Schulden: Die ersten 5000 Jahre

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Schulden: Die ersten 5000 Jahre (englischer Originaltitel Debt: The first 5000 Years) ist ein 2011 in englischer Sprache erschienenes Buch des Ethnologen und Anarchisten David Graeber, das 2012 in einer deutschen Fassung veröffentlicht wurde. Er analysiert die Rolle von Schulden in der Geschichte, vor allem vor dem Hintergrund von Revolutionen und sozialen Umbrüchen, und kritisiert verschiedene grundlegende ökonomische Konzepte.

Hintergrund[Bearbeiten]

Graeber gibt als Motiv für das Verfassen des Buches an, dass Verschuldung nahezu jeden Aspekt unseres Lebens durchdringe. Er nennt hierbei Defizitfinanzierung sowie Schulden von Verbrauchern und Staat und betont, dass die meisten Menschen mindestens einen Teil des Lebens als Schuldner verbringen. Er behauptet, dass dauerhafte politische Systeme eine Lösung für die „Schuldenfalle“ finden mussten, um die Bevölkerung davor zu schützen, Sklaven oder Tagelöhner ihrer Gläubiger zu werden. Er postuliert, Platon oder Aristoteles würden, wenn sie heute leben würden, den Großteil der US-amerikanischen Bevölkerung heute für Schuldsklaven halten und sagt, dass man einen Staat benötige, um diese Situation zu schaffen.[1]

Inhalt[Bearbeiten]

In Schulden: Die ersten 5000 Jahre erläutert Graeber den Mythos des Tauschhandels[e 1] und die ersten Vorkommen von Schulden.[e 2][2] Er beschreibt anhand von anthropologischen Studien, dass Handel mit einer einfachen Form des Kredits beginnt, nämlich dem Versprechen, die Entgegennahme von Waren später zu begleichen. Münzgeld sei erst mindestens 2000 Jahre später erfunden worden, und Tauschhandel sei nur entstanden, wenn Geldsysteme zwischenzeitlich zusammenbrachen.[1] Er behauptet, die Gründung des modernen Banksystems habe zur Finanzierung europäischer Kriege gedient und die von den Zentralbanken verwalteten Schulden seien im Grunde Kriegsschulden der Regierung.[1] Er stellt daher die Notwendigkeit der Rückzahlung von Schulden in Frage und kritisiert, dass den Entwicklungsländern der Washington Consensus aufgezwungen wurde und sie in eine schuldbasierte Abhängigkeit getrieben hat.[e 3] Hierbei hinterfragt er, warum die Moral der Schulden stärker als jede andere Art der Moral ist und sonst untolerierbares Leid akzeptabel erscheinen lässt.

Zudem behandelt Graeber die moralischen Fundamente für ökonomische Beziehungen[e 4] und kritisiert den vermeintlich freien Markt. Er beschreibt hierbei Ehre und Entehrung als Grundlage der zeitgenössischen Zivilisation und Wirtschaftsordnung.[e 5] Geld sei nicht als Sache immanenten Werts zu verstehen,[2] sondern nur als Verhältnis zwischen Dingen von Wert. Indem es nicht mehr als Beziehung, sondern als eigenständiger Gegenstand betrachtet worden sei, habe Geld soziale Beziehungen korrumpiert. Vermeintliche Geldschöpfer und Geldnutzer würden mit zweierlei Maß bewertet und dies habe soziale Umstürze zur Folge:[3]

„‚Offenbar haben sich diese Leute gesagt: Wenn heute schon jeder ein Miniatur-Kapitalist werden soll, warum sollen wir dann nicht auch Geld aus nichts schaffen dürfen?‘ Jetzt erkennen sie, dass der American International Group erlaubt ist, was ihnen verwehrt ist – ein Blick auf Mesopotamien, das antike Griechenland und Rom zeigt, dass das die Inkubation sozialer Umsturzbewegungen ist. Das Schuldensystem, das auf einer ‚Schöpfung aus Nichts‘ aufgebaut ist, hat deshalb in den Augen des Anthropologen nichts mehr mit Märkten und auch nichts mit Wissenschaft zu tun (die Formeln bei AIG mussten von Astrophysikern geschrieben werden, weil sie so schwierig waren), sondern mit Theologie. Wir leben in einer Welt der doppelten Theologie, ‚eine für die Geldgeber und eine für die Schuldner‘.“

