Schwellenland

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Ein Schwellenland, seltener: ein Land der Zweiten Welt, ist ein Staat, der traditionell noch zu den Entwicklungsländern gezählt wird, aber nicht mehr deren typische Merkmale aufweist. Deshalb wird ein solches Land begrifflich von den Entwicklungsländern getrennt.

Der englischsprachige Begriff Newly Industrializing Economies entstand in den 1970er Jahren und bezog sich ursprünglich auf die asiatischen Tigerstaaten. Gelegentlich wird ein solches Land auch als „take-off country“ bezeichnet, da es die typischen Strukturmerkmale eines Entwicklungslandes überwunden hat und im Begriff ist, sich von dieser Gruppe abzuheben.

Ein Schwellenland ist am Anfang oder im fortgeschrittenen Prozess der Industrialisierung, gemessen an wirtschaftlichen Entwicklungsindikatoren. In diesem Stadium ist ein Schwellenland durch einen weitgehenden Umbau der Wirtschaftsstrukturen gekennzeichnet, der von der Agrarwirtschaft zur Industrialisierung führt. Schwellenländer sind meist geprägt durch einen starken Gegensatz zwischen Arm und Reich. Unterschiede zwischen konservativen Kräften und Parteien, die eine Modernisierung erreichen wollen, führen oft zu Spannungen.

Obwohl im deutschen Sprachraum häufig die Begriffe „Industriestaat“ und „Schwellenland“ gebräuchlich sind, sind deren ökonomischen Strukturen längst über die Dominanz der Industrieproduktion zu den Dienstleistungssektoren übergegangen. Da dies auch für einige „Schwellenländer“ zutrifft, werden sie korrekterweise in der englischen Sprache als important industrialized and developing economies (wichtige industrialisierte und sich entwickelnde Volkswirtschaften) bezeichnet.

Die sozialen Entwicklungsindikatoren (Alphabetisierungsrate, Säuglingssterblichkeit, Lebenserwartung, Entwicklung einer Zivilgesellschaft) sowie der Schutz der Umwelt hinken den wirtschaftlichen Fortschritten oft hinterher.

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Schwellenland kann in der Regel folgende Erfolge aufweisen:

  • Es werden überdurchschnittliche Wachstumsraten erzielt, die auch die Wachstumsraten der OECD-Länder teilweise deutlich überschreiten.
  • Die Länder entwickeln die Breiten- und Tiefenstruktur der verarbeitenden Industrie bis zur Herstellung von Investitionsgütern und schaffen durch gezielte Investitionen in die materielle und soziale Infrastruktur, vor allem in Ausbildung von Humankapital, die Voraussetzung für Entwicklungssprünge.
  • Es herrscht eine vergleichbare Arbeitsproduktivität mit den OECD-Ländern bei deutlich niedrigerem Lohnniveau.
  • Sie nutzen Nischen des Weltmarktes und setzen auf den Export von Fertigwaren.
  • Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt über 699 US-Dollar pro Jahr.

Am Beispiel des Staates Singapur (der von Schwellenländern umgeben ist) kann man typische Eigenschaften von Schwellenländern verdeutlichen. Singapur zieht langfristige Großinvestitionen z.B. in Malls, Chemiefabriken oder Raffinerien an, weil es mehr als Geld, Land und Steuernachlässe zu bieten hat: Qualifizierte Arbeiter, politische Berechenbarkeit, Sicherheit, Schutz des geistigen Eigentums, wenig Korruption und eine hohe Lebensqualität.[1] All dies lässt in Schwellenländern zu wünschen übrig. Als eine Ursache für Spannungen und Probleme gilt ein starkes Bevölkerungswachstum.

Viele Währungen von Schwellenländern sind von einer hohen Inflation gekennzeichnet sowie von starken Kursschwankungen gegenüber den großen Weltwährungen.

Liste von Ländern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Länder nach Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf, 2006
OECD-Staaten, 2010
  • Gründerstaaten
  • Beitrittstaaten

Von verschiedenen Institutionen (zum Beispiel Weltbank, OECD, IWF, EG) wurden in den letzten Jahrzehnten Listen mit Schwellenländern erstellt. Eine verbindliche Liste der Schwellenländer gibt es nicht, ihre Zahl schwankt je nach Liste zwischen 10 und 30. Eine verbindliche Übersetzung in die englische Sprache gibt es ebenfalls nicht; es gibt mehrere englische Begriffe, die mit 'Schwellenland' übersetzt werden können (emerging nation, newly industrialising country, threshold country, emerging market).

