Schwanenwerder

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Bootshaus auf Schwanenwerder

Schwanenwerder ist eine Insel im Berliner Ortsteil Nikolassee des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Sie liegt in der Havel am Ausgang des Großen Wannsees und ist über eine Brücke mit dem Ufer verbunden. Westlich der Insel am gegenüberliegenden Havelufer liegt Kladow, südwestlich die Pfaueninsel.

Schwanenwerder ist fast komplett mit Villen und Einfamilienhäusern bebaut; ein Zugang zum Ufer ist für die Öffentlichkeit nicht möglich. Erschlossen ist die Insel durch die Inselstraße, die weitgehend ovalförmig verläuft. Schwanenwerder ist ein gefragtes Wohngebiet. Unter anderem wohnten hier Alexander Parvus, Joseph Goebbels, Ernst Udet, Theo Morell und Axel Springer.

Geschichte[Bearbeiten]

Gründung[Bearbeiten]

Moderne Villa auf Schwanenwerder
Tuileriensäule auf Schwanenwerder

Die rund 250.000 m² große Insel wurde 1704 als Der Sandtwerder erstmals erwähnt.[1] Danach hieß sie Sandwerder,[2] nach anderer Quelle auch Cladower Sandwerder.[3] Sie war ursprünglich eine sandige, weitgehend kahle, mit wenigen Bäumen und Gebüsch bewachsene Fläche.[2] An ihren alten Namen erinnert seit 1933 die am Ostufer des Wannsees liegende Straße Am Sandwerder.

Im Jahr 1882 erwarb der Lampenfabrikant Wilhelm Wessel, der durch die Erfindung des Petroleum-Rundbrenners zu Vermögen gekommen war[2], die Insel für 9.000 Mark vom Kladower Gutsbesitzer Kässel,[1] nach anderer Quelle für 27.000 Mark vom Rittergutsbesitzer Hugo von Platen zu Sophienwalde.[3] Er ließ eine Brücke und eine schlingenförmig angelegte Erschließungsstraße errichten. Die Insel wurde parzelliert. Die Parzellen wurden zum Kauf angeboten, wobei zu jedem am Wasser gelegenen Villengrundstück jeweils ein durch die Inselstraße abgetrenntes Innengrundstück für Wirtschaftsgebäude und Nutzgärten gehörte.[2]

Das erste Gebäude auf der Insel war die Villa Schwanenhof im Inselinneren, die die Familie Wessel selbst bewohnte. Warum Wessel für sein eigenes Haus das Inselinnere bevorzugte, ist nicht bekannt.[1] Das Gebäude ist bis heute erhalten geblieben.[2]

Kaiser Wilhelm II. genehmigte 1901 offiziell den klangvolleren Namen Schwanenwerder, den sich Wessel lange gewünscht hatte. Um die Wende zum 20. Jahrhundert waren erst drei Villen entstanden, doch in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Insel zu einem Refugium für Wohlhabende mit prachtvollen Landsitzen. Hier wohnten beispielsweise die Warenhausbesitzer Berthold Israel und Rudolph Karstadt, die Bankdirektoren Oscar Schlitter, Goldschmidt, Adolph Salomonsohn und Georg Solmssen, der Generaldirektor der Schultheiss-Patzenhofer Brauerei Walter Sobernheim und der Inhaber der Schokoladenfabrik Trumpf, Richard Monheim.[2]

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

In der Zeit des Nationalsozialismus kam es zu Zwangsverkäufen und -versteigerungen des Eigentums der jüdischen Besitzer zugunsten der nationalsozialistischen Prominenz. Der bekannteste Inselbewohner jener Zeit war der Propagandaminister Joseph Goebbels. Er kaufte 1935 das Grundstück Inselstraße 8–10 des Bankdirektors Oscar Schlitter weit unter Wert. Drei Jahre später brachte er auch das Nachbargrundstück, das dem emigrierten Bankier Samuel Goldschmidt gehört hatte, für einen Spottpreis in seinen Besitz. Goebbels ließ sich sein Anwesen pompös ausbauen und veranstaltete rauschende Feste.[2] 1942 plante der Widerstandskämpfer Hansheinrich Kummerow ein Sprengstoffattentat auf ihn unmittelbar an der Inselbrücke, das allerdings frühzeitig vereitelt wurde.[4]

