Schweizerischer Turnverband

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Schweizerischer Turnverband
Logo des STV
Gründungsdatum/-jahr 1832
Gründungsort Aarau
Präsident Erwin Grossenbacher
Vereine (ca.) 4'000
Mitglieder (ca.) ca. 410'000
Homepage www.stv-fsg.ch

Der Schweizerische Turnverband (STV) ist der Dachverband der Kantonal-/Regionalverbände und Turnvereine. Sein Sitz befindet sich in Aarau. Zudem ist er Mitglied von Swiss Olympic Association.

Der STV fördert den Spitzensport (Kunstturnen, Rhythmische Sportgymnastik und Trampolin) ebenso wie den Breitensport (Jugendsport, Vereinsturnen, Aerobic, Gymnastik, Gerätturnen, Leichtathletik, Spiele, Nationalturnen und Turnen 35+).

Der STV gliedert sich in 31 Kantonal-/Regionalverbände.

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Französisch: Fédération suisse de gymnastique (FSG)
  • Italienisch: Federazione svizzera di ginnastica (FSG)
  • Rätoromanisch: Federaziun svizra da gimnastica (FSG)
  • Englisch: Swiss Gymnastics Association (SGA)

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Anfang des 19. Jahrhunderts aus national-völkischen Motiven unter Friedrich Ludwig Jahn in Preussen entstandene Turnen fand seinen Weg auch in die Schweiz. Insbesondere von Studenten des Zofingervereins wurde das Turnen in ihren Verbindungen praktiziert. Durch die im Gebiet des deutschen Bundes erlassene Turnsperre von 1820 emigrierten etliche Turner in die Schweiz, wo sie an Mittelschulen eine Anstellung fanden (Chur, Luzern, Solothurn, St. Gallen, Hofwil, Genf) und so das Turnwesen verbreiteten (siehe Demagogenverfolgung). Nach und nach entstanden aber auch nicht akademische Turnvereine, so dass die jährlichen Zusammenkünfte der „Zofinger“ nicht mehr ausreichten. Im Zuge der liberalen Julirevolution von 1830 in Frankreich schlossen sich die in der Schweiz bestehenden Turnvereine anlässlich des ersten Eidgenössischen Turnfestes von 1832 zum Eidgenössischen Turnverein (ETV) zusammen.

Zwar wurde in den ersten Statuten noch kein Vereinszweck festgehalten, doch waren die Turn- wie auch die Sänger- und Schützenvereine Orte politischer „Massenbewegungen“ (Gruner, 1977, S. 81f.). Der Kader der Freisinnig-Demokratischen Partei der Schweiz konnte hier seine liberal gesinnte Basis mobilisieren, die für die Gründung des Bundesstaates eintrat. Dies stand ganz im Widerspruch zur selbsterklärten politischen Neutralität. Dass dem bis zum Zweiten Weltkrieg nicht so war, beweisen unter anderem auch die Vereinigung der katholischen Turner ausserhalb des ETV im Schweizerischen Katholischen Turnverein (heute Sportunion) im Jahre 1918 und die Abspaltung der proletarischen Turner vom bürgerlich-nationalen ETV sowie ihre Vereinigung im Schweizerischen Arbeiter-Turn- und Sportverband (SATUS) im Jahre 1922. Auch der Vereinszweck in den 1907 gültigen Statuten lässt mit dem Hinweis auf die „nationale […] Erziehung der schweizerischen Jugend“ aus heutiger Sicht keine politisch neutrale Haltung erkennen (Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum, 1907, S. 2, Anhang).

Durch die in der Schweiz erfolgreiche Revolution im Jahre 1848 (siehe Sonderbundskrieg, Gründung des Schweizerischen Bundesstaates) obsiegten nicht nur die liberalen Grundwerte (siehe Europäische Revolutionen 1848/1849). Der ETV avancierte für den Staat durch sein turnerisches Know-how in Fragen der Leibeserziehung zu einem regelrechten „Kompetenzzentrum“. Zur Umsetzung des obligatorischen Turnunterrichtes für Knaben an den Volksschulen als Wehrvorbereitung im Jahre 1874 rief der Bundesrat mit der Eidgenössischen Turnkommission (ETK) ein persönliches Beratungsorgan ins Leben, in der hauptsächlich Vertreter des Turnvereins (z.B. der Schweizer Turnvater Johann Niggeler) und Turnlehrer Einsitz nahmen. Zudem bestand nicht nur zwischen dem ETV und der Turnkommission eine enge personelle Verflechtung, sondern auch zwischen dem ETV und dem Schweizerischen Turnlehrerverband (STLV, heute Schweizerischer Verband für Sport in der Schule). Daraus resultierte, dass sich die Turner in ihrem Selbstverständnis als eine wesentliche „Staatsstütze“ verstanden (Kern, 2009, S. 32; vgl. Leimgruber, 1993, S. 100).

