Schepenese

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Schepenese ist der Name einer weiblichen Mumie aus dem Alten Ägypten, die im Besitz der Stiftsbibliothek St. Gallen ist. Dort wird sie zusammen mit ihren zwei Sarkophagen im barocken Büchersaal ausgestellt und gilt als eine der Hauptattraktionen der Bibliothek, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.[1]

Die Person Schepenese[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über die mumifizierte Person ist wenig bekannt. Erst 2010 konnte mit einer Computertomographie zweifelsfrei bestimmt werden, dass es die Mumie einer Frau ist.[2] Man geht davon aus, dass sie ungefähr zwischen 650 und 610 v. Chr. als Tochter des Amunpriesters Pestjenef in Theben gelebt hat.[1][3] Damals war Psammetich I. Pharao von Ägypten.

Während Röntgen- und Computertomographieuntersuchungen im Jahr 1996 konnte kein Hinweis auf eine ungewöhnliche Todesursache gefunden werden. Die einzigen ersichtlichen Verletzungen waren postmortal durch die Mumifizierung selbst bedingt. Anhand der stark abgeschliffenen Zahnkronen wurde das Alter auf über 30 geschätzt. Dies ist ein häufiger Befund bei ägyptischen Mumien, denn die Nahrung war stark von Sand durchmischt und im Brot befand sich erheblicher Abrieb der Mahlsteine.

Der Begräbnisort der Schepenese ist nicht sicher geklärt, denn die Art, wie sie und diverse weitere Särge mit Mumien – unter anderen auch die ihres Vaters – nach Europa kamen, ist undurchsichtig. Zur Zeit der Ägyptomanie Anfang des 19. Jahrhunderts wurden viele Mumien in Ägypten unsachgemäß ausgegraben und von den Grabräubern anschliessend an europäische Kundschaft verkauft.

Verwandtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemäss den Inschriften auf den Särgen war Schepeneses Vater der Amunpriester Pestjenef („Gottesvater des Amun Pestjenef“). Die Amunpriesterschaft war in jener Zeit de facto die Herrscherdynastie in Oberägypten und damit sehr einflussreich. Die Mumie des Pestjenef befindet sich heute im Besitz der Staatlichen Museen zu Berlin (Inv. Nr 51–53).[4] Seine Frau und damit Schepeneses Mutter hiess Tabes („Die zum Gott Bes gehörige“). Die Grossmutter von Schepenese hiess auch Schepenese, von ihr hat sie wohl ihren Namen erhalten.

Särge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schepenese lag im Innern von zwei ineinandergelegten Holzsärgen. Der Innensarg aus Sykomorenholz ist innen und aussen überaus reichlich verziert und mit langen Texten in ägyptischer Hieroglyphenschrift versehen. Sie erzählen vom Stammbaum der Toten und rufen diverse Götter an, die ihr auf dem Weg ins Jenseits beistehen sollen. Sprüche aus dem ägyptischen Totenbuch gehören ebenfalls zu den Inschriften, darunter die erste Strophe von Spruch 71. Sie enthält einen entscheidenden Fehler, der sich ebenfalls in der Sargaufschrift eines Wennefer findet, der von Auguste Mariette in Deir el-Bahari gefunden wurde und deshalb wohl vom gleichen Bildhauer stammt oder für dessen Sarg zumindest die gleiche falsche Vorlage verwendet wurde:

„Worte zu sprechen von Osiris[A 1]
Herrin des Hauses[A 2] Schepenese, gerechtfertigt,
Tochter des Gottesvaters des Amun Pestjenef,
gerechtfertigt, Herrn der Ehrwürdigkeit: ‚O Falke,[A 3]
der du aufgehst aus dem Urgewässer,
Herr der Grossen Flut – lass mich unversehrt sein, wie
du dich selber unversehrt sein lässt!‘
‚Befreie[A 4] mich,[A 5] löse mich, bring
sie zur Erde und erfülle meinen[A 6] Wunsch‘.“

Zitiert in Müller, Siegmann; Schepenese
  1. Osiris ist der Herrscher über das Reich der Toten, nachdem er durch Mumifizierung auferstanden war. Die Bestatteten verwenden seinen Namen daher als Eigenname für sich selbst
  2. „Herrin des Hauses“ bezeichnete eine verheiratete Frau
  3. Gerichtet an einen Gott beim letzten Gericht
  4. „befreien“, „lösen“ stehen auch für die irdische Geburt. Hier wird also mit der Sprache bereits auf die ersehnte Wiedergeburt hingewiesen.
  5. Antwort des Totenrichters, hier fälschlicherweise in der ersten statt der dritten Person (er spricht fälschlicherweise sich selbst frei)
  6. Richtig wäre: ihren

Der Aussensarg ist etwas schlichter gestaltet und aus Tamariskenholz. Bei einer Untersuchung der Särge mit der Radiokarbonmethode wurde festgestellt, dass er rund 400 Jahre älter ist als der Innensarg, also 1060 v. Chr +/- 40 Jahre. Dies deutet darauf hin, dass er wiederverwendet wurde, denn Holz war in Ägypten selten. Nur der Kopf und der Halskragen des Deckels sind bemalt. Im inneren des Sargbodens findet sich eine Zeichnung der thebanischen Nekropolengöttin.

