Schiffsbohrwurm

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Schiffsbohrwurm
Schiffsbohrwurm

Schiffsbohrwurm

Systematik
Überordnung: Heterodonta
Ordnung: Myida
Überfamilie: Pholadoidea
Familie: Schiffsbohrmuscheln (Teredinidae)
Gattung: Teredo
Art: Schiffsbohrwurm
Wissenschaftlicher Name
Teredo navalis
Linnaeus, 1758

Der Schiffsbohrwurm (Teredo navalis, auch Schiffsbohrmuschel) ist trotz seines Namens kein Wurm, sondern eine Muschel aus der Familie der Teredinidae. Sein Körper ist stark verlängert und wurmartig gestreckt. Er benutzt seine Schale nicht primär zum Schutz des Körpers, sondern zum Bohren in das Holz von Schiffswänden, Pfahlbauten, Treibgut usw. im Meer. Innerhalb der Familie der Schiffsbohrwürmer gibt es ca. 60 Arten.

Namen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben den vorherrschenden Bezeichnungen Schiffsbohrwurm und Schiffsbohrmuschel werden auch die Bezeichnungen bzw. Kurzformen Schiffswurm,[1][2][3] Bohrwurm,[4][5] Holzbohrwurm,[6][7] Holzbohrmuschel,[8][9] Pfahlbohrmuschel[10][11] und Pfahlwurm,[6][2][11] verwendet. Auch die mehrdeutige Bezeichnung Bohrmuschel ist gebräuchlich[2][12][13]

Merkmale und Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der in Salzwasser lebende Schiffsbohrwurm wird durchschnittlich etwa 20 cm lang, es wurden aber schon Exemplare mit über einem halben Meter Länge gefunden (im dänischen Isefjord, 1970). Zusätzlich zur nur etwa 1 cm langen zweiklappigen Schale der Muschel am Vorderende sondert der Mantel des länglichen Körpers des Schiffsbohrwurms eine Kalkröhre von etwa 1 cm Durchmesser ab, die dem Schiffsbohrwurm als Wohnröhre dient. Sie ist zum Wasser hin, nachdem er die Siphone zurückgezogen hat, über zwei kleine spatelförmige Kalkplatten (Paletten) verschließbar, so dass er auch eine mehrere Wochen dauernde Schiffsfahrt im Süßwasser überstehen kann.

Der Schiffsbohrwurm lebt weltweit in warmen bis gemäßigten Zonen. Kennzeichnend ist seine hohe Toleranz gegenüber Salzgehalt und Temperatur. So erträgt er Brackwasser bis hinunter zu einem Salzgehalt von etwa 9 ‰ und Temperaturen bis hinunter zum Gefrierpunkt (0 °C), so dass er in der Ostsee zeitweise bis zur Insel Rügen vordringen kann. So hat er entlang der deutschen Küste nach einer langen unauffälligen Periode seit 1993 mehrere Massenvorkommen erreicht.

Bei stärkerem Befall kann er erheblichen Schaden an Brücken, Hafen- und Steganlagen, Deichen und Holzschiffen anrichten, sofern diese am offenen Meer liegen. Der Befall des Holzes durch den Schiffsbohrwurm ist von außen kaum zu sehen, da die vergleichsweise kleine Öffnung zum Wasser verschlossen ist und die beiden kleinen Atem-Siphone den von außen einzig sichtbaren Hinweis geben. Der Schaden wird oft erst beim Abbrechen ersichtlich. Heute wird das Holz zum Schutz gegen den Schiffsbohrwurm imprägniert oder mit Deckschichten aus Metall oder Kunststoffen versehen.

Körper eines Teredo navalis (links) und Schadbild eines Duckdalbens (rechts)

Fortpflanzung und Lebensweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schiffsbohrwurm bohrt sich in ein Stück Holz
Schadbild an einem Buhnenpfahl

Der Schiffsbohrwurm ist ein Zwitter, der mehrmals das Geschlecht wechseln kann. Er kann in einem Jahr 1 bis 5 Millionen Eier produzieren.

Bei der Befruchtung wird der Samen im Kiemenbereich eingestrudelt und dort werden die Eier befruchtet. Die ersten 14 Tage bleibt die Larve im Kiemenraum. Anschließend schwimmt sie 1 bis 3 Wochen frei im Wasser und setzt sich dann mithilfe eines Haftfadens an einem Stück Holz fest, wo sie zu bohren beginnt, indem sie gleichzeitig die Schalenklappen bewegt. Die kleinen, stark klaffenden Muschelschalen dienen ausschließlich diesem Zweck. Innerhalb von ca. 60 Tagen wächst die Larve zu einem erwachsenen geschlechtsreifen Tier heran und bohrt sich dabei immer weiter durch das Holz. Die wenige Millimeter große Öffnung zum Wasser wird durch zwei spezielle Kalkplättchen hermetisch abgeschlossen, aus der zwei kleine Atem-Siphone ragen. Die Bohrröhre wird mit einer Kalkschicht ausgekleidet und dient als Wohnhöhle, in der der Schiffsbohrwurm den Rest seines weiteren Lebens verbringt. Der Schiffsbohrwurm kann zwei bis drei Jahre alt werden[14].

