Schwabenhass

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Sprüherei gegen Schwaben am Leipziger Hauptbahnhof

Der Begriff „Schwabenhass“ wird von einigen Medien als Schlagwort verwendet, um eine Aversion gegenüber den etwa 300.000[1] in Berlin lebenden Schwaben zu beschreiben. Der sogenannte Schwabenstreit[2][3][4][5] (auch Spätzlestreit)[6][7][8] führte zu einer politischen Auseinandersetzung sowie zu weiterer medialer Aufmerksamkeit.

Medienberichterstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die nach Berlin zugezogenen Schwaben gelten nach einem Artikel im Tagesspiegel „als Mietpreistreiber und Speerspitze der Gentrifizierung“,[9] zugleich wird die Bezeichnung „Schwaben“, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt, als Synonym für pedantische und vergleichsweise wohlhabendere Zugezogene aus dem Süden und Westen der Republik verwendet[10]. Auf Plakaten werde ihnen ein mangelnder Sinn für „Berliner Kultur“ vorgeworfen.[10] Zudem werde ihnen angelastet, zu einer zunehmenden Spießigkeit beizutragen.[11] Die meisten innerdeutschen Zuzüge nach Berlin kommen der Rheinischen Post zufolge aus Brandenburg. Zugleich existiere auch eine Gegenströmung von Berlin nach Baden-Württemberg. Dadurch blieben unterm Strich lediglich 20 Prozent mehr Schwaben in Berlin als von Berlin nach Schwaben zögen.[12]

Laut Medienberichten äußere sich der sogenannte Schwabenhass in Form von Graffiti sowie als Motiv eines Täters, der „Hass auf Schwaben im Prenzlauer Berg“ als Begründung für seine Sachbeschädigungen durch Brandstiftung angab.[13][14][15] Auf Plakaten und Hauswänden im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg waren beispielsweise Slogans wie „Schwaben töten“, „Wir sind ein Volk. Und ihr seid ein anderes“ oder „Ostberlin wünscht dir eine gute Heimfahrt“ zu lesen.[16][17] Die Polizei ermittelt, nachdem Unbekannte ein Graffito „Kauft nicht bei Schwab'n“ auf eine Häuserwand sprühten. Der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) nannte dies „eine unsägliche Aktion, für die es keine Begründung gibt“, Innensenator Frank Henkel (CDU) als „geschmacklos“, da sie in der Rykestraße stattfand, in der sich eine Synagoge befindet.[18]

Der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann erklärte das Phänomen, dass ausgerechnet Schwaben als „Sündenbock“ fungieren, folgendermaßen: „Zum einen sind wir Schwaben relativ einfach an unserem Dialekt zu erkennen“. Zum anderen stehe er mehr als alle anderen Bundesbürger für Effizienz, Leistung, Wohlstand sowie die Kehrwoche. Dieses wünsche sich das alternativ geprägte Berlin nicht, so dass man sich das Feindbild „Schwabe“ suchte. Häußermann sagte zudem: „Wir wissen ja bis heute nicht, ob das drei oder vier Leute sind, die diese Poster kleben, oder ob das eine breite Stimmung ist.“ Zudem sei das Phänomen auf den Prenzlauer Berg beschränkt.[19]

Der sogenannte Berliner Schwabenstreit führte 2013 zu Spaßaktionen von Künstlern wie die Bewegung „Neuschwabenberg“ oder die Spaßguerilla „Free Schwabylon“, die satirisch einen autonomen Bezirk für Schwaben[20] rund um den Kollwitzplatz sowie die Ausweisung von Wolfgang Thierse fordert[21] und deren Aktionen sogar zu einem Bericht in der New York Times[22] führte.[23][24] Die New York Times titelte einen halbseitigen Artikel unter der Überschrift „Swabian Separatists Fling Spätzle to Make Their Point“ (deutsch: Schwäbische Separatisten schmeißen Spätzle, um ihr Anliegen deutlich zu machen). Die „Spätzle-Attacke“ auf das Käthe-Kollwitz-Denkmal nannte der Kollwitzverein „geschmacklos“. Der öffentlichkeitswirksame Jux mit Lebensmitteln sei eine geschmackliche Entgleisung und der Streit zwischen alteingesessenen Berlinern und Schwaben „eine kleinkarierte Haustürfehde“.[25]

