Schwabenhass

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Graffito in der Prenzlauer Allee 53 auf der Hauswand der Bäckerei Sporys, die als "Schwäbische Bäckerei" beworben wird. Der erste Schriftzug war "Anti Schwa" in Abwandlung von "Antifa". Das von "Refugees Welcome - Bring your families" abgewandelte Motiv "Schwabees Welcome", das sich gegen die Schwabenfeindlichkeit richtete, wurde wiederum durch ein "not" übermalt. Oben steht das Wort "Schwabenhass".[1]
Sprüherei gegen Schwaben am Leipziger Hauptbahnhof

Schwabenhass ist ein Schlagwort für eine Abneigung gegenüber den in Berlin lebenden Schwaben. Die geographisch und dialektal unklar definierte Gruppe der Schwaben wird als Symbol oder Stereotyp für wohlhabende Zugezogene verwendet, die den Prozess der Gentrifizierung in Berlin vorantreiben. Das Klischee der „Schwaben“ und der Begriff des „Schwabenhasses“ hat seine Ursprünge im linksalternativen Milieu West-Berlins. Seit den 2000er Jahren werden sie deutschlandweit gebraucht und insbesondere mit Zugezogenen in den Bezirken des ehemaligen Ost-Berlin sowie in Großstädten in Ostdeutschland seit 1990 assoziiert.[2]

Der sogenannte Schwabenstreit[3][4][5][6] führte 2013 nach Äußerungen des in Berlin-Prenzlauer Berg lebenden SPD-Politikers und ehemaligen DDR-Bürgerrechtlers Wolfgang Thierse zu einer politischen Auseinandersetzung sowie zu breiter medialer Aufmerksamkeit. Die Debatte wurde auch als „Spätzlestreit“[7][8][9] bezeichnet. Die Spaßguerilla „Free Schwabylon“ hatte ein Denkmal mit Spätzle beworfen, einen autonomen schwäbischen Bezirk in Prenzlauer Berg namens „Schwabylon“ und die Ausweisung Thierses gefordert, worüber die New York Times berichtete.

Diskriminierende Bezeichnungen und Ethnophaulismen für Schwaben sind seit dem 19. Jahrhundert auch an anderen Orten belegt, etwa in Baden und in der Schweiz; außerdem in Ländern mit deutschen bzw. donauschwäbischen Minderheiten wie Polen, Ungarn und dem ehemaligen Jugoslawien.

Historischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schwabenfeindlichkeit seit dem 19. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schwabenhass wurde verschiedenen Gruppen in unterschiedlichen Zusammenhängen zugeschrieben. Dies gilt unter anderem bis heute für Baden.[10]

„Badener[11] sind vor allem dann Badener, wenn sie nördlich des Mains für Schwaben gehalten werden.“

Amadeus Siebenpunkt: Deutschland Deine Badener[12]

In der Zeit der national geprägten Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts entstand in der Schweiz[13] „Schwabe“, später „Gummihals“ als Ethnophaulismus für alle Deutschen, ähnlich „Szwab“ in Polen. Bei den Magyaren[14] als „Verachtung auf die Deutschen“[15] in der aufkommenden ungarischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts bezogen sich ähnliche Vorurteile auf die Donauschwaben. Im ehemaligen Jugoslawien war die Bezeichnung „Schwabo“ für Deutschsprachige gebräuchlich und wird heute von Menschen verwendet, die von dort nach Deutschland ausgewandert sind.

