Scheibenschlagen

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Relief vom „Schiibeschlage“ am Schuttigbrunnen in Elzach
(Erwin Krumm, 1967)

Das Scheibenschlagen ist ein Brauch in Mitteleuropa, bei welchem glühende Holzscheiben mit Hilfe von Stecken von Berghängen ins Tal geschleudert werden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scheibenschlagen vor dem Nachthimmel über dem Unterland

Erstmals urkundlich bezeugt ist das Scheibenschlagen bereits im Jahr 1090: durch eine geschlagene brennende Scheibe wurde am 21. März 1090 ein Nebengebäude des Klosters Lorsch in Brand gesetzt.[1]

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentrum der Brauchausübung sind heutzutage der schwäbisch-alemannische Raum, der Südtiroler Vinschgau und Vorarlberg. In Tirol, wo der Brauch früher weit verbreitet war, wird er nur noch in der Gegend um Landeck und im hinteren Virgental aktiv ausgeübt, ist aber in vielen Flurbezeichnungen erhalten geblieben (Scheibschlagalm im Brixental, Scheibenbichl in Imst usw.).[2]

Besonders verbreitet ist der Brauch in und um den südlichen Teil der Oberrheinischen Tiefebene, im Schwarzwald (dort in Bernau werden sogar während einer ganzen Woche – bis auf Aschermittwoch – Scheiben geschlagen[3]), Breisgau, Baselbiet und Elsass sowie in Vorarlberg, Teilen West- und Südtirols sowie im Bündner Oberland (Breil) und im Churer Rheintal (Untervaz). Der nördlichste Ort, an dem das Scheibenschlagen noch heute aktiv betrieben wird, ist der Kämpfelbacher Ortsteil Ersingen in Nordbaden. Darüber hinaus ist das Scheibenschlagen auch bei den „Sathmarer Schwaben“ in Nordrumänien bekannt.[4]

Ausübung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Brauch wird am ersten Fastensamstag oder Fastensonntag zur Osterzeit abgehalten. Dieser Tag trägt, je nach Region, unterschiedliche Namen: Funkensonntag, Holepfannsunntag, Kassunnti (Käsesonntag), Küachlisunntig, Küechlesonntag Alti Fasnet. Eine Ausnahme bildet Bernau im Schwarzwald, wo bis zu acht Scheibenfeuer die ganze Fasnachts­woche (außer Aschermittwoch) brennen. Im Elztal im Schwarzwald und angrenzenden Seitentälern findet das Scheibenschlagen traditionell am Sonntag Laetare statt.

Veranstaltet wird das Scheibenschlagen meist von Vereinen, Funkenzünften, Pfadfindern oder der Freiwillige Feuerwehr; im Alemannischen Sprachgebiet ortsweise traditionell auch von den Konfirmanden des Jahrgangs.

In Danis und Dardin (Graubünden) heißt der Brauch trer schibettas (rätoromanisch für Scheibenschlagen). Hier wird das Scheibenschlagen durch die so genannte Jungmannschaft organisiert. Alle Knaben ab der 3. Klasse und alle ledigen Männer aus dem Dorf dürfen am trer schibettas teilnehmen. Der Spruch beim Scheibenschlagen lautet: Oh tgei biala schibetta per la ...(Name eines Mädchens)! Übersetzt: Oh welche schöne Scheibe für die ...(Name)! Bei missratenen Scheiben wird z.B.: Oh tgei tgagiarar per il scolast gerufen. In Untervaz (CH-Graubünden) ist der Brauch nur für Knaben und ledige Männer sowie für Väter mit kleinen Knaben gedacht; dort gilt der Name Schybaschlaha – das dort gebräuchliche Dialektwort für Scheibenschlagen.

Im Elsass heißt der Brauch Schieweschlawe; im manchen Dörfern des elsässisch-schweizerischen Leymentals wird er auch Reedlischwinge (Rädchen schwingen) genannt.

Der Ort, an dem das Feuer entzündet wird und die Scheiben geschlagen werden, heißt in vielen Orten Scheibenbühel oder Scheibenfelsen.

Vorbereitungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nicht nur das eigentliche Scheibenschlagen, sondern auch das Holzsammeln durch junge Männer, meist die jeweiligen Rekruten oder auch die Konfirmanden des Ortes, war in manchen Regionen mit Ritualen begleitet: In der Ortenau z. Bsp. wie in Rammersweier zogen diese noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit einem Karren durch den Ort und sangen dabei in psalmodierendem Ton:

Wohl, Wohl Waihe,
Soll, soll saihe!
Gän mer au e Schierli
Zu unserm schöne Fierli!
Glück ins Hüs,
Serme rüs!
Alles guet, was ’r gän:
E Serme od’r e’ Well.[5][6]

(Waihe: Wehen (der geschwungenen Fahne); saihe: sagen; Schierli: etwas zum Schüren des Feuers; Fierli: Feuer; gän: gebt; Serme: Bündel aus Rebholz; Well: Bündel aus Reisig)

Die Veranstaltung wird meist bereits am späten Nachmittag eingeleitet, indem sich die Bewohner der Ortschaften treffen und warme Getränke und regional unterschiedliche Gebäcke konsumieren. Im alemannischen Raum wird sie auch teilweise traditionell mit einem Fackelzug eingeleitet.

Scheibenschlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scheibenschlagen:
1.) Scheibenschläger
2.) Scheibenbock
3.) Die glühende Scheibe wird am Stock geschwungen, dann
4.) flach an den Bock geschlagen, sodass sie
5.) wie eine Sternschnuppe in den Nachthimmel fliegt.

Das Scheibenschlagen beginnt in der Abenddämmerung. Jede Scheibe wird entweder mit einem Gruß des Schlägers an eine andere Person oder mit einem kleinen Vers in die Dunkelheit geschleudert. In manchen Gegenden ist die Veranstaltung beendet, wenn alle Haushalte ihre Scheibe samt Gruß geschleudert haben und keine Scheiben mehr verfügbar sind (was z. T. sehr lange dauern kann). In Mals im Obervinschgau und Umgebung wird am selben Tag ein ca. 12 m langer Baumstamm, „Hex“ genannt, mit einem Querbalken in Form eines Kreuzes mit Stroh umwickelt, außerhalb des Dorfes auf einer kleinen Anhöhe aufgestellt und nach Anbruch der Dunkelheit entzündet.

Nachdem man alle „Scheiben“ aufgebraucht hat, beginnt der Fackelzug ins Dorf. Danach gehen die Knaben zu den Mädchen nach Hause und werden dort bis in die Morgenstunden bedient. In Danis etwa kehren die Jugendlichen ins Dorf zurück und besuchen in kleinen Gruppen alle Mädchen im Dorf.

Sprüche beim Schleudern der Scheibe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alemannischer Raum:

  • Schiebi, schiebo, die Schieebe soll go, die Schiebe soll suure, em [Name des Opfers] an d’ Schnurre (Scheibi, scheibo, die Scheibe soll gehen, die Scheibe soll surren, dem [Name des Opfers] auf die Schnauze.)
  • Schiebi, schiebo, wem soll die Schiebe go? Die Schiebe soll em ... go. Goht sie it, so gilt sie it. (Scheibi, scheibo, für wen soll die Scheibe gehen? Die Scheibe soll für [...] gehen. Geht sie nicht, so gilt sie nicht.)
  • Schiebi schiebi deberle, wem sot die Schiebe käre? – Fliegt se ned, so gilt se ned, so kärt se keiner Jungfrau ned. Die Schiebe sod de ... [bei gutem Flugverlauf: Frauennamen bzw., wenn sie gleich zu Boden geht: im Raibur) kääää... [bis sie aufschlägt] ...re. (Scheibe, Scheibe, Kreisel, wem soll die Scheibe gehören? – Fliegt sie nicht, so gilt sie nicht, so gehört sie keiner Jungfrau nicht. Die Scheibe soll der [zugedachter Frauenname, bzw. bei schlechtem Flug: dem Räuber] gehööö... [bis zum Aufschlag] ...ren.)
  • Haslach-Schnellingen: D’ Kiechlepfonn het a Bei ab, die Schieb die rollt de Rei nab. Wem soll die Schiebe käre? oder Schiebi schiebe schiebo, wo no soll die Schiebe no? ... Goht se net, so gilt se net.
  • Rammersweier (Offenburg): Schieb (Scheibe), Schieb über de Rhin (Rhein) für wenn soll die Schieb sin? Die Schieb soll für ... sin

Graubünden (Rätoromanischer Sprachraum):

  • Untervaz: Dia Schiiba, dia Schiiba, dia ghört, dia ghört, dr [Mädchenname]! Hoit und dera sei si! (Die Scheibe, die Scheibe, die gehört der [(zugedachter [Mädchen]name]! Heute und der sei sie!)
  • Danis: Oh tgei biala schibetta per la [Mädchenname]! (Oh, welche schöne Scheibe für die [Mädchenname])! – Bei missratenen Scheiben: Oh tgei tgagiarar per il scolast

Tirol / Südtirol:

