Schizoide Persönlichkeitsstörung

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Dieser Artikel beschreibt die schizoide Persönlichkeitsstörung. Sie ist nicht zu verwechseln mit Schizophrenie oder der antisozialen Persönlichkeitsstörung.
Klassifikation nach ICD-10
F60.1 Schizoide Persönlichkeitsstörung
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Die schizoide Persönlichkeitsstörung (SPS) zeichnet sich aus durch einen Rückzug von affektiven, sozialen und anderen Kontakten mit übermäßiger Vorliebe für Fantasie und Selbstbeobachtung, einzelgängerisches Verhalten und eine in sich gekehrte Zurückhaltung. Die Betroffenen verfügen nur über ein begrenztes Vermögen, Gefühle auszudrücken und Freude zu zeigen.

Der Begriff schizoid (altgriechisch σχίζειν schízein ‚spalten‘) wurde 1908 von Eugen Bleuler in Anlehnung an den der Schizophrenie und unter dem Eindruck einer ihr nahestehenden Erkrankung geprägt. Er umfasste damals aber einen weit größeren Formenkreis von Persönlichkeitsmerkmalen, während das heutige Begriffsverständnis deutlich enger ist (siehe Kritik). Ernst Kretschmer entwickelte daraus ein eigenes Konzept: Demnach befindet sich der Schizoide in einem Spannungsverhältnis, erzeugt durch die fehlende Übereinstimmung von innerem Erleben und äußerem Verhalten.[1]

Der schizoide Charakter neigt zu einer Spaltung der ganzheitlichen Funktion der Persönlichkeit, d.h. er tendiert dazu, Denken und Fühlen voneinander zu trennen. Was der Betreffende denkt, scheint häufig keinen Zusammenhang damit zu haben, was er fühlt oder wie er sich verhält. Der Schizoide wendet seine Aufmerksamkeit verstärkt der eigenen Innenwelt zu und zieht sich dahin zurück. Dadurch wird der Kontakt zur Außenwelt sowie zum Körper mit dessen Gefühlsleben unterbrochen. Anders als bei einer Psychose geht jedoch nicht die Fähigkeit verloren, die Realität zu erkennen.[2]

Die beschriebenen Verhaltensweisen werden als Persönlichkeitsstörung aufgefasst, weil sie chronisch, unflexibel und stark ausgeprägt sind und nachhaltige negative Folgen haben können. Dazu gehören bei der SPS deutlich geringere Lebensqualität, ein ungünstiger Einfluss auf das psychische Funktionsniveau über 15 Jahre hinweg und eine der niedrigsten Stufen an „Lebenserfolg“ von allen Persönlichkeitsstörungen (definiert als sozialer Status, Wohlstand und erfolgreiche Beziehungen).[3]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außensicht

Eine tiefgehende Kontaktstörung prägt die betroffenen Personen. Ihre emotionale Beziehung zur Umwelt und anderen Menschen ist zentral gelockert, die spontane Erlebnisfähigkeit und das unmittelbare Ansprechen der Gefühle stark gehemmt. Auffallend sind eine oft fehlende „emotionale Authentizität“, die allgemeine Abflachung der Gemütserregungen (Affekte) und ein Mangel an erwartbaren emotionalen Reaktionen auf die Gefühlslagen der Mitmenschen. Tiefsitzendes Misstrauen hält Betroffene anderen Menschen gegenüber auf Distanz.[4][5]

Während einerseits der Wunsch nach inniger Gemeinsamkeit mit anderen oder einem Mitmenschen bestehen kann, sind andererseits Mitteilung und emotionaler Ausdruck blockiert, mit der Folge des Gefühls einer inneren Zerrissenheit. Einige dieser Menschen treten starr und hölzern auf, andere wiederum überaus freundlich und vertrauenswürdig. Unter Druck gesetzt, z. B. durch zu enges Zusammenleben, reagieren sie oft abrupt und befremdlich. Sie ziehen sich dann für Außenstehende völlig unerwartet zurück, schotten sich ab und meiden für einige Zeit jegliche Kontakte. Sowohl perfekte Selbstkontrolle als auch plötzliches Ausbrechen sind meist Seiten dieser Persönlichkeiten.

