Schizoide Persönlichkeitsstörung

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Dieser Artikel beschreibt die schizoiden Persönlichkeitsstörung. Sie ist nicht zu verwechseln mit der antisozialen Persönlichkeitsstörung oder Schizophrenie.
Klassifikation nach ICD-10
F60.1 Schizoide Persönlichkeitsstörung
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Die schizoide Persönlichkeitsstörung (SPS) zeichnet sich aus durch einen Rückzug von affektiven, sozialen und anderen Kontakten mit übermäßiger Vorliebe für Phantasie, einzelgängerisches Verhalten und eine in sich gekehrte Zurückhaltung. Die Betroffenen verfügen nur über ein begrenztes Vermögen, Gefühle auszudrücken und Freude zu zeigen.

Der Begriff schizoid (altgriechisch σχίζειν schízein ‚spalten‘) wurde 1908 von Eugen Bleuler in Anlehnung an den der Schizophrenie und unter dem Eindruck einer ihr nahestehenden Erkrankung geprägt. Er umfasste, gemessen am heutigen Verständnis, zunächst aber einen weit größeren Formenkreis von Persönlichkeitseigenschaften. Um 1920 entwickelte Ernst Kretschmer ihn dann weiter und betonte dabei vor allem das Spannungsverhältnis zwischen innerem Erleben und äußerem Auftreten. Am schizoiden Charakter waren für ihn gerade das „In-sich-hineinleben“ und die Widersprüchlichkeit typisch: Einerseits leicht verletzbar, launisch, nervös und exzentrisch („hyperästhetisch“), andererseits aber gleichzeitig auch unterkühlt, schroff, farblos und gleichgültig („anästhetisch“).[1]

Ab 1980 jedoch begrenzte man die Definition der schizoiden Persönlichkeitsstörung rein auf die anästhetischen Eigenschaften, während für die hyperästhetischen Eigenschaften die schizotypische und ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung eingeführt wurden. Diese Zergliederung wurde oft kritisiert und eine Rückbesinnung auf Kretschmers ganzheitliches Konzept gefordert. Doch diese Trennung prägt nach wie vor auch heute noch das medizinische Verständnis der SPS.[2]

Die Einordnung der beschriebenen Merkmale als Persönlichkeitsstörung begründet sich durch deren chronische, unflexible und unverhältnismäßig starke Ausprägung. Ein weiterer Grund ist, dass die SPS deutlich die Lebensqualität mindern und sich noch nach 15 Jahren negativ auf das psychische Funktionsniveau auswirken kann.[3]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine tiefgehende Kontaktstörung prägt die betroffenen Personen. Ihre emotionale Beziehung zur Umwelt und anderen Menschen ist zentral gelockert, die spontane Erlebnisfähigkeit und das unmittelbare Ansprechen der Gefühle stark gehemmt. Auffallend sind eine oft fehlende emotionale Authentizität, die allgemeine Abflachung des Affekts sowie ein Defizit an erwartbaren emotionalen Reaktionen auf die Gefühlslagen der Mitmenschen.[4][5] Tiefsitzendes Misstrauen hält Betroffene anderen Menschen gegenüber auf Distanz.[6]

Während einerseits der Wunsch nach inniger Gemeinsamkeit mit anderen oder einem Mitmenschen bestehen kann, sind andererseits Mitteilung und emotionaler Ausdruck blockiert, mit der Folge des Gefühls einer inneren Zerrissenheit. Einige dieser Menschen treten starr und hölzern auf, andere wiederum überaus freundlich und vertrauenswürdig. Unter Druck gesetzt, z. B. durch zu enges Zusammenleben, reagieren sie oft abrupt und befremdlich. Sie ziehen sich dann für Außenstehende völlig unerwartet zurück, schotten sich ab und meiden für einige Zeit jegliche Kontakte. Sowohl perfekte Selbstkontrolle als auch plötzliches Ausbrechen sind meist Seiten dieser Persönlichkeiten.