Schwaben in West-Berlin seit den 1960er Jahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Klischee vermeintlich schwäbischer Zugezogener ist bereits in den 1980er Jahren im linksalternativen Milieu von Berlin-Kreuzberg dokumentiert.[16] „Schwaben“ wurden mit „Wessis“ identifiziert, also Zugezogenen aus der Provinz der Bundesrepublik.[17] 1988 begann der in Stuttgart geborene Kabarettist Albrecht Metzger mit einer Reihe von Theaterstücken in Berlin-Kreuzberg über Schwaben im damaligen West-Berlin unter dem Titel Schwabenoffensive. Das erste Stück trug den Titel Komm du bloß hoim. Ein Stück für Schwaben und Schwabenhasser.[18][19] Im 1996 erstmals erschienenen Handbuch der Kommunikationsguerilla der „autonomen a.f.r.i.k.a.-gruppe“ wird eine „Rückkehr- oder Dortbleibprämie für Schwaben“ vorgeschlagen.[20] 1997 veröffentlichte der Essayist Michael Rutschky im Merkur eine an das Genre des Bildungsromans angelehnte Erzählung über die im pietistischen Schwaben aufgewachsene Kreuzbergerin Gerlinde Stürzenbecher.[21] Gert Möbius, der Bruder von Ton Steine Scherben-Sänger Rio Reiser, verweist in seiner Biografie über Reiser auf dessen Kindheit in Schwaben. Reiser bezeichnet den Umzug der Familie ins Remstal darin als „Absturz“.[22] Der in Bremen geborene und in den 1980er Jahren nach Kreuzberg gezogene Schriftsteller Sven Regener beschreibt Schwaben im Kreuzberg der 1980er Jahre in verschiedenen, seit den 2000er Jahren erschienen Romanen, darunter Herr Lehmann (2003), Der kleine Bruder (2008) und Wiener Straße (2017).[23] Regener bezeichnete Schwabenhasser in Interviews als „Rassisten“.[24] Kreuzberg sei durch die Sanierungstätigkeit von Zugezogenen aus Schwaben „gerettet“ worden.[25] Der 1984 von der Schwäbischen Alb nach West-Berlin gezogene Schriftsteller Bov Bjerg bezeichnet die Schwaben als „zweitgrößte Minderheit“ nach den Türken bis 1990.[26]

Der in Leonberg aufgewachsene Historiker und Publizist Götz Aly erklärt das Phänomen mit dem Zuzug von Studenten nach West-Berlin seit den 1960er Jahren und ihrer Dominanz in der 68er-Bewegung. In einem in der taz veröffentlichten Streitgespräch mit Katharina Rutschky vertritt er die Ansicht, die Mehrheit der Studenten an der FU Berlin seien „Krawallschwaben“ gewesen, also junge Menschen aus dem süddeutschen Raum, die aus autoritären Elternhäusern stammten.[27] Das Milieu wird aufgrund seiner pietistischen Prägung auch als Pietcong bezeichnet.[28] In seinem Buch Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück (2008) erklärt Aly die Abwanderung junger Menschen aus Baden-Württemberg nach West-Berlin mit der dort vorherrschenden liberalen Atmosphäre:

Die alte Bundesrepublik exportierte in den Sechziger- und Siebzigerjahren Jugendliche, die unter dem heimatlichen Modernisierungsstau rebellisch geworden waren, ins vergleichsweise freiheitliche, nicht von nachbarschaftlicher Sozialkontrolle durchherrschte Westberlin, und dort schlugen die Repressionsflüchtlinge erst recht über die Stränge. Anschließend mokierten sich Politiker wie Filbinger oder Strauß über die angeblich unfähigen Berliner Stadtregenten, die der importierten Plage ratlos gegenüberstanden und sich an der Frage zerstritten, ob sie ihre betonte und bislang bewährte Reformfreude beibehalten oder zu reaktionärerer, gewissermaßen süddeutscher Härte übergehen sollten.

Aly schlägt in Anlehnung an den Länderfinanzausgleich scherzhaft „eine Reparationsleistung der konservativen Weststaaten an Berlin“ vor: „20 000 Euro pro westdeutschem Repressionsflüchtling, zu verzinsen mit fünf Prozent seit dem 1. Januar 1970 bis zum 31. Dezember 2007“. Dies ergebe im Jahr 2008 mit Zinsen 95.979,63 Euro. Bei einer Schätzung von 100 000 nach West-Berlin zugewanderten jungen Menschen wären laut Aly zehn Milliarden Euro als Ausgleichszahlung fällig.[29]

Schwaben in der Gentrifizierungsdebatte nach 1990[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Debatte um Gentrifizierung in Berlin nach der Wiedervereinigung dienen Schwaben laut Tagesspiegel als Klischee für „Mietpreistreiber und Speerspitze der Gentrifizierung“.[2] Zugleich wird die Bezeichnung „Schwaben“ laut Frankfurter Allgemeine Zeitung als Synonym für pedantische und kaufkräftige Zugezogene aus dem Süden und Westen der Republik verwendet.[30] Ihnen werde von Berlinern ein mangelnder Sinn für „Berliner Kultur“ und Spießigkeit vorgeworfen, die sich auf die Bezirke übertrage.[30][31] Die meisten innerdeutschen Zuzüge nach Berlin kommen der Rheinischen Post zufolge aus Brandenburg. Zugleich existiere auch eine Gegenströmung von Berlin nach Baden-Württemberg. Im Ergebnis blieben 20 Prozent mehr Schwaben in Berlin, als von Berlin nach Schwaben zögen.[32]