In von außen angestoßenen Veränderungen und neuen Dingen wird meist eine Gefahr gesehen, vor der es sich zu schützen gilt – vorzugsweise durch Rückzug oder Kontrolle. Menschen mit einer schizoiden Störung bilden kompensatorisch daher oft ein hohes Maß intuitiver Fähigkeiten aus, mit denen sie sich schützen und zugleich Überlegenheit und Kontrolle gewinnen wollen. Diese antrainierten Fähigkeiten helfen dem schizoiden Menschen bei der Alltagsbewältigung, belasten engere soziale Kontakte jedoch schnell.

Nach außen hin zeigen schizoide Personen meist eine „glatte“ Oberfläche ohne sichtbare emotionale Reaktivität und erwidern selten Gesten oder Gesichtsausdrücke wie z. B. ein Lächeln oder Nicken. Es fällt ihnen selbst auf direkte Provokation hin äußerst schwer, normale Aggression oder Feindseligkeit offen auszudrücken. Das lässt die Betroffenen häufig gefühlsarm erscheinen, auch wenn dies gar nicht zutrifft und ihr innerer Gefühlszustand ein anderer ist. Deshalb wirken sie in unangenehmen Situationen oft passiv und haben Probleme, angemessen auf wichtige Lebensereignisse zu reagieren.[6]

Innensicht

Schizoide Menschen erleben sich meist als unbeteiligte Beobachter der Welt und des Lebens – aber nicht als Teilnehmer. Obwohl viele für gewöhnlich gern ein abgesondertes Leben führen, können sie doch dessen überdrüssig werden, „draußen zu stehen und hinein zu sehen“. Der Gedanke, ein unzulänglicher Sonderling zu sein, kann bei Schizoiden dann ausgelöst werden, wenn deutlich wird, wie sehr sie sich von anderen unterscheiden. Vielen wird das besonders bewusst, wenn sie andere direkt beobachten, Filme sehen oder Bücher lesen, die von Beziehungen handeln. Einige beschreiben in ihrer Behandlung das Gefühl, „in einer Schale“ oder „unter einer Glasglocke“ zu leben und den Anschluss verpasst zu haben. Sie klagen darüber, dass „das Leben an ihnen vorüberzieht“ und sie den Anderen von einer Distanz aus zuschauen müssen. In solchen Situationen können Menschen mit SPS schmerzliche Gefühle darüber einräumen, dass sie Eigenbrötler sind, die nicht in die Gesellschaft passen. Auch wenn sie nicht wirklich den Wunsch nach der Nähe anderer verspüren, glauben sie dann möglicherweise, dass sie nach einem konventionelleren Leben streben sollten.[7][8]

Schule und Beruf

Soweit die Voraussetzungen bestehen, entwickeln diese Persönlichkeiten nicht selten ein hohes Maß an intellektueller Differenziertheit. Viele Schizoide sind „Kopfmenschen“ und neigen zu einer ausgeprägten Betonung des Verstandes mit einem Rückzug ins abstrakte Denken. Obwohl sie dadurch eher für geistige Reize statt für sinnliche Genüsse empfänglich sind, besitzen manche dennoch einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik und Schöngeistiges.[9] Beruflich neigen schizoide Menschen verstärkt zu theoretischen Arbeitsfeldern sowie Tätigkeiten, die allein oder in konstanten Kleingruppen durchgeführt werden. Dazu zählen auch Dienstleistungsberufe, in denen die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Kunden und Anbieter begrenzt und durch soziale Normen zu einem erhöhten Grade formalisiert sind. In der Schule liefern sie mitunter schlechte Leistungen, die ihren intellektuellen Fähigkeiten nicht entsprechen. Allerdings gibt es auch Betroffene mit hohen kompensatorischen Fähigkeiten, die – laut einigen Autoren– sogar Berufe wählen, bei denen wenig formalisierte soziale Beziehungen eine große Rolle spielen. Dabei wird aber auch hier von Seiten der Autoren eine gewisse „emotionale Unechtheit“ wahrgenommen.[5]