Hitlers Leibarzt Theo Morell kam 1939 durch „Arisierung“ in den Besitz von Villa und Grundstück des Bankiers Georg Solmssen. Das Nachbargrundstück Inselstraße 20–22 wurde 1939 von der Reichskanzlei erworben und soll für Hitler persönlich reserviert gewesen sein. 1939 musste die Baronin Goldschmidt-Rothschild ihr Grundstück in der Inselstraße 7 für lediglich 150.000 Mark an Albert Speer abtreten (inflationsbereinigt in heutiger Währung: rund 598.000 Euro).[2]

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Im Zweiten Weltkrieg blieb die Insel von Zerstörungen weitgehend verschont, doch wurde das Areal nach Kriegsende jahrelang vernachlässigt. Ab Ende der 1940er Jahre wurden Häuser und Grundbesitz in sogenannten „Wiedergutmachungsverfahren“ an die rechtmäßigen Besitzer oder ihre Erben zurückgegeben. Diese trennten sich meist durch Verkauf an das Land Berlin von ihren Grundstücken. Rund 40 Prozent der Insel befanden sich seitdem im Besitz des Landes. In den 1950er bis 1970er Jahren wurden viele Villen abgerissen und Neubaupläne genehmigt. Heute erinnert kaum noch etwas an den einst mit noblen Villen durchsetzten Landschaftspark.[2]

Auf der Insel befinden sich heute ein Jugendfreizeitheim, eine Kindererholungsstätte und ein Gruppenzeltplatz. Bis 2010 befand sich dort ebenfalls die Wache 3 der Berliner Wasserschutzpolizei.[5] Des Weiteren findet sich ein Überrest des zerstörten Palais des Tuileries, der 1882 in Paris gekauft und hierher gebracht wurde. Ein Bunker, der zum Schutz von Goebbels nahe dessen Haus angelegt worden war, kann auf Anfrage besichtigt werden. Auf dem Grundstück der abgerissenen Goebbelsschen Villa befindet sich heute das Aspen-Institut, das sich um die Vermittlung US-amerikanischer Politikinhalte im Ausland bemüht.

Der Bau einer modernen und großflächig gestalteten Villa sorgte bei den Anwohnern für kontroverse Diskussionen,[6] da diese direkt und wasserseitig einsehbar am Ufer liegt.

Im Jahr 2010 wurden auf der Insel einige über 10.000 m² große unbebaute Seegrundstücke versteigert.[7] Der Liegenschaftsfonds versteigerte ebenfalls ein 2.300 m² großes Grundstück, auf dem einst Joseph Goebbels seinen Fuhrpark hatte.[8]

Als Schwanenwerder-Chronist und Kenner der Insel gilt der ehemalige Berliner Polizeipräsident Georg Schertz.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schwanenwerder – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Horst Kammrad: Spaziergänge in Zehlendorf. Verlag Haude & Spener, 1996
  2. a b c d e f g h i Die Insel Schwanenwerder. Internetauftritt des Hauses der Wannsee-Konferenz
  3. a b Säule des Tuilerienschlosses steht auf Schwanenwerder. In: Der Tagesspiegel
  4. Brad Pitt: Pack die Badehose ein. In: Gala, 25. Juli 2007.
  5. Goebbels Schwanenwerder. In: zeit.de vom 11. Mai 2010
  6. Geheimnisvolle Mega Villa spaltet Schwanenwerder. In: Berliner Morgenpost, 21. Juni 2009
  7.  Katrin Lange: Geheimnisvolle Mega-Villa spaltet Schwanenwerder. 21. Juni 2009
  8.  Thomas Loy: Goebbels Garage im Angebot. In: Der Tagesspiegel. 11. Mai 2010

52.44834611111113.169131111111Koordinaten: 52° 26′ 54″ N, 13° 10′ 9″ O