Schlupfwespen

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Schlupfwespen
Holzwespen-Schlupfwespe (Rhyssa persuasoria) beim Anstechen eines Fichtenstammes, in welchem sie nach Wirtslarven (Holzwespenlarven) sucht

Holzwespen-Schlupfwespe (Rhyssa persuasoria) beim Anstechen eines Fichtenstammes, in welchem sie nach Wirtslarven (Holzwespenlarven) sucht

Systematik
Klasse: Insekten (Insecta)
Ordnung: Hautflügler (Hymenoptera)
Unterordnung: Taillenwespen (Apocrita)
Teilordnung: Legimmen (Terebrantia)
Überfamilie: Schlupfwespenartige (Ichneumonoidea)
Familie: Schlupfwespen
Wissenschaftlicher Name
Ichneumonidae
Latreille, 1802
Adern in den Flügeln
Vorgang der Eiablage bei einer Riesenschlupfwespe (Dolichomitus imperator)
Schlupfwespe (Hoplocryptus bellosus)
Die Riesenholzwespe ist trotz äußerlicher Ähnlichkeit nicht näher mit den Schlupfwespen verwandt. Sie gehört als Holzwespe zu den Pflanzenwespen. Ihre Larven werden z. B. von der Holzwespen-Schlupfwespe (Rhyssa persuasoria) parasitiert.
Itoplectis maculator injiziert ihre Eier in Puppen der Pflaumen-Gespinstmotte. Video (1 m 22s)

Die Schlupfwespen (Ichneumonidae) bilden vermutlich die artenreichste Familie, es sind etwa 30.000 Arten beschrieben, und es werden ca. 60.000 Arten geschätzt. Sie kommen auf der ganzen Welt vor.[1][2] In Deutschland sind mehr als 3.300 Arten bekannt[3], in der Schweiz fast 1.500 Arten[4] und in Mitteleuropa mehr als 4.000 Arten.[2]

Gelegentlich wird der Name „Schlupfwespen“ als Bezeichnung für die besondere Lebensweise verwendet, die nicht nur die Vertreter der Familie Ichneumonidae, sondern auch andere Legimmen besitzen, daher nennt man die Ichneumonidae auch „Echte Schlupfwespen“ oder „Schlupfwespen im engeren Sinn“.

Morphologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schlupfwespen sind schlank und haben meist einen deutlichen Legebohrer, der auch sehr lang sein kann. Die Färbung ist oft dunkel, oft mit gelber Zeichnung, manchmal aber auch verschiedenfarbig. Die Antennen sind lang und dünn (geißelförmig), mit mindestens 16 Gliedern, meist halb so lang wie der Körper oder länger. Die Sternite sind weichhäutig. Die Äderung der Vorderflügel ist eine wichtige Grundlage zur Bestimmung (siehe Abb.).[5]

Die Schlupfwespen sind meistens 6 bis 17 mm, im Mittel etwa 10 mm lang. Zu den Ichneumonidae gehören aber auch die größten Arten unter den parasitoiden Hautflüglern (Megarhyssa-Arten können bis zu 5 cm lang werden).[1][5]

Auf Grund der vielen Arten und der noch ungenügenden Bearbeitung ist es meist nur für Spezialisten möglich, die Arten zu bestimmen.[1]

Lebensweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Larven der Schlupfwespen leben durchweg als Parasitoide. Parasitiert werden holometabole Insekten, am häufigsten Schmetterlinge, Pflanzenwespen, Käfer u. a. Einige spezialisierte Formen parasitieren auch in Spinnenkokons, wo sie sich von den Spinneneiern ernähren, oder als Ektoparasiten an den Spinnen selbst. Die Wespen der Gattung Polysphincta saugen an den Hinterleiben von bestimmten Radnetzspinnen und bringen diese durch biochemische Zusätze dazu, ein anderes Webmuster zu verfolgen. Sie lassen sich Kokons als Bruthöhle bauen. Danach werden die Spinnen getötet.[6] Hemimetabole Insekten jedoch werden nach bisherigem Kenntnisstand von dieser Familie verschont (nicht jedoch etwa von den Erzwespen, die zu den Schlupfwespen im weiteren Sinne zählen).

