Schematismus (Philosophie)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Nuvola apps korganizer.svg Dieser Artikel wurde in der Qualitätssicherung Philosophie eingetragen. Artikel, die sich als nicht relevant genug herausstellen oder mittelfristig kein hinreichend akzeptables Niveau erreichen, können schließlich auch zur Löschung vorgeschlagen werden. Bitte hilf mit, die inhaltlichen Mängel dieses Artikels zu beseitigen, und beteilige dich bitte an der Diskussion! Bitte entferne diesen Hinweis nicht ohne Absprache!

Als Schematismus werden philosophische Positionen bezeichnet, die dem Schema als abstrakter Form- oder Bestimmung der Formerzeugung eine grundlegende Rolle zuweisen. Schema ist dabei eine schilldernder Begriff, da er neben vereinzelten Terminologischen Festlegungen in der Philosophiegeschichte auch immer eine Alltagsbedeutung behält. So sind im antiken griechischen Verständnis neben geometrischen Formen auch Tanzschritte, Argumentationsformen und Formen vorgetragener Rede Schemata.[1] In der Spätantike hat das Schema vor allem in der Grammatik und Rhetorik eine Bedeutung, die lateinische entsprechung ist ‚figura‘.

Bei Kant wird das Schema zu einem Angelbegriff der Erkenntnistheorie, der Sinnlichkeit und Verstand miteinander verbinden soll. Eine andere feststehende Bedeutung gewinnt der Begriff Schema im 20. Jahrhundert in der Kognitionspsychologie, dort beschreibt er Denkregelmäßigkeiten, die langfristig und unter Eibezug von Schemavariablen typische Situationen als Wissen repräsentieren (s. Schema (Psychologie)).[2]

Francis Bacon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als philosophsiches Programm tritt der Schematismus in der Neuzeit zunächst bei Francis Bacon als Forderung auf, den „Schematismus der Dinge“ bzw. den „Meta-Schematismus“ der Natur zu erforschen, und ihn zum Verständnis und zur Manipulation materieller Gegenstände nutzbar zu machen. Bacon, der dabei an einen älteren Gebrauch des Begriffs Schema bei Demokrit zurückgreift, geht davon aus, dass Rgelmäßigkeiten, „formae“, die der Mensch für Bestimmungen der Natur hält, im Wesentlichen seinem eigenen Vorstellungsvermögen entspringen und dabei die realen Qualitäten und Verhältnisse zwischen den Bestandteilen der Materie und damit den Grund für Veränderung in natürlichen wie technischen Prozessen verdecken.[3] Die Absehung von den ‚formae‘ und die Untersuchung des Schematismus, der Bestehen und Veränderung der Dinge reguliert, ist damit ein wensentliches Ziel der Erkenntnis der Natur, da er erklärt, nach welchen Regeln Dinge oder Zustände erzeugt, aufrechterhalten und verändert werden können. Zur Ausführung dieses Schematismus der Natur schlägt Bacon binäre Unterscheidungen (etwa dicht/locker, schwer/leicht) vor.

Immanuel Kant[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schemata der Einbildungskraft ist bei Immanuel Kant das verbindende Dritte zwischen den Anschauungen der Sinnlichkeit und den Begriffenen des Verstandes (KrV B 177). Es dient der bestimmenden Urteilskraft (Subsumption) ebenso wie der reflektierenden Urteilskraft. Diese Vermittlung hat transzendentalen Charakter, weil sie beide Stämme der Erkenntnis, Sinnlichkeit und Verstand miteinander verbindet (KrV B 29).

