Schnöggersburg

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Forstrevierkarte der Colbitz-Letzlinger Heide um 1900

Schnöggersburg ist eine ehemalige Dorf- und Forststelle in der Colbitz-Letzlinger Heide. An deren Stelle wird seit 2012 für militärische Zwecke eine Übungsstadt für den Stadt- und Häuserkampf eingerichtet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis in die 1930er-Jahre war das Dorf Schnöggersburg Luftkurort und wurde als Naherholungsgebiet für den Raum Magdeburg genutzt. Die Gehöfte wurden in den Jahren 1933 bis 1936 mit der Einrichtung der Heeresversuchsanstalt Hillersleben und der Anlage der nördlich angrenzenden 29 Kilometer langen Schießbahn abgerissen und die Bewohner zwangsumgesiedelt. Auch der weiter östlich gelegene Ersatzstandort Neu-Schnöggersburg wurde 1941 geräumt und die Einwohner abermals umgesiedelt.[1]

In den folgenden 70 Jahren lag das Dorf wüst und verschwand vollständig im Übungsbetrieb der verschiedenen Nutzer des jetzigen Gefechtsübungszentrums Heer (GÜZ) als Teil des Truppenübungsplatzes Altmark ebenso wie die ehemaligen Dorfstellen Salchau und Paxförde.

Die Siedlung lag nahe Salchau am Verbindungsweg zwischen Staats und Letzlingen am südlichen Rand der jetzigen Gemarkung Staats.

Militärische Übungsstadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In unmittelbarer Nähe der ehemaligen Dorfstelle entsteht seit 2012 der „Urbane Ballungsraum Schnöggersburg“, der Bestandteil des GÜZ sein wird.[2]

Zielsetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Stadtanlage mit zahlreichen Infrastrukturelementen einer modernen Großstadt soll 2017 fertiggestellt sein und bereits ab 2015 für Übungen und Simulationen von Kampfeinsätzen in städtischen Gebieten genutzt werden.[3] Gemäß der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion ist auch die Vorbereitung auf Einsätze der Bundeswehr im Inland „im Rahmen der verfassungsrechtlichen Vorgaben“ vorgesehen.[4]

Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Übungsstadt ist im nördlichen Zentrum des GÜZ angelegt. Auf einer Gesamtfläche von rund sechs Quadratkilometern entstehen derzeit etwa 520 Gebäude und weitere städtische Infrastruktur. Darunter befinden sich eine Autobahn, ein Fluss („Eiser“), mehrere Brücken, ein Industriegebiet, offene und geschlossene Wohnbebauung sowie Hochhauskomplexe, Verwaltungsgebäude, ein Friedhof, ein Sakralgebäude mit architektonischen Bezügen zu Christentum und Islam, eine Schule, ein Gefängnis, Hotellerie, ein Marktplatz, zerstörte Infrastrukturelemente, Kasernen und ein Flugplatz.[5] Die 1700 Meter lange Graspiste ist als Start- und Landebahn funktional ausgelegt und ist auch für schwere Transportflugzeuge wie die Transall geeignet.[6][7] Des Weiteren befindet sich in dem „Ort“ ein 350 Meter langer U-Bahn-Tunnel mit drei Stationen.[8] Der Betrieb soll mit einem lasergestützten Simulationssystem erfolgen. Jegliches Geschehen kann aufgezeichnet und anschließend auf Computerbildschirmen analysiert werden. Bis zu 1500 Soldaten sollen gleichzeitig Kampfeinsätze trainieren können.[5]

Weitere künstliche Ortslagen im GÜZ sind Stullenstadt, Plattenhausen[9] und Salchau.

Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie schon beim umgebenden Gefechtsübungszentrum wird auch beim Bau und Betrieb der Simulationsstadt Schnöggersburg ein Public-Private-Partnership-Verfahren (PPP) mit dem Rüstungsunternehmen Rheinmetall zur Finanzierung genutzt. Für die Baukosten waren rund 100 Millionen Euro veranschlagt.[1] Im August 2016 waren es 140 Millionen Euro.[10]

Ähnliche Anlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urban Warfare Training Center „Baladia City“ in Israel
Joint Readiness Training Center in Fort Polk, USA
  • Urban Warfare Training Center (UWTC). Eine ähnlich dimensionierte Anlage einer militärischen Übungsstadt entstand ab 2005 mit „Baladia City“ in Israels Negev-Wüste bei Tze'elim. Diese misst 19 km² (7,4 Quadratmeilen) und besteht aus 600 Einzelgebäuden. Die Baukosten betrugen etwa 40 Millionen US-Dollar. Die Anlage wird neben den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (IDF) auch von der US-Armee genutzt und seit Oktober 2015 auch von der Bundeswehr.[11][12][13]
  • Zussman Village in Fort Knox seit 1999. 12 Hektar großes urbanes Zentrum (30 Acres, Gesamtfläche 50.000 Acres), Baukosten 15 Millionen US-Dollar.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stephen Graham: Cities Under Siege. The New Military Urbanism. Verso, 2010. ISBN 978-1844673155. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  • Ernst Bauke, Bernd Plettke: Börgitz, Uchtspringe, Wilhelmshof, Schnöggersburg. Bilder erzählen aus vergangenen Tagen. Geiger-Verlag, Horb am Neckar 1999, ISBN 3-89570-524-1.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Christoph D. Richter: Militärische Übungsstadt – U-Bahn in der Heide. In: Deutschlandfunk: Länderreport, 17. Februar 2015.
  2. Thomas Gerlach: Zukunft der Bundeswehr – Geisterstadt Schnöggersburg. In: taz.de, 29. Juli 2013.
  3. Schöner schießen in „Schnöggersburg“. Spiegel online, 20. Juni 2012. Abgerufen am 5. März 2014.
  4. Bundestagsdrucksache 17/10589: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Höger, Gehrcke, Hänsel, Koch und der Fraktion DIE LINKE (PDF; 443 KB, 16 S.), 3. September 2012, S. 6.
  5. a b Matthias Fricke: Schnöggersburg: Bewegung in der Geisterstadt. Volksstimme vom 6. Oktober 2016
  6. Bundestagsdrucksache 17/10445: Geplanter Bau einer Kampfstadt im Gefechtsübungszentrum in der Colbitz-Letzlinger Heide. (PDF; 85 KB, 8 S.), 8. August 2012
  7. Schnöggersburg, die neue Übungsstadt. bundeswehr.de, 14. Februar 2013.
  8. Bundeswehr baut Geisterstadt. Häuserkampf in „Schnöggersburg“. tagesschau.de, 1. Oktober 2015. Abgerufen am 3. Oktober 2015.
  9. Afghanistaneinsatz: Letzte Übung der Saarlandbrigade vor dem Ernstfall. deutschesheer.de, 3. Dezember 2010.
  10. Kosten für neue Truppenübungs-Stadt drastisch gestiegen RP Online, 30. August 2016.
  11. Urban Warfare Training Center – Simulating the Modern Battle-Field IDF, 26. Oktober 2011.
  12. Anmerkung: Vgl. auch en:Baladia.
  13. Bundeswehr soll in Israel den Häuserkampf lernen. Die Welt, 30. August 2015.
  14. Army Training Site Brings To Life the Horrors of War. National Defense magazine, Juli 2001.

Koordinaten: 52° 29′ 8″ N, 11° 36′ 15″ O