Politische Debatte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Thematik erreichte politische Kreise. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) hatte sich Ende 2012 über Schwaben in seinem Wohnort Prenzlauer Berg beklagt und ihnen mangelnde Anpassungsbereitschaft zum Vorwurf gemacht.[26] Laut einem Interview ärgerte er sich, dass Brötchen im Prenzlauer Berg nunmehr Weckle statt Schrippe genannt würden sowie der Pflaumenkuchen zum -datschi werde: „In Berlin sagt man Schrippen – daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen“.[27] Eigentlich habe Thierse mit seinen Äußerungen nur einen Beitrag für die Berliner Lokalpresse liefern wollen.[12] Doch seine Vorwürfe gegen Schwaben in Berlin führten zu einer bundesweiten Debatte. Der Journalist Peter Hahne warf Thierse Heuchelei vor: Das Argumentationsmuster, dessen er sich bediene, sei das der Ausländerfeindlichkeit, die er selbst so vehement bekämpfe.[28] Der ehemalige Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) kritisierte, ohne die Schwaben wäre die Lebensqualität in Berlin nur schwer möglich, denn sie zahlten ja jedes Jahr viel Geld über den Länderfinanzausgleich. Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) gab zu bedenken, dass viele Schwaben zum Arbeiten in die Hauptstadt kommen und man ihnen dankbar sein sollte.[29] Der Journalist Reinhard Mohr kritisierte, Thierse, der „gegen die Überfremdung der Urberliner Ackerkrume, wo alle zehn Meter die Hundescheiße dampft wie Currywurst“ kämpfe, sei selbst in Breslau geboren und in Thüringen aufgewachsen.[30]

Nach 3000 zum Teil von Hass erfüllten Protestmails hieß Thierse die Schwaben in Berlin willkommen.[31][32] Als erster Nichtschwabe erhielt er so die „Goldene Narrenschelle“ der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), die er mit Humor und als „Zeichen der preußisch-schwäbischen Versöhnung“ annahm.[33]

„Schwabenhass“ historisch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Literatur ist Schwabenhass verschiedenen Gruppen in unterschiedlichen Zusammenhängen zugeschrieben worden. Dies gilt unter anderem bis heute in einem regional-partikularistischen Sinn für Baden.[34]

„Badener[35] sind vor allem dann Badener, wenn sie nördlich des Mains für Schwaben gehalten werden.“

Amadeus Siebenpunkt, Deutschland Deine Badener[36]

In der Zeit der national geprägten Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts entstand in der Schweiz[37] Schwabe, später Gummihals als Ethnophaulismus für alle Deutschen, ähnlich Szwab in Polen. Bei den Magyaren[38] als „Verachtung auf die Deutschen“[39] in der aufkommenden ungarischen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts bezogen sich ähnliche Vorurteile auf die Donauschwaben.