Das Turnerheim in Aarau, Hauptsitz des STV

Die Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmende Popularität der sportlichen Wettkampfidee stellte den ETV vor grosse Probleme. Zum einen stand sie konträr zur nationalen Ideologie der Turner und zum anderen vermochte gerade der Sport die Jugend für sich zu gewinnen (siehe Geschichte des Sports). So sagte der ETV im Jahre 1920 noch unter Protest der welschen Turner eine Teilnahme an den Olympischen Spielen ab, wo er sich hingegen vier Jahre später dem Popularitätsverdikt beugen musste und eine Mannschaft nach Paris schickte. Aus den gleichen Motiven fand der Beitritt zum Internationalen Turnerbund (Fédération Internationale de Gymnastique) ebenfalls erst nach langjähriger Ablehnung im Jahre 1921 statt. Der Konkurrenzdruck des Sportes veranlasste den ETV zugleich auch sein Turnprogramm zu erweitern (die Leichtathletik, kleine und grosse Spiele wie „Ball-über-die-Schnur“ und Handball wurden in den 1910er und 1920er Jahren eingeführt), weshalb es in den 1920er Jahren innerhalb des Vereins zu einem Streit zwischen den Geräteturner, die sich von den Veränderungen bedroht fühlten, und den Leichtathleten kam. Infolge dieses Streites kam es zur Gründung von zwei Unterverbänden: der Eidgenössischen Kunstturnverband und der Eidgenössischen Leichtathletikverband (ELAV, wurde 1971 zugunsten des Schweizerischen Leichtathletikverbandes aufgelöst), der in Konkurrenz stand zur Leichtathletikabteilung des Schweizerischen Fussball- und Athletik-Verbandes (heute Schweizerischer Fussballverband). Zudem musste sich das Turnen gegenüber den Frauen öffnen, weshalb der Schweizerische Frauenturnverband 1908 als Unterverband ins Leben gerufen wurde. Dieser Schritt ist auch als eine Reaktion auf die Emanzipation der Frauen zu bewerten, da durch die Protegierung des Frauenturnens nicht nur das Turnprogramm aus physiologischen und somit gesundheitlichen Gründen dem „defizitären“ weiblichen Körperbau angepasst werden musste (siehe Eugenik), sondern insbesondere der turnerischen Gleichstellung Einhalt geboten werden konnte (es bestand offiziell bis in die 1970er Jahre ein Wettkampfverbot für die Turnerinnen).

Die Popularität des Sportes führte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Gründung etlicher Sportvereine, zur Erweiterung der Eidgenössischen Turnkommission zur Turn- und Sportkommission und zur Aufnahme von Sportspielen (insbesondere des Fussballspiels) in den schulischen Lehrplan. Mit dieser Entwicklung büsste der ETV seine einstige „Monopolstellung in der Erziehung durch Leibesübungen“ ein (Kern, 2009, S. 46). Durch die zunehmenden Militarisierung in den 1930er und in der ersten Hälfte der 1940er Jahre konnte der ETV seine Stellung in der Gesellschaft zwar kurzfristig wieder etwas ausbauen, doch änderte dies nichts an der langfristigen Entwicklung (es bestand die Hoffnung, dass es zu einem obligatorischen militärischen Vorunterricht gekommen wäre, der dann insbesondere der ETV ausgeführt hätte – 1942 wurde diese Idee vom Schweizer Volk in einer Referendumsabstimmung jedoch verworfen).