Allgemeingültige, messbare und akzeptierte Normen fehlen. Die Weltbank kategorisiert 55 Länder als 'Schwellenländer' (Upper-middle-income economies[2]), darunter Südafrika, Mexiko, Brasilien, Malaysia, Ukraine, Russland und die Türkei. Der Internationale Währungsfonds (IWF) kategorisiert 150 Länder als 'Schwellenländer' (Emerging and developing economies[3]), darunter Südafrika, Mexiko, Brasilien, Pakistan, die Volksrepublik China, Indien, die Philippinen, Thailand, Malaysia, Äthiopien, Ungarn, Polen, Litauen, Ukraine, Russland und die Türkei.

Oft werden auch die BRICS-Staaten sowie die MIST-Staaten (wie die BRICS-Staaten ein von Jim O’Neill von Goldman Sachs geprägter Begriff für Mexiko, Indonesien, Südkorea und die Türkei)[4] zusammenfassend als Schwellenländer bezeichnet.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und die Europäische Union unternahmen gemeinsam den Versuch, auch soziale und politische Indikatoren zur Bestimmung von Schwellenländern durchzusetzen. Der Versuch wurde auf internationaler Ebene abgewiesen. Daraufhin zog das BMZ seine 30 Schwellenländer umfassende Liste, die unter anderem auch Ecuador und Nicaragua enthielt, wieder zurück.

Emerging Markets[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ökonomen und Investoren bezeichnen Schwellenländer als 'Emerging Markets'. Manchmal ist damit eine ganze Volkswirtschaft gemeint (oder sogar die Gesamtheit der Volkswirtschaften aller Schwellenländer); manchmal nur 'Land XY als Absatzmarkt'; manchmal die Aktienmärkte eines Landes; manchmal sind noch andere Teilbereiche der Volkswirtschaft gemeint. Merkmale der Emerging Markets sind jedoch die hohe Wachstumsdynamik aufgrund nachholender Industrialisierung und/oder hoher Rohstoffexporte, hohe Renditen und hohe Investitionen. Dieser Investitionsboom und die nachholende Industrialisierung der Emerging Markets dämpften in der Krise 2008–2010 die Folgen der Finanzkrise für die Realwirtschaft (vor allem für die Investitionsgüterindustrie) in den USA und Europa. 2014 zeichnete sich ab, dass diese Dynamik ihre Grenzen hat und vor allem China auf lange Sicht nicht mehr als „Lokomotive der Weltwirtschaft“ dient. Nach Abklingen des Booms rückt danach die zweite Reihe, die sog. „Frontier Markets“ ins Zentrum der Interesse der Investoren. Dazu zählen u.a. Vietnam, Bangladesh und viele afrikanische Staaten.[5]

Wachstumsmodelle und Staatseingriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der IWF empfiehlt den Schwellenländern, dass sich der Staat aus der Wirtschaft zurückziehen solle, um Platz für den privaten Sektor zu schaffen. Die Konkurrenz würde Unternehmen zu mehr Innovationen zwingen und so wettbewerbsfähiger machen. Joe Studwell kritisiert in seinem Buch How Asia Works[6] diese Politik. Staaten, die sich den Empfehlungen des IWF angeschlossen hätten wie die Philippinen, Thailand und Indonesien weisen heute wirtschaftliche Probleme auf, weil sie ihre Märkte viel zu früh liberalisiert und Subventionen gestrichen haben. China (1978), Taiwan und Südkorea hätten eine Bodenreform durchgeführt und den Boden aufgeteilt, obwohl der IWF Großfarmen für effektiver hielt, und dadurch Nahrungsmittelimporte reduziert, ferner strikte Finanzkontrollen eingeführt, Protektionismus betrieben, Subventionen für dynamisch Exportunternehmen gezahlt und so den heimischen Unternehmern Luft zum Atmen gegeben, bis die Industrien wettbewerbsfähig wurden. Allerdings waren diese Subventionen an die Erzielung von Exportüberschüssen gebunden. Die Tätigkeit der Staatsfonds in Malaysia kritisiert er; hier werde mehr Nation-Building betrieben als eine wettbewerbsfähige Industrie entwickelt. China wiederum habe seinen Binnenkonsum vernachlässigt.[7]

