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Übungsstadt Schnöggersburg

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Blick über einen Teil von Schnöggersburg
Forstrevierkarte der Colbitz-Letzlinger Heide um 1900
Innenstadt Schnöggersburg
Innenraum des Sakralgebäudes

Die Übungsstadt Schnöggersburg entstand in der Colbitz-Letzlinger Heide ab 2012 im Zeitraum von fünf Jahren als eine Übungsstadt für den Stadt- und Häuserkampf der Bundeswehr. Es ist die größte Anlage ihrer Art in Europa. Sie entstand an der Stelle einer gleichnamigen ehemaligen Dorf- und Forststelle.

Bis in die 1930er-Jahre war das Dorf Schnöggersburg ein Luftkurort und wurde als Naherholungsgebiet für den Raum Magdeburg genutzt. Die Gehöfte wurden in den Jahren 1933 bis 1936 mit der Einrichtung der Heeresversuchsanstalt Hillersleben und der Anlage der nördlich angrenzenden 29 Kilometer langen Schießbahn abgerissen und die Bewohner zwangsumgesiedelt. Die Siedlung lag nahe Salchau am Verbindungsweg zwischen Staats und Letzlingen am südlichen Rand der jetzigen Gemarkung Staats. Auch der weiter östlich gelegene Ersatzstandort Neu-Schnöggersburg wurde 1941 geräumt und die Einwohner wurden abermals umgesiedelt.[1]

In den folgenden Jahren lagen das Dorf ebenso wie die ehemaligen Dorfstellen Salchau und Paxförde wüst und die Fläschen wurden Teil des Truppenübungsplatzes Altmark, der von 1945 bis zum Abzug der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) 1994 genutzt wurde.

Bis 1997 baute die Bundeswehr auf dem Gelände das Gefechtsübungszentrums Heer (GÜZ) als Teil des derzeitigen Truppenübungsplatzes Altmark.

Der Landtag von Sachsen-Anhalt beschloss 1991 zunächst eine zivile Nutzung der Heide, änderte diesen jedoch im November 2003 und sprach sich zusammen mit der Landesregierung mehrheitlich für eine Fortführung der militärischen Nutzung aus.[2]

Militärische Übungsstadt

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Nahe der ehemaligen Dorfstelle entstand von 2012 bis 2017 der „Urbane Ballungsraum Schnöggersburg“ als Bestandteil des GÜZ[3], basierend auf einem Erlass des Bundesministeriums der Verteidigung an die Wehrbereichsverwaltung Ost vom 6. Januar 2011, die Ausbauplanungen für das Gefechtsübungszentrum des Heeres auf dem Truppenübungsplatz Altmark zu veranlassen.[4]

Diese Stadtanlage mit Infrastrukturelementen moderner Großstädte wurde 2017 fertiggestellt und seit 2015 für Übungen von Kampfeinsätzen genutzt.[5] Am 26. Oktober 2017 wurde ein erster Teil der Anlage offiziell dem Heer übergeben.[6] Nach einem weiteren Ausbau besteht die Übungsstadt nunmehr aus 500 Gebäuden.[7]

Im nördlichen Zentrum des GÜZ entstanden auf rund sechs Quadratkilometern etwa 550 Gebäude, eine Autobahn, ein 800 Meter langer künstlicher Flusslauf („Eiser“), mehrere Brücken, ein Industriegebiet, offene und geschlossene Wohnbebauung, Hochhaus- und Verwaltungsgebäude, ein Friedhof, ein Sakralgebäude mit Bezügen zu Christentum und Islam, eine Schule, ein Gefängnis, Hotellerie, ein Marktplatz, ein Stadion, ein „Elendsviertel“, zerstörte Infrastrukturelemente, 600 Meter Kanalisation mit 20 Ein- und Ausstiegsmöglichkeiten, Kasernen und ein Flugplatz.[8] Eine reaktivierte 1700 Meter lange Behelfslandebahn eines früheren Flugplatzes ist als Start- und Landebahn für Graspistenzertifizierte und STOL-fähige Transportflugzeuge wie die Transall oder den Airbus A400M geeignet.[9][10] Außerdem erhielt der „Ort“ einen 350 Meter langen U-Bahn-Tunnel mit drei Stationen sowie eine „Übungskanalisation“.[11] Der Betrieb erfolgt mit einem lasergestützten Simulationssystem. Dabei wird das Geschehen aufgezeichnet und am Computerbildschirm analysiert. Bis zu 1500 Soldaten sollen hier gleichzeitig Kampfeinsätze trainieren.[8]

Weitere künstliche Ortslagen im GÜZ sind Stullenstadt, Plattenhausen[12] und Salchau.

Wie beim umgebenden Gefechtsübungszentrum wird beim Bau und Betrieb der Simulationsstadt Schnöggersburg ein Public-Private-Partnership-Verfahren (PPP) mit dem Rüstungsunternehmen Rheinmetall zur Finanzierung genutzt. Für die Baukosten waren rund 100 Millionen Euro veranschlagt.[1] Bis August 2016 erhöhte sich der Betrag auf 140 Millionen Euro.[13] Es entstanden 1200 Arbeitsplätze bei Bundeswehr und Rheinmetall.[14]

Klage von Naturschutzverbänden

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Kundgebung vor dem Amtsgericht in Gardelegen wegen des Prozesses gegen Mitglieder der Offenen Heide