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Turnen „versportet“. Turnen, respektive das Gerätturnen, wurde vermehrt als eine Sportart unter vielen betrachtet. Diese Entwicklung bot aber auch neue Chancen, die der Verein zu nutzen wusste. Durch den Abbau der Spannungen zum Sportwesen konnte er sich entkrampft dem Spitzen- und dem Breitensport zuwenden. Dies war auf Grund der gesellschaftlichen Veränderungen in der Nach-Kriegs-Ära auch notwendig. Denn die „Konsumgesellschaft“ führte sowohl zur Kommerzialisierung und Professionalisierung des Sportes, sowie auch zur Entstehung von immer mehr Freizeitangeboten, gegen diese sich der ETV zu behaupten hatte. Gerade dieser Konkurrenzkampf im Freizeitmarkt liess die Turner innovativ werden. So gehören heute Aerobic und der Gesundheitssport ebenso zum „Turnprogramm“ wie das Gerätturnen und die Leichtathletik. Im Zuge dieser Entwicklung scheint es nur konsequent zu sein, dass im Jahre 1985 der ETV und der Frauenturnverband zum Schweizerischen Turnverband (STV) fusionierten und dadurch die Turnerinnen zu gleichwertigen Partnerinnen aufstiegen. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sich der Turnverein, respektive der Turnverband, als polysportive Breitensportorganisation seinen festen Platz in der Schweizer Sportlandschaft sichern und im Jahre 2007 seinen 175. Geburtstag feiern.

Bekannte Turnerinnen der Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannte aktive Turner der Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eidgenössisches Turnfest[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Eidgenössische Turnfest ist der grösste polysportive Sportanlass der Schweiz und findet alle 6 Jahre statt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bohus, Julius, Sportgeschichte. Gesellschaft und Sport von Mykene bis heute, München 1986.
  • Eichenberger, Lutz, Die Eidgenössische Sportkommission 1874-1997. Ein Beitrag zur Sportpolitik des Bundes, Thun 1998.
  • Eidgenössischer Turnverein (Hg.), Eidgenössischer Turnverein 1832-1932. Jubiläumsschrift herausgegeben anlässlich seines 100jährigen Bestehens. Eine Rückschau auf die Jahre 1907-1932, Zürich 1933.
  • Eidgenössischer Turnverein (Hg.), Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum des Eidgenössischen Turnvereins 1832-1907, Zürich 1907.
  • Gruner, Erich, Die Parteien in der Schweiz, Bern (2)1977.
  • Herzog, Eva, Frisch, frank, fröhlich, frau. Frauenturnen im Kanton Basel-Landschaft. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte des Breitensports, Liestal 1995.
  • Hotz, Arturo (Hg.), 125 Jahre im Dienste des Schulturnens 1858-1983, Stäfa 1983.
  • Hartmut Kaelble, Sozialgeschichte Europas. 1945 Bis zur Gegenwart, München 2007.
  • Kern, Stefan, Turnen für das Vaterland und die Gesundheit. Der Eidgenössische Turnverein und seine Ansichten vom Schulturnen, dem freiwilligen Vorunterricht und dem Vereinsturnen 1900-1930, Norderstedt 2009. ISBN 978-3-640-46240-7
  • Koller, Christian, „Der Sport als Selbstzweck ist eines der traurigsten Kapitel der bürgerlichen Sportgeschichte. Wandel und Konstanten im Selbstverständnis des schweizerischen Arbeitersports (1922-1940)“, in: Gilomen, Hans-Jörg (et al.), Freizeit und Vergnügen vom 14. bis zum 20. Jahrhundert, Zürich 2005, S. 287–301.
  • Krebs, Andreas, Wie der Sport in den Eidgenössischen Turnverein kam. Die Leichtathletik als Brücke zwischen Turnen und Sport 1920-1936. Unveröffentlichte Diplomarbeit zur Erlangung des Eidgenössischen Turn- und Sportlehrerdiploms II an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, Zürich 2003.
  • Lamprecht, Markus, Sport zwischen Kultur, Kult und Kommerz, Zürich 2002.
  • Leimgruber, Walter, „Frisch, fromm, fröhlich, frei: Die Eidgenössischen Turnfeste im 20. Jahrhundert“, in: Schader, Basil/Leimgruber, Walter (Hg.), Festgenossen. Über Wesen und Funktion eidgenössischer Verbandsfeste, Basel 1993, S. 11–104.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]