  • Dia Scheiba, dia Scheiba, dia will i iatz treiba, Schmolz in dr Pfonna, Kiachli in dr Wonna, Pfluag in dr Eard, dass dia Scheiba weit außi geat! (Scheibe, Scheibe, dich will ich nun treiben, Schmalz in der Pfanne, Küchlein in der Wanne, Pflug in der Erde, dass die Scheibe weit raus gehen möge)
  • Südtirol: Scheib, Scheib, weim keart (gehört) dia Scheib? Dia Scheib keart in [Name]. Geat sie guat, hot er’s guat, geat sie letz (schlecht) , konn i a nit drfir (kann ich auch nichts dafür). Schaug, wia es Scheibele ausigeat (hinausgeht).
  • Vinschgau, Mals (Obervinschgau): Oh reim, reim, va wem weard eppar dia Scheib sein? – Dia Scheib’ und mei Kniascheib’ kearn dem Hanssmerl und der Seffa zun a guate Nocht, bis die Bettstatt krocht. Geaht sie guat, hobn si’s guat, schaug, wia mei Scheibele ausigeat (Oh, reim, reim, von wem wird denn die Scheibe sein? – Die Scheibe und meine Kniescheibe gehören dem Hanssmerl und der Josefa für eine gute Nacht, bis die Bettstatt kracht. Geht sie gut, haben sie’s gut, schau, wie meine Schiebe hinausgeht; in verschiedenen Variationen)
Oh rax dax, nimms ban Hax, nimms ban Zeach, schaug, wia mei Scheibele aussi geat! (Oh rax dax, nimm’s bei den Beinen, nimm’s bei den Zehen, schau, wie mein Scheibele hinaus geht!)
  • Schluderns: Oh reim, reim, fir wem weard denn dia Scheib sein? Dia Scheib’ und mei Kniascheib’, dia soll in Pforrer und der Haiserin zua sein. Hot’s es it guat, tuat’s es it guat, solls mir und mein Scheibele nit verribl hobn. Korn in der Wonn, Schmolz in der Pfonn, Pfluag untert Eart, schaug wia mei Scheibale aussi geat! (Oh reim, reim, für wen wird denn die Scheibe sein? Die Scheib’ und meine Kniescheib’, die soll dem Pfarrer und der „Haiserin“(?) sein. Hat sie es nicht gut, tut es nicht gut, soll es mir und meiner Scheibe nicht verdorben sein. Korn in der Wanne, Schmalz in der Pfanne, Pflug unter die Erde, schau’ wie meine Scheiben hinausgeht!)

Ausrüstung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scheiben fürs Scheibenschlagen

Im alemannischen Raum wird traditionell zum Abschlagen der Scheibe vom Scheibenstecken ein einfaches Bockgerüst aus einem an einem Ende aufgeständerten Holzbrett verwendet, er nennt sich Scheibenbock. Als Scheibe dient eine runde oder quadratische Holzscheibe mit einem Durchmesser bzw. einer Kantenlänge von ca. 10 cm und einer Dicke von knapp 2 cm, in der Regel aus Hartholz (Buche); mittig ist sie durchbohrt, damit sie zum Transport auf eine Schnur oder einen Draht aufgereiht und vor allem auf den Stecken gesteckt werden kann.[7] Mit diesem wird sie ins Feuer bzw. die Glut gehalten, bis sie selbst glühend wird. Diese Glut wird vor dem Abschlag durch Schwingen des Stecken weiter gesteigert. Meist wird ein Haselnuss-Stecken benutzt. Rund zwei Meter lang und möglichst gerade gewachsen müssen die Stöcke sein. Manch einer der Scheibenschläger macht daraus gar eine Wissenschaft, bis die richtigen Stöcke gefunden sind.

Herstellung wie Bezeichnung der Scheiben können auch kleinräumig unterschiedlich sein. Im Leimental werden manche (je nach Dorf – und das kann im Nachbardorf schon anders sein) mit dem Gertel gehauen, andere mit dem Zug- bzw. Ziehmesser gezogen – oder auch gedrechselt. Neben der Bezeichnung Schiibli (Scheibchen) heißen sie auch Reedli (Rädchen) – der Brauch heißt dann „Reedlischwinge“.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Scheibenschlagen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Friedrich Vogt: Beiträge zur Volkskunde aus älteren Quellen. In: Karl Weinhold (Hrsg.): Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. 3. Jahrgang. Asher & Co, Berlin 1894, S. 349.
  2. Staatsanzeiger Nr. 7 vom 27. Februar 2009. Staatsanzeiger Verlag, Stuttgart, S. 28.
  3. badische-zeitung.de, 27. Februar 2009, Ulrike Spiegelhalter: Scheibenschläger haben es schwer
  4. Hans Gehl: Wörterbuch der donauschwäbischen Lebensformen. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2004, S. 313. – Gabriela Rist: Funkenfest in Erdeed. Schwabenpost Nr. 3, März 2009, 3. Jg. (PDF).
  5. Serme oder Sermde (im Kaiserstuhl) ist die Bezeichnung für Reisigbündel aus abgeschnittenen Trieben der Reben. Der Name ist uralt und leitet sich von lateinisch sarmentum ab, was Reisig aus Rebholz, Faschinen bedeutet.
  6. Hermann Eris Busse (Hrsg.): Offenburg und die Ortenau. Freiburg 1935
  7. Badische Zeitung, 16. Februar 2013, Volker Münch: Da steckt viel Handarbeit drin (9. April 2013)