Diagnose[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach ICD[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ICD-10 führt die SPS unter F60.1 auf. Mindestens vier der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen müssen vorliegen:[10]

  1. wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude;
  2. zeigt emotionale Kühle, Distanziertheit oder abgeflachte Affektivität;
  3. reduzierte Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle für andere oder Ärger auszudrücken;
  4. erscheint gleichgültig gegenüber Lob oder Kritik von anderen;
  5. wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen (unter Berücksichtigung des Alters);
  6. fast immer Bevorzugung von Aktivitäten, die allein durchzuführen sind;
  7. übermäßige Inanspruchnahme durch Fantasien und Introspektion;
  8. hat keine oder wünscht keine engen Freunde oder vertrauensvollen Beziehungen (oder höchstens eine);
  9. deutlich mangelndes Gespür für geltende soziale Normen und Konventionen. Wenn sie nicht befolgt werden, geschieht das unabsichtlich.

Nach DSM[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut DSM-5 handelt es sich um ein tiefgreifendes Muster, das durch Distanziertheit in sozialen Beziehungen und eine eingeschränkte Bandbreite des Gefühlsausdrucks im zwischenmenschlichen Bereich gekennzeichnet ist. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter, und das Muster zeigt sich in verschiedenen Situationen. Mindestens vier der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:[6]

  1. Hat weder den Wunsch nach engen Beziehungen noch Freude daran, einschließlich der Tatsache, Teil einer Familie zu sein.
  2. Wählt fast immer einzelgängerische Unternehmungen.
  3. Hat, wenn überhaupt, wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen.
  4. Wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude.
  5. Hat keine engen Freunde oder Vertraute, außer Verwandten ersten Grades.
  6. Erscheint gleichgültig gegenüber Lob und Kritik von Seiten anderer.
  7. Zeigt emotionale Kälte, Distanziertheit oder eingeschränkte Affektivität.

Tritt nicht ausschließlich im Verlauf einer Schizophrenie, einer bipolaren Störung oder depressiven Störung mit psychotischen Merkmalen, einer anderen psychotischen Störung oder einer Autismus-Spektrum-Störung auf und ist nicht Folge der physiologischen Wirkungen eines medizinischen Krankheitsfaktors. Falls die Kriterien vor dem Beginn einer Schizophrenie erfüllt waren, ist „prämorbid“ hinzuzufügen, z. B. „Schizoide Persönlichkeitsstörung (prämorbid)“.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl das heutige Konzept der schizoiden PS allgemein als Fortschritt gesehen wird, kritisieren es dennoch manche als zu blutleer und realitätsfern.

Ernst Kretschmer beschrieb in seiner Konstitutionslehre (1921) einen fließenden Übergang von Gesundheit zu Krankheit: Von den Schizothymen (gesund) – über die Schizoiden (Grenzfall) – bis zu den Schizophrenen (krankhaft). Typisch für den schizoiden Chararakter waren laut ihm das „In-sich-hinein-leben“ und das Pendeln zwischen zwei gegensätzlichen Eigenschaftspolen: Einerseits seien Schizoide zwar überempfindlich („hyperästhetisch“), d.h. leicht verletzbar und reizbar, empfindsam, launisch, nervös, exzentrisch. Paradoxerweise wären sie aber gleichzeitig auch unempfindlich („anästhetisch“), also unterkühlt, Kontakte schroff ablehnend, farblos, stumpf und gleichgültig. Ab 1980 jedoch begrenzte man die Definition der schizoiden Persönlichkeitsstörung streng auf die unempfindlichen Eigenschaften – die überempfindlichen Eigenschaften dagegen wurden der schizotypischen und ängstlich-vermeidendenden PS zugewiesen. Das bedeutete eine Zerstückelung des schizoiden Charakters in drei getrennte Persönlichkeitsstörungen.[10]

