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Schloss Acquigny

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Château d'Acquigny, Nordseite

Das Schloss Acquigny (französisch Château d’Acquigny) ist ein Schloss im Ort Acquigny im Département Eure (Region Normandie). Der heutige Renaissancebau entstand Mitte des 16. Jahrhunderts auf den Fundamenten einer im 14. Jahrhundert zerstörten Burg. Das Ensemble aus Schloss, Wirtschaftsgebäuden, Kirche, Orangerie, Park und hydraulischen Anlagen steht unter Schutz als französisches Monument historique.[1]

Lage und Topographie

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Das Anwesen liegt im Talgrund zwischen Eure und Iton. Acquigny entwickelte sich am Zusammenfluss beider Flüsse; der Iton wurde bereits im 12. Jahrhundert von Mönchen der Abtei Conches-en-Ouche zur Mühlenversorgung umgeleitet, was zugleich die Gräben der Befestigung speiste.[1] Die bewaldeten Hänge beidseits des Tals begünstigen ein leicht milderes Mikroklima als im Umland.

Mittelalter / Hundertjähriger Krieg

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Am Ort des heutigen Schlosses befand sich seit dem Hochmittelalter eine strategische Festung zur Kontrolle der Schifffahrt auf der Eure. Nach der Gefangennahme Karls II. von Navarra (1356) sammelte sich in Évreux ein großes anglo-navarresisches Heer; Acquigny wurde eingenommen und diente nach der Schlacht von Cocherel (1364) als Rückzugs- und Stützpunkt der Navarresen. Ein französisches Heereskorps unter Jean de La Rivière belagerte die Festung und nahm sie nach längerer Einschließung ein.[2][3] Im Jahr 1378 ließ Karl V. in der Normandie zahlreiche navarresische Festungen schleifen; Acquigny wurde dabei zerstört. Nur Cherbourg blieb verschont.[4][5]

Südseite von Château d'Acquigny

Renaissancebau (16. Jahrhundert)

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Der heutige Schlossbau entstand zwischen 1557 und 1572 unter Anne de Laval, Tochter von Guy XVI. de Laval und Anne von Montmorcey, Hofdame Katharinas von Medici. 1531 erbte sie Acquigny von Ihrem Vater. Nach dem Tod ihres Gemahls Louis de Silly beauftragte die Baroness von Acquigny und Crèvecœur den bekannten Renaissance Architekten Philibert de l’Orme. Die Gestaltung feiert die eheliche Liebe: verschlungene Initialen (A-L-S) strukturieren Grundriss und Dekor; die Ehrenfassade zeigt eine auf einer Muschel-Trompe ruhende Loggia (Jakobsmuschel-Motiv).[6]

Besitzerwechsel in Zeiten der Fronde

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Nach dem Tod von François de Silly, Herzog von La Roche-Guyon und Enkel von Louis de Silly, der 1643 bei der Belagerung von Rocroi fiel, ging das Gut an Pierre de Gondi, Herzog von Retz, über.

Anne Geneviève de Condé, Herzogin von Longueville

Dieser verkaufte es 1646 an Aimé Leblanc du Rollet, einen Günstling des Herzogs von Longueville, der die Herzogin Anne Genevieve du Bourbon aufnahm – jene Frau, die während der Fronde versuchte, die Normandie gegen König Ludwig XIV. aufzuwiegeln.[7]

17.–18. Jahrhundert

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Am 12. Oktober 1656 erwarb Claude Le Roux, Seigneur de Cambremont und Rat im Parlament der Normandie, das Schloss. Seitdem ist Acquigny im Besitz der Familie Le Roux d’Esneval, die ununterbrochen bis 1790 im Parlament der Normandie vertreten war.