David Graeber: In: Eurokrise: Und vergib uns unsere Schulden, FAZ[3]

In der geschichtlichen Perspektive unterteilt Graeber die Entwicklung von Geld und Schulden in fünf Zeitalter:

  1. Die Phase der frühen städtischen Zivilisationen (Ägypten, Mesopotamien, Industal, China) etwa von 3.000 v. Chr. bis 800 v. Chr.[e 6]. Aufgrund der Quellenlage behandelt Graeber hauptsächlich Mesopotamien, postuliert aber ähnliche Verhältnisse für die anderen drei Regionen. Der Handel habe auf Kreditvereinbarungen beruht, Geld sei in erster Linie eine Verrechnungseinheit gewesen. Staatliche oder religiöse Autoritäten horteten große Edelmetallschätze und Warenvorräte, die Tempel bzw. Depots fungierten gleichzeitig als zentrale Warenumschlagplätze. Die Verschuldung von Privatleuten führte immer wieder zu sozialen Krisen, denen durch regelmäßige allgemeine Schuldenerlasse begegnet wurde.
  2. Die „Achsenzeit[e 7] von 800 v. Chr. bis 600 n. Chr. Den Begriff „Achsenzeit“ übernimmt Graeber von Karl Jaspers, erweitert aber den Zeitraum gegenüber Jaspers erheblich. Während Jaspers die philosophischen und religiösen Entwicklungen betrachtet, stellt Graeber die wirtschaftlichen Wandlungen der Zeit in den Vordergrund und betrachtet den geistigen Wandel als deren Folge. Unabhängig voneinander, aber fast zeitgleich sei in China, in Nordindien und im Mittelmeerraum Münzgeld aus Edelmetall eingeführt worden. Dies sei jeweils in einer Phase geschehen, in der in der Region zahlreiche Kleinstaaten permanent Krieg gegeneinander führten, das Münzgeld sei von den Staaten zur Bezahlung ihrer Söldnerheere eingeführt worden, da sich das bisherige Kreditsystem dazu wenig eignete: „a heavily armed itinerant soldier is the very definition of a poor credit risk“[e 8]. Das Edelmetall habe man beschafft, indem die Heere auf ihren Feldzügen Staats- und Tempelschätze plünderten, außerdem durch den massenhaften Einsatz von Sklaven (Kriegsgefangenen) in Gold- und Silberminen. Schließlich sei eine völlig auf Sklavenarbeit beruhende Ökonomie entstanden. Schuldenerlasse wurden abgeschafft, die Verelendung verarmter freier Bürger (und daraus folgende soziale Unruhen) sei durch Aussiedlung in eroberte Gebiete oder durch direkte staatliche Alimentierung (Brot und Spiele) vermieden worden. Geistige Folge des durch Münzgeld unpersönlich gewordenen Warentausches seien materialistische Anschauungen gewesen, die Profitstreben als einzige Leitschnur menschlichen Handelns postulierten. Dagegen wandten sich idealistische philosophische und religiöse Schulen, aus denen die heutigen Weltreligionen, die klassische griechische Philosophie und der Konfuzianismus hervorgegangen seien. Diese setzten sich schließlich durch, nachdem durch die Bildung von Großreichen die Basis der Eroberungsökonomien wegfiel.
  3. Das „Mittelalter[e 9] von 600 bis 1450.
  4. Das „Zeitalter der großen kapitalistischen Imperien[e 10] von 1450 bis 1971.
  5. Graeber beendet sein Buch mit der heutigen Phase ab der Aufhebung des Goldstandards des US-Dollars am 15. August 1971, genannt „Der Anfang von etwas, das noch nicht bestimmt werden kann“ („The Beginning of Something Yet to Be Determined“).[e 11]