Wachstumkrise der Schwellenländer seit 2014[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2013 kam es im Anschluss an einen Rohstoff- und Exportboom in vielen Schwellenländern zu einem Wirtschaftsabschwung, der sich durch den Verfall des Ölpreises und anderer Rohstoffe 2014 vor allem in den Öl fördernden Schwellenländern beschleunigte und 2015 zu einer Wachstumskrise bis hin zur drohenden Rezession auswuchs. Für letztere Entwicklung war auch der krisenhafte Verlauf der Umstrukturierung der chinesischen Wirtschaft von der auf niedrigen Arbeitskosten basierenden Massenproduktion hin zu einer binnenmarktorientierten und wissensbasierten Ökonomie ausschlaggebend, deren Rohstoffbedarf sich stark reduzieren wird. Diese und andere Faktoren führten innerhalb von vier Quartalen zu einem Kapitalabzug im Umfang von ca. 300 Milliarden US-Dollar aus den Schwellenländern,[8] deren im Vergleich zu früheren Jahre bescheidene Wachstumsraten in Verbindung mit steigender Inflation auf internationale Investoren abschreckend wirken.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schwellenländer, vor allem die BRICS-Staaten, waren in relativ geringem Maß von der Finanzkrise 2008 betroffen. Vor, aber besonders nach der Finanzkrise 2008/09 flossen in Erwartung eines Globalisierungsbooms bzw. in der Hoffnung auf dessen Fortsetzung umfangreiche Investitionen aus dem Dollar- und Euroraum in die Schwellenländer und in die extraktive Wirtschaft dieser Staaten (Ölförderung, Bergbau, Cash Crops). Zunächst wurden die BRICS-Staaten seit ca. 2001, später auch die MIST-Länder (Mexiko, Indonesien, Südkorea, Türkei) sowie Kasachstan, Malaysia, Thailand und andere zu Zielen teils spekulativer Kapitalanlagen, die sich vom vermuteten weiteren Anstieg der Rohstoffpreise, von der Perspektive einer dynamischen Globalisierung der Weltwirtschaft und einer forciert nachholenden Industrialisierung der Schwellenländer leiten ließen.

Diese forcierte Industrialisierung führte dazu, dass in den Schwellenländern anders als in den Industriestaaten, wo der Energieverbrauch nur langsam anstieg, besonders energieintensiv produziert wurde. So sind China, Russland und Südafrika die drei energieintensivsten Produktionsstandorte der Welt. Das verstärkte die Energienachfrage und trug mit zum Anstieg des Ölpreises bei.

Zahlreiche Investmentfonds fokussierten ihre Anlagen auf die Schwellenländer bzw. auf die dort geförderten oder produzierten Rohstoffe wie Öl, Gold, Kupfer, Nickel, Kohle, Palmöl, Kautschuk, Soja, Kaffee usw.

Nach der Finanzkrise verstärkte sich der Kapitalzufluss in die Schwellenländer wegen der Niedrig- bzw. Nullzinspolitik in den USA und Europa. Insgesamt flossen durch den Rohstoff- und Industrialisierungsboom von 2000 bis 2012 ca. 5 Billionen US-Dollar dorthin. Die deutschen Kapitalexporte verdreifachten sich zwischen 1999 und 2012; der Anteil der Schwellen- und Entwicklungsländer stieg dabei besonders stark an. Auch viele Unternehmen in diesen Ländern nutzten Dollar- und Eurokredite sowie Kredite in Schweizer Franken, um ihre Kapazitäten auszubauen. Vor allem aber internationale Bergbaukonzerne verschuldeten sich hoch, um sich den Zugriff auf Rohstoffreserven zu sichern. Ebenso stiegen die Staatsverschuldung der Schwellenländer sowie (besonders in Malaysia und Thailand) der Verschuldungsgrad privater Haushalte. Indien setzte hingegen auf die staatliche Förderung des privaten Konsums, was ein hohes Leistungsbilanzdefizit zur Folge hatte.

