Schule von Salerno

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Die Schule von Salerno in einer Darstellung in einer Ausgabe des Kanon des Avicenna

Die Schule von Salerno (Latein: Schola Medica Salernitana; deutsch auch Medizinschule von Salern) war eine medizinische Lehr- und Forschungsanstalt in Salerno, die als eine der ältesten Universitäten Europas gilt.[1][2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kloster Monte Cassino unterhielt in Salerno ein Hospital für erkrankte Ordensbrüder. Kreuzfahrerschiffe legten in Salerno an, um dort ihre Kranken pflegen zu lassen. Aus der Gruppe der Heilkundigen, der civitas salernitatis, entwickelte sich eine der ersten medizinischen Hochschulen in Europa. Unter Erzbischof Alfanus und mit Hilfe von Konstantin dem Afrikaner, einem christlich-arabischen Mediziner aus Tunesien, der griechisch-arabische medizinische Texte ins Lateinische übersetzte, blühte die Schule auf und hatte ihre Glanzzeit („Hochsalerno“) vom 10. Jahrhundert bis zum 13. Jahrhundert, gefördert durch die Landesherren Roger II. und den Stauferkaiser Friedrich II.

Eine umfangreiche Arzneimittellehre entstand mit den Büchern Liber Graduum, Antidotarium Nicolai und Circa instans. Das Wissen des Apothekerstands wurde somit eigenständig und die Trennung des Arzt- und Apothekerwesens durch Friedrich II. im Edikt von Salerno gesetzlich festgelegt.

Im 13. Jahrhundert wurden von einem ostmitteldeutschen in Breslau, möglicherweise an der dortigen Domschule,[3] tätigen Verfasser verschiedene salernitanische medizinische Texte in einer heute Deutsches salernitanisches Arzneibuch[4] genannten Textsammlung erstmals (wenn auch gekürzt[5]) ins Deutsche übersetzt. Diese Kompilation lässt sich auf acht Quellen zurückführen und enthält neben dem von Constantinus Africanus übersetzten und um eine Ernährungslehre (De diaetis particularibus) von Isaak ben Salomon Israeli erweiterten Viaticus des Ibn al-Dschazzar unter anderem eine Komplexionenlehre gemäß Avicenna, den fünften Band des Liber pantegni (dem Buch al-Malakī von ʿAli ibn al-ʿAbbas al-Madschūsi in der als Liber graduum und Adminiculum bezeichneten Übersetzung von Constantinus Africanus), einen Harntraktat,[6] beruhend auf Urso von Salerno, sowie den Liber iste.[7][8][9]

Anatomische Studien an Schweinen mehrten das medizinische Wissen unter der richtigen Annahme, dass grundsätzliche Entsprechungen zwischen der Anatomie des Schweins und der des Menschen vorhanden sind. Das Erfolgsrezept der Schule war die harmonische Vermischung der medizinischen Wissensstände aus verschiedenen Kulturen: der griechischen, der arabischen, der westlich-lateinischen und der jüdischen.

Frauen waren sowohl als Studenten als auch als Dozenten zugelassen (siehe auch: Trotula).

Gründungsmythos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sage nach kam es folgendermaßen zur „konfessionsübergreifenden“ Gründung der Schule von Salerno:

„Ein griechischer Pilger namens Pontus suchte während eines Sturms Unterschlupf unter den Bögen des Aquädukts zur Übernachtung. Ein zweiter Mann, Salernus, ein Latiner, rastete an der gleichen Stelle. Salernus war verletzt und behandelte seine Wunde, wobei er und seine Medikamente genau von Pontus beobachtet wurden. In der Zwischenzeit waren zwei weitere Reisende, der Jude Helinus und der Araber Abdela, hinzugekommen. Sie kümmerten sich gemeinsam um die Wunde. Schließlich kamen die vier überein, eine Schule zu gründen, in der ihre Kenntnisse gesammelt und verbreitet werden sollten.“