Rezensionen[Bearbeiten]

Rezensionen sehen das Werk im Zusammenhang mit verschiedenen sozialen Protesten seit 2011. (Proteste in Spanien 2011/2012, Arabischer Frühling, Proteste in Griechenland 2010–2012, Occupy Wall Street).[3][4][2] Die Financial Times vergleicht das Werk mit denen von Marcel Mauss, Karl Polanyi und Keith Hart.[5]

Für den Rezensenten Frank Schirrmacher in der FAZ zeigt das Buch, dass „praktisch alle Aufstände, Umstürze und sozialen Revolutionen der europäischen Geschichte […] aus einer Situation der Überschuldung entstanden“ seien. Dabei seien Schulden eine Kategorie, die nicht allein der Deutungshoheit des Systems der „scheinbar ökonomischen Realität“ überlassen werden dürfe. Denn Schulden seien im Kern „ein moralisches Prinzip und eine moralische Waffe'“, und zwar seit der Zeit Mesopotamiens ein machtgebundenes. „Käme Plato mit einer Zeitmaschine zu uns […], er würde sich nicht wundern, Menschen zu sehen, die arbeiten müssen, nicht um ihr Leben zu leben, sondern um eine Schuld zu bezahlen, für die ihr Leben gar nicht ausreicht. Zu seiner Zeit nannte man sie Sklaven.“ In der Antike etwa wurden immer wieder Schulden erlassen und das Land neu verteilt.[3]

Für Thomas Meaney, Rezensent der New York Times, behandelt „Graeber, in der besten Tradition der Ethnologie, Schuldenobergrenzen, Subprime-Hypotheken und Credit Default Swaps als wären sie exotische Praktiken eines selbstzerstörerischen Stammes. Das Buch, geschrieben in frechem, einnehmenden Stil, ist zudem eine philosophische Untersuchung über die Natur von Schuld - woher sie kam und wie sie entstand.“[6]

In seiner Analyse der Zentralbankwirtschaft stützt sich der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, im Kontext der Entstehung der Kreditwirtschaft auf Graebers Buch.[7]

Mythos des Tauschhandels, Keilschriften bewiesen das Kreditsysteme weitaus älter sind als das Münzwesen[Bearbeiten]

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− − David Kinley vertritt die Ansicht das die Theorie des Aristoteles fehlerhaft sei, da dem Philosophen wahrscheinlich das ausreichende Verständnis der Möglichkeiten und Praktiken der primitiven Gemeinschaften fehlte, und so kann dieser seiner Meinung nach lediglich von persönlichen Erfahrungen und Vermutungen ausgegangen sein.

− − In seinem Buch Schulden: Die ersten 5000 Jahre, spricht sich der Anthropologe David Graeber gegen die Annahme aus, dass Geld sei erfunden worden, um den Tausch zu ersetzen. Das Problem mit dieser Version der Geschichte, sagt er, ist das Fehlen jeglicher Beweise. Seine verifizierte Forschung zeigte, dass "Schenk Ökonomien" an der Tagesordnung waren, zumindest in den Anfängen der ersten Agrar- Gesellschaften, in welchen Menschen aufwändige Kreditsysteme verwendeten. Graeber weist mittels seiner ethnologischen Forschungen darauf hin, dass das Geld als Rechnungseinheit in dem Moment erfunden wurde, als nicht-quantifizierbare Verpflichtungen wie "Ich schulde dir was" in den quantifizierbaren Begriff von "Ich schulde dir eine Einheit von etwas" umgewandelt wurde. Aus dieser Sicht heraus ist Geld zunächst als Kredit und erst viel später in Form des die Funktionen des Tauschmittels und Wertaufbewahrungs-Einheit erfüllenden Mittels entstanden. [8] [9]