Kritik der reinen Vernunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abb. 1: Zentrale Stelle des Schematismus innerhalb der Gliederung der Kritik der reinen Vernunft vgl. Abs. Transzendentale Analytik

Das sogenannte Schematismuskapitel bildet ein schwer zugängliches, aber zentrales Stück der Erkenntnistheorie der Kritik der reinen Vernunft. Kants behandelt Sinnlichkeit und Verstand als getrennte, aber auf einander angewiesenen Quellen der Erkenntnis. Während die Sinnlichkeit Anschauungen aufnimmt, die den Anschauungsformen Raum und Zeit unterliegen, operiert der Verstand mit Begriffen. So wie Raum und Zeit Formen der Anschauung sind, die ihr notwendig als Struktur zugrunde liegen, besteht die Struktur des Verstandes, die allem Urteilen Vorstellen und auch der Erfahrung zugrunde liegt, in den „reinen Verstandesbegriffen“ oder Kategorien. Diese sind für Kant zugleich Urteilsfunktionen, das heißt, sie sind mentale Prozesse oder zumindest Normen, die die mentalen Prozesse emulieren können müssen, um einzelne Vorstellungen zu Urteilen zu verbinden („Leitfaden“). Nur durch die Verbindung von Vorstellungen in einem Bewusstsein ist nach Kant Erfahrung überhaupt möglich. Die Anschauungen stehen zunächst nur in räumlicher und zeitlicher Beziehung zueinander, sie werden aber erst dann Teil der Erkenntnis, wenn sie gemäß der Kategorien verknüpft vorgestellt werden. So werden sie als Inhalt des Bewusstseins dem Erkenntnissubjekts zugänglich, aus dem Wahrnehmungserlebnis (Empfindung) gelöst und als sich wiederholendes Merkmal verschiedener Wahrnehmungserlebnisse wiedererkannt, So können Erscheinungen konstituiert, empirische Begriffe gebildet und Gegenstände erkannt werden („Transzendentale Deduktion“).

Da die reinen Verstandesbegriffe für sich genommen aber keine anschauliche Komponente enthalten, ist als Vermittlung ein trasnzendentaler Schematismus nötig, der eine Anwendung, der Kategorien auf die Anschauungsformen leistet. Sinnlichkeit und Verstand werden durch Urteils- und Einbildungskraft miteinander verbunden, Das Verhältnis von Einbildungskraft und Schematismus wird von Kant so dargestellt, dass „das Schema sinnlicher Begriffe … ein Produkt und gleichsam ein Monogramm der reinen Einbildungskraft a priori“ verkörpert. (KrV B 181)

Kant führt die idee des Schemas allerdings zunächst nicht für reine Begriffe, sondern für aritmetische, geometrische und empirische Begriffe ein. Es handelt sich beim Schematismus um eine Leistung der Urteilskraft, die es gestattet, sich einen Begriff „anschaulich“ zu machen durch eine allgemeine an der sinnlichen Wahrnehmung orientierte Vorstellung. Zum jeweiligen „Gebrauch eines Begriffs“ gehört nach Kant „noch eine Funktion der Urteilskraft“, wodurch ein besonderer Gegenstand unter ebendiesen allgemeinen Begriff als Einheit zusammengefasst bzw. subsumiert wird (KrV B 93, B 176). „Fehlt diese Bedingung der Urteilskraft (Schema), so fällt alle Subsumption weg; denn es wird nichts gegeben, was unter den Begriff subsumiert (gefasst) werden könne (KrV A 247).“ Das Schema ist eine Vorstellung davon, wie ein Gegenstand in der Anschauung aufgebaut sein müsste, um unter einen bestimmten Begriff fallen zu können. Es ist gelichsam eine Anleitung für die produktive Einbildungskraft, die Vorstellung des Gegenstands unter den Bedigungen der Anschauung zu konstruieren.

Die „Vorstellung … von einem allgemeinen Verfahren der Einbildungskraft, einem Begriff sein Bild zu verschaffen, nenne ich das Schema zu diesem Begriffe“ (KrV B 179 f.).

Diese Anleitung unterscheidet sich von der Definition. So lässt sich bspw. der Kreis definieren als ebene geometrische Figur aus der Menge aller Punkte einer Ebene, die einen konstanten Abstand zu einem vorgegebenen Punkt dieser Ebene (dem Mittelpunkt) haben. Zur Konstruktion eines Kreises mit Zirkel und Lineal muss der Zirkel auf den Radius eingestellt werden und dann auf einer ebenen Fläche die Linie um den Mittelpunkt gezigen werden – diese Vorschrift soll ein Objekt erzeugen, das der Defintion immer genügt. Aber auch jedes Objekt, das aussieht, als wäre es nach dieser Vorschrift erzeugt worden, wird der Defintion genügen.