Die Verschuldung Asiens ohne Japan (Staats-, Unternehmens- und private Schulden) erreichte 2014 insgesamt 205 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Vergleich zu 144 Prozent im Jahr 2007 und stieg damit wesentlich stärker als die Europas und der USA. Abgesehen von Japan waren damit 2014 außer Japan fünf asiatische Nationen mit mehr als dem Doppelten des Bruttoinlandprodukts verschuldet, nämlich China, Hongkong, Singapur, Südkorea und Thailand.[9]

Der kreditfinanzierte Investitionsboom in vielen Schwellenländern mit teils gigantischen Infrastruktur- und privaten Immobilienprojekten zog einen Abbau der Arbeitslosigkeit und einen deutlichen Anstieg des Wohlstands vieler privater Haushalte nach sich. So stieg der Anteil der BRIC-Staaten am kaufkraftbereinigten globalen Bruttoinlandprodukt bis 2015 auf ca. 27 Prozent und verdoppelte sich damit innerhalb von knapp 15 Jahren. Gleichzeitig stiegen 2010 bis 2013 die Importquoten der USA und Europas im Zuge der Erholung des Welthandels kräftig an. Im Gegenzug versechsfachten sich Deutschlands Exporte in die BRIC-Staaten im Zeitraum von 1999 bis 2011, wovon vor allem Autoindustrie, Maschinenbau, chemische und Elektroindustrie profitierten. Dabei handelt es sich zum großen Teil um Produkte, die zur Produktivitätssteigerung in den Schwellenländern beitrugen und deren Handelsbilanzüberschüsse erhöhten.

Der Rohstoffboom ergriff auch Industrieländer wie Australien und Kanada und befeuerte dort das Wirtschaftswachstum, führte aber dazu, dass der relative Anteil von verarbeitender Industrie und Dienstleistungen an der Bruttowertschöpfung dieser Staaten zurückging und sie sich wieder den faktorbasierten Ökonomien annäherten, deren Wachstum vor allem auf extraktiven Industrien basiert. Auch konnte das Handelsbilanzdefizit der USA und vieler EU-Staaten im Verhältnis zu China mit billigem Zentralbankgeld finanziert werden, wodurch für diese Staaten der Anreiz, eine wettbewerbsfähige Industrie zu erhalten, verringert wurde.

Lokale Risikofaktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon 2012 wurde vielfach von einer „überoptimistischen Globalisierungseuphorie“ gesprochen.[10] Auch wurden negative Wirkungen des Ressourcenfluchs deutlich, der auf der starken Abhängigkeit des Geschäftsmodells vieler Länder von Rohstoffexporten lag. Erzielte z. B. Brasilien 2011 noch einen Rekordaußenhandelsüberschuss von fast 30 Milliarden durch den Export von Rohstoffen wie Eisenerz, Sojabohnen, Zucker und Rohöl, so schrumpfte dieser im Jahr 2013 auf knapp 2,6 Milliarden Dollar.[11] Die andauernden Kapitalzuflüsse gründeten sich immer weniger auf realistische Wachstumserwartungen; vielmehr basierten die Wachstumserwartungen für die Schwellenländer umgekehrt auf der spekulativen Erwartung weiterer Kapitalzuflüsse angesichts vermutlich langfristig niedriger Zinsen in den USA und Europa. Zudem gab es in den letzten Jahren wenig attraktiven Anlagealternativen. Dabei gerieten immer mehr Schwellenländer aus der zweiten Reihe ins Visier spekulativer Investoren.[12] In den Fokus der Finanzinvestoren rückten damit auch die sogenannten „künftigen Schwellenländer“ wie Angola.

Der starke Zufluss von Kapital aus dem Ausland begünstigte die Korruption in Staaten mit wesentlicher staatlicher Beteiligung an der Wirtschaft wie Malaysia, Indonesien oder Brasilien (im Fall Petrobras), verzögerte die Schließung oder Sanierung unrentabler und überschuldeter Staatsbetriebe in vielen Ländern wie in Vietnam[13], förderte aber gleichzeitig die Ausbreitung der Schattenwirtschaft.

Hinzu kamen die wegen der in manchen Ländern teils fünfzehn Jahre anhaltenden Prosperitätsphase unterlassenen Strukturreformen (z.B. Bürokratieabbau, Reform der Landwirtschaft, Ausbau der Infrastruktur), die die Effektivität der Investitionen und die Steigerung der Arbeitsproduktivität behinderten.

So erlebte Indonesien von 1999 bis 2014 eine weitgehend ungestörte Boomphase, die den bescheidenen Wohlstand in den Städten vermehrte, allerdings auf Java zentriert blieb und nicht zur Entwicklung der Human Resources und der maroden Infrastruktur genutzt wurde.

Eine Rolle spielen auch politische Faktoren wie die Streikwelle 2013 und die allgemein krisenhaften Arbeitsbeziehungen in Südafrika oder der im Verhältnis zum Bevölkerungswachstum viel zu langsame Ausbau des Bildungswesens in Brasilien und Indonesien.