Den stärksten Schlag gegen die übliche Version der Wirtschaftsgeschichte brachte jedoch die Entschlüsselung zuerst ägyptischer Hieroglyphen und dann mesopotamischer Keilschriften. Sie widerlegte das gängige Verständnis der geschichtlichen Aufzeichnungen aus beinahe 3000 Jahren, von der Zeit Homers (um 1100 v.Chr.), bis wohin man zu Adam Smith' Lebzeiten die Geschichte überblicken konnte, zurück bis etwa 3500 v.Chr. Aus diesen Texten ging hervor, dass Kreditsysteme, Zins und Zinseszins von genau der beschriebenen Art viele Tausend Jahre älter waren als die Erfindung des Münzwesens. [10]

Das mesopotamische System ist am besten dokumentiert, noch besser als das ägyptische System aus der Pharaonenzeit (das offenbar ähnlich war), das System unter der chinesischen Shang-Dynastie (worüber wir wenig wissen) oder der Zivilisation im Indus-Tal (über die wir überhaupt nichts wissen). Zufällig wissen wir eine Menge über Mesopotamien, weil die Mehrheit der Dokumente in Keilschrift finanzielle Angelegenheiten betrifft.[11]

In der sumerischen Wirtschaft dominierten große Tempel- und Palastanlagen. Zu ihnen gehörten oft viele tausend Menschen: Priester und Beamte; Handwerker, die in den verschiedenen Werkstätten arbeiteten; Bauern und Hirten, die große Flächen bewirtschafteten. Obwohl die sumerischen Stadtstaaten, welche nur selten und lediglich temporär ein Sumerisches Großreich bildeten, die meiste Zeit aus einer Vielzahl unabhängiger Stadtstaaten bestand, hatten um 3500 v.Chr., als der Vorhang über der mesopotamischen Zivilisation sich hebt, Tempelverwalter anscheinend schon ein einziges, einheitliches System der Buchführung entwickelt. Und es ist uns bis heute erhalten geblieben, weil wir den Sumerern bestimmte Dinge wie das Rechnen mit Dutzend und den 24-Stunden Tag zu 60 Minuten verdanken. Die grundlegende Währungseinheit war der Silberschekel. Das Gewicht eines Schekels in Silber wurde festgelegt als Äquivalent eines Gur oder eines Sacks Gerste, der etwa ein Volumen von 300 Liter umfasste. Ein Schekel war unterteilt in 60 Minen, die jeweils einer Portion Gerste entsprachen - nach dem Grundsatz, dass ein Monat 30 Tage hätte und Tempelarbeiter zwei Rationen Gerste am Tag bekamen. Wie leicht zu erkennen ist, war das "Geld" in diesem Fall keineswegs als Produkt kommerzieller Transaktionen. Beamte schufen es, um den Überblick über die Ressourcen zu behalten und Dinge zwischen den einzelnen Abteilungen hin-und herzubewegen.[12]

Die Tempelverwalter kalkulierten mit diesem System Schulden (Pacht, Gebühren, Kredite....) in Silber, und das war faktisch Geld. Und tatsächlich zirkulierte es in Form von unbearbeiteten Brocken, "ungepägten Barren", wie Adam Smith es nannte. Insofern hatte er recht. Aber das ist auch schon fast der einzige Teil seiner Darstellung, der zutrifft. Seines Märchens des Tauschhandels am Anfang welches lediglich von Aristoteles um 340 v.Chr. erfunden wurde und von Adam Smith aufgegriffen wurde und bis heute in allen wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbüchern - obwohl es längst schon widerlegt ist - rezitiert wird . [13]

Zum einen zirkulierte das Silber nicht in großen Mengen. Das meiste lagerte in den Schatzhäusern von Tempeln und Palästen; ein Teil davon blieb, sorgfältig bewacht, buchstäblich einige tausend Jahre dort liegen. Es wäre sehr leicht gewesen, die Barren zu standardisieren, zu stempeln und eine maßgebliche Instanz zu schaffen, die ihre Reinheit garantiert hätte. Die Technik dafür war vorhanden, doch niemand sah eine Notwendigkeit dafür, teils weil Schulden zwar in Silber berechnet wurden, aber nicht in Silber bezahlt werden mussten - sie konnten mit praktisch allem bezahlt werden, was man gerade zur Verfügung hatte. Bauern die dem Tempel oder dem Palast oder einem Beamten des Tempels oder Palasts Geld schuldeten, bezahlten anscheinend meist mit Gerste. Deshalb war es so wichtig, das Verhältnis von Silber und Gerste genau festzulegen. Aber es war auch vollkommen in Ordnung, wenn der Schuldner mit Ziegen, Möbeln oder Lapislazuli kam. Die Tempel und Paläste waren große Wirtschaftsbetriebe - die Tempel und Paläste waren selbst der Staat - und dieser Staat hatte Verwendung für beinahe alles. [14]