Die Parasitierungsraten durch die Ichneumonidae können im Freiland hohe Werte von über 50 Prozent bis zu 80 Prozent und sogar 90 Prozent betragen, besonders bei Massenentwicklungen der Wirtsart. Dadurch fungieren die Schlupfwespen als sehr wichtige Antagonisten vieler Schädlingsarten und halten deren Populationen auf natürliche Weise in Grenzen.

Einige Ichneumonidae-Arten der Unterfamilie Campopleginae, die Schmetterlingsraupen parasitieren, besitzen einen endogenen viralen Vektor aus der Familie der Polydnaviridae, der nur in den Calyxzellen der Ovarien der Wespen gebildet wird und nach einer Koinjektion mit den Nachkommen den Stoffwechsel, die Immunreaktion und das Verhalten des Wirts verändert.[7]

Die Imagines der Schlupfwespen lecken oft Honigtau oder andere Pflanzensäfte. Manche Arten saugen Körpersäfte der Wirte auf nachdem sie diese angestochen haben. Die meisten Schlupfwespen fliegen ohne zu summen, viele zittern, wenn sie sitzen oder umherlaufen, mit den Fühlern. Es gibt auch flügellose Schlupfwespen (Gattung Gelis), die Ameisen ähnlich sehen.[8]

Unterfamilien mit Auswahl an Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Familie wird derzeit in 41 Unterfamilien eingeteilt, deren Phylogenie noch weitgehend ungeklärt ist[9]. Die folgende Aufstellung folgt D.S. Yu (Stand: 2012),[10] teilweise mit Änderungen von Bennet et al. 2019[11]

Wirtschaftliche Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schlupfwespen haben in der Kontrolle von für den Menschen unerwünschten Insekten wirtschaftliche Bedeutung; diese ist allerdings schwer quantifizierbar. Einige Schlupfwespenarten werden kommerziell gezüchtet und in der Biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt, z. B. zur Minimierung der Bestände der Stallfliege und auch zur Kontrolle von Lebensmittelmotten,[12] Lauchmotten, Kleidermotten oder Holzschädlingen.[13]

Literarische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im alten China glaubte man, dass Schlupfwespen keine Junge haben, sondern Raupen in Schlupfwespen verwandeln. Diese vermutete Verwandlungskraft taucht immer wieder in philosophischen und literarischen Werken auf; so z. B. im Buch XIII von Zhuangzis Buch vom wahren südlichen Blütenland.

Unter dem Namen Ichneumōn („Spürer“) beschrieb Aristoteles in der Historia animalium ein Insekt: „Die Wespen aber, welche Ichneumonen genannt werden, die kleiner als die übrigen sind, töten die Spinnen, schleppen die Leichname in alte verfallene Mauern oder andere durchlöcherte Körper und überziehen das Loch mit Lehm; daraus aber entstehen die spürenden Wespen.“[14] Diese Stelle wurde von dem Römer Plinius dem Älteren in seine Naturalis historia übernommen. Es ist anzunehmen, dass Carl von Linné dieser Text bekannt war, als er eine Schlupfwespe mit diesem Namen versah (die Gattung Ichneumon im neuen Sinn parasitiert allerdings tatsächlich bei Schmetterlingen).

Derselbe Name bezeichnet im Altgriechischen außerdem eine ägyptische Schleichkatzenart (Herpestes ichneumon, vgl. Ichneumon), die nach der antiken Überlieferung (ebenfalls bei Aristoteles) dem schlafenden Krokodil ins Maul kriechen und ihm von hier aus das Herz zerbeißen solle.