Ablauf der Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1240 erließ Friedrich II. eine Verordnung, die das medizinische Studium regelte. Die 1224 von ihm gegründete Universität von Neapel entwickelte sich zur Rivalin Salernos.[10]
Der Lehrplan bestand aus:

  • 3 Jahre Logik,
  • 5 Jahre der Medizin (einschließlich der Chirurgie und der Anatomie einschließlich der Autopsie menschlicher Körper),
  • 1-jährige Praxis bei einem Arzt,

Die Schule von Salerno war neben der Medizin auch Unterrichtsstätte für Philosophie, Theologie und Recht. Manche betrachten die Schule von Salerno als die erste Universität, die je gegründet wurde, obwohl sie die Bezeichnung „Universität“ nie trug.

Ein wichtiges, aber bislang kaum erforschtes Dokument ist der Liber pandectarum medicinae (Druck: Venedig 1474) des spätsalernitanischen Arztes Matthaeus Silvaticus (* um 1285, † 1342). Er nennt neue Pflanzen, die sich bislang nicht im schriftlich fixierten Arzneischatz fanden, wie z. B. Angelica archangelica L.[11]

Ärzte und bekannte Persönlichkeiten im Zusammenhang mit der Schule[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Matthaeus Silvaticus und seine Schüler im botanischen Garten

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerhard Baader: Die Schule von Salerno. In: Medizinhistorisches Journal. Band 13, 1978, S. 124–145.
  • George W. Corner: Salernitan surgery in the twelfth century. In: British Journal of Surgery. Band 25, 1937, S. 84–99.
  • Konrad Goehl: Frauengeheimnisse im Mittelalter. Die Frauen von Salern. Gynäkologisches und kosmetisches Wissen des 12. Jahrhunderts. Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2010, ISBN 978-3-86888-018-2
  • Bernhard D. Haage, Wolfgang Wegner: Salerno, Medizinschule von. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1281 f.
  • Danielle Jacquart: Die scholastische Medizin, in: Mirko D. Grmek (Hg.), Die Geschichte des medizinischen Denkens. Antike und Mittelalter, München 1999, Seite 216–259, ISBN 3-406-40286-0
  • Kay Peter Jankrift: Die Schule von Salerno, in: ders., Krankheit und Heilkunde im Mittelalter, Darmstadt 2003, Seite 41–45, ISBN 3-534-15481-9 (Straffer, aber recht ausführlicher Überblick zum Thema)
  • Paul Oskar Kristeller: Studi sulla Scuola medica salernitana. Neapel 1986 (= Istituto italiano per gli studi filosofici, „Hippocratica civitas“, Collana, 1)
  • Gastone Lambertini: Die Schule von Salerno und die Universitäten von Bologna und Padua. In: Illustrierte Geschichte der Medizin. Deutsche Bearbeitung von Richard Toellner u. a., Sonderauflage Salzburg 1986, Band II, S. 726–729.
  • Andrea Rzihacek-Bedö: Die Schule von Salerno aus: Medizinische Wissenschaftspflege im Benediktinerkloster Admont. R. Oldenbourg Verlag, Wien 2005, S. 76ff, ISBN 3-7029-0483-2