Auf den Märkten die sich in den mesopotamischen Stadtstaaten erstmals entwickelten, wurden die Preise ebenfalls in Silber kalkuliert, und die Preise von Waren, die nicht vollständig der Kontrolle durch die Tempel und Paläste unterlagen, schwankten je nach Angebot und Nachfrage. Aber selbst hier sprechen alle unsere Anhaltspunkte dafür, dass die meisten Transaktionen auf Kredit basierten. Händler (die manchmal für die Tempel arbeiteten, manchmal unabhängig) gehörten zu den wenigen Menschen, die tatsächlich häufig Silber bei ihren Geschäften verwendeten; aber auch sie wickelten den größten Teil auf Kredit ab, und gewöhnliche Personen, die Bier bei den "Bierfrauen" oder den örtlichen Wirten kauften, ließen anschreiben, wie wir es ja bereits kennen, und beglichen die Rechnung zur Erntezeit mit Gerste oder mit dem, was sie gerade hatten. [15]

An diesem Punkt liegen quasi alle Aspekte der herkömmlichen Geschichte, wie das Geld entstand, in Trümmern. Selten wurde eine historische Theorie so vollkommen und systematisch widerlegt. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren alle Puzzleteile vorhanden, die man brauchte, um die Geschichte vollkommen neu zu schreiben. Das Fundament hatte Mitchell-Innes errichtet in zwei Aufsätzen, die 1913 und 1914 im New Yorker "Banking Law Journal" erschienen. Darin bereitete er ganz und gar nüchtern die falschen Annahmen aus, auf denen die damals bestehende Wirtschaftsordnung beruhte, und stellte fest, wirklich gebraucht werde eine Geschichte der Schulden: - Prof. Graeber [16]

"Ein verbreiteter Irrtum in Verbindung mit dem Handel ist, dass in modernen Zeiten ein Geld sparendes Instrument eingeführt wurde, das Kredit heißt, und dass, bevor dieses Instrument bekannt war, alle Geschäfte bar bezahlt werden mussten, mit anderen Worten mit Münzen- Eine gründliche Untersuchung zeigt, dass genau das Gegenteil wahr ist. In den alten Zeiten spielten Münzen eine viel geringere Rolle im Handel als heute. Tatsächlich war die Menge der Münzen so gering, dass sie nicht einmal für die Bedürfnisse des (mittelalterlichen englischen) Königlichen Haushalts und der Ländereien ausreichten, die deshalb immer regelmäßig unterschiedliche Arten von Ersatzgeld für kleine Zahlungen verwendeten. Die Münzen waren so unwichtig, dass die Könige manchmal nicht zögerten, alle Münzen für eine Umprägung und Neuausgabe zurückzurufen, und der Handel trotzdem in gleicher Weise weiterging." [17]

Unsere gängige Darstellung erzählt die Geschichte des Geldes genau verkehrt herum. Wir fingen nicht mit Tauschhandel an, entdeckten dann das Geld und entwickelten schließlich Kreditsysteme. Was wir heute virtuelles Geld nennen war zuerst da. Die Münzen kamen viel später, und ihr Gebrauch verbreitete sich sehr unterschiedlich; sie ersetzten Kreditsysteme nie ganz.Der Tauschhandel hingegen war offenbar in erster Linie eine Art zufälliges Nebenprodukt der Verwendung von Münzen und Papiergeld: Historisch betrachtet fand Tauschhandel anscheinend immer dann statt, wenn Menschen, die Transaktionen mit Geld gewöhnt waren, aus dem einen oder anderen Grund keinen Zugang mehr zu geldlichen Zahlungsmitteln hatten. [18]