Seit den 2000er Jahren berichteten Medien über „Schwabenhass“ in Form von Graffiti mit den Slogans „Schwaben raus!“ oder „Schwaben verpisst euch!“. Auf Plakaten und Hauswänden im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg waren Slogans wie „Schwaben töten“, „Wir sind ein Volk. Und ihr seid ein anderes“ oder „Ostberlin wünscht dir eine gute Heimfahrt“ zu lesen.[33][34] Am Helmholtzplatz waren 2008 Plakate mit folgender Aufschrift zu sehen: „Schwaben in Prenzlauer Berg spießig, überwachungswütig in der Nachbarschaft und kein Sinn für Berliner Kultur. Was wollt ihr eigentlich hier???“[30] Ein Mann, der in Wohnungseingängen Kinderwagen angezündet hatte, gab „Hass auf Schwaben im Prenzlauer Berg“ als Begründung an. Er wurde 2011 wegen Sachbeschädigung durch Brandstiftung in elf Fällen verurteilt.[35][36][37]

Der in Waiblingen geborene und in den 1960er Jahren nach West-Berlin gezogene Stadtsoziologe Hartmut Häußermann bezeichnete Schwaben als „Sündenbock“. Der Schwabe sei leicht am Dialekt erkennbar und stehe mehr als alle anderen Bevölkerungsgruppen für Effizienz, Leistung, Sparsamkeit, Wohlstand sowie die Kehrwoche. Diese Eigenschaften wünsche sich das alternativ geprägte Berlin nicht, so sich das Feindbild „Schwabe“ etabliert habe. Häußermann sagte dem Tagesspiegel: „Wir wissen ja bis heute nicht, ob das drei oder vier Leute sind, die diese Poster kleben, oder ob das eine breite Stimmung ist.“ Zudem sei das Phänomen auf den Prenzlauer Berg beschränkt.[38]

„Berliner Schwabenstreit“ 2013[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Äußerungen von Wolfgang Thierse im Dezember 2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die von Medien als „Berliner Schwabenstreit“ bezeichnete Debatte begann nach Äußerungen von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) Ende 2012 in der Berliner Morgenpost. Er hatte sich in einem Interview über Schwaben in seinem Bezirk Prenzlauer Berg beklagt und ihnen mangelnde Anpassungsbereitschaft zum Vorwurf gemacht.[39] Thierse beklagte, dass „Brötchen“ im Prenzlauer Berg nunmehr mit dem schwäbischen Wort „Weckle“ statt mit dem berlinerischen Wort „Schrippe“ bezeichnet würden sowie der „Pflaumenkuchen zum „Pflaumendatschi“ werde: „In Berlin sagt man Schrippen – daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen“.[40]

Thierses Äußerungen führten im Januar 2013 zu einer bundesweiten Debatte. Der Journalist Peter Hahne warf Thierse Heuchelei vor. Das Argumentationsmuster, dessen er sich bediene, sei das der Ausländerfeindlichkeit, die er selbst so vehement bekämpfe.[41] Der ehemalige Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) kritisierte, ohne die Schwaben wäre die Lebensqualität in Berlin nur schwer möglich, denn sie zahlten ja jedes Jahr viel Geld über den Länderfinanzausgleich. Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) gab zu bedenken, dass viele Schwaben zum Arbeiten in die Hauptstadt kommen und man ihnen dankbar sein sollte.[42] Der Journalist Reinhard Mohr kritisierte, Thierse, der „gegen die Überfremdung der Urberliner Ackerkrume, wo alle zehn Meter die Hundescheiße dampft wie Currywurst“ kämpfe, sei selbst in Breslau geboren und in Thüringen aufgewachsen.[43] Der Theatermacher Achim Ruppel wandte in der Berliner Morgenpost ein, der germanische Stamm der Sueben, auf den das Wort „Schwaben“ zurückgeht, habe die Region um das heutige Berlin bereits in der Antike besiedelt.[44]

