Schwäbischer Dickkopf-Landweizen

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Schwäbischer Dickkopf-Landweizen, Anbau auf einem Feld bei Beuren (Haldenhof)

Die Weichweizenart Dickkopf (allgemeine Bezeichnung wegen der oben dicht und etwas breiter stehenden kurzbegrannten Ährchen) Triticum aestivum var. lutescens, gehört zu der Familie der Süßgräser (Poaceae) und hier zu der Gattung Weizen (Triticum). Weichweizen besitzt einen sechsfachen Chromosomensatz, also 2n=6x=42 Chromosomen.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die für Dickkopf-Weizen auffallend verdickte Ährenform auf kürzeren Pflanzenhalmen wurde etwa 1860 vom schottischen Farmer Samuel D. Shirreff in seinem Weizenfeld gefunden und weitergezüchtet. Dieser Weizen trägt daher die Bezeichnung Shirreffs Squarehead-Weizen.[1][2] Vermutlich handelte es sich hier um eine Mutation. Der kürzere Wuchs, die gute Standfestigkeit sowie die höheren Erträge (als bei den damals verwendeten Landsorten) führten zu einer schnellen Verbreitung, so auch in Deutschland. Da jedoch die Körner des Squarehead-Weizens eine schlechte Backeigenschaft besaßen und nicht so winterfest waren, kreuzte man sie mit den bewährten längeren regionalen Landsorten. Es entstanden zahlreiche kürzere, winterfestere und ertragreichere Sorten.[2][3] Über eine besondere Entwicklung solcher neuartigen Sorten ist aus Süddeutschland zu berichten. Dort war bis etwa 1888 die meistverbreitete Getreideart der Dinkel (Triticum aestivum spelta). Die Kreuzungen vom Squarehead mit dem eng verwandten Dinkel (auch er ist mit 42 Chromosomen hexaploid) führten zur Entstehung von qualitativ besonders hochwertigen Sorten.[2] Diese erbten vom Dinkel u. a. eine hohe Winterfestigkeit und Kornqualität, vom Squarehead kürzeren Wuchs, Ertrag und Nacktkörnigkeit bei dem Drusch, so dass eine aufwändige Entspelzung, die typisch für Dinkel ist, entfiel. Bereits im Jahre 1937 wurden in Württemberg nur noch 46.000 Hektar Dinkel angebaut und mehr als 108.000 Hektar Weizen, davon überwiegend Dickkopfsorten.[3][4] Damit hatten sie in Württemberg etwa 70 Jahre eine gewisse „Brückenfunktion“ zwischen der Dinkel- und Weizenära eingenommen. Mit dem Aufkommen der kurzen Hochzuchtsorten mit höherem Ertrag und guten Mähdruscheigenschaften gerieten die Dickkopfsorten nach 1950 jedoch nach und nach in Vergessenheit und verschwanden aus dem Anbau.[3][5]

Wiederentdeckung und Kultivierung des Schwäbischen Dickkopf-Landweizens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem über 20-jährigen Sammel- und Evaluierungsprojekt zu alten Getreidesorten wurde von Jan Sneyd (Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen) ein qualitativ hochwertiger Genotyp des Dickkopfweizens herausgefiltert. Die Nachforschungen zeigten, dass es sich um einen typischen alten, württembergischen Genotyp aus dem Genpool der Kreuzungen zwischen Weizen und Dinkel (Triticum aestivum x spelta) handelt. Erst ab 2008 konnte man mit der Kultivierung in einem Projekt des Bäckerhauses Veit aus Bempflingen anfangen.[3][6] Im Jahr 2011 wurde der „Schwäbische Dickkopf-Landweizen“ in die „Rote Liste der gefährdeten einheimischen Nutzpflanzen in Deutschland“ aufgenommen[7]. Im Jahr 2013 wurde die Sorte „Schwäbischer Dickkopf-Landweizen“ als „Slow Food Arche Passagier“ anerkannt[5] und 2015 als „Erhaltungssorte“ vom Bundessortenamt Hannover zum Anbau zugelassen; dies allerdings mit der Sortenbezeichnung „Schwäbischer Veit Dickkopf“.[8] Die Vermehrungsflächen auf dem Haldenhof in Beuren und dem Tannenhof in Metzingen nahmen seit 2009 kontinuierlich zu. Im Jahre 2015 konnten bereits 28 Tonnen geerntet werden. Die bisher erzielten Erträge liegen unter denen der deutschen Hochzuchtsorten, der Anbau wird allerdings (wegen gewisser Lager- und Auswuchsanfälligkeit) in integrierter, mittelintensiver Anbauweise mit reduziertem Stickstoffeinsatz und Pflanzenschutzmaßnahmen nur bei Bedarf durchgeführt.[5]

Eigenschaften der Dickkopf-Körner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Laufe der Jahre bestätigten sich die hohen Backqualitätseigenschaften sowie die hohen Werte verschiedener Inhaltsstoffe. Der Dickkopfweizen besitzt hohe Gelbpigmentgehalte[9], Eisen- und Zinkgehalte[10], sowie Vitamine E, B, sehr hohe Antioxidantiengehalte, gute Verdaulichkeit, Polyphenole und gute Eignung auch als Flocken für Müsli.[11]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Beispiel der Wiederentdeckung, Rekultivierung und Wiedereinführung des Dickkopfweizens in Baden-Württemberg zeigt, dass man noch heute das genetische Potential „alter“ Sorten nutzen und dadurch auch die Sortenvielfalt erhalten kann.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eduard Birnbaum: Pflanzenbau. 1. Auflage (Nachdruck des Originals von 1896), Salzwasser Verlag GmbH Paderborn, 2015, ISBN 978-3-84606-618-8, (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  2. a b c Die Vereinigung württembergischer Pflanzenzüchter, ihre Betriebe und ihre Züchtungen. Hrsg.: Württembergische Landessaatzuchtanstalt Hohenheim, 1925
  3. a b c d „Slow-Food Antrag des Convivium Stuttgart/ Prof. Dr. R. Lenz und S. Erb-Weber auf die Anerkennung des Schwäbischen Dickkopf-Landweizen, als Passagier der Arche des Geschmacks“ vom März 2012.
  4. Staatsarchiv Ludwigsburg/Bibliotheksunterlagen: „Kreis Nürtingen und Reutlingen früher, statistische Angaben der Anbauflächen im 19. und 20.Jahrhundert“
  5. a b c Bäckerhaus Veit INFO-Zeitung 2014, 2015; Broschüre Dickkopf-Landweizen
  6. „Projekt Dickkopfweizen“; Frau Erdmute Veit-Murray und Frau Susanne Erb-Weber, Protokoll 2010
  7. Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, Bonn 2011. Antrag Frau Susanne Erb-Weber und Herr Jan Sneyd
  8. Beschreibende Sortenliste des Bundessortenamtes 2015 , Kennr: 5196 - Erhaltungssorte; Bäckerhaus Veit, Herr Johannes Klümpers, Bempflingen
  9. Max-Rubner-Institut, Detmold
  10. Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart/ Fellbach
  11. Daniela Sumczynski, Zuzana Bubelova, Jan Sneyd, Susanne Erb-Weber, Jiri Mlcek: Total phenolics, flavonoids, antioxidant activity, crude fibre and digestibility in non-traditional wheat flakes and muesli. In: Food Chemistry. Band 174, Mai 2015, S. 319–325, doi:10.1016/j.foodchem.2014.11.065 (PDF).