Böhmisches Niederland

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Das Böhmische Niederland, auch Schluckenauer Zipfel genannt (tschechisch Šluknovský výběžek), befindet sich im Norden der Tschechischen Republik an der deutsch-tschechischen Grenze zwischen dem Elbsandsteingebirge und dem Lausitzer Gebirge, administrativ gehört es zum Okres Děčín. Das Gebiet war einst dicht besiedelt, die größten Orte sind Varnsdorf (Warnsdorf), Rumburk (Rumburg) und Šluknov (Schluckenau). Von dieser Stadt leitet sich der Landschaftsbezeichnung Schluckenauer Zipfel ab.

Blick vom Vlčí hora (Wolfsberg) zum Lausitzer Gebirge
Karte des Schluckenauer Zipfels

Sehenswürdigkeiten und Tourismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Region war seit dem Dreißigjährigen Krieg eine durch den Katholizismus und ertragreiches textiles Kleingewerbe geprägte Kulturregion. Dies zeigt sich durch die zahlreichen barocken Kirchen mit den dazugehörigen Friedhöfen, Kapellen, Kreuzgängen und Wallfahrtsorten. Einer der bekanntesten Wallfahrtsorte der Region ist der Sankt-Anna-Berg in Lobendava (Lobendau) mit der Annenkapelle, welcher in jedem Jahr Schauplatz des Annenbergfestes ist. Viele dieser geweihten Stätten wurden auf den Bergen der Region angelegt. Auch die großen barocken Kirchen der Region sind auffallend, sie finden sich in jeder größeren Ortschaft. Varnsdorf ist seit den Zeiten der Monarchie Österreich-Ungarn ein Zentrum der altkatholischen Kirche.

Des Weiteren finden sich noch verschiedene Baudenkmäler aus der Zeit des Feudalismus. Die meisten Schlossanlagen wurden entweder zerstört oder dem Verfall preisgegeben. Schlossruinen finden sich in der Altstadt von Schluckenau und versteckt in Hainspach. Diese harren als Zielpunkte zur Förderung des Tourismus weiterer Sanierungs- und Renovierungsarbeiten.

Sehenswert sind auch die Holzhäuser der Region, welche wie auch auf der deutschen Seite der Grenze als Umgebindehäuser, teilweise aber auch als Blockhaus errichtet worden sind. Durch die Nähe zu Deutschland ist die grenzüberschreitende Infrastruktur des Tourismus in der Region recht gut ausgebaut.

Die Landschaft Böhmisches Niederland ist mit der Böhmischen Schweiz verbunden. Ein Nationalparkhaus mit Abstellplätzen befindet sich in Krásná Lípa. Im Osten existiert ein Zugang zum Zittauer Gebirge mit seinen Felsformationen und Kurorten.

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das vormals beinahe vollständig von Deutschböhmen bewohnte Gebiet wurde nach deren Vertreibung als Folge des Zweiten Weltkrieges nach 1945 nicht in gleichem Ausmaße mit tschechischen Neusiedlern besiedelt. Einige Ortschaften wurden daher aufgegeben. Die heutige Bevölkerungszahl entspricht nur noch einem Siebtel des Vorkriegsstandes. Bei etwa einem Fünftel handelt es sich um Roma. Der Versuch, diese in der Region ansässig zu machen, führte häufig zu sozialen Problemen. Seit einigen Jahren verstärkt sich die Tendenz, dass Roma aus anderen Landesteilen in die Region zuwandern, während Tschechen abwandern.[1]