Nach 3000 zum Teil von Hass erfüllten Protestmails hieß Thierse die Schwaben in Berlin willkommen.[45][46] Als erster Nichtschwabe erhielt er so die „Goldene Narrenschelle“ der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), die er mit Humor und als „Zeichen der preußisch-schwäbischen Versöhnung“ annahm.[47]

Nachdem sich Thierse 2021 kritisch zum Standpunkt der SPD in Fragen der Identitätspolitik geäußert hatte, wurde seine frühere ablehnende Haltung gegenüber Zugezogenen aus Schwaben in verschiedenen Kommentaren thematisiert.[48][49]

„Spätzle-Anschlag“ im Januar 2013[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einen Höhepunkt erreichte die Debatte Mitte Januar 2013, als die Spaßguerilla „Free Schwabylon“ das Käthe-Kollwitz-Denkmal auf dem Kollwitzplatz mit dem schwäbischen Traditionsgericht Spätzle bewarf und satirisch einen autonomen Bezirk für Schwaben[50] rund um den Kollwitzplatz sowie die Ausweisung von Wolfgang Thierse forderte.[51] Ihre Aktionen führten zu internationaler Berichterstattung unter anderem in der italienischen Zeitung La Stampa[52] und auf dem russischen Portal Lenta.ru[53]. Große Aufmerksamkeit in Deutschland erhielt ein Bericht in der New York Times[54][55][56] Die europäische Ausgabe der Zeitung titelte einen halbseitigen Artikel unter der Überschrift „Swabian Separatists Fling Spätzle to Make Their Point“ (deutsch: Schwäbische Separatisten schmeißen Spätzle, um ihr Anliegen deutlich zu machen). Die „Spätzle-Attacke“ auf das Denkmal nannte der Kollwitzverein „geschmacklos“.[57] Die Aktion wurde im Zusammenhang mit dem schwäbischen Wutbürger gedeutet, der im Zuge der Proteste gegen Stuttgart 21 bekannt und 2010 zum Wort des Jahres gewählt geworden war.[58] Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt sprach vom „Werfen folkloristischer Teigwaren auf Denkmäler“ und sagte im Hinblick auf die Gentrifizierungsdebatte: „Solch heftiger Widerstand zeigt, wie groß die Not ist.“[59] Der Name „Schwabylon“ bezog sich auf Aufkleber mit der Aufschrift „Welcome to Schwabylon“, an deren Verteilung der Autor Juri Sternburg ab 2011 beteiligt gewesen war. Sternburg kritisierte die Aktion in der taz.[60]

Weitere Aktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Später gab es weitere Aktionen von Spaßguerillas im Zusammenhang mit Schwaben in Berlin: Im Februar 2013 überklebten drei Künstler aus Prenzlauer Berg, die sich als Bewegung „Neuschwabenberg“ bezeichneten, Straßenschilder des Bezirks mit schwäbischen Diminutiven, etwa „Kollwitzsträßle“ und „Wörther Gässle“.[61]

Unbekannte sprühten im Mai das Graffito „Kauft nicht bei Schwab’n“ auf eine Häuserwand und spielten damit auf antisemitische Parolen aus der Zeit des Nationalsozialismus an. Der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) nannte dies „eine unsägliche Aktion, für die es keine Begründung gibt“, Innensenator Frank Henkel (CDU) als „geschmacklos“, da sie in der Rykestraße stattfand, in der sich eine Synagoge befindet.[62]

Im Juni beschmierten Anonyme, die sich als Initiative „Schwaben ausbürgern“ bezeichneten, die Statue des in Stuttgart geborenen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel am Hegelplatz mit Currywurst.[63][64] Im Dezember 2014 beschmierten Anonyme unter dem Namen „BEGISSA – Berliner Eingeborene Gegen Investoren Schwäbischer bzw. Schweizer Abstammung“ die Statue des in Augsburg geborenen Dramatikers Bertolt Brecht vor dem Berliner Ensemble mit Kartoffelsalat.[65][66] Die englische Ausgabe des Wall Street Journal berichtete 2014 über die Aktionen.[67]

Weitere Erscheinungsformen in Berlin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der in Berlin-Lichterfelde geborene Grünen-Politiker Benedikt Lux sagte 2009 im Berliner Abgeordnetenhaus: „[W]enn das schwäbische Kind von seinem Ingenieursvater nicht mehr das Geld hat, um hier zu studieren und zu wohnen, dann wird es auch Berlin schlechter gehen.“[68] 2010 sagte er, die Einführung von „sehr repressiven schwäbischen Verhältnissen“ sei nicht das Ansinnen der Grünen.[69] Der in Hamburg geborene Politiker Alexander Morlang sagte 2016 als Fraktionsmitglied der Piratenpartei:

Genauso wie du hier 20 Jahre Klub haben kannst, und dann kommt ein Schwabe und sagt: Das ist aber zu laut. – Dann sagst du dem Schwaben: Geh nach Stuttgart! – Dann sagt er: Nein, Berlin ist ja so cool, aber nicht da, wo ich wohne. – Dann geh nicht in einen Szenekiez! – Da die Subkultur nicht mehr in der Lage ist, mit Sekundenkleber Haustürschlösser zu bearbeiten, bleibt der Schwabe. Das heißt, auch das revolutionäre Potenzial hat nicht mehr die Möglichkeiten, sich gegen diese Schwabifizierung zu wehren, und damit wird dann wieder Kultur zerstört.[70]

Im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017 warb der in Ost-Berlin aufgewachsene Linken-Politiker Stefan Liebich mit verschiedenen Aktionen um schwäbische Wähler in seinem Wahlkreis Berlin-Pankow, zu dem auch Prenzlauer Berg gehört. Der in Leonberg geborene Parteivorsitzende Bernd Riexinger sprach den schwäbischen Text zu einem Wahlkampfvideo, in dem Liebich dabei zu sehen ist, wie er Spätzle mit einer Spätzlepresse zubereitet.[71] Die Grünen warben in Prenzlauer Berg mit einem Plakat mit der Aufschrift „Das ganze Ländle zählt auf euch“, auf dem Cem Özdemir und der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann abgebildet waren.[72]

2018 warb die Berliner Verkehrsgesellschaft BVG auf Bussen mit dem Slogan „Liebe Schwaben, wir bringen Euch gerne zum Flughafen“. Ein Mann aus Schwaben reichte im Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses eine Petition gegen den Werbespruch ein. Die BVG verwies in ihrer Antwort darauf, dass zum Spruch der Nachsatz „Und auf Wunsch auch wieder zurück“ gehöre. Der Ausschuss lehnte die Eingabe mit der Begründung ab, dass der schwäbische Kabarettist und Schauspieler Bernd Gnann in Berlin Aufkleber mit dem Logo von Biberach verteilt hatte,[73] auf denen stand: „Wir nehmen Schwaben zurück.“[74]

Während der Proteste gegen Schutzmaßnahmen wegen der COVID-19-Pandemie in Deutschland ab dem Jahr 2020 riefen Organisatoren der in Stuttgart unter dem Titel „Querdenken 0711“ stattfindenden Demonstrationen zu Versammlungen in Berlin auf. Verschiedene Medien brachten den Aufruf in Zusammenhang mit der Debatte um Schwaben in Berlin.[75][76][77] Zahlreiche Reportagen setzten sich mit den Gründen für die starke Resonanz der ab 2021 vom Bundesverfassungsschutz beobachteten Querdenken-Bewegung in Schwaben auseinander.[78][79][80][81][82][83]

Auf dem Berliner Grünen-Parteitag im März 2021 sagte die in Augsburg geborene Bürgermeisterkandidatin Bettina Jarasch, sie habe als Kind „Indianerhäuptling“ werden wollen. Nachdem sie von einigen Delegierten für den diskriminierenden Sprachgebrauch kritisiert wurde, verwies der Kolumnist Jan Fleischhauer bei ServusTV auf ihre schwäbische Herkunft. Untergegangen in der Debatte seien „die Gefühle indigener Ost-Berliner, wenn sich eine bayrische Schwäbin mit Wohnsitz in Kreuzberg erst den Wahlbezirk Pankow kulturell aneignet und dann auch noch ,Chief‘ von ganz Berlin werden“ wolle. Überfremdungsängste seien kein Privileg der Rechten.[84] Jarasch selbst bezeichnet sich nicht als Schwäbin, sondern als Bayerin, da sie kein Schwäbisch spreche.[85]