In von außen induzierten Veränderungen und neuen Dingen wird meist eine Gefahr gesehen, vor der es sich, vorzugsweise durch Rückzug oder Kontrolle, zu schützen gilt. Menschen mit einer schizoiden Störung bilden kompensatorisch daher oft ein hohes Maß intuitiver Fähigkeiten aus, mit denen sie sich schützen und zugleich Überlegenheit und Kontrolle gewinnen wollen. Diese antrainierten Fähigkeiten helfen dem schizoiden Menschen bei der Alltagsbewältigung, belasten engere soziale Kontakte jedoch schnell.

Nach außen hin zeigen schizoide Personen meist eine „glatte“ Oberfläche ohne sichtbare emotionale Reaktivität und erwidern selten Gesten oder Gesichtsausdrücke wie z. B. ein Lächeln oder Nicken. Es fällt ihnen selbst auf direkte Provokation hin häufig äusserst schwer, Wut oder Feindseligkeit offen auszudrücken. Das lässt die Betroffenen oft gefühlsarm erscheinen, auch wenn dies gar nicht zutrifft und ihr innerer Gefühlszustand ein ganz anderer ist. Deshalb wirken sie in unangenehmen Situationen oft passiv und haben Probleme, adäquat auf wichtige Lebensereignisse zu reagieren.[7]

Soweit die Voraussetzungen bestehen, entwickeln diese Persönlichkeiten nicht selten ein hohes Maß an intellektueller Differenziertheit. Beruflich neigen schizoide Menschen verstärkt zu abstrakten Tätigkeitsfeldern sowie Tätigkeiten, die allein oder in konstanten Kleingruppen durchgeführt werden, oder Dienstleistungsberufen, in denen die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Kunden und Anbieter begrenzt und durch soziale Normen zu einem erhöhten Grade formalisiert sind. In der Schule liefern sie mitunter schlechte Leistungen, die ihren intellektuellen Fähigkeiten nicht entsprechen. Allerdings gibt es auch Betroffene, die hohe kompensatorische Fähigkeiten aufweisen und, nach Aussage einiger Autoren, gar Berufe wählen, bei denen wenig formalisierte soziale Beziehungen eine große Rolle spielen, wobei auch hier von Seiten der Autoren das Fehlen einer „emotionalen Authentizität“ konstatiert wird.[8]

In Teilen der Literatur findet sich mitunter außerdem der Versuch einer auf der Wahrnehmung Betroffener beruhenden Aufspaltung in zwei Subtypen: einen klassischen sowie alternativ den hidden oder secret schizoid. Der secret schizoid ist seiner Veranlagung zum Trotz nach außen hin scheinbar durchaus interessiert an zwischenmenschlichen Beziehungen, wodurch die schizoiden Charakterzüge im Umgang weitestgehend verdeckt und überspielt werden können. Doch fallen auch bei diesen im geselligen Umgang rasch eine emotionale Unzugänglichkeit und teils inadäquate Reaktionen als Wesenskern auf, obwohl formal ein perfekter und sogar eleganter Umgangsstil beherrscht werden kann.[9]

Häufigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wird von ein bis drei Prozent Betroffener in der Bevölkerung ausgegangen, das heißt, dass die Störung im Vergleich zu anderen Persönlichkeitsstörungen relativ selten ist. Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen.[7]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach vorherrschender Auffassung nimmt diese Persönlichkeitsstörung in der frühen Kindheit ihren Ausgang. Eine hochgradige angeborene Sensibilität und Irritierbarkeit wird ebenso als Voraussetzung für ihre Entstehung angesehen wie Formen starker emotionaler Vernachlässigung, chaotischer sozialer Verhältnisse oder auch Formen brüsker mütterlicher Fürsorge. In vielen Fällen weist ein Elternteil psychische Störungen auf oder konnte sein Kind nicht verstehen. Dem Säugling und Kleinkind fehlt ausreichender Schutz zum Ausbilden der ersten selbstständigen Kontakte mit der nächsten Umgebung – solche Versuche wurden entweder gar nicht beantwortet und konnten sich nicht weiterentwickeln, oder es wurde so stark auf sie reagiert, dass nicht die Freude an der Antwort, sondern die Beängstigung durch sie als bleibende Erfahrung im Gedächtnis bleibt.