Geschichte der Mumie in St. Gallen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Doppelsarg und die Mumie gelangten 1820 als erste ägyptische Bestattung in die Schweiz. Sie wurden dem damaligen St. Galler Landammann Karl von Müller-Friedberg von seinem in Alexandria wohnhaften Schulfreund Philipp Roux geschenkt.[3] Der erste, der sie damals untersuchte, war Professor Peter Scheitlin (1779–1848). 1836 beschloss das Katholische Grossratskollegium als Oberaufsicht der Stiftsbibliothek die Mumie für 440 Gulden zu erwerben. Seither gehört sie offiziell zum Inventar der Stiftsbibliothek. Das erste Stück ägyptischer Herkunft war Schepenese übrigens nicht. Ein ausgestopftes Krokodil gehörte seit 1623 der Stadtbibliothek. Es gilt heute als das erste Objekt der Sammlung des heutigen Naturmuseums St. Gallen und hängt in dessen Eingangshalle.

Namensdeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als die Ägyptologie noch in den Kinderschuhen steckte, veröffentlichte der Berner Altphilologe Johannes Zündel im Jahr 1864 einen Beitrag in der Zeitschrift für ägyptische Sprach- und Altertumskunde. Er las den Namen der Mumie als «Sepunisi» und übersetzte ihn als «Sängerin der Isis».

Am 27. Juni 1903 erschien im St. Galler Tagblatt ein Artikel des Ägyptologen Alexander Dedekind. Darin räumte er mit der populären Vorstellung auf, dass die vornehme Dame die Tochter eines Pharaos gewesen sei. Vielmehr habe es sich um die Tochter eines Priesters gehandelt. Ihren Namen übersetzte Dedekind mit «Scheta-en-Isi» («Geheimnis der Isis»), was er kurz darauf in weiteren Tagblatt-Artikeln in «Schap-en-Isi» («Geschenk der Isis») verbesserte.

Den heute anerkannten Namen «Schep-en-ese» prägte 1934 als Erster der Luzerner Hugo Müller, der damals in Berlin Ägyptologie studierte, in einer umfangreichen Arbeit. Bei der Erklärung war er vorsichtiger als seine Vorgänger: «Der Name gibt irgendeine Beziehung zur Göttin Isis an.»[5]

Pilzbefall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Herbst 1993 wurde die Mumie während fünf Wochen in der Ausstellung «Mumien aus Schweizer Museen» im Kulturama in Zürich gezeigt. Experten stellten bei Schepenese einen Pilzbefall fest. Sie konnten nicht ausschliessen, dass es sich um den Schimmelpilz Aspergillus niger handelte, von dem vermutet wurde, dass er hinter den Todesfällen beim «Fluch der Pharaonen» steht. Nach der Ausstellung wurde sie zur Untersuchung in ein Anthropologisches Forschungsinstitut nach Aesch gebracht. Die Entdeckung löste einen enormen Medienrummel aus. Anfang Februar 1994 gab das Labor der Ciba-Geigy in Basel Entwarnung: Die beiden Pilze waren harmlos. Mit einer Röntgenbestrahlung wurden sie abgetötet. Die Mumie und ihr Glassarg wurden gereinigt und desinfiziert. Am 15. Juni 1994 kehrte sie unter grosser Anteilnahme von Schaulustigen und Journalisten in die Stiftsbibliothek zurück.[6]

Im Banne Ägyptens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Sonderausstellung «Im Banne Ägyptens» wurde Schepenese 2010/11 an das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen ausgeliehen. Sie bildete auch in diesem Museum einen Anziehungspunkt, weshalb die Museumsleitung sie gerne als Dauerleihgabe behalten hätte.[7] Bei der Neugestaltung seines Ägyptensaales versuchte das Museum 2016, die Mumie der Schepenese, im Gegenzug für einige Exemplare der Sakralkunst, in seine Sammlung zu übernehmen. Stiftsbibliothekar Cornel Dora lehnte das Ansinnen ab. Er argumentierte, dass die Mumie ein «zentrales Dokument der Bibliotheksgeschichte» sei. Die Sammlungstätigkeit der Bibliotheken reiche in die Barockzeit zurück, als es noch keine Museen gegeben habe.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Müller und Renate Siegmann: Schepenese. Die ägyptische Mumie der Stiftsbibliothek St. Gallen. Klosterhof, St. Gallen 1998, ISBN 3906616452.
  • Renate Siegmann: Ein Publikumsmagnet: Doppelsarg mit Mumie der Schepenese in der Stiftsbibliothek St. Gallen. In: A. Küffer und Renate Siegmann: Unter dem Schutz der Himmelsgöttin. Ägyptische Särge, Mumien und Masken in der Schweiz. Zürich 2007, S. 110–121.
  • Renate Siegmann: Schepeneses Geheimnis: Die Mumie der Stiftsbibliothek St. Gallen. In: Antike Welt 1/2014, S. 53–57.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Schätze der Stiftsbibliothek, stadt.sg.ch, abgerufen am 4. Oktober 2018.
  2. Michèle Vaterlaus: Mumie Schepenese ist eine Frau, 20 Minuten, 4. Juli 2010, abgerufen am 4. Oktober 2018.
  3. a b Stiftsbibliothek St. Gallen, niletimes.ch, abgerufen am 4. Oktober 2018.
  4. Renate Siegmann: Die Mumie und die Särge der Schepenese, in: Müller/Siegmann, S. 55 ff.
  5. Peter Müller: Die Mumie im barocken Bibliothekssaal, in: Müller/Siegmann, S. 16/17.
  6. Peter Müller: Die Mumie im barocken Bibliothekssaal, in: Müller/Siegmann, S. 17/18.
  7. Michele Kalberer: Alle wollen Schepenese, St. Galler Tagblatt, 3. März 2011, abgerufen am 4. Oktober 2018.
  8. Schepenese – mehr als Mumie, St. Galler Tagblatt, 1. März 2016, abgerufen am 4. Oktober 2018.