Experten bemängeln daran, dass dadurch grade das Herzstück der Schizoidie entfernt wurde – das Nebeneinander widersprüchlicher Persönlichkeitsmerkmale (die Ambivalenz). Salman Ahktar und Otto Kernberg zweifeln z. B. am DSM-Kriterium „hat keinen Wunsch nach engen Beziehungen“. Sie werten dies als bloße Oberflächenerscheinung, weil sich dahinter eine hohe emotionale Sensibilität für die Reaktionen anderer verberge. Ahktar fordert daher eine Rückbesinnung auf Kretschmers ganzheitliches Konzept und kritisiert das DSM, weil es die Bedeutung verkenne, die soziale Beziehungen für schizoide Menschen haben. Aber auch die aktuellen Diagnosekriterien bleiben eindimensional und beschränken sich auf eine gleichgültige und desinteressierte Fassade. Nicht berücksichtigt werden darin z. B. zwiespältiges Verhalten, die Psychodynamik der daraus entstehenden inneren Konflikte sowie starke Überempfindlichkeit gegenüber Ablehnung und Zuneigung gleichermaßen.[11][12]

Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein großes Problem bei der Diagnose ist die Überlappung mit anderen Persönlichkeitsstörungen oder Erkrankungen.

Bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung (ÄVPS) ist es vor allem die Angst vor dem Werturteil der anderen, die den Betroffenen den Kontakt erschwert. Manche glauben jedoch, dass die schizoide und die ÄVPS unterschiedliche Varianten derselben Persönlichkeitsstörung sind. Menschen mit schizotypischer PS zeigen in Verhalten und Kommunikation deutlich stärkere Auffälligkeiten als Schizoide, z. B. magisches Denken, bizarre Überzeugungen und seltsame Sprechweisen. Beide Persönlichkeitsstörungen kommen aber auch kombiniert mit der SPS vor und stellen eine häufige Komorbidität dar.[6][13]

Manche Symptome können auch den bei der Schizophrenia simplex auftretenden Negativsymptomen ähneln (z. B. verarmtes Denken und verflachter Affekt). Bei der schizoiden PS handelt es sich jedoch um ein über lange Zeit gleichbleibendes Muster, während die Schizophrenie einen plötzlichen Verfall bei vorher unauffälligen Menschen darstellt.[14]

Die Abgrenzung von dem in der Kindheit beginnenden Asperger-Syndrom ist ebenfalls nicht einfach.

Häufigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wird von 0,4 bis 0,9 % Betroffener in der Bevölkerung ausgegangen. Das heißt, dass die Störung im Vergleich zu anderen Persönlichkeitsstörungen relativ selten ist: Sie macht ca. 3,8 % aller diagnostizierten PS aus. Insgesamt findet man schizoide Patienten kaum in Kliniken. Unter Obdachlosen dagegen sind schizophrenienahe Persönlichkeitsstörungen wie die SPS sehr verbreitet. Frauen und Männer sind ungefähr gleich häufig betroffen.[10][15]

Subtypen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele grundsätzlich schizoide Personen pflegen einen engagierten, interessierten und zugewandten sozialen Umgangsstil und entsprechen damit nicht dem Klischeebild, das von den Diagnosesystemen gezeichnet wird. Daher wird mitunter vorgeschlagen, folgende (auf der Wahrnehmung Betroffener beruhenden) Subtypen zu unterscheiden: den klassischen und alternativ den secret schizoid. Der secret schizoid ist seiner Veranlagung zum Trotz nach außen hin scheinbar durchaus interessiert an zwischenmenschlichen Beziehungen, wodurch die schizoiden Charakterzüge im Umgang weitgehend verdeckt und überspielt werden können. Doch fallen auch bei diesem Subtyp im geselligen Umgang rasch eine emotionale Unzugänglichkeit und teils inadäquate Reaktionen als Wesenskern auf, obwohl formal ein perfekter und sogar eleganter Umgangsstil beherrscht werden kann.[16]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach vorherrschender Auffassung nimmt diese Persönlichkeitsstörung in der frühen Kindheit oder Jugend ihren Ausgang. Erste Anzeichen dafür können einzelgängerisches, einsames Verhalten und geringe Schulleistungen trotz gutem Potenzial sein. Dieses Anderssein kann zu Hänseleien und schlechten Beziehungen zu Gleichaltrigen beitragen.[6]