Humor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schauspielerin Bärbel Stolz wurde über ihren Youtube-Kanal „Die Prenzlschwäbin“ bekannt, indem sie das Klischee des Schwaben in Berlin parodiert.[40][41][42]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bov Bjerg: Großmaultaschenliebe – Ostberliner Schwabenhass. In: Moritz Kienast (Hrsg.): I hate Berlin. Unsere überschätzte Hauptstadt. Bastei Lübbe, Köln 2011, ISBN 978-3-431-03847-7, S. 161–168.
  • Thomas Bürk, Thomas Götz: Schwaben in Berlin: Metamorphosen einer kulturellen Figur und ihrer urbanen Topographien. In: Orte – Situationen – Atmosphären: kulturanalytische Skizzen. Hrsg. von Beate Binder u.a. Campus, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-593-39269-1, S. 307–320.
  • Hannelore Schlaffer: Philister, Spießer, Schwaben. In: Merkur 69,4 (April 2015), S. 87–95 (PDF; 144 KB) (Memento vom 2. April 2015 im Internet Archive).
  • Martina Schöller: Von Schwaben nach Berlin: eine empirische Untersuchung zur Bedeutung von Herkunft für Binnenmigrationen. Magisterarbeit Universität Tübingen, Tübingen 2004.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Berlin: Polizei ermittelt wegen Anti-Schwaben-Schmiererei, Spiegel-Online vom 4. Mai 2013
  2. Nächster Akt im Schwaben-Streit - Sträßlemacher gegen Spätzlekrieg, n-tv.de, abgerufen am 23. Februar 2013
  3. Neue Runde im Schwaben-Streit - Die Strässlemacher aus Prenzlauer Berg, Tagesspiegel vom 8. Februar 2013.
  4. Hauptstadt: Gässle und Sträßle im Prenzlauer Berg, Focus Online vom 10. Februar 2013
  5. "Preußisch-schwäbische Versöhnung" - Narrenschelle für den "Schwaben-Goscher", rbb vom 23. Januar 2013
  6. Spätzlestreit geht in eine weitere Runde - Krone für Käthe Kollwitz, Tagesspiegel vom 21. Januar 2013.
  7. Berliner Kollwitz-Verein plant Protestbrief im "Spätzle-Streit", Deutschlandradio vom 21. Januar 2013
  8. Kollwitz-Denkmal: Berliner Spätzle-Streit geht weiter, Berliner Zeitung vom 24. Februar 2012
  9. Moritz Honert: Schwabenhass im Szenekiez. In: Der Tagesspiegel vom 20. Dezember 2011.
  10. a b Anna Loll: Schwabenhass in Berlin. Die Super-Wessis und Proto-Yuppies. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. April 2009.
  11. Nächste Runde im Schwaben-Streit, Die Zeit, 1. Januar 2013
  12. a b Gregor Mayntz: Woher kommt der Schwaben-Hass in Berlin?, Rheinische Post, 4. Januar 2013
  13. Tanja Buntrock, Nana Heymann: Angezündete Kinderwagen in Prenzlauer Berg. Täter nennt „Schwabenhass“ als Motiv. In: Der Tagesspiegel vom 22. August 2011.
  14. Marc Hippler: Schwaben-Hass im Netz. „Schwaben raus!“. In: Stuttgarter Zeitung, 24. August 2011.
  15. Birgit Loff: Brandanschläge „aus Schwabenhass“. In: Stuttgarter Zeitung vom 24. August 2011.
  16. Stephanie Beisch: Berlin will Schwabenhass mit Festival bändigen (Memento vom 31. August 2012 im Internet Archive), Financial Times, 21. August 2012
  17. Tanja Dückers: Berlins neue Hasskultur, Süddeutsche Zeitung, 17. Januar 2012
  18. Schwaben-Hasser beschmieren Häuserwände, Frankfurter Rundschau vom 5. Mai 2013
  19. Moritz Honert: Schwabenhass im Szenekiez S.3, In: Der Tagesspiegel vom 20. Dezember 2011.
  20. Teig-Aktivisten wollen Berliner zermürben, Berliner Zeitung vom 21. Januar 2013.
  21. Gegen-Protest: Krone für Käthe Kollwitz B.Z. vom 20. Januar 2013
  22. Swabian Separatists Fling Spätzle to Make Their Point, The New York Times vom 17. Januar 2013
  23. Die Strässlemacher aus Prenzlauer Berg, Tagesspiegel vom 8. Februar 2013.
  24. "Kollwitzsträßle" - Künstlergruppe schwäbelt Straßennamen ein, Berliner Morgenpost vom 10. Februar 2012.
  25. Kollwitz-Verein nennt Spätzle-Attacke geschmacklos, rbb vom 21. Januar 2013.
  26. Wolfgang Thierse wettert gegen Schwaben in Berlin, Berliner Morgenpost, 30. Dezember 2012
  27. Thierse schunkelt den Schwaben-Streit beiseite, dpa in Stuttgarter Zeitung vom 23. Januar 2013
  28. Wolfgang Thierses Schwaben-Schelte ist die reine Heuchelei
  29. Torsten Holtz: FDP-Minister Niebel nennt Thierse "Zickenbart", Die Welt, 1. Januar 2013
  30. Und ewig grüßt der deutsche Spießer, Cicero 3. Januar 2013
  31. Thierse macht Schwaben ein Friedensangebot, Augsburger Allgemeine, 14. Januar
  32. "Spießer, Rassist, Nazi": 3.000 Hass-Mails an Wolfgang Thierse, Augsburger Allgemeine, 13. Januar
  33. Thierse erhält Narrenschelle der Schwaben, Tagesspiegel vom 23. Januar 2013.
  34. Waltraud Linder-Beroud: Wie badisch ist das Badnerlied? Zur Geschichte der Landeshymnen in Baden und Württemberg. In: Eckhard John (Hrsg.): Volkslied – Hymne – politisches Lied. Populäre Lieder in Baden-Württemberg. Volksliedstudien, Bd. 3. Waxmann, Münster 2003, ISBN 3-8309-1351-6, S. 54–95, hier S. 89.
  35. Die Bezeichnung der Badener als „Badenser“ wird, obwohl sie gemäß Duden als korrekt gilt, heutzutage als abwertend empfunden.
  36. Amadeus Siebenpunkt, Deutschland Deine Badener, Verlag Regionalkultur, 1997, ISBN 3-89735-355-5.
  37. Johannes Bumüller: Die Weltgeschichte. Ein Lehrbuch für Mittelschulen und zum Selbstunterricht. Dritter Teil: Die neue Zeit. 6., verbesserte Auflage, Herder, Freiburg 1867, S. 36; Friedrich Wilhelm Barthold: Deutschland und die Hugenotten. Geschichte des Einflusses der Deutschen auf Frankreichs kirchliche und bürgerliche Verhältnisse … 1531–1598. Bd. 1, Schlodtmann, Bremen 1848, S. 31; Dora Rudolf: Konrad Meyer und sein Freundeskreis. Ein Zürcher Literaturbild aus dem 19. Jahrhundert. Juchli & Beck, Zürich 1909, S. 43 (Suche: „Schwabenhass“).
  38. Anonym: Die magyarische Revolution. Kurzgefaßte Schilderung der jüngsten Zeitereignisse in Ungarn und Siebenbürgen. Heckenast, Pest 1849, S. 197.
  39. Politische Miscellen vom Verfasser der „sibyllinischen Bücher aus Oesterreich“. Tendler, Wien 1848, S. 79.
  40. „Prenzlschwäbin“ im Gespräch, „Die Schwaben wollten kein Schwabylon“, faz.net vom 13. April 2015
  41. Mit Friedrich-Anthony zum Bikram-Yoga, Deutschlandradio Kultur vom 28. April 2015
  42. Wie diese Frau eine Million Videoklicks auf Facebook schafft, welt.de vom 27. März 2015