Prognose[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Prognose und Verlauf der SPS sind weitgehend unbekannt. Wichtigster Grund hierfür dürfte sein, dass diese Persönlichkeitsstörung in den letzten Jahrzehnten kaum mehr beforscht wurde. Weitere Gründe sind vermutlich, dass Menschen mit SPS sich selten behandeln lassen und ihre Bereitschaft gering ist, sich im Rahmen wissenschaftlicher Studien untersuchen zu lassen.[10]

Allgemein lässt sich sagen, dass bei Persönlichkeitstörungen nicht erwartet wird, das sich diese ohne Behandlung im Laufe der Zeit verbessern, weil es sich bei ihnen um überdauernde, lange vorhandene Verhaltensmuster handelt. Unter günstigen Bedingungen jedoch, etwa wenn im Rahmen einer Therapie Vertrauen gefasst werden kann, können sich die schizoiden Züge unter Umständen mildern, sodass Plastizität und damit eine gewisse Veränderung eintritt.

Diagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach ICD[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mindestens vier der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen müssen laut ICD-10 der WHO vorliegen:[11]:S. 8-9

  1. wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude;
  2. zeigt emotionale Kühle, Distanziertheit oder abgeflachte Affektivität;
  3. reduzierte Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle für andere oder Ärger auszudrücken;
  4. erscheint gleichgültig gegenüber Lob oder Kritik von anderen;
  5. wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen (unter Berücksichtigung des Alters);
  6. fast immer Bevorzugung von Aktivitäten, die allein durchzuführen sind;
  7. übermäßige Inanspruchnahme durch Phantasien und Introvertiertheit;
  8. hat keine oder wünscht keine engen Freunde oder vertrauensvollen Beziehungen (oder höchstens eine);
  9. deutlich mangelndes Gespür für geltende soziale Normen und Konventionen. Wenn sie nicht befolgt werden, geschieht das unabsichtlich.

Nach DSM[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im DSM-5 ist die SPS zusammen mit der schizotypischen und der paranoiden Persönlichkeitsstörung im Cluster A als schizophrenienahe Persönlichkeitsstörung eingeordnet.

Es handelt sich um ein tiefgreifendes Muster, das durch Distanziertheit in sozialen Beziehungen und eine eingeschränkte Bandbreite des Gefühlsausdrucks im zwischenmenschlichen Bereich gekennzeichnet ist. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter, und das Muster zeigt sich in verschiedenen Situationen. Mindestens vier der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. Hat weder den Wunsch nach engen Beziehungen noch Freude daran, einschließlich der Tatsache, Teil einer Familie zu sein.
  2. Wählt fast immer einzelgängerische Unternehmungen.
  3. Hat, wenn überhaupt, wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen.
  4. Wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude.
  5. Hat keine engen Freunde oder Vertraute, außer Verwandten ersten Grades.
  6. Erscheint gleichgültig gegenüber Lob und Kritik von Seiten anderer.
  7. Zeigt emotionale Kälte, Distanziertheit oder eingeschränkte Affektivität.

Tritt nicht ausschließlich im Verlauf einer Schizophrenie, einer bipolaren Störung oder depressiven Störung mit psychotischen Merkmalen, einer anderen psychotischen Störung oder einer Autismus-Spektrum-Störung auf und ist nicht Folge der physiologischen Wirkungen eines medizinischen Krankheitsfaktors. Falls die Kriterien vor dem Beginn einer Schizophrenie erfüllt waren, ist „prämorbid“ hinzuzufügen, z. B. „Schizoide Persönlichkeitsstörung (prämorbid)“.

Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Behandlung erfolgt durch Psychotherapie, wobei es Personen mit schizoider Persönlichkeitsstörung häufig schwerfällt, eine engere Beziehung zu dem Therapeuten einzugehen. Hierbei kommen sowohl verhaltenstherapeutische Veränderungsstrategien als auch psychodynamische Verfahren zum Einsatz.