Psychologen vermuten, dass eine Kombination verschiedener Faktoren zur Entstehung einer Schizodie führt: Sie sehen eine hochgradige, angeborene Sensibilität und Irritierbarkeit ebenso als Voraussetzung an als auch Formen starker emotionaler Vernachlässigung, brüsker mütterlicher Fürsorge oder chaotischer sozialer Verhältnisse. In vielen Fällen weist ein Elternteil psychische Störungen auf oder konnte sein Kind nicht verstehen. Dem Säugling und Kleinkind fehlt ausreichender Schutz zum Ausbilden der ersten selbstständigen Kontakte mit der nächsten Umgebung – solche Versuche wurden entweder gar nicht beantwortet und konnten sich nicht weiterentwickeln, oder es wurde so stark auf sie reagiert, dass nicht die Freude an der Antwort, sondern die Beängstigung durch sie als bleibende Erfahrung im Gedächtnis bleibt. Bisher liegen dazu allerdings noch keine belastbaren empirischen Untersuchungen vor.

Zwillingsstudien schätzen die Erblichkeit der SPS auf etwa 55-59 %, sodass auch eine genetische Veranlagung mit ursächlich sein könnte. Im Gegensatz zur schizotypischen PS konnte jedoch bis heute kein klarer Nachweis für eine Beziehung zur Schizophrenie erbracht werden.[17] Andere Beobachtungen legen ebenfalls nahe, dass biologische Faktoren an der Entwicklung einer SPS beteiligt sind. So wurde etwa ein Zusammenhang mit reduziertem Körpergewicht beobachtet sowie Frühgeburtlichkeit und pränatale Mangelernährung als Risikofaktoren identifiziert. Auch nach einer Kopfverletzung entwickeln sich oft plötzlich schizoide Verhaltensweisen (z. B. starkes Einzelgängertum).[18][19]

Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund mangelnder sozialer Fertigkeiten und dem fehlenden Wunsch nach sexuellen Erfahrungen haben Menschen mit SPS manchmal nur wenige Freundschaften und heiraten selten. Schizoide Patienten sind daher oft kinderlos und leben eher allein oder noch bei den Eltern.[6][20]

Über den Verlauf ist sonst nur wenig bekannt, da diese Persönlichkeitsstörung in den letzten Jahrzehnten kaum mehr beforscht wurde. Weiterhin ist vermutlich die Bereitschaft oft zu gering, sich im Rahmen wissenschaftlicher Studien untersuchen und behandeln zu lassen.[21]

Allgemein lässt sich sagen, dass bei Persönlichkeitsstörungen nicht erwartet wird, dass sich diese ohne Behandlung im Laufe der Zeit verbessern, weil es sich bei ihnen um überdauernde, lange vorhandene Verhaltensmuster handelt. Unter günstigen Bedingungen jedoch, etwa wenn im Rahmen einer Therapie Vertrauen gefasst werden kann, können sich die schizoiden Züge unter Umständen mildern, sodass Plastizität und damit eine gewisse Veränderung eintritt.

Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Regel suchen vor allem Menschen mit mäßig ausgeprägten schizoiden Zügen eine Behandlung auf. Dabei leiden die Betroffenen oft unter ihrem Unvermögen, nahe Beziehungen zu anderen herstellen und genießen zu können.[9]

Psychotherapie

Die Behandlung erfolgt durch Psychotherapie, wobei es Personen mit schizoider Persönlichkeitsstörung häufig schwerfällt, eine engere Beziehung zu dem Therapeuten einzugehen. Es kommen sowohl verhaltenstherapeutische Veränderungsstrategien als auch psychodynamische Verfahren zum Einsatz.