Im 18. Jahrhundert erfolgten tiefgreifende Erweiterungen, vor allem ab 1745 unter Pierre-Robert Le Roux d’Esneval bekannt als („Président d’Acquigny“). Architekt Charles Thibault erneuerte die Kapelle Saint-Mauxe, errichtete Ställe/Remisen, die Orangerie und das an die Kirche angelehnte Petit Château (Eremitage). Die Bauten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wirken besonders einheitlich durch den nahezu ausschließlichen Einsatz von orangefarbenem Backstein.[1]

19.–20. Jahrhundert und Gegenwart

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Schlosspark

Nach 1823 wurde der ehemals reguläre Park im romantischen Sinn umgestaltet: künstlicher Fluss, Kaskaden, Felsbrücken, neue Gehölze; zwischen 1845 und 1860 beseitigte man die Gräben, der Friedhof wurde verlegt.[1] Im Zuge der Restaurationsbewegung des 19. Jahrhunderts wurden Interieurs modernisiert; einzelne Renaissance-Ausstattungen gelangten in Museen (u. a. Musée des Beaux-Arts Lyon; Waddesdon Manor).[8]

Schlosspark

Vom Park des 18. Jahrhunderts sind Wasserachsen erhalten; die romantische Umgestaltung ergänzte geschwungene Wege, Brücken und Kaskaden. Die Orangerie (um 1746, Charles Thibault) beherbergt mediterrane Kübelpflanzen und dient als Ausstellungs- und Konzertsaal.[1][9] Der Park ist 15 Hektar groß. Seit dem späten 20. Jahrhundert ist der Park für Besucher geöffnet und trägt seit 2015 das Garten-Label „Jardin remarquable[10]

Schlosspark
  • Pierre Le Brasseur: Histoire civile et ecclésiastique du comté d’Évreux. Nabu Press, 2011, ISBN 978-1-173-85360-0 (S. 259 u. a.).
  • Noël Broëlec: La Normandie. Châteaux et Demeures. Minerva, Genf 1995, ISBN 2-85108-773-8, S. 44–45.
  • Pierre-Émile de La Balle: La Normandie monumentale et pittoresque, Le Havre 1896, S. 20–22.
  • Claude Frégnac: Merveilles des châteaux de Normandie. Hachette, Paris 1966, S. 180–183.
  • Jean Froissart: Chroniques. Société de l’histoire de France, Paris 1869.
  • Jean-Baptiste Rendu (Hrsg.): Châteaux passion. Les châteaux du siècle de Louis XIV. Atlas-Verlag, [Évreux] 2008, ISBN 978-2-7312-4158-7, S. 109–114.
  • Denis-François Secousse: Mémoires pour servir à l’histoire de Charles II, roi de Navarre… Paris 1755 (S. 57, 85, 199, 457).
  • Philippe Seydoux: Châteaux des Pays de l’Eure. Éditions de la Morande, Paris 1987, ISBN 2-902091-13-3, S. .
  • Philippe Seydoux: La Normandie des châteaux et des manoirs. Chêne, 1992, ISBN 2-85108-773-8, S. 204.
  • Patrice Tartinville, Yves Tartinville: Les châteaux normands. Kindle-Edition. Ouest-France, Rennes 1981, ISBN 2-85882-272-7.
Commons: Schloss Acquigny – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. a b c d e Base Mérimée: Domaine d’Acquigny (PA00099290) – Ministère de la Culture (Schutzverfügungen 1926/1946/1951/1993).
  2. Jean Froissart: Chroniques, éd. Buchon, t. 1, S. 329 u. 486 .
  3. Chronique des quatre premiers Valois, S. 151 .
  4. Denis-François Secousse: Mémoires pour servir à l’histoire de Charles II…, t. 1, S. 199 u. 457 .
  5. Pierre Le Brasseur: Histoire civile et ecclésiastique du comté d’Évreux, 2011, S. 259 .
  6. Philippe Seydoux (mit Fotos von Serge Chirol): La Normandie des châteaux et des manoirs, Éd. du Chêne, 1998, S. 204 .
  7. Claude Frégnac: Merveilles des Châteaux de Normandie, Éd. Hacchettes, 1966, S. 180 .
  8. Offizielle Website des Schlosses: Historique.
  9. Seydoux 1998, S. 204; Parc/Orangerie.
  10. Jardins remarquables, Zugriff am 30. Oktober 2025.

Koordinaten: 49° 10′ 20″ N, 1° 11′ 15″ O