Theater und Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2010 gründete der Schauspieler und Regisseur Achim Ruppel die Kabarett-Initiative „Schwaben in Berlin“.[86] Das erste Stück der Gruppe trug den Titel „Der Schwabe ist an allem schuld“.[87] 2011 wurde ein Autorenwettbewerb ausgelobt und daraus 2012 das Theaterstück „Schwabenhatz“[88] im Rahmen einer Kulturwoche, der „Schwabiennale“[89], aufgeführt.[90][91][92] Die in Esslingen am Neckar geborene Schauspielerin Bärbel Stolz wurde über ihren Youtube-Kanal Die Prenzlschwäbin bekannt. Darin parodiert sie das Klischee von Schwaben in Berlin in schwäbischem Dialekt.[93][94][95] Im Comic Eine weitere Giftblüte des Hasses auf "Hipster" und "Schwaben" von Katz & Goldt wird ein als Hipster bezeichneter Mann in Berlin Opfer eines „Rasurüberfalls“, bei dem sein gepflegter Bart verunstaltet wird. Ein Kollege fragt ihn: „Na ...? Unheimliche Begegnung mit einem Schwabenhasser gehabt?“.[96][97]

Der in Hamburg geborene Möbeldesigner und Konzeptkünstler Rafael Horzon kommentierte 2020 die Proteste gegen die Räumung der besetzen Liebigstraße 34, nachdem dabei sein Geschäft auf der Torstraße beschädigt worden war. Gegenüber Bild kritisierte Horzon die Demonstranten aus der linksradikalen Szene: „Die traurige Wahrheit ist ja, dass diese Hosentaschen-Revolutionäre selber zu 99 Prozent aus dem schwäbischen Mittelstand kommen, genauso wie die Gentrifizierer, die sie angeblich bekämpfen. Der Hass auf die Gentrifizierer ist ja in Wirklichkeit Selbsthass und Scham über ihre eigene provinzielle Herkunft.“[98] In der 2021 auf Berlinerisch erschienen Asterix-Mundartausgabe kommt ein Hochdeutsch sprechender Alien aus „Schwabylon“ nach Berlin.[99]

Philosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vereinzelt wird für Schwabenfeindlichkeit der Begriff „Schwabismus“ als Kofferwort aus „Schwaben“ und „Rassismus“ verwendet.[100] Der deutsche Philosoph Markus Gabriel bezeichnete den in Stuttgart geborenen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel in einem Interview 2020 mit der Frankfurter Rundschau als „irgend so einen schwerfälligen Schwaben“.[101] In einem taz-Interview mit dem in Schwäbisch Gmünd geborenen Journalisten Peter Unfried entschuldigte sich Gabriel dafür und bezeichnete „Schwabismus“ als verwerflich.[102] Unfried griff den Begriff „Schwabismus“ in einem Artikel im März 2021 erneut auf und bezeichnete Gabriels Entschuldigung als „souveräne, aber leider völlig unübliche Reaktion“. Es seien häufig „urbane, emanzipatorische und antirassistische Linksliberale, die Menschenverachtung völlig zu Recht kritisieren, Schwabenverachtung aber für eine notwendige Tugend halten“ würden. Sie verbreiteten „identitäre Ressentiments über Schwaben“, die „kulturlose Materialisten seien, besessen davon, die Straße zu kehren, Maultaschen zu essen und viel Geld zu verdienen. Wobei mit dem Begriff ,Schwaben‘ zumindest in Berlin auch gleich Badener, Kurpfälzer, Hohenloher und schlicht alle Baden-Württemberger mitdiskriminiert werden.“ Mit dem pejorativen Diminutiv „Ländle“ werde versucht, „die globale Bedeutung des Wirtschafts- und Kulturgiganten Baden-Württemberg zu ignorieren und das Klischee der Provinzdeppen durchzusetzen.“[103]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Soziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hartmut Häußermann: „Institutionentransfer, soziale Konflikte und einheitsstiftende Theorie – die Interpretation gesellschaftlichen Wandels am Beispiel der Stadtemeuerung im Bezirk Prenzlauer Berg“, in: K. Hinrichs, H. Kitschelt, H. Wiesenthal (Hg.): Kontingenz und Krise. Institutionenpolitik in kapitalistischen und postsozialistischen Gesellschaften. Frankfurt/Main, New York: Campus, 2000, S. 219–241.
  • Martina Schöller: Von Schwaben nach Berlin: eine empirische Untersuchung zur Bedeutung von Herkunft für Binnenmigrationen. Magisterarbeit Universität Tübingen, Tübingen 2004.
  • Thomas Bürk/Thomas Götz: Schwaben in Berlin: Metamorphosen einer kulturellen Figur und ihrer urbanen Topographien. In: Orte – Situationen – Atmosphären: kulturanalytische Skizzen. Hrsg. von Beate Binder u. a. Campus, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-593-39269-1, S. 307–320.
  • Brenda Strohmaier: Wie man lernt, Berliner zu sein: Die deutsche Hauptstadt als konjunktiver Erfahrungsraum. Campus Verlag 2014.
  • Ingo W. Warnke: „Abkehr vom Dialog. Selbstsegregation im urbanen Sprachraum Berlins“, in: Meier, Simon / Rellstab, Dr Daniel H. / Schiewer, Gesine L.: Dialog und (Inter-)Kulturalität: Theorien, Konzepte, empirische Befunde, Tübingen: Narr Francke Attempto, 2014, S. 275–293.
  • Knut Petzold: „Vom methodologischen Kosmopolitismus zum methodologischen Lokalismus“, In: Behrens, Melanie, Bukow, Wolf-Dietrich, Cudak, Karin, & Strünck, Christoph (Hg.): Inclusive City. Überlegungen zum gegenwärtigen Verhältnis von Mobilität und Diversität in der Stadtgesellschaft. Wiesbaden: Springer VS, S. 97–115; S. 104–106.
  • Florence Feiereisen/Erin Sassin: „Sounding Out the Symptoms of Gentrification in Berlin“, in: Resonance (2021) 2 (1), S. 27–51.