Eine kognitive Verhaltenstherapie könnte jedoch zumindest anfänglich Probleme mit sich bringen. Denn bei dieser Therapieform besteht ein entscheidender Schritt darin, typische automatische Gedanken zu identifizieren. Bei anderen Persönlichkeitsstörungen funktioniert das meist gut. Bei der schizoiden Persönlichkeitsstörung ist es dagegen oft schwer, überhaupt irgendwelche automatischen Standardgedanken zu identifizieren. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass Gedanken mit Gefühlen verbunden sind. Da bei schizoiden Personen möglicherweise die Anzahl der Gefühle geringer sind, kann vermutet werden, dass sie deshalb auch über weniger Gedanken berichten, als Menschen mit anderen Persönlichkeitsstörungen. In den wenigen festgestellten automatischen Gedanken spiegeln sich die Gedankenarmut und apathische Sichtweise schizoider Menschen wider. Wenn doch automatische Gedanken vorhanden sind, befassen sich diese typischerweise mit einer Vorliebe für Einsamkeit und dem Gefühl, ein abseits stehender Beobachter zu sein.[7]:S. 111f

Medikamente

Psychopharmaka sollten ergänzend eingesetzt werden, wenn zusätzlich eine schwere Depression, Ängste, Depersonalisation oder besonders schwere, psychosenahe Episoden auftreten.

