Schweinemord

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der sogenannte Schweinemord (auch: „Professorenschlachtung“) war eine staatlich angeordnete Massenschlachtung von Schweinen im Deutschen Reich während des Ersten Weltkriegs.[1]

Die Schlachtungen[Bearbeiten]

Vor dem Ersten Weltkrieg war im Deutschen Reich eine 95-prozentige Selbstversorgung mit Fleisch möglich. Der größte Anteil des Viehs bestand aus Schweinen, für deren Fütterung man allerdings auf importierte Gerste aus Russland angewiesen war. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurden die Importe umgehend eingestellt, sodass sich nicht nur bei der Fütterung der Schweine eine Knappheit ergab, sondern auch die Brotversorgung der Bevölkerung gefährdet war.

Das Kaiserliche Statistische Amt zählte Anfang 1915 den Bestand an Getreide und Futterkartoffeln. Die Statistik zeigte, dass für die rund 25 Millionen deutschen Schweine nicht genügend Futtervorräte vorhanden waren.

Die Qualität dieser Statistik wird in der Literatur in Frage gestellt. Aus Angst vor Beschlagnahmungen oder um höhere Preise zu erzielen, wurden die tatsächlichen Futtervorräte von den Bauern vielfach niedriger angegeben, als sie wirklich waren. Da man mit Fleisch höhere Gewinne machen konnte, wurden die verheimlichten Kartoffeln an die Schweine verfüttert. Die Futterkartoffelerhebung Ende 1914 unterschätzte daher den tatsächlichen Vorrat.

Da man die zur Schweinemast benötigten Kartoffel- und Getreidebestände alternativ auch direkt zur Versorgung der Bevölkerung einsetzen konnte, wurde die Schlachtung von fünf Millionen Schweinen angeordnet.

Eine Bekanntmachung des Bundesrates verpflichtete alle Gemeinden mit mehr als 5.000 Einwohnern, einen Vorrat an Fleischdauerwaren anzulegen.

Die Folgen[Bearbeiten]

Über fünf Millionen Schweine wurden im ersten Quartal 1915 geschlachtet. Eine Überschwemmung des Marktes mit Fleischdauerwaren und ein erheblicher Preisverfall waren die unmittelbaren Folgen. Man sah sich zur Konservierung gezwungen, doch da wegen kriegsbedingten Metallmangels für Konservendosen minderwertiges Material verwendet werden musste, verdarb ein Großteil des konservierten Fleischs. Allerdings stiegen die Preise für Schweinefleisch in der zweiten Jahreshälfte 1915 aufgrund eines hohen Mangels an Schlachtvieh rasant an. Ende 1915 wurde deshalb ein Höchstpreis für Schweinefleisch festgesetzt, der letztlich aber nur dazu führte, dass sich ein Schwarzmarkt für Schweinefleisch entwickelte und Schweinefleisch auf dem Markt noch knapper wurde.

Nachfolgend "Viehbestand nach der Zählung vom 1. Dezember 1916"[2]:

Jahr Pferde Rinder Schafe Schweine Ziegen Federvieh
1916 3.304.168 20.873.629 4.979.128 17.002.401 3.940.147 65.177.874
1915 3.341.624 20.316.948 5.073.478 17.287.211 3.438.296 nicht bekannt
1914 3.435.283 21.828.783 5.471.468 25.341.272 3.538.414 nicht bekannt
1913 nicht bekannt 20.994.344 5.520.837 25.659.140 3.548.384 nicht bekannt

Hinweis: In den Pferdebestandszahlen sind die Militärpferde nicht enthalten. Es handelt sich also ausschließlich um Pferde im Privatbesitz; im Regelfall Zugpferde der Landwirtschaft.

Die Tötung von Millionen von Schweinen wurde vielfach als Fehler der Planwirtschaft und der Statistik betrachtet und daher auch als „Professorenschlachtung“ bezeichnet, da die Professoren die Schlachtungen ausschließlich aufgrund ihrer theoretischen Modelle als notwendig erachtet hätten.

Je mehr sich die Nahrungsmittelknappheit verschärfte, um so stürmischer verlangte ein großer Teil der Presse die Abschlachtung aller Schweinebestände. "Das Schwein ist der 9. Feind Deutschlands” war ein Schlagwort weiter Kreise. Selbst die angesehensten Rittergutsbesitzer des Landes suchten mich auf und warnten vor der großen Verantwortung, die ich auf mich nähme, wenn ich die Abschlachtung ablehne. Ich frug beim Hauptquartier an, wie lange der Krieg noch dauern werde. Die Antwort lautete: Mit 6 Monaten sei noch zu rechnen. Da die Schweine etwa im Alter von 8 Monaten fortpflanzungsfähig werden, so war eine schnelle Erneuerung des Bestande nach dem Kriege möglich. So wurde die Abschlachtung beschlossen und durchgeführt. Der Krieg dauerte aber noch Jahre lang; und so trat der empfindliche Fettmangel ein. Nun rief die gesamte Presse - auch diejenige, die täglich die Notwendigkeit der Abschlachtung gepredigt hatte: "Welcher Idiot hat denn die Schweine abschlachten lassen!”. Und alle die sachverständigen Ratgeber, die mich gedrängt hatten, verhielten sich mäuschenstill und waren nicht dabei gewesen! Walter Koch - Chef des Sächsischen Landeslebensmittelamtes

Weitere Begriffsverwendung[Bearbeiten]

In Erinnerung an die Schlachtungen 1915 wurden auch die Schweine-Notschlachtungen der Jahre 1951 und 1952 in der DDR als Schweinemord bezeichnet. Der Fünfjahresplan sah für beide Jahre eine deutliche Erhöhung der Schweinezahlen vor. Entsprechend wurden die Schweinebestände jeweils massiv erhöht. Nachdem aber die Futtermittelernte zu gering für die Schweinemast war, wurden die meisten Tiere zu Weihnachten 1951 und 1952 vor Schlachtreife geschlachtet.[3]

„Der Schweinemord“ ist der Titel eines Buches von Walther Darré aus dem Jahr 1937.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Reinhard Güll: Der „Schweinemord“ oder die „Professorenschlachtung“; in: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 6/2004, Seite 55, Online (PDF; 167 kB)
  • Dieter Baudis, „Vom Schweinemord zum Kohlrübenwinter“. Streiflichter zur Entwicklung der Lebensverhältnisse in Berlin im Ersten Weltkrieg (August 1914 bis Frühjahr 1917), in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte (1986), S. 129-152.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Roger Chickering: Das Deutsche Reich und der Erste Weltkrieg, Verlag C.H. Beck , ISBN 3406475922, S. 57
  2. Schweinemord beim Statistischen Landesamt Baden-Württemberg
  3. "Schweinemord"; in: Spiegel 3/1953 vom 14. Januar 1953, Online