Scheidungskind

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Scheidungswaise (auch Scheidungskind, Trennungskind) bezeichnet ein Kind, das der Problematik des Entzugs des Zusammenlebens mit beiden Eltern, oft auch Einschränkungen des Kontaktes zu mindestens einem Elternteil, evtl. auch dem Verlust des Sorgerechts eines Elternteils bei einer Scheidung ausgesetzt ist.

Kind-Eltern-Beziehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kinder leiden unter einer Trennung oder Scheidung von Vater und Mutter. Die Scheidung wird von den Kindern im Vergleich zu den Erwachsenen weniger als Chance für einen Neubeginn wahrgenommen.[1] Das gilt inbesondere dann, wenn diese mit gegenseitiger Abwertung und Verletzung verbunden ist. Das Kind ist auf eine tragfähige Beziehung sowohl zum Vater als auch zur Mutter existentiell angewiesen. Wenn die Eltern sich im Streit trennen, gerät das Kind in einen Loyalitätskonflikt[2]: Sobald das Kind dem einen Elternteil seine Zuneigung zeigt, muss es fürchten, die des jeweils anderen zu verlieren. Dadurch wird die Kind-Eltern-Beziehung massiv gefährdet oder zerstört.

Die Scheidung ist aber immer ein komplexer, ganzheitlicher Prozess,[3] der von den Betroffenen und damit auch von den Kindern individuell wahrgenommen wird; die kindlichen Reaktionen stehen in Abhängigkeit zur kindlichen Reife, Entwicklungsstand, Alter und einer Vielzahl individueller und situationsbedingter Faktoren.[4] Die Bandbreite kindlicher Reaktionen ist vielfältig.[5]

Ein gemeinsames Sorgerecht kann als Grundlage für eine über die Trennung hinaus bestehende gemeinsame Wahrnehmung elterlicher Verantwortung die Problematik im Einzelfall mildern.

Die Konflikte der Eltern bündeln sich oft in Umgangskonflikten. Zur Stabilisierung der Umgangskontakte dienen die Beratung und Begleitung durch das Jugendamt, gerichtliche Umgangsregelungen und deren Vollstreckung und in Extremfällen das Instrument der Umgangspflegschaft, ein relativ neues Instrument § 1684 BGB, das bei einer erheblichen und wiederholten Verletzung der Loyalitätspflicht[6] eingesetzt werden kann.

Aktuelle Praxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In vielen Fällen bestimmt die Mutter darüber, ob die Vater-Kind-Beziehung nach einer Trennung oder Scheidung aufrechterhalten werden kann. Oft wird die Beziehung zwischen Vater und Kind durch zu spärlich bemessene gegenseitigen Umgangskontakte zusätzlich gestört.

Väterorganisationen kritisieren die gesetzliche Regelung sowie ihre problematische praktische Umsetzung, bei der das Besuchsrecht von verbitterten Müttern oft torpediert wird. Die Kritik richtet sich an die Familiengerichte, welche im Gesetz vorgesehene Sanktionen gegen besuchsrechtsverweigernde Elternteile (meistens die Mutter) zu wenig oder gar nicht anwenden. Väterorganisationen befürchten ein gesellschaftspolitisches Sprengpotential sowie die Entwicklung einer vaterlosen Gesellschaft.

Ferienregelung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den jährlichen Ferien gibt es enorme regionale Unterschiede. In Deutschland hat der nichtbetreuende Elternteil im Rahmen der gesetzlichen Umgangsregelung in der Regel ein Recht auf Umgang mit dem Kind während der Hälfte der Schulferien.

In der Deutschschweiz darf der nicht betreuende Elternteil nur zwei bis drei von 14 Wochen Ferien mit dem Kind verbringen.

Das bedeutet für das Kind einen grossen Beziehungsverlust und für den anderen Elternteil je nach Sichtweise eine entsprechend hohe finanzielle, zeitliche (besonders bei eigener Berufstätigkeit) und emotionale Belastung.

In der Welschschweiz ist jeder Elternteil für die Hälfte der Schulferien zuständig und das Kind darf seine Ferien mit beiden verbringen.

Situation in der Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Gemäss Bundesamt für Statistik wurden allein im Jahr 2005 16.369 Kinder zu Scheidungswaisen. Die Scheidungsrate lag im Jahr 2005 bei 52,6 %. In 66,6 % der Fälle wurde das Sorgerecht der Mutter alleine übertragen, d.h. dem Vater entzogen. Nur in 5,7 % der Fälle erhielt der Vater das alleinige Sorgerecht. In 27,4 % der Fälle konnte ein gemeinsames Sorgerecht beider Elternteile verfügt werden.