Es kann auch versucht werden, die schizoide PS direkt zu behandeln. Denn einige Symptome ähneln der Negativ- oder Defizitsymptomatik der Schizophrenie, z. B. Apathie, sozialer Rückzug, eingeengtes Gefühls- und Gemütsleben, Lust- und Freudlosigkeit, Verarmung von Sprache und Denken und reduzierte Ausdauer und Willenskraft (Avolition). Daher könnten atypische Neuroleptika (wie Olanzapin, Sertindol etc.) erfolgversprechend sein.[22] Eine ursächliche Behandlung mit Medikamenten ist jedoch nicht bekannt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Guido Pliska (2009): Gottfried Benn und die Schizoidie. doi:10.1007/s00115-009-2859-1: „Den Schlüssel zu den schizoiden Temperamenten aber hat der, der klar erfasst hat, dass die meisten Schizoiden nicht entweder überempfindlich oder kühl, sondern dass sie überempfindlich und kühl zugleich sind, und zwar in ganz verschiedenen Mischungsverhältnissen.“ (Ernst Kretschmer)
  2. Schizoide Charakterstruktur (Wikipedia) und Kapitel 5 aus Alexander Lowen (2011): Bioenergetik. ISBN 3-644-41361-4.
  3. Stefan Röpke: Die schizoide PS: Abschied von einer Diagnose? (Folie 13-14). "Schizoide Menschen zeigten in einer norwegischen Studie weniger Kontakt mit Familie und Freunden, weniger subjektives Wohlbefinden, weniger Lebenszufriedenheit, weniger Unterstützung und mehr negative Lebensereignisse." Skodol (2011) schreibt über die SPS: "It was found by Ulrich (2007) to have the lowest functioning among the PDs with respect to achievement and interpersonal relations..." (p.150).
  4. Ronald Laing (1994). Das geteilte Selbst. (Kapitel 5: Das innere Selbst im schizoiden Zustand.) ISBN 978-3-462-02375-6.
  5. a b Philip Manfield (1992): Split self/split object: understanding and treating borderline, narcissistic, and schizoid disorders. Jason Aronson, ISBN 0-87668-460-6. “Not all schizoids keep away from people. It is not people that schizoids avoid, but emotional intimacy, self disclosure, and emotions both positive and negative.” (S. 207)
  6. a b c d e DSM-5 (2015): Beschreibungstext und Kriterien zur schizoiden PS. ISBN 978-3-8017-2599-0. S. 894f
  7. a b Die Schizoide und Schizotypische Persönlichkeitsstörung (S.105-119). In: Aaron Beck (1995). Kognitive Therapie der Persönlichkeitsstörungen. Beltz, ISBN 978-3-621-27155-4.
  8. Sharon Ekleberry (2008): Cluster A: Schizoid Personality Disorder and Substance Use Disorders. S. 31f. ISBN 978-0-7890-3693-3.
  9. a b Sabine Herpertz (2003): 4.2 Schizoide Persönlichkeitsstörung. Thieme Verlag. doi:10.1055/b-0034-12065. Medizin im Text (Blog): Schizoide Persönlichkeitsstörung. Zitat:„Viele Schizoide sind intellektuelle Menschen - sie beschäftigen sich lieber mit theoretischen Dingen, als einen Nagel in die Wand zu schlagen.“
  10. a b c Wolfgang Tress (2002): Persönlichkeitsstörungen: Leitlinie und Quellentext. Schattauer Verlag, ISBN 9783794521425. S. 83f.
  11. Peter Fiedler: Persönlichkeitsstörungen. 6. Auflage. Beltz, 2007, ISBN 978-3-621-27622-1, S. 137: „Die jetzige Diagnose „schizoide PS“ nimmt also – wenn man so will – der bei Kretschmer beschriebenen Schizoidie ihre Zwiespältigkeit: Die zweite Charakterseite, die er der vermeintlichen Schizoidie zuschrieb (nämlich empfindsam, leicht verletzbar, launisch und sprunghaft), gilt seither als Anteil der schizotypen PS.“
  12. DSM-5 Clinical Cases (2013): "Oddly isolated" (Case 18.2). ISBN 978-1-58562-463-8. Zur Trennung von schizoider und ängstlicher PS siehe W. J. Livesley, M. West: The DSM-III Distinction between schizoid and avoidant personality disorders. In: Canadian journal of psychiatry. Revue canadienne de psychiatrie. Band 31, Nummer 1, Februar 1986, S. 59–62, PMID 3948107.
  13. Peter Fiedler, Michael Marwitz (2016): Selbstunsicher und schizoid – Varianten einer Störung? PSYCH up2date, Thieme Verlag. (PDF-Link)
  14. Anhang B – Kriterienlisten und Achsen, die für weitere Forschung vorgesehen sind. In: DSM-IV-TR, 2003, ISBN 978-3-8017-1660-8, S. 831 f.
  15. Adrian J. Connolly (2008): Personality Disorders in Homeless Drop-In Center Clients. doi:10.1521/pedi.2008.22.6.573: „Cluster A personality disorders (paranoid, schizoid, schizotypal) were found in almost all participants (92% had at least one diagnosis).“
  16. James F. Masterson, Ralph Klein (1995): Disorders of the Self. Brunner/Mazel. Secret Pure Schizoid Cluster Disorder. (S. 25–27). ISBN 0-87630-786-1.
  17. Paul H. Blaney u.a.: Oxford Textbook of Psychopathology. Oxford University Press, 2014, ISBN 978-0-19-981184-7, S. 649 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  18. Johannes Hebebrand u. a. (1997): Low body weight in male children and adolescents with schizoid personality disorder or Asperger's disorder. doi:10.1111/j.1600-0447.1997.tb09906.x.
  19. Willem H.J. Martens: Schizoid personality disorder linked to unbearable and inescapable loneliness. In: The European Journal of Psychiatry. 24, 2010, doi:10.4321/s0213-61632010000100005. Medizin.at (2014): Durch Kopfverletzung zum Einzelgänger? (Siehe auch A. Levan, L. Baxter, C. B. Kirwan, G. Black, S. D. Gale: Right frontal pole cortical thickness and social competence in children with chronic traumatic brain injury: cognitive proficiency as a mediator. In: The Journal of head trauma rehabilitation. Band 30, Nummer 2, 2015 Mar-Apr, S. E24–E31, doi:10.1097/HTR.0000000000000040, PMID 24714213).
  20. Simone Hoffner (1999): Die schizoide Persönlichkeitsstörung. Ergebnisse einer empirischen Studie zur Klassifikation schizoider Störungen und erste Validierungsversuche des Interviews zur Diagnostik schizoider Störungen IDS. Dissertation, Universität Heidelberg. (Zusammenfassung)
  21. Thomas Suslow, Volker Arolt (2008): Schizophrenienahe Persönlichkeitsstörungen. doi:10.1007/s00115-008-2589-9: „Es besteht ein erheblicher Mangel an Untersuchungen zu neuropsychologischen und neurobiologischen Merkmalen und psychosozialen Risikofaktoren der paranoiden und schizoiden Persönlichkeitsstörung.“
  22. Schizoid Personality Disorder (Chapter 3, pp. 45-56). In: Sonny Joseph (1997). Personality Disorders - New Symptom-Focused Drug Therapy. ISBN 978-0-7890-0134-4.
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