Der NABU Sachsen-Anhalt hatte gegen das Planungsverfahren im September 2013 vor dem Verwaltungsgericht Sachsen-Anhalt wegen Nichtbeteiligung Klage eingereicht. Diese wurde am 4. Mai 2017 abgewiesen, da zwar auch Naturschutzvereinigungen am Verwaltungsverfahren beteiligt werden müssen, der NABU seine Rechte aber nicht fristgerecht gerichtlich geltend gemacht hat.[15]

Ein Aktionsbündnis der Friedensbewegung kritisiert Schnöggersburg, insbesondere weil man befürchtet, dass dort der bewaffnete Einsatz der Bundeswehr im eigenen Land trainiert würde.[16][17]

Mitglieder der Bürgerinitiative Offene Heide übten Kritik an Schnöggersburg und betraten die Zone illegal. Am 20. und 27. März 2018 wurden deswegen vier Personen vor dem Amtsgericht Gardelegen wegen Hausfriedensbruchs angeklagt und zu jeweils zehn Tagessätzen verurteilt.[18][19]

Aktivisten derselben Bürgerinitiative drangen 2019 in das Militärgelände ein forderten ein „Friedensübungszentrum“. Die Bundeswehr verhängte daraufhin wegen „unerlaubten Betretens eines militärischen Sperrgebietes“ Bußgelder von bis zu 500 Euro. Vor Gericht politische Prozesse zu führen, gehört zur Strategie des Bündnisses „Gewaltfreie Aktion GÜZ abschaffen“, dem JunepA (Junges Netzwerk für politische Aktionen), die Bürgerinitiative „Offene Heide“ und Einzelpersonen angehören. „Die Gerichte sollen unsere Notstandshandlung als legal anerkennen“, erklärt ein Mitglied. Das Amtsgericht Bonn bestätigte jedoch die Vorgehensweise der Bundeswehr.[20] Die Initiative „Offene Heide“ wurde 2016 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet.[21]

Ähnliche Anlagen

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  • Stephen Graham: Cities Under Siege. The New Military Urbanism. Verso, 2010. ISBN 978-1844673155. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  • Ernst Bauke, Bernd Plettke: Börgitz, Uchtspringe, Wilhelmshof, Schnöggersburg. Bilder erzählen aus vergangenen Tagen. Geiger-Verlag, Horb am Neckar 1999, ISBN 3-89570-524-1.
Commons: Schnöggersburg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. a b Christoph D. Richter: Militärische Übungsstadt – U-Bahn in der Heide. In: Deutschlandfunk: Länderreport, 17. Februar 2015.
  2. Wochenspiegel des Landespresseamtes Sachsen-Anhalt vom 8. Oktober 2004, Nummer 40/04
  3. Thomas Gerlach: Zukunft der Bundeswehr – Geisterstadt Schnöggersburg. In: taz.de, 29. Juli 2013.
  4. Intensivierung der militärischen Nutzung der Colbitz-Letzlinger Heide. In: Drucksache 6/1584. Landtag von Sachsen-Anhalt, 7. November 2012, abgerufen am 18. September 2020.
  5. Schöner schießen in „Schnöggersburg“. Spiegel online, 20. Juni 2012. Abgerufen am 5. März 2014.
  6. Teile von Schnöggersburg übergeben ZDF, 26. Oktober 2017
  7. Peter Carstens: Das Gefecht um Schnöggersburg. In der Altmark übt die NATO den Häuserkampf. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. April 2024, S. 3.
  8. a b Matthias Fricke: Schnöggersburg: Bewegung in der Geisterstadt. Volksstimme vom 6. Oktober 2016
  9. Bundestagsdrucksache 17/10445: Geplanter Bau einer Kampfstadt im Gefechtsübungszentrum in der Colbitz-Letzlinger Heide. (PDF; 85 KB, 8 S.), 8. August 2012
  10. Schnöggersburg, die neue Übungsstadt. bundeswehr.de, 14. Februar 2013.
  11. Stephan Haselberger: Bundeswehr baut Übungsstadt - Häuserkampf in Schnöggersburg TSP, 6. November 2015, abgerufen am 27. September 2025
  12. Afghanistaneinsatz: Letzte Übung der Saarlandbrigade vor dem Ernstfall. deutschesheer.de, 3. Dezember 2010.
  13. Kosten für neue Truppenübungs-Stadt drastisch gestiegen RP Online, 30. August 2016.
  14. Häuserkampf in der Altmark Deutschlandfunk Kultur, 7. November 2016
  15. Verwaltungsgericht Magdeburg - Pressemitteilung Nr.: 009/2017, VwG Sachsen-Anhalt, 4. Mai 2017
  16. Schnöggersburg unter Beschuss taz, 6. September 2012
  17. Proteste auf dem Übungsplatz taz, 24. August 2014
  18. „Offene Heide“-Sprecher Helmut Adolf nach Betreten von Schnöggersburg zu Geldstrafe verurteilt Altmark Zeitung, 28. März 2018
  19. „Wenn alle meinem Beispiel folgen, wäre mehr Frieden“ Altmark Zeitung, 21. März 2018
  20. Kein Eintrittsgeld für die Bundeswehr. 2. September 2020, abgerufen am 27. Mai 2022.
  21. Steve Przybilla: Eine Stadt für den Kriegsfall | NZZ. In: Neue Zürcher Zeitung. 20. November 2017, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 25. Dezember 2018]).
  22. Army Training Site Brings To Life the Horrors of War. (Memento vom 14. Juli 2010 im Internet Archive) National Defense magazine, Juli 2001.

Koordinaten: 52° 29′ 8,1″ N, 11° 36′ 14,5″ O