Gemäss ZGB Art. 133 gibt es seit dem Inkrafttreten des neuen Scheidungsrechts im Jahr 2000 die Möglichkeit, dass bei einer Scheidung beide Elternteile das Sorgerecht behalten können. Dies jedoch nur, wenn beide Elternteile einverstanden sind und ein Betreuungsplan erarbeitet wird. Diese Gesetzesformulierung bedeutet ein Quasiveto der Mutter. Stimmt sie der Beibehaltung des Sorgerechts des Vaters nicht zu, wird das Sorgerecht bei der klassisch gelebten Rollenverteilung während der Ehe der Mutter zugesprochen.

Politisch sind Bestrebungen im Gange, eine gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall unabhängig vom Zivilstand einzuführen. Ein von CVP-Nationalrat Reto Wehrli im Jahr 2004 eingereichtes Postulat liegt zur Abklärung und Bearbeitung im EJPD.

Der Begriff "Scheidungswaise" wird oft von der Schweizer Presse in Reportagen über Väter nach der Scheidung verwendet (Oberthurgauer Nachrichten "Missbrauch der Muttermacht" April 2006; St. Galler Tagblatt).

Einige Väterorganisationen vergleichen die diesbezügliche Handhabung mit derjenigen der Verdingkinder oder mit den Vorkommnissen bezüglich der Verfolgung von Jenischen durch das Hilfswerk "Kinder der Landstrasse", ebenfalls dunkle Kapitel der neueren Schweizer Geschichte.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Matthias Matussek: Die vaterlose Gesellschaft. 1. Auflage. Fischer TB, 2006, ISBN 3-596-17139-3.
  • Tobias Frösche: Sorge und Umgang: FamRZ-Buch 37. Gieseking Verlag 2013, ISBN 978-3-7694-1116-4.
  • Wassilios E. Fthenakis, Renate Niesel, Hans-Rainer Kunze: Ehescheidung. U&S-Psychologie 1982, ISBN 3-541-10311-6.
  • Gabriele ten Hövel: Liebe Mama, böser Papa. Kösel, München 2003, ISBN 3-466-30628-0.
  • Helge-Ulrike Hyams: Kinder wollen keine Scheidung. Klett-Cotta, 2002, ISBN 3-608-94044-8.
  • Remo H. Largo, Monika Czernin: Glückliche Scheidungskinder. Piper Taschenbuch, 2004, ISBN 3-492-24158-1.
  • Elizabeth Marquardt: Kind sein zwischen zwei Welten. Was im Inneren von Kindern geschiedener Eltern vorgeht. 1. Auflage. Junfermann, Paderborn 2007, ISBN 978-3-87387-673-6.
  • Vera Nowak, Veronika Gössweiner: Scheidungsfolgen: Die langfristigen Auswirkungen von erlebter Scheidung auf die Lebensführung unter besonderer Berücksichtigung der ersten Lebensgemeinschaft. In: Sabine Walper, Beate Schwarz (Hrsg.): Was wird aus den Kindern? Juventa Verlag, Weinheim/ München 1999, ISBN 3-7799-1397-6, S. 221–251.
  • Ulrich Schmidt-Denter, Wolfgang Beelmann: Familiäre Beziehungen nach Trennung: Veränderungsprozesse bei Müttern, Vätern und Kindern. Forschungsbericht, Band 1+2: Textteil. Köln, 1995.
  • Judith Wallerstein, Sandra Blakeslee: Gewinner und Verlierer, Frauen, Männer, Kinder nach der Scheidung. Droemer Knaur, 1989, ISBN 3-426-26425-0.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vera Nowak, Veronika Gössweiner: Schiedungsfolgen: Die langfristigen Auswirkungen von erlebter Scheidung auf die Lebensführung unter besonderer Berücksichtigung der ersten Lebensgemeinschaft, S. 227.
  2. Das Scheidungskind im Loyalitätskonflikt. Abgerufen am 23. Februar 2014.
  3. Schneewind u. a. 1995, 1101.
  4. Fthenakis u. a. 1982, 142; Schwarz 1999, 16 ff.; Suess 19993, 170; Buskotte 1991, 179; vgl. Dümmler 1996, 49ff.
  5. U. Schmidt-Denter, W. Beelmann: Familiäre Beziehungen nach Trennung und Scheidung: Veränderungsprozesse bei Müttern, Vätern und Kindern. Universität Köln, Psychologisches Institut 1995 ; Wallerstein/ Blakeslee 1989.
  6. FamRZ-Buch 37, Nr. 1176, 1177.
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