Das Erstaunliche ist: Es ereignete sich nie und die neue Geschichte wurde nie geschrieben. Kein Historiker hat Mitchell-Innes je widerlegt. Sie ignorierten ihn kurzerhand. Die Lehrbücher blieben bei ihrer (Märchen-)Geschichte vom Tauschhandel - obwohl alles dafür sprach, dass sie schlichtweg falsch war- Immer noch werden Geschichten des Geldes, die eigentlich Geschichten des Münzwesens sind, mit der Annahme verfasst, Zahlungsmittel und Münzen seien in der Vergangenheit notwendigerweise identisch gewesen. Epochen, in denen die Wirtschaft "zum Tauschhandel zurückkehrte", als wäre der Sinn dieses Satzes offensichtlich, obwohl niemand weiß, was er wirklich bedeutet. Das Ergebnis ist, dass wir praktisch keine Vorstellung haben, wie beispielsweise der Bewohner einer holländischen Stadt um 950 n.Chr. es wirklich anstellte, wenn er Käse oder Löffel kaufen oder Musiker für die Hochzeit seiner Tochter verpflichten wollte - von den diesbezüglichen Verhältnissen auf Pemba oder in Samarkand ganz zu schweigen. [19]

Ausgaben[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Interviews[Bearbeiten]

Rezensionen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c An Interview With David Graeber: Debt’s History, Implications, and Critical Perspective. Interview durch Alex Bradshaw. imaginenoborders.org, April 2011. April 2011 Deutsche Übersetzung.
  2. a b c socialtextjournal.org: Review of David Graebers debt, abgerufen am 13. November 2011
  3. a b c d Frank Schirrmacher: Eurokrise: Und vergib uns unsere Schulden. In: Frankfurter Allgemeine, 13. November 2011, abgerufen am 13. November 2011
  4. businessweek.com: David Graeber: the antileader of occupy wall street, abgerufen am 13. November 2011
  5. ft.com: Debt: it’s back to the future, abgerufen am 13. November 2011
  6. http://www.nytimes.com/2011/12/11/books/review/anarchist-anthropology.html?_r=1&pagewanted=all „In the best tradition of anthropology, Graeber treats debt ceilings, subprime mortgages and credit default swaps as if they were the exotic practices of some self-destructive tribe. Written in a brash, engaging style, the book is also a philosophical inquiry into the nature of debt — where it came from and how it evolved.“
  7. Thomas Mayer (Volkswirt): Willkommen in der ZBG-Wirtschaft, März 2012 S. 3
  8. David Graeber: Schulden:. Die ersten 5.000 Jahre.
  9. David Graeber: Was sind Schulden? - Ein Interview mit David Graeber Wirtschafts Anthropologe.
  10. David Graeber: Schulden:. Die ersten 5.000 Jahre.
  11. David Graeber: Schulden:. Die ersten 5.000 Jahre.
  12. David Graeber: Schulden:. Die ersten 5.000 Jahre.
  13. David Graeber: Schulden:. Die ersten 5.000 Jahre.
  14. David Graeber: Schulden:. Die ersten 5.000 Jahre.
  15. David Graeber: Schulden:. Die ersten 5.000 Jahre.
  16. David Graeber: Schulden:. Die ersten 5.000 Jahre.
  17. David Graeber: Schulden:. Die ersten 5.000 Jahre.
  18. David Graeber: Schulden:. Die ersten 5.000 Jahre.
  19. David Graeber: Schulden:. Die ersten 5.000 Jahre.

David Graeber: Debt: The First 5000 Years. Melville House, New York 2011:

  1. Seite 21–42
  2. Seite 43–72
  3. Seite 3
  4. Seite 89–126
  5. Seite 165–210
  6. Seite 211–221
  7. Seite 223–250
  8. Seite 213
  9. Seite 251–306
  10. Seite 307–360
  11. Seite 361–391