, blieb Reichert und begeisterte das Publikum.

1958 fasste der Rat der Stadt den Beschluss, dass ein Neubau errichtet werden sollte. Trotz erfolgreicher Architektenwettbewerbe scheiterten zunächst zwei Anläufe, ein Schauspielhaus zu bauen, da es der Stadt Hannover an Geld mangelte. Die 1966 gegründete „Gesellschaft der Freunde des hannoverschen Schauspielhauses“ bemängelte unentwegt das Fehlen eines Schauspielhauses und setzte sich für einen Neubau ein. Doch auch diese Bemühungen zeigten in den nächsten Jahren zunächst keine Auswirkungen.

Frischen Wind in Hannovers kulturelles Leben brachte dann der neue Schauspieldirektor Herbert Kreppel (1975). Es folgte Alexander May, der selber auch oft auf der Bühne stand. 1988 beauftragte der Rat der Stadt (1978–1988) dann ein Architektenbüro mit den konkreten Planungen für eine Bühne mit 900 Sitzplätzen. Aufgrund weiterhin fehlender finanzieller Mittel konnte allerdings erst Nachfolgeintendant Eberhard Witt das neue Schauspielhaus in der Prinzenstraße, dessen Bau insgesamt 64 Millionen Mark gekostet hatte, eröffnen.

Schauspiel Hannover im Neubau Prinzenstraße[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fassade des Schauspielhauses

Durch einen Kulturvertrag der Stadt Hannover mit dem Land Niedersachsen wurde nach den Plänen des Schweizer Architekten Claude Paillard das Schauspielhaus in seiner heutigen Form erbaut und Ende November 1992 eröffnet. Mit Eberhard Witt kam ein fast komplett neues Ensemble ins hannoversche Theaterleben. Auch unter dem folgenden Intendanten Ulrich Khuon (1993), welcher sich stärker auf das zeitgenössische Theater konzentrierte, wurde auf verschiedenen Bühnen gespielt: Im Schauspielhaus, im Ballhof, auf der Probebühne im Ballhof und in der Cumberlandschen Galerie.

Seit 1998 beteiligt sich das Schauspielhaus Hannover zudem an der Ausrichtung des ursprünglich in Braunschweig gegründeten Festivals „Theaterformen“, das seit 2007 jährlich wechselnd in einer der beiden Städte durchgeführt wird.

Seitdem hat sich Zahl der Spielstätten weiter erhöht: Mit Antritt von Intendant Wilfried Schulz und der Gründung des Jungen Schauspiels im Jahr 2000 wurde die Probebühne im Ballhof zum regulären Ballhof Zwei, Lars-Ole Walburg funktionierte bei Amtsantritt 2009 die Probebühne im Cumberlandschen Gebäude zum offiziellen Spielort Cumberlandsche Bühne um.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der von dem Schweizer Architekten Claude Paillard entworfene Bau in der Prinzenstraße in Hannover ist ein mit Aluminiumplatten verkleideter Stahlbetonbau im futuristischen Stil. Der im Obergeschoss gelegene Zuschauerraum bietet 630 Zuschauern Platz.

Der sachlich-moderne Neubau integriert einige erhaltene Teile der 1883–1886 vom Architekten Otto Goetze als Kunstmuseum für den Herzog von Cumberland Ernst August erbauten Cumberlandschen Galerie. Heute finden im denkmalgeschützten historischen Treppenhaus ebenfalls Aufführungen statt.

In den Neubau integriert wurde auch das 1928 gegründete Theatermuseum Hannover, das ursprünglich in einem Seitenflügel des Opernhauses untergebracht war.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den vergangenen Jahren verzeichnete das Schauspiel Hannover diverse Auszeichnungen, die an eigene Produktionen oder im weiteren Sinne an kooperierende Regisseure oder Autoren des Hauses gingen.

So erhielt der Dramatiker Nis-Momme Stockmann für sein Werk „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“ den Dramatikerpreis der Deutschen Wirtschaft 2014. Das Stück behandelt den privaten und beruflichen Niedergang eines zweifelnden Bankers, wurde in Hannover uraufgeführt und eröffnete die Spielzeit 2012/2013 sowie die Mülheimer Theatertage 2013.

Den Hoffmann-von-Fallersleben-Preis 2014 der gleichnamigen Gesellschaft erhielt Juli Zeh. Mit diesem Preis werden Autoren geehrt, „deren literarisches, historisches und publizistisches Werk in seinem Sinn eigenständiges Denken beweist und andere dazu ermutigt“. Ihr Theaterstück „Corpus delicti“ hatte im März 2014 Premiere in Hannover.

Im Jahr 2013 wurde Regisseurin Mina Salehpour in der Kategorie Regie Kinder- und Jugendtheater mit dem renommierten Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet. In Hannover inszenierte sie bereits 2012 „Fatima“ und 2013 das Familienstück „Peter Pan“.

Vielfach gerühmt und ausgezeichnet wurde 2013 auch Katja Brunner. Das Stück der Dramatikerin „Von den Beinen zu kurz“ behandelt Inzest und Missbrauch, erhielt in der Inszenierung von Heike M. Goetze den Mülheimer Dramatikerpreis, und die Deutsche Erstaufführung fand im Januar 2013 in Hannover statt. In seinem Jahresrückblick „Theaterhits 2013“ kürte „spiegel online“ Text und Inszenierung ebenfalls zu einem der besten fünf Stücke des Jahres.

Das botanische Langzeittheater „Die Welt ohne uns“, das am Schauspielhaus Hannover über fünf Jahre in 15 Akten inszeniert wird, wurde als ausgewählter Ort im Wettbewerb Deutschland – Land der Ideen 2012 ausgezeichnet. Der Preis wird an beispielhafte Projekte aus Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft verliehen, die ungewöhnliche Ideen verwirklichen. Als Preis wurde im Rahmen einer Preisverleihung am 22. April 2012 eine Plexiglas-Statue an die beiden künstlerischen Leiter des Projekts, Aljoscha Begrich und Tobias Rausch, verliehen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Schauspielhaus Hannover – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 52° 22′ 24″ N, 9° 44′ 39″ O