Publizistik und Satire[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. http://www.tagesspiegel.de/images/baeckereiklaas/7582344/2-format14.jpg
  2. a b Moritz Honert: Schwabenhass im Szenekiez. In: Der Tagesspiegel vom 20. Dezember 2011.
  3. Nächster Akt im Schwaben-Streit - Sträßlemacher gegen Spätzlekrieg, n-tv.de, abgerufen am 23. Februar 2013
  4. Neue Runde im Schwaben-Streit - Die Strässlemacher aus Prenzlauer Berg, Tagesspiegel vom 8. Februar 2013.
  5. Hauptstadt: Gässle und Sträßle im Prenzlauer Berg, Focus Online vom 10. Februar 2013
  6. "Preußisch-schwäbische Versöhnung" - Narrenschelle für den "Schwaben-Goscher", rbb vom 23. Januar 2013
  7. Spätzlestreit geht in eine weitere Runde - Krone für Käthe Kollwitz, Tagesspiegel vom 21. Januar 2013.
  8. Berliner Kollwitz-Verein plant Protestbrief im "Spätzle-Streit" (Memento vom 12. April 2013 im Webarchiv archive.today), Deutschlandradio vom 21. Januar 2013
  9. Kollwitz-Denkmal: Berliner Spätzle-Streit geht weiter, Berliner Zeitung vom 24. Februar 2012
  10. Waltraud Linder-Beroud: Wie badisch ist das Badnerlied? Zur Geschichte der Landeshymnen in Baden und Württemberg. In: Eckhard John (Hrsg.): Volkslied – Hymne – politisches Lied. Populäre Lieder in Baden-Württemberg. Volksliedstudien, Bd. 3. Waxmann, Münster 2003, ISBN 3-8309-1351-6, S. 54–95, hier S. 89.
  11. Die Bezeichnung der Badener als „Badenser“ wird, obwohl sie gemäß Duden als korrekt gilt, heutzutage als abwertend empfunden.
  12. Amadeus Siebenpunkt: Deutschland Deine Badener. Gruppenbild einer verzwickten Familie. Badenia, Karlsruhe 1997, ISBN 978-3-7617-0340-3.
  13. Johannes Bumüller: Die Weltgeschichte. Ein Lehrbuch für Mittelschulen und zum Selbstunterricht. Dritter Teil: Die neue Zeit. 6., verbesserte Auflage, Herder, Freiburg 1867, S. 36; Friedrich Wilhelm Barthold: Deutschland und die Hugenotten. Geschichte des Einflusses der Deutschen auf Frankreichs kirchliche und bürgerliche Verhältnisse … 1531–1598. Bd. 1, Schlodtmann, Bremen 1848, S. 31; Dora Rudolf: Konrad Meyer und sein Freundeskreis. Ein Zürcher Literaturbild aus dem 19. Jahrhundert. Juchli & Beck, Zürich 1909, S. 43 (Suche: „Schwabenhass“).
  14. Anonym: Die magyarische Revolution. Kurzgefaßte Schilderung der jüngsten Zeitereignisse in Ungarn und Siebenbürgen. Heckenast, Pest 1849, S. 197.
  15. Politische Miscellen vom Verfasser der „sibyllinischen Bücher aus Oesterreich“. Tendler, Wien 1848, S. 79.
  16. Barbara Lang: Mythos Kreuzberg: Ethnographie eines Stadtteils (1961-1995). Campus Verlag, 1998, ISBN 978-3-593-36106-2, S. 121 (google.de [abgerufen am 29. April 2021]).
  17. Olaf Leitner: West-Berlin! Westberlin! Berlin (West)!: die Kultur, die Szene, die Politik : Erinnerungen an eine Teilstadt der 70er und 80er Jahre. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2002, ISBN 978-3-89602-379-7, S. 367 (google.de [abgerufen am 1. Mai 2021]).
  18. Krista Tebbe: Kreuzberg, Prenzlauer Berg: annähernd alles über Kultur. Kunstamt Kreuzberg, 1990, S. 147 (google.de [abgerufen am 16. März 2021]).
  19. Schwabenoffensive. Abgerufen am 16. März 2021.
  20. Luther Blissett, Sonja Brünzels: Handbuch der Kommunikationsguerilla. Verlag Libertäre Assoziation, 1996, ISBN 978-3-924737-38-2, S. 164 (google.com [abgerufen am 16. April 2021]).
  21. Rutschky, Michael: „Werde, der du bist. Vom Bildungsroman zur therapeutischen Gesellschaft“, Merkur: März 1997, 51. Jahrgang, Heft 576, S. 187–203.
  22. Gert Möbius: Halt dich an deiner Liebe fest. Rio Reiser. Aufbau Taschenbuch 2017, ISBN 978-3746633473.
  23. Michael Pilz: Wer ist hier der Einheimischste? In: DIE WELT. 30. August 2008 (welt.de [abgerufen am 16. April 2021]).
  24. "Wer gegen Schwaben ist, ist auch nur Rassist". Abgerufen am 16. April 2021.
  25. Jochen Overbeck, DER SPIEGEL: Sven Regener: "Kreuzberg wurde von den Schwaben gerettet". Abgerufen am 16. April 2021.
  26. Moritz Kienast: I hate Berlin: Unsere überschätzte Hauptstadt. BASTEI LÜBBE, 2011, ISBN 978-3-8387-1033-4 (google.de [abgerufen am 30. April 2021]).
  27. Streitgespräch Aly vs. Rutschky: "In welcher K-Gruppe waren Sie denn?" In: Die Tageszeitung: taz. 27. Dezember 2007, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 20. November 2020]).
  28. Peter Unfried: Ein verlässlicher Aufreger: Aufmarsch des Pietcong. In: Die Tageszeitung: taz. 5. Februar 2014, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 16. April 2021]).
  29. Unser Kampf 1968 – ein irritierter Blick zurück. S. Fischer, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-10-000421-5, S. 74 f.
  30. a b c Anna Loll: Schwabenhass in Berlin. Die Super-Wessis und Proto-Yuppies. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. April 2009.
  31. Nächste Runde im Schwaben-Streit, Die Zeit, 1. Januar 2013
  32. Gregor Mayntz: Woher kommt der Schwaben-Hass in Berlin?, Rheinische Post, 4. Januar 2013
  33. Stephanie Beisch: Berlin will Schwabenhass mit Festival bändigen (Memento vom 31. August 2012 im Internet Archive), Financial Times, 21. August 2012
  34. Tanja Dückers: Berlins neue Hasskultur, Süddeutsche Zeitung, 17. Januar 2012
  35. Tanja Buntrock, Nana Heymann: Angezündete Kinderwagen in Prenzlauer Berg. Täter nennt „Schwabenhass“ als Motiv. In: Der Tagesspiegel vom 22. August 2011.
  36. Marc Hippler: Schwaben-Hass im Netz. „Schwaben raus!“. In: Stuttgarter Zeitung, 24. August 2011.
  37. Birgit Loff: Brandanschläge „aus Schwabenhass“. In: Stuttgarter Zeitung vom 24. August 2011.
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