Der Schiffsbohrwurm ernährt sich, indem er die Zellulosebestandteile des abgeraspelten Holzes mit den Enzymen Cellulase und Glucosidase zu knapp 80 % in Zucker umwandelt. Die einseitige Ernährung mit Holz würde zu einem Mangel an Stickstoff und essentiellen Aminosäuren führen, den der Schiffsbohrwurm mithilfe symbiotischer Bakterien innerhalb seiner Kiemen umgeht. Diese Symbionten liefern auch die Enzyme, die mittels eines unbekannten Prozesses in den Verdauungstrakt transportiert werden.[14] Daneben filtert er durch sein Atemwasser Plankton als Nahrungsergänzung heraus.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schädigungen durch Schiffbohrwürmer waren bereits der antiken Welt bekannt. Anfangs wurden die Schiffsrümpfe mit einer zusätzlichen Beplankung als eine Art Opferholz ausgerüstet. Die Ägypter hatten ihre Schiffe mit einem schützenden Anstrich versehen, die Chinesen bauten Doppelhüllenboote mit einer Zwischenlage aus Ziegenleder, die sich dem Zugriff der Bohrwürmer widersetzte. Die Römer versuchten im Unterwasserbereich ihrer Galeeren Metallbleche anzubauen, später entdeckten sie die giftige Wirkung metallhaltiger (Zinn, Kupfer) Anstriche. Dass die Bohrwürmer auch vor den Schiffen der Flotte von Christoph Kolumbus nicht halt machten, kann man aus seinen Logbüchern entnehmen, wo er schildert, wie seine gesamte Schiffsflotte aus damals noch unbekannten Gründen mehr oder weniger unter den Füßen der Mannschaft auseinanderfiel. Auf seinen vier Reisen verlor Kolumbus insgesamt neun Schiffe.[15] 1731 hatte der Schiffsbohrwurm in Holland die hölzernen Deichtore zerfressen, worauf sie bei einer Sturmflut brachen. Von 1919 bis 1921 richtete er in der San-Francisco-Bay an hölzernen Kaianlagen Schäden im Wert von umgerechnet über 900 Millionen US-Dollar an.[16]

Lebensmittel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Turu aus dem Mangrovenholz in der Nähe von Joanes, auf der Flussinsel Marajó, Brasilien. Diese Turu ist 1,5 cm im Durchmesser und auf dem Foto ca. 50 cm lang (das untere Ende ist abgerissen).

In der Nordost-Brasilianischen Küche gilt der Schiffsbohrwurm, der Turu oder Cupim-do-Mar genannt wird, als nahrhafte Spezialität. Er wird in den Mangrovenwäldern gesucht und roh, wie Austern, oder gekocht gegessen.[17]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Schiffsbohrwurm Teredo navalis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  2. a b c Bohrmuscheln - Zeno.org. In: zeno.org. Abgerufen am 21. April 2017.
  3. Schiffswurm aus dem Lexikon - wissen.de. In: wissen.de. Abgerufen am 18. April 2017.
  4. Schiffsbohrwürmer: Die Termiten der Meere - SPIEGEL ONLINE. In: spiegel.de. Abgerufen am 21. April 2017.
  5. Schiffsbohrwurm nagt an Hafenanlagen - Versuch soll Befallsdichte aufzeigen – Millionenschäden durch Teredo navalis – KN - Kieler Nachrichten. In: kn-online.de. Abgerufen am 21. April 2017.
  6. a b eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  7. Protokoll des Chats mit Spiegel-Autor Clemens Höges - ZDFmediathek. In: zdf.de. Abgerufen am 21. April 2017.
  8. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  9. DBU - Entwicklung eines Verfahrens zum Schutz von Holzkonstruktionen im Wasserbau gegen die Pfahlbohrmuschel Teredo navalis. In: dbu.de. Abgerufen am 21. April 2017.
  10. DBU - Bild / Download: Pfahlbohrmuschel Teredo navalis. In: dbu.de. Abgerufen am 21. April 2017.
  11. a b eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  12. Bohrmuschel zerstört den Steg der Lüttfischer. In: shz.de. Abgerufen am 21. April 2017.
  13. Maritime Holzzerstörer, Pfahl- oder Schiffsbohrwurm (Teredo navalis). In: holzfragen.de. Abgerufen am 21. April 2017.
  14. a b Küstenbiologie
  15. Bioerosion. In: Briggs, D.E.G. & Crowther, P.R. (eds): Palaeobiology II, Blackwell Science Ltd., pp.: 273–277; Oxford.
  16. Kai Hoppe: Der Schiffsbohrwurm Teredo navalis
  17. Nigel J. H. Smith: Amazon Sweet Sea: Land, Life, and Water at the River's Mouth University of Texas, 22. Juli 2010, S. 203.