Eine ergänzende Psychopharmakotherapie ist indiziert, wenn die Symptomatik eine schwere Depression, Ängste, Depersonalisation oder besonders schwere, psychosenahe Episoden umfasst. Eine ursächliche Behandlung mit Medikamenten ist jedoch nicht bekannt.[11]:S. 26

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. G. Pliska: Gottfried Benn und die Schizoidie. In: Der Nervenarzt. Band 81, Nr. 9, 2009, S. 1108–1116, doi:10.1007/s00115-009-2859-1: „Den Schlüssel zu den schizoiden Temperamenten aber hat der, der klar erfasst hat, dass die meisten Schizoiden nicht entweder überempfindlich oder kühl, sondern dass sie überempfindlich und kühl zugleich sind, und zwar in ganz verschiedenen Mischungsverhältnissen.“ (E. Kretschmer)
  2. Peter Fiedler: Persönlichkeitsstörungen. 6. Auflage. Beltz, 2007, ISBN 978-3-621-27622-1, S. 137: „Die jetzige Diagnose "schizoide PS" nimmt also - wenn man so will - der bei Kretschmer beschriebenen Schizoidie ihre Zwiespältigkeit: Die zweite Charakterseite, die er der vermeintlichen Schizoidie zuschrieb (nämlich empfindsam, leicht verletzbar, launisch und sprunghaft), gilt seither als Anteil der schizotypen PS.“
  3. Stefan Röpke: Die schizoide Persönlichkeitsstörung: Abschied von einer Diagnose? Folie 13-14 (PDF; 302 KB). "Schizoide Menschen zeigten in einer norwegischen Studie weniger Kontakt mit Familie und Freunden, weniger subjektives Wohlbefinden, weniger Lebenszufriedenheit, weniger Unterstützung und mehr negative Lebensereignisse."
  4. Ronald D. Laing: Das innere Selbst im schizoiden Zustand (Kap.5) In: Das geteilte Selbst. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1994, ISBN 978-3-462-02375-6.
  5. Philip Manfield: Split self/split object: understanding and treating borderline, narcissistic, and schizoid disorders. Jason Aronson, 1992, ISBN 0-87668-460-6.
  6. Jeffrey Seinfeld: The Empty Core: An Object Relations Approach to Psychotherapy of the Schizoid Personality. Jason Aronson, 1991, ISBN 0-87668-611-0.
  7. a b Beschreibungstext zur schizoiden Persönlichkeitsstörung. In: DSM-5. Hogrefe, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8017-2599-0. S.894f.
  8. Philip Manfield: Split Self, Split Object. Manfield writes: “Not all schizoids keep away from people. It is not people that schizoids avoid, but emotional intimacy, self disclosure, and emotions both positive and negative.” (S. 207)
  9. James F. Masterson, Ralph Klein: Secret Pure Schizoid Cluster Disorder. In: Disorders of the Self: New Therapeutic Horizons. Brunner/Mazel, New York 1995, S. 25–27, ISBN 0876307861. “Ralph Klein, M.D. was Clinical Director of the Masterson Institute and Assistant Professor of Psychiatry at the Columbia University College of Physicians and Surgeons, New York.”
  10. T. Suslow, V. Arolt: Schizophrenienahe Persönlichkeitsstörungen. In: Der Nervenarzt. Band 80, Nr. 3, 14. November 2008, S. 343–350, doi:10.1007/s00115-008-2589-9 (springer.com): „Es besteht ein erheblicher Mangel an Untersuchungen zu neuropsychologischen und neurobiologischen Merkmalen und psychosozialen Risikofaktoren der paranoiden und schizoiden Persönlichkeitsstörung.“
  11. a b W. Gaebel, P. Falkai (Red.): S2-Praxisleitlinien in Psychiatrie und Psychotherapie (Memento vom 23. Januar 2013 im Internet Archive), Band 1: Behandlungsleitlinie Persönlichkeitsstörungen, DGPPN, Steinkopff Verlag, 2008, ISBN 978-3-7985-1853-7.
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