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der vor 1945 gut gefestigten Wirtschaftsstruktur ist heutzutage wenig übriggeblieben. Viele der ansässigen Betriebe wurden 1945 konfisziert, sind wenig produktiv und erhalten kaum Investitionen. Auch die Primärwirtschaft bedarf der Förderung. Zurzeit liegt ein großer Teil der landwirtschaftlichen Nutzflächen im Schluckenauer Zipfel brach und ist von Gehölz überwuchert. Es existieren Initiativen der Europäischen Union, um mit Hilfe der Regierung Tschechiens eine grenzüberschreitende, agrarstrukturelle Entwicklung zu planen, für die es allerdings an Fachleuten fehlt. Vom Böhmischen Becken um Prag ist die bergige Region durch das Lausitzer Gebirge getrennt, alle Verkehrswege müssen deren Höhenlagen überwinden. Diese Trennung wirkte sich während der Tschechoslowakei sehr negativ auf die Entwicklung der entvölkerten Region im Norden Böhmens in den letzten 60 Jahren aus. Die ökonomische Situation der Region ist prekär. Die in Tschechien getätigten Investitionen kommen vor allem der böhmischen Kernregion zugute. Auch die Nähe zur Grenze nach Deutschland konnte bislang kaum positive Effekte erbringen. Die wirtschaftliche Situation im angrenzenden Teil Sachsens ist ebenfalls ungünstig und die infrastrukturelle Anbindung der Region ist schlecht. Viele Bewohner verlassen das Gebiet, um in der tschechischen Zentralregion um Prag oder im Ausland Arbeitsmöglichkeiten zu finden. Ein großer Teil der örtlichen Wohnhäuser wird heute nur noch als Wochenend- und Ferienhäuser genutzt oder verfällt.

Grenzüberschreitende Beziehungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bürgermeister der tschechischen Grenzstädte im Schluckenauer Zipfel - Šluknov (Schluckenau) und Jiříkov (Georgswalde) - gründeten mit den Amtskollegen der deutschen (sächsischen) Grenzkommunen in der südlichen Oberlausitz - Friedersdorf (Spree), Neusalza-Spremberg und Oppach - im Jahr 2000 in Šluknov den grenzüberschreitenden kommunalen deutsch-tschechischen Verbund der Fünfgemeinde, um die Freundschaft und Zusammenarbeit in der Grenzregion unter neuen gesellschaftlichen Verhältnissen aufzubauen und weiter zu entwickeln. Später traten dem losen Verbund auch Sohland an der Spree (2008) und die Spreequellstadt Ebersbach-Neugersdorf (2011) bei. Der grenznahe Jüttelberg (Jitrovník) zwischen Neusalza-Spremberg und Königswalde (Království) entwickelte sich dabei zu einem beliebten Zentrum für Treffen der Bewohner der internationalen Fünfgemeinde und Ausflugsziel von Wanderfreunden der Grenzregion. Am 27. September 2015 fand bereits das 14. „Jüttelberg-Treffen“ statt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Milan Kořinek: Chronik der Fünfgemeinde. Die ersten zehn Jahre. Deutsch und Tschechisch. Deutsche Übersetzung: Ingrid Pajerova. Šluknov o.J. (2011), Projekt des ERDF - Fonds der Kleinprojekte Ziel 3 2007–2013.
  • Lutz Mohr: 15 Jahre Fünfgemeinde/Petimesti, Deutschland-Tschechien (2000-2015), in: Amtsblatt der Verwaltungsgemeinschaft für die Stadt Neusalza-Spremberg mit dem Ortsteil Friedersdorf und den Gemeinden Dürrhennersdorf und Schönbach, Teil 1, 20/2015/9 (September), S. 5-6; Teil 2, 20/2015/10 (Oktober), S. 6-7; Teil 3, 20/2015/11 (November), S. 13-14
  • Gitta Rummler: Wallfahrtsstätten im nordböhmischen Niederland. In: Niederlandhefte. Heft 20, Schriftenreihe des Bundes der Niederländer, Niederland-Verlag Helmut Michel, Backnang 1996, ISBN 3-923947-23-2.
  • Rudolf Tilke: Chronik des nordböhmischen Niederlandes. Fotos: Milan Holenda. Rumburk: Verlag Milan Holenda 1998, 168 S., zahlr. Abb.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Karl-Peter Schwarz: Roma in Tschechien: Zwist im Zipfel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. September 2011.