Um zu verstehen, was transzendentalen Schematismus und damit die Zusammenwirkung von Sinnlichkeit und Verstand ausmacht, muss bestimmt werden, wie die Definitionen der Kategorien in eine Vorschrift für die Einbildungskraft übersetzt werden können, die es sowohl ermöglicht, sich die Kategorien als Merkmale oder Verhältnisbestimmungen in der Anschauung sowohl vorzustellen als auch wiederzuerkennen. Dies gelingt durch die Inrepretation der reinen Verstandesbegriffe als Bestimmungen der Zeit; der Raum wird erst durch die Vorstellung des gleichzeitigen Gegebenseins erkennbar und ist daher sekundär.

Die Zeit als die formale Bedingung des Mannigfaltigen des inneren Sinnes, mithin der Verknüpfung aller Vorstellungen, enthält ein Mannigfaltiges a priori in der reinen Anschauung“ (KrV B 177).

Ästhetische Urteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Anschauung kann einer Idee niemals angemessen zugeordnet werden (KdU § 59 B 254). Beim Urteil über das Schöne und Erhabene ist auch Schematismus nicht ausschlaggebend, vielmehr ist exemplarische Gültigkeit für die Urteilsfindung entscheidend (KdU, § 22, B 67). Wir können zwar viele Dinge mit dem allgemeinen Anspruch auf Schönheit auszeichnen, Schönheit an sich wird dadurch jedoch höchstens flüchtig offenbar.

Es zeigt sich hier vielleicht sogar nur eine rasch vorübergehende Wirkung, eine flüchtige Wirklichkeit, die auf geheimnisvolle Weise einen Bezug herstellt zur Ontologie, der Wissenschaft vom Sein, „eine flüchtige Sicht von etwas, das nicht erscheint“.[4] Im Gegensatz zur Erkenntnistheorie sagt uns die Ontologie nicht, was zum Beispiel schön ist, sondern was Schönheit ist. Mit der Flüchtigkeit der Erscheinungen wird aber ein Gegensatz offenbar zwischen statisch-strukturierender begrifflicher Auffassung – wie am oben genannten Beispiel ›Tisch‹ dargelegt – und dynamisch psychologischer Betrachtung – wie am Beispiel des Erlebens und Bewertens weiter aufzuzeigen wäre. Diese Unterscheidung wird auch von Kant getroffen, wenn er in diesem Zusammenhang von Psychologie spricht, „deren Synthesis lediglich empirischen Gesetzen, nämlich denen der Assoziation, unterworfen ist“ (KrV B 152). In seiner Anthropologie behandelt Kant die Erinnerung, das Vermögen, sich „das Vergangene zu vergegenwärtigen“ zusammen mit einem „Vorhersehungsvermögen“. Beide sind Fähigkeiten der „Assoziation“.[5]

Gerade die Mannigfaltigkeit des sinnlichen Empfindens ist wohl in ästhetischen Urteilen ausschlaggebend. Ähnlich der Bedeutung des Schemas für die Verstandestätigkeit ist das Beispiel für das Urteilsvermögen zum Beispiel in Sachen Schönheit wesentlich, also immer dann, wenn wir uns mit besonderen Dingen befassen (KdU § 57, Anm. II, B 254).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Schematismus. In: Rudolf Eisler: Kant-Lexikon. 1930.
  • Schema. In: Rudolf Eisler: Kant-Lexikon. 1930.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. W. Stegmaier: „Schema, Schematismus“. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, (HWPh) Bd. 8, S. 1246.
  2. Th. Herrmann: „Schema, Schematismus“. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, (HWPh) Bd. 8, S. 1260.
  3. W. Stegmaier: „Schema, Schematismus“. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, (HWPh) Bd. 8, S. 1248.
  4. Arendt: Das Urteilen. 1995, S. 106, Abs. 1.
  5. Immanuel Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. B 68 (zitiert nach Hannah Arendt: Das Urteilen. 1995, S. 105)