Große Infrastrukturprobleme gibt es auch in Indien. Dort wurden zwar 2013/14 Rekordüberschüsse beim Nahrungsmittelexport erreicht, allerdings um den Preis hoher staatlicher Subventionen für die Erzeuger, die immer unrentabler arbeiten.[14]

Auch in Thailand hielt der Ausbau der Infrastruktur nicht Schritt mit dem Wachstum, das sich stark auf die Region Bangkok konzentrierte. 2014 wirkten sich die politischen Unruhen negativ auf die Entwicklung des Tourismus aus. Die Autoexporte stagnierten 2014/15 infolge des Verfalls des australischen Dollars, die Reisexporte gerieten unter Preisdruck[15] und der Kautschukpreis fiel von 2011 auf 2015 um etwa 60 Prozent.[16]

Nigeria, das sich selbst als Schwellenland versteht, aber aufgrund sozialökonomischer Indikatoren zu den Entwicklungsländern gerechnet werden muss, konkurrieren die Eliten zahlreicher ethnischer Gruppen um die Erlöse aus dem Ölexport. Zusätzlich zu den ethnischen und religiösen Spannungen bremsen Terrorismus, Klientelismus und eine marode Infrastruktur die Entwicklung.[17]

Russlands Wachstum wurde durch die Sanktionen der EU und der USA im Zuge der Ukrainekrise bei gleichzeitig fallenden Ölpreisen gedämpft. Aus Russland floss im Jahr 2014 Kapital im Umfang von über 150 Milliarden US-Dollar ab.[18]

Trotz steigender Lohnkosten vor allem in den rohstoffproduzierenden Sektoren gelang es in vielen Schwellenländern nicht, die extreme soziale Ungleichheit zu reduzieren. Diese hat in Brasilien, Indonesien, Mexiko, aber auch in Indien in Form des Kastenwesens eine deutlich wachstumshemmende Wirkung. Der Gini-Index als Maß der Ungleichheit der Einkommensverteilung wuchs durch den Investitionsboom in einigen Schwellenländern (Ausnahme: China) sogar weiter an, so z. B. in Südafrika (sehr deutlich von 2000: 57,8 auf 2011: 65), in Indonesien und Mexiko.[19]

Ein entscheidender Faktor für die Zuspitzung der Wachstumskrise im Jahr 2015 war jedoch die durch die niedrigen Zinsen und die staatliche chinesische Politik unterstützte Blasenbildung auf den Immobilien- und Finanzmärkten Chinas.

Öl- und Rohstoffpreisverfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursächlich für den Einbruch der Exporterlöse der Schwellenländer war vor allem der Verfall der Ölpreise seit April 2014. Dieser war bedingt durch die vorausgehende starke Expansion der Förderung, die – gemessen am infolge der Energiewende nur langsam wachsenden Bedarf – zu Überkapazitäten führte. Entscheidend dazu trug der Aufstieg der USA zum Exportland von Fracking-Öl durch Verdoppelung seiner Ölfördermenge innerhalb von vier Jahren bei. Laut Weltenergiebericht 2015 der BP stieg die US-Ölförderung 2014 auf den Rekordwert von 1,6 Millionen Barrel pro Tag. Auch die Gasproduktion der USA legte weiter zu, so dass sie Russland als weltgrößte Fördernation der beiden Rohstoffe insgesamt und Saudi-Arabien als größten Ölförderer verdrängten.[20] Ende 2015 erreichten die Welt-Lagervorräte an Öl einen Rekordbestand von ca. 1,4 Milliarden Barrel, davon ca. 800 Millionen in den USA. Weltweit waren sie damit gegenüber 2014 um etwa 40 Prozent gestiegen.

Während die Erschließungs- und Förderkosten von Öl und Ölsanden in vielen Förderländern – vor allem in den USA und Kanada, in der Polarregion und der nördlichen Nordsee – stiegen und die Konkurrenz durch erneuerbare Energien zunahm, reagierten die OPEC-Staaten, allem voran Saudi-Arabien, anders als bei vergangenen Ölpreisabstürzen nicht mit einer Reduzierung der Fördermengen. Die in Erwartung steigender Ölpreise gebunkerten Ölreserven der großen Mineralölkonzerne mussten von diesen 2015 verkauft werden und drückten zusätzlich auf den Markt; dennoch erhöhten sich die weltweiten Lagervorräte. Saudi-Arabien erreichte Ende 2015 ein neues Fördermaximum, Angola expandierte die Förderung, und auch der Irak erreichte 2015 neue Rekordwerte, wenn auch um den Preis einer raschen Erschöpfung von Ölfeldern. [21]

