Hurenkind und Schusterjunge

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Hurenkind (auch: Witwe) und Schusterjungen (auch: Waise) sind in der Typografie zwei unterschiedliche, aber verwandte Typen von Satzfehlern, die den Leserhythmus stören und unästhetisch sind.[1]

Zu den Begriffen

  • Als Hurenkind[2] (gelegentlich Hundesohn, heute eher Witwe[2] zu englisch widow[3]), wird die letzte Zeile eines Absatzes bezeichnet, wenn sie zugleich die erste einer neuen Seite oder Spalte ist. Sie heißt so, weil sie ihre „Herkunft“ respektive „Partner“, also den inhaltlichen Zusammenhang verloren hat.
  • Als Schusterjunge[4] (heute eher Waisen-[4] oder Findelkind[4] zu englisch orphan[5]) wird eine am Seiten- oder Spaltenende stehende Zeile eines neuen Absatzes bezeichnet, der auf der Folgeseite fortgesetzt wird – die sich also „vorwitzig wie ein Schusterjunge“ auf die vorhergehende Seite wagt.

Hurenkinder gelten im Schriftsatz als schwere handwerkliche Fehler, insbesondere dann, wenn sie auf die Rückseite des Blattes geraten: Dann beginnt das dort aufgeschlagene Buch mit einem völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Satzfragment, und das Auge kann nicht ohne Zurückblättern den Kontext herstellen. Damit beeinträchtigen sie Lesefluss wie die Ästhetik des Satzspiegels besonders stark. Der Schusterjunge gilt gegenüber dem Hurenkind als weniger gravierender Fehler, da er zumindest in Leserichtung liegt, und am Seitenende, und fällt optisch nur dann besonders auf, wenn Absätze mit Einzug gesetzt werden.

Als Hurenkinderregelung bezeichnet man dabei die entsprechende Konvention aus der Satztechnik bzw. dem Buchdruck, die besagt, dass die letzte(n) Zeile(n) eines Absatzes niemals am Anfang einer Buchseite stehen darf, damit das Erscheinungsbild der Seite nicht darunter leidet. Die Schusterjungenregelung entspricht analog, bezogen auf die erste Zeile eines Absatzes. Je nach Satztypus ist nach diesen beiden Regeln nur ein einzeiliger Satzfehler verboten, oder aber etwa auch Zwei- oder Dreizeiler — etwa dann, wenn die Absätze mit Zeilendurchschuss gesetzt sind, dann wirken schon zwei Zeilen am Anfang oder Ende einer Seite „verwaist“. Daher werden diese Regeln spezifisch nach Schrift- und Satzbild angepasst.

Am gravierendsten sind beide Fehler dann, wenn es nur einige wenige oder gar nur ein einziges Wort oder nur eine einzige Silbe betrifft. Das wird zusätzlich über die allgemeinen Regeln über den Zeilenumbruch abgefangen (minimale Anzahl von Zeichen/Worten nach einem Zeilenumbruch). Diese Regel alleine kann aber Hurenkind wie Schusterjunge nicht verhindern.

Unten links ein Schusterjunge, oben rechts ein Hurenkind

Merksprüche

Als Hilfe zur Unterscheidung dieser zwei typografischen Fehler dient folgender Merkspruch:

  • „Ein Hurenkind weiß nicht, wo es herkommt, ein Schusterjunge nicht, wo er hingeht.“
  • „Eine Witwe hat keine Zukunft und eine Waise keine Vergangenheit.“ – alternativer Merkspruch mit Termini im zeitlichen Kontext
  • „Ein Schusterjunge muss unten im Keller arbeiten, ein Hurenkind steht oben verloren auf der Straße.“ – eine räumliche Merkhilfe

Vermeidung

Vor der Einführung dieser Regel war es üblich, durchgängig das erste Wort der folgenden Rückseite rechtsbündig unter die letzte Zeile, und das letzte Wort der Vorderseite linksbündig über die erste Zeile zu setzen, sodass man insbesondere beim laut Vorlesen den Kontext im Geist „mitnehmen“ konnte, und die Intonation vor und nach dem Umblättern anpassen. Diese Usance kam in der späteren Neuzeit abhanden, womit Schusterjunge und Hurenkind besonders störend wurden.