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christine Becela-Deller: Die Weinraute (Ruta graveolens L.) als Beispiel für eine Heilpflanze zur Zeit der Schule von Salern (10.–14. Jh.). In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 12, 1994, S. 143–152; hier: S. 143 f.
  2. Bernhard D. Haage, Wolfgang Wegner: Salerno, Medizinschule von. 2005, S. 1281 („Die Medizinschule von Salerno ist die erste Universität des europäischen Mittelalter“).
  3. Gundolf Keil: „Isâk künig Salomons sun machte in Arabia ein buoch, daz Got nie bezzerz geschuof“ – Die Repräsentanz der Schule von Kairouan im Würzburg und Breslau des 13. Jahrhunderts. In: Mamoun Fansa, Karen Aydin, Menso Folkerts, G. Keil, Helmuth Schneider u. a. (Hrsg.): Ex oriente lux? Wege zur neuzeitlichen Wissenschaft. Begleitband zur Sonderausstellung im Augusteum, Oldenburg 2009–2010. Main/ Oldenburg 2009 (= Schriftenreihe des Landesmuseums für Natur und Mensch. Band 70), S. 212–225 und 495–526 sowie (Detlev Quintern) 429–460; hier: S. 216–222 und 224–225.
  4. Gundolf Keil: Deutsches salernitanisches Arzneibuch. In: Burghart Wachinger u. a. (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2., völlig neu bearbeitete Auflage, Band 2. De Gruyter, Berlin/New York 1980, ISBN 3-11-007264-5, Sp. 69–71.
  5. Christoph Ferckel: Zum Breslauer Arzneibuch. In: Mitteilungen zur Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik. Band 13, 1914, S. 560–564.
  6. Gundolf Keil (Hrsg.): Der „kurze Harntraktat“ des Breslauer „Codex Salernitanus“ und seine Sippe. Medizinische Dissertation Bonn 1969, in Kommission bei C.-E. Kohlhauer, Feuchtwangen.
  7. Gundolf Keil: ‚Deutsches salernitanisches Arzneibuch‘. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 296 f.
  8. Carl Külz, Emy Külz-Trosse, Joseph Klapper (Hrsg.): Das Breslauer Arneibuch. R[hedigeranus] 291 der Stadtbibliothek, Teil I: Text. (2. Teil, Kommentar, nicht erschienen) Dresden 1908 (Codex heute in der Universitätsbibliothek Breslau).
  9. Gundolf Keil: „blutken – bloedekijn“. Anmerkungen zur Ätiologie der Hyposphagma-Genese im ‚Pommersfelder schlesischen Augenbüchlein‘ (1. Drittel des 15. Jahrhunderts). Mit einer Übersicht über die augenheilkundlichen Texte des deutschen Mittelalters. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 7–175, hier: S. 16–19.
  10. siehe Weblink A. G. Chevalier: Die Schule von Salerno
  11. Kräuterbuch-Kompilationen, Forschergruppe Klostermedizin
  12. Gundolf Keil: Gariopontus. In: Lexikon des Mittelalters, Band IV, 1989, Sp. 1117 f.
  13. Garioponti [...] ad totius corporis aegritudines remediorum praxeon libri V. Basel 1531.
  14. Wolfgang Wegner: Gariopontus. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 457.
  15. Heinrich Schipperges: Die Assimilation der arabischen Medizin durch das lateinische Mittelalter. Wiesbaden 1964 (= Sudhoffs Archiv, Beiheft 3), S. 17–46.
  16. Library of Congress
  17. Bernhard D. Haage, Wolfgang Wegner: Platearius (de Platea). In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1167 f.
  18. Gundolf Keil: „dits die beste raet die icker toe can gegeuen genomen vte platearise“. Quellenkundliche Anmerkungen zu Ypermans Medicine. In: Geneeskunde in nederlandstalige teksten tot 1600. Koninklijke Academie voor Geneeskunde van België, Brüssel 2012 (2013), ISBN 978-90-75273-29-8, S. 93–137; hier: S. 109.
  19. Konrad Goehl: Die Datierung der ‚Curae Platearii‘. In: Sudhoffs Archiv. Band 90, 2006, S. 233 f.
  20. Gundolf Keil: „dits die beste raet die icker toe can gegeuen genomen vte platearise“. Quellenkundliche Anmerkungen zu Ypermans Medicine. In: Geneeskunde in nederlandstalige teksten tot 1600. Koninklijke Academie voor Geneeskunde van België, Brüssel 2012 (2013), ISBN 978-90-75273-29-8, S. 93–137, hier: S. 103–120 und 133–137.
  21. Gundolf Keil: „blutken – bloedekijn“. Anmerkungen zur Ätiologie der Hyposphagma-Genese im ‚Pommersfelder schlesischen Augenbüchlein‘ (1. Drittel des 15. Jahrhunderts). Mit einer Übersicht über die augenheilkundlichen Texte des deutschen Mittelalters. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 7–175, hier: S. 23.
  22. Verbindung zur Schule wissenschaftlich nicht erwiesen