Schmach von Tirana

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Als die Schmach von Tirana ging das Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die albanische Nationalmannschaft vom 17. Dezember 1967 in die deutsche Fußballgeschichte ein, bei dem die Qualifikation für die Fußball-Europameisterschaft 1968 in Italien verpasst wurde.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1968 war die erste Fußball-Europameisterschaft, die unter diesem Namen geplant und durchgeführt wurde, nachdem zwei vorangegangene Turniere unter dem Namen Europapokal der Nationen stattgefunden hatten. Da der Deutsche Fußballbund am Europapokal der Nationen kein Interesse gezeigt hatte, nahm 1966 erstmals eine Mannschaft der Bundesrepublik Deutschland an der EM-Qualifikation teil. Beim vorherigen internationalen Turnier, der Weltmeisterschaft 1966, war die Mannschaft von Trainer Helmut Schön hinter England Vizeweltmeister geworden.

Als Gruppengegner in der Qualifikationsgruppe 4 waren den Deutschen Albanien und Jugoslawien zugelost worden. Es war die einzige Gruppe mit drei Teams. Die nur drittklassigen Albaner galten als krasser Außenseiter, während Deutschland, unter anderem mit Günter Netzer im Aufgebot, leicht favorisiert in die Gruppenphase ging.

Tabellensituation vor dem Spiel
Pl. Land Sp. S U N Tore Diff. Punkte
 1. Jugoslawien Sozialistische Föderative RepublikJugoslawien Jugoslawien  4  3  0  1 008:300  +5 06:20
 2. Deutschland BundesrepublikBundesrepublik Deutschland BR Deutschland  3  2  0  1 009:200  +7 04:20
 3. Albanien 1946Sozialistische Volksrepublik Albanien Albanien  3  0  0  3 000:120 −12 00:60

Erwartungsgemäß entwickelte sich ein Zweikampf zwischen Deutschland und dem spielstarken Jugoslawien. Die Jugoslawen konnten beide Partien gegen ihr Nachbarland Albanien gewinnen. Das Hinspiel gegen Deutschland hatten sie zwar 1:0 gewonnen, im Rückspiel unterlagen sie aber 1:3. Für die deutsche Mannschaft wurde das letzte Spiel gegen Albanien zur entscheidenden Partie. Es genügte ein einfacher Sieg, z. B. ein 1:0, um sich zu qualifizieren, da die Tordifferenz gegenüber Jugoslawien für Deutschland sprach. Das Hinspiel gegen Albanien acht Monate zuvor hatte Deutschland im Dortmunder Stadion Rote Erde mit 6:0 gewonnen.[1]

Spiel und Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Qemal-Stafa-Stadion in Tirana (Aufnahme von 2007)

Wichtige Spieler wie Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Gerd Müller oder Uwe Seeler waren aufgrund eingeschränkter Leistungsfähigkeit nicht nach Albanien gereist.[1] Dennoch war Deutschland deutlich stärker besetzt als sein Gegner. In der deutschen Mannschaft standen noch fünf Spieler aus dem WM-Finale: Willi Schulz, Wolfgang Weber, Horst-Dieter Höttges, Wolfgang Overath und Sigfried Held. Zudem war Bernd Patzke in zwei WM-Spielen zum Einsatz gekommen. Peter Meyer, für den dies das einzige Länderspiel war, war zum Zeitpunkt des Spiels Führender in der Bundesligatorschützenliste, Hannes Löhr wurde letztlich nach Meyers späterer Verletzung Torschützenkönig. Von den albanischen Spielern hatten der Torhüter und ein Feldspieler noch kein Länderspiel bestritten. Die meisten Länderspiele hatten drei Spieler, die zuvor auf 13 Einsätze gekommen waren.[2]

Auf dem harten Spielfeld im Qemal-Stafa-Stadion in Tirana gelang es der deutschen Mannschaft jedoch nicht, Albanien mit spielerischen Mitteln in die Knie zu zwingen, sodass am Ende nur ein 0:0 heraussprang.[3]

Durch dieses Ergebnis verpasste Deutschland die Endrunde einer Europameisterschaft zum bisher einzigen Mal. Das 0:0 gegen Albanien wurde von der deutschen Öffentlichkeit allgemein als blamabel und vermeidbar empfunden.

Es ist bislang das einzige Spiel der albanischen Fußballnationalmannschaft, das sie gegen eine bundesdeutsche Auswahl nicht verloren hat.

Spieldaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paarung AlbanienAlbanien AlbanienBR DeutschlandBR Deutschland BR Deutschland
Ergebnis 0:0
Datum Sonntag, 17. Dezember 1967
Stadion Qemal-Stafa-Stadion, Tirana
Zuschauer 28.000
Schiedsrichter Ferdinand Marschall (Österreich)
Tore keine
Albanien Koço Dinella – Frederik Gjinali, Frederik Jorgaqi, Teodor Vaso, Ramazan Rragami, Lin Shllaku, Panajot Pano, Ali Mema, Mehdin Zhega, Josif Kazanxhi, Sabah Bizi
Trainer: Loro Boriçi[4]
BR Deutschland Horst WolterBernd Patzke, Willi Schulz (C)Kapitän der Mannschaft, Wolfgang Weber, Horst-Dieter Höttges, Wolfgang Overath, Günter Netzer, Sigfried Held, Hans Küppers, Hannes Löhr, Peter Meyer
Trainer: Helmut Schön


Reminiszenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 2000er Jahren wurde das Spiel zu einem Running Gag in der Fernsehberichterstattung von Länderspielen in der ARD. Bei den Analysegesprächen zu den aktuellen Länderspielen sprach der Moderator Gerhard Delling immer wieder seinen Co-Moderatoren und ARD-Experten Günter Netzer auf das damalige Albanien-Spiel an, an dem Netzer teilgenommen hatte; Netzer reagierte immer wieder verärgert darauf.

Weitere heikle Albanien-Spiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

EM-Qualifikationsspiel vom 20. November 1983[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fast 16 Jahre später, am 20. November 1983, stand Deutschland in Saarbrücken wieder in einem EM-Qualifikationsspiel gegen Albanien und musste wieder im letzten Spiel gewinnen, um sich für die Finalrunde zu qualifizieren, da Nordirland als Mitkonkurrent zwei Punkte Vorsprung vor Deutschland hatte. Auch dieses Mal reichte wieder ein einfacher Sieg aufgrund der besseren deutschen Tordifferenz. Das als Außenseiter geltende Albanien ging in der 23. Spielminute durch Genc Tomorri nach einem Konter in Führung. Die Vorlage gab Ferid Rragami. Im direkten Gegenzug gelang Karl-Heinz Rummenigge per direkt verwandeltem Freistoß jedoch der Ausgleichstreffer. Tomorri sah in der 45. Spielminute nach einer Tätlichkeit gegen Rudi Völler die Rote Karte.

In der 79. Minute konnte Gerd Strack den 2:1-Siegtreffer erzielen, was die Qualifikation Deutschlands für die Endrunde 1984 in Frankreich bedeutete.[3]

Die deutsche U-21-Nationalmannschaft war tags zuvor in der Qualifikation zur U-21-Fußball-Europameisterschaft 1984 durch ein 1:1 an Albanien gescheitert.

Aufstellungen
Albanien: Perlat Musta - Ruci, Ferid Rragami, Omuri, Ahmetaj, Lame, Ballgjini, Vukatane (83. Ijka), Arben Minga, Fiksarko, Genc Tomorri.
Schiedsrichter: Mattsson (Finnland)
Deutschland: Toni Schumacher - Bernd Förster, Gerd Strack, Karlheinz Förster, Hans-Peter Briegel (34. Jonny Otten) - Wolfgang Dremmler, Lothar Matthäus, Norbert Meier, Pierre Littbarski (68. Herbert Waas) - Rudi Völler, Karl-Heinz Rummenigge.

Griechenlands Schmach von Tirana[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Griechenlands 1:2-Niederlage in Tirana am 4. September 2004 in der Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wurde von deutschen Medien zum Teil ebenfalls zur Schmach von Tirana erklärt. Die Griechen waren zwei Monate zuvor bei der Fußball-Europameisterschaft 2004 in Portugal Europameister geworden. Die frühen Tore von Edvin Murati und Adrian Aliaj konnten die Griechen nicht mehr wettmachen. Trainer der Albaner war Hans-Peter Briegel, in den Medien oft als Intimfeind des Griechentrainers Otto Rehhagel bezeichnet. Nach dem Spiel kam es an vielen Orten in Griechenland zu Ausschreitungen, die oft gegen Albaner gerichtet waren. Auf Zakynthos wurde dabei ein Albaner erstochen.[5][6]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Broder-Jürgen Trede: Deutsche Fußball-Blamagen: Das Drama von Tirana. In: Spiegel Online. 15. Dezember 2017 (spiegel.de [abgerufen am 15. Dezember 2017]).
  2. Albania - West Germany 0-0
  3. a b spox.com: Als Rudi explodierte
  4. Portret i lojtarit dhe trajnerit më të mirë të kombëtares Loro Boriçi, "zotëria" i futbollit shqiptar ndër vite. Abgerufen am 24. Februar 2010.
  5. RP-Online (5. September 2004): WM-Quali: Briegel-Team stürzt König Otto. Abgerufen am 28. Februar 200.
  6. netzeitung.de (4. September 2004): Briegels Albaner verderben Rehhagels Griechen Auftakt in WM-Qualifikation. Archiviert vom Original am 3. September 2012; abgerufen am 28. Februar 2010.