In den Zeiten des Typensatzes konnten nur Setzer mit geschultem Auge solche Satzfehler vermeiden, indem sie frühzeitig beim Erstellen der Seite den Zeilenumbruch des umliegenden Textes sowie die Laufweite mittels Wortzwischenraum, Sperren und den Zeilendurchschuss (Wort-, Buchstaben und Zeilenabständen) anpassten, sodass am Ende der Satzspiegel gewahrt wurde.

Heutzutage übernimmt Desktop-Publishing-Software (DTP) solche Aufgaben. Die dabei meist verwendete Bezeichnung für das Hurenkind- und Schusterjungenproblem ist Absatzkontrolle. Diese wird heute von den meisten Layoutprogrammen und Textverarbeitungen als Standard angeboten, beispielsweise bei folgenden Programmen im Menü-System:

  • Open-/LibreOffice Writer — FormatAbsatzTextfluss
  • Microsoft Word 2003/2004 — FormatAbsatzZeilen- und SeitenumbruchAbsatzkontrolle
  • Microsoft Word 2007–2013 — StartAbsatzZeilen- und SeitenumbruchAbsatzkontrolle
  • WordPerfect — FormatText zusammenhalten

Bei LaTeX muss man die Parameter \widowpenalty und \clubpenalty[6] einfügen und in der Webtypografie kann mittels der CSS-Eigenschaften orphans[5] und widows[3] festgelegt werden, wie viele Zeilen des Absatzes am Seitenende oder -anfang (also vor bzw. nach dem Seitenumbruch) stehen müssen. Das findet beispielsweise auch bei Druckversionen von Webseiten Anwendung.

Sollten diese Satzprobleme nicht automatisiert lösbar sein, übernimmt es der Lektor oder Autor in der Korrektur, durch Trennung, Streichen oder Ergänzen die Länge der entsprechenden Textabsätze so zu verändern, dass diese Satzfehler nicht mehr auftreten.[7] Besonders kritisch ist dieser tiefe Eingriff in den Schriftsatz bei Texten mit vielen kurzen Absätzen, dann können sich ganze Serien von Hurenkindern/Schusterjungen ergeben, die bei jeder Anpassung in neuer Gestalt auftreten. Weil im elektronischen Satz Feinheiten wie Zeilendurchschuss- und Sperrvariation nur bei hochqualitativen Satzprogrammen üblich sind, müssen bei Hurenkind- und Schusterjungenregel im Low-end-DTP typischerweise umfassender gewählt werden, als das ein Schriftsetzer oder professioneller Algorithmus tut. Zu großzügig gewählte Regeln können dann aber zu unschönen Häufungen übertriebener Wortzwischenräume auch ober- oder unterhalb führen, insbesondere im Blocksatz.

Weblinks

 Wiktionary: Hurenkind – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Schusterjunge – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Hurenkind & Schusterjunge – Umbruchfehler erkennen und vermeiden. in der Typoknowledgebase des Fachbereichs Design der FH Aachen, abgerufen am 13. November 2015
  2. a b Hurenkind im Lexikon der westeuropäischen Typographie, abgerufen am 13. November 2015
  3. a b widows im About.com-CSS-Style-Property (englisch), abgerufen am 13. November 2015
  4. a b c Schusterjunge im Lexikon der westeuropäischen Typographie, abgerufen am 13. November 2015
  5. a b orphans im About.com-CSS-Style-Property (englisch), abgerufen am 13. November 2015
  6. Hurenkinder und Schusterjungen bei texfragen.de, abgerufen am 13. November 2015
  7. Martin Z. Schröder: Hurenkinder in der Typographie. In: Schreibenistblei, 15. März 2016, online, aufgerufen am 16. März 2016