Die scheinbare Grausamkeit der Lebensweise (einschließlich des Kannibalismus unter den Larven) der Ichneumonidae aus menschlicher Sicht beschäftigte im 19. Jahrhundert Philosophen, Naturwissenschaftler und Theologen, da diese Lebensweise mit der Existenz eines guten und eingreifenden Gottes unvereinbar sei (Theodizee).[15] Charles Darwin fand das Beispiel der Ichneumonidae so verstörend, dass es seine Zweifel an der Existenz eines Schöpfers verstärkte, wie er 1860 in einem Brief an den amerikanischen Naturalisten Asa Gray schrieb:[16]

“I own that I cannot see as plainly as others do, and as I should wish to do, evidence of design and beneficence on all sides of us. There seems to me too much misery in the world. I cannot persuade myself that a beneficent and omnipotent God would have designedly created the Ichneumonidae with the express intention of their feeding within the living bodies of Caterpillars, or that a cat should play with mice.”

„Ich kann nicht so einfach wie Andere die Beweise für eine gezielte Erschaffung und allseitiges Wohlwollen erkennen, auch wenn ich es mir wünschen sollte. Es erscheint mir zu viel Elend in der Welt. Ich kann mich nicht davon überzeugen, dass ein wohlwollender und allmächtiger Gott die Ichneumonidae mit der Absicht erschaffen haben sollte, dass sie sich vom Inneren von Raupen ernähren, oder dass eine Katze mit Mäusen spiele.“

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Schlupfwespen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Family Ichneumonidae - Ichneumon Wasps - BugGuide.Net. Abgerufen am 5. Juni 2020.
  2. a b Ichneumonidae. Abgerufen am 5. Juni 2020.
  3. Coll-_11-_dav: Echte Schlupfwespen (Hymenoptera: Ichneumonidae). In: Büro für Freilandökologie Dr. Jürgen Esser. Abgerufen am 5. Juni 2020 (deutsch).
  4. G. Artmann-Graf: Neue Schlupfwespenfunde (Hymenoptera: Ichneumonidae) für die Schweiz. In: Entomo Helvetica. Band 5, 2012, S. 109–115 (naturwissenschaften.ch).
  5. a b H. H. Dathe: Insecta. In: Lehrbuch der Speziellen Zoologie. 2. Auflage. Band I, 5. Teil. Spektrum Akad. Verl., 2003, ISBN 3-8274-0930-6, S. 638 f.
  6. Der Spiegel 35/2016, S. 107, Sklave der Parasiten abgerufen am
  7. Elisabeth A. Herniou, Elisabeth Huguet, Julien Thézé, Annie Bézier, Georges Periquet, Jean-Michel Drezen (2013): When parasitic wasps hijacked viruses: genomic and functional evolution of polydnaviruses. Philosophical Transactions of the Royal Society Series B 368: 1626. doi:10.1098/rstb.2013.0051
  8. E. Königsmann: Insekten. In: Urania Tierreich. Insekten 2. rororo Tierwelt, 1974, ISBN 3-499-28011-6, S. 307–311.
  9. Donald L. J. Quicke; Nina M. Laurenne; Mike G. Fitton; Gavin R. Broad R.(2009): A thousand and one wasps: a 28S rDNA and morphological phylogeny of the Ichneumonidae (Insecta: Hymenoptera) with an investigation into alignment parameter space and elision. Journal of Natural History 43: 1305–1421. doi:10.1080/00222930902807783
  10. Taxapad Ichneumonoidea
  11. Andrew M.R. Bennett, Sophie Cardinal, Ian D. Gauld, David B. Wahl: Phylogeny of the subfamilies of Ichneumonidae (Hymenoptera). In: J. Hymenoptera Res. Band 71, 2019, S. 1–156, doi:10.3897/jhr.71.32375.
  12. Bio Aktuell 02/09: Vorratsschutz: raue Parasitensitten (PDF; 483 kB)
  13. Friederike Voigt: Schlupfwespen im Einsatz. In: Restauro. Zeitschrift für Konservierung und Restaurierung 2/2017, S. 26f.
  14. Historia animalium, Buch 5, Teil 20. Übersetzung Alfred Brehm, aus Brehms Thierleben
  15. Nonmoral Nature. Abgerufen am 5. April 2011.
  16. Letter 2814 — Darwin, C. R. to Gray, Asa, 22 May [1860]. Abgerufen am 5. April 2011.