Auch Russland drosselte seine Produktion nicht, da der Rubelkurs im Verhältnis zum Dollar schneller fiel als der Ölpreis, so dass die in Rubel anfallenden Förderkosten im Verhältnis zu den Dollarerlösen sogar sanken. Stattdessen intensivierte Russland die Produktion in alten, „reifen“ Ölfeldern. So erzielte Rosneft im zweiten Quartal 2015 erhebliche Umsatz- und Gewinnzuwächse. Nur der international stärker engagierte privat geführte Lukoil-Konzern, der in Dollar berichtet, erlitt einen Gewinneinbruch im ersten Halbjahr 2015.[22] Die Erdölproduktion der vier größten russischen Konzerne erreichte 2015 einen postsowjetischen Rekord.

Im August 2015 erreichten die Preise für ein Barrel US-Öl mit 39 US-Dollar und im Dezember der für das Barrel Nordseeöl mit unter 40 US-Dollar jeweils ein Sechsjahrestief,[23][24] im Januar 2016 fielen die Preise beider Sorte zeitweise unter 30 Dollar, also auf ein Zwölfjahrestief. Durch den Ölpreisverfall sanken staatliche Einnahmen und Unternehmensgewinne der Öl und Gas fördernden bzw. exportierenden Länder, vor allem in den arabischen Ländern (in Saudi-Arabien sanken die Einnahmen aus dem Verkauf von Erdöl 2015 gegenüber dem Vorjahr um 42 Prozent), aber auch in Brasilien, Kasachstan, Aserbaidschan, Venezuela und Nigeria. In der Folge sank auch der Gaspreis.

Zur Kompensation der zurückgehenden Einnahmen aus dem Öl- und Gasverkauf warfen diese und andere Länder andere Rohstoffe auf den Markt, was neben der sinkenden Nachfrage Chinas ebenfalls zu deren Preisverfall beitrug. Der Eisenerzpreis halbierte sich von Anfang 2014 bis Anfang 2015 von 135 auf 67 US-Dollar, wofür die sinkende Nachfrage aus China ausschlaggebend war.[25] Etwa im gleichen Umfang ging der Preis für Warmwalzstahl zurück, da China seine Überschussproduktion auf dem Weltmarkt abzusetzen versuchte. Ebenso sanken der Nickelpreis innerhalb von 12 Monaten bis August 2015 um 38 %,[26] der Kupferpreis im gleichen Zeitraum um 20 %[26] und der Aluminiumpreis von September 2014 bis September 2015 ebenfalls um 20 %. Auch Kohle-, Zink-, Blei- und Platinpreis fielen. Insgesamt erreichten die Rohstoffpreise im August 2015 weltweit ein 16-Jahres-Tief, während die Förderung nur langsam zurückging.

Infolge des Preisverfalls stieg die Verschuldung von rohstoffexportierenden Staaten, aber auch von rohstofffördernden Unternehmen, die wegen der niedrigen Zinsen in den USA und Europa Dollar- und Eurokredite aufgenommen hatten, innerhalb kurzer Zeit an. Länder wie Indien, die Türkei und insbesondere Südkorea, die in geringerem Maße abhängig von Rohstoffexporten sind, sondern Rohöl sogar zu mehr als 80 Prozent importieren müssen, konnten sich dem Trend zunächst entziehen, doch auch ihr Außenhandelsdefizit wuchs – in Indien u. a. durch die seit Herbst 2014 sprunghaft angestiegenen Goldkäufe von Privaten, die insgesamt ca. 20.000 Tonnen Gold besitzen.

Von 2006 bis 2014 verdoppelten sich die Auslandsschulden der MIST-Staaten; diejenigen Indiens wuchsen auf das Zweieinhalbfache. Malaysia, das sich mit seiner weitgehend von Staatsfonds kontrollierten Wirtschaft den Vorgaben des IWF widersetzte, wies auch 2014 eine aktive Außenhandelsbilanz auf, wenngleich die Staatsverschuldung anstieg.

Die Ratings verschiedener Schwellenländer wurden aufgrund der sinkenden Exporterlöse herabgesetzt; dadurch stiegen Inflation und Zinsen in den Schwellenländern an, vor allem in Brasilien und Russland.

Als im Sommer 2015 Zinserhöhungen in den USA für den Herbst des Jahres angekündigt wurden, setzte eine massive Kapitalflucht aus den Schwellenländern ein, was dort zu stark fallenden Börsenkursen führte. Die Wechselkurse der Währungen der Schwellenländer gegenüber Dollar und Euro brachen ein bzw. wurden wie im Fall Chinas 2015 gezielt abgewertet, um die Konjunktur zu stimulieren. So verlor die türkische Lira von Januar bis August 2015 etwa 28 % ihres Werts gegenüber dem US-Dollar,[27] der brasilianische Real von Juli bis September 2015 etwa 25 %,[28] der Rubel seit Ende 2012 bis August 2015 etwa 50 % und die indonesische Rupiah etwa 25 % gegenüber dem Euro. Der malaysische Ringgit fiel auf den Tiefststand seit 1998. Der Wert der kasachischen Tenge von April bis Dezember 2015 um etwa 40 % und der des aserbaidschanischen Manat um fast 50 %.[29] Der südafrikanische Rand verlor von Anfang 2015 bis Anfang 2016 42 % seines Werts gegenüber dem US-Dollar. Auch die Währungen Kolumbiens, Mexikos und Chiles verloren im Verhältnis zu Dollar und Euro an Wert. Die Inflation nahm in allen diesen Ländern zu, ohne dass durch den Kursverfall die Exporte nennenswert gesteigert werden konnten.

Die Schlüsselrolle Chinas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

China weist zwar 2015 immer noch ein im Vergleich zu Europa beachtliches Wachstum auf, doch sank es 2014 auf den niedrigsten Stand seit 25 Jahren. Diese Entwicklung spielte eine katalytische Rolle für die Wachstumskrise in anderen Schwellenländern.

Hatte China die Folgen der Finanzkrise 2009 durch einen gigantischen Investitionsboom zu kompensieren versucht, zeigte sich Jahre später, dass der unkoordinierte, durch Bankkredite geförderte Ausbau von Industrien in den Provinzen zu Überkapazitäten in zahlreichen Wirtschaftszweigen geführt hatte, für deren Produkte kaum Absatzchancen bestanden. Die Kapazitäten der Stahl- und in der Papier- und Pappeproduktion waren 2015 nur noch zu 67 Prozent ausgelastet; schwach war ebenfalls die Auslastung der Raffinerien, Kohlebergwerke, Werften, Zementfabriken, Industrieglasfabriken sowie in einigen Agrarsparten (u. a. Mais).[30] In sogenannten „Zombie-Fabriken“ sind Hunderttausende von Mitarbeitern unterbeschäftigt.

Das zeigte das Versagen der staatlichen Lenkung: Der geplante Umbau der chinesischen Wirtschaft von Massenproduktion zur Hochtechnologie und binnenmarktorientierten Dienstleistungsökonomie verlief nicht ohne gravierende Verwerfungen. Trotz Abwertung der Landeswährung zur Steigerung der Exporte wurden zahlreiche - vor allem staatseigene - Unternehmen besonders im schwerindustriell geprägten Nordosten des Landes, vor allem in der Provinz Liáoníng, geschlossen. Infolge dessen ging der Rohstoffbedarf Chinas, das in seiner Rolle als „Werkbank“ der USA und Europas eines der wichtigsten Rohstoffe importierenden Länder ist und weltweit in die Erschließung und Förderung von Rohstoffen investiert hatte, stark zurück. So waren Ende 2015 in China etwa 11.000 Kohlebergwerke mit zusammen etwa sechs Millionen Mitarbeitern in Betrieb. Bis 2018 sollen 4.300 dieser Minen mit einer Million Arbeitsplätzen geschlossen werden.[31] Vom Rückgang des Rohstoffbedarfs Chinas und den fallenden Weltmarktpreisen von Öl, Eisenerz, Kupfer, Nickel und Kohle waren vor allem Brasilien, das erst kurz zuvor durch große Investitionen zum Netto-Rohölexporteur geworden war, sowie andere lateinamerikanische Länder betroffen, deren wichtigster Rohstoffabsatzmarkt China geworden war.

Vorläufig als Fehlschlag erwies sich das Vorhaben der chinesischen Regierung, den Wandel der Industrie weg von der „Werkbank der Welt“ und die dafür erforderliche schrittweise Reform des privaten Bankensystems durch die Stimulierung des Aktienmarktes zu bewältigen, während die Staatsbanken, vor allem die China Development Bank weiterhin die großen Staats- oder staatsnahen Konzerne wie Huawei und einen überaus ehrgeizigen Ausbau der Infrastruktur finanzieren sollten. 2013 betrug die Investitionsquote in China fast 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Viele dieser Investitionen versickerten ohne nachhaltige Effekte in schwach entwickelten Regionen (Politik der „neuen Seidenstraße“ mit der Stadt Xi’an als Ausgangspunkt). So wurden zahllose Flughäfen (allein 97 waren für die Jahre von 2008 bis 2020 geplant), Häfen, Straßen und Hochhaussiedlungen gebaut, die allerdings dort, wo sie errichtet wurden, nicht immer benötigt wurden. Die Investitionen in staatsnahe Unternehmen erlaubten diesen, zu Dumpingpreisen zu exportieren. Die Abwanderung vom Lande in die Stadt und insbesondere in die Städte der Küstenzone beschleunigte sich mit der Zunahme der Investitionen und dem steigenden Wohlstand. 2013 stiegen die Landverkäufe auf einen Rekordwert, der 50 % über dem von 2012 lag. Lag der Urbanisierungsgrad in China 1990 bei 26 Prozent, so leben heute ca. 55 Prozent der Chinesen in den Städten. Damit stieg aber auch die Anfälligkeit des Arbeitsmarktes gegenüber Schwankungen der Auftragslage von exportintensiven Großunternehmen, um die herum zahlreiche Schlafstädte aus dem Boden gestampft wurden. die erst nachträglich bevölkert werden sollten und heute als Geisterstädte leer stehen. Im Hinterland kam es hingegen zu massiven Immobilienleerständen in Städten jenseits der ersten Reihe.[32][33] 2014 brach der Wohnungsbau dann deutlich ein.

Die Gesamtverschuldung Chinas war durch den Investitionsboom von 158 Prozent des Bruttoinlandprodukts 2007 auf 282 Prozent im Jahr 2014 gestiegen und überschritt damit relativ die Verschuldung der USA. Dabei spielen die Lokalregierungen eine treibende Rolle; sie finanzierten sich durch den Verkauf von Landnutzungsrechten und förderten damit die Immobilienblase.[34] Chinas Unternehmen sind mit etwa 700 Milliarden US-Dollar verschuldet, zum großen Teil bei Schattenbanken zu hohen Zinsen. Wegen sinkender Erzeugerpreise sind viele Unternehmen nicht in der Lage, ihre Kredite zurückzuzahlen. Millionen von Kleinsparern - man spricht von 5 Prozent der Bevölkerung - legten unter dem Einfluss der Propaganda einen großen Teil ihrer Ersparnisse an der Börse an. Der Composite Index der Börse in Shanghai stieg innerhalb eines Jahres um mehr als 150 Prozent; vom Höhepunkt dieser Blasenbildung am 12. Juni 2015 bis zum 25. August 2015 fiel er dann um ca. 42 Prozent.[35] Diese Entwicklung löste seit Sommer 2015 panikartige Kapitalrückflüsse auch aus anderen Schwellenländern nach Nordamerika und Europa aus. In China schmolzen die Devisenreserven, die wegen der hohen Exportüberschüsse noch Anfang 2014 einen Rekordwert von über 3,8 Billionen US-Dollar erreicht hatten;[36] die mehrfache Abwertung der chinesischen Währung sollte vor allem die Devisenreserven stabilisieren, die Anfang 2016 nur noch 3,3 Billionen Dollar betrugen.[37]

Wirtschaftliche Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Private Verschuldung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der weitere Verlauf und die Auswirkungen der Entwicklung sind derzeit (April 2016) noch nicht genau absehbar, am wenigsten wohl im Falle Chinas. Dort sind Beeinträchtigungen des Konsums und der Investitionen zu erwarten. Die private Verschuldung in den Schwellenländern insgesamt ist auf etwa 120 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung gestiegen; das ist mehr als zu Beginn der Schwellenländerkrise 1998. Die privaten Dollar- und Euroschulden können wegen des Währungsverfalls in vielen Schwellenländern nicht mehr bedient werden.

Staatsverschuldung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Staatsverschuldung der meisten Schwellenländer war – bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt – 2014 im Vergleich zu den Industrieländern noch recht gering (Russland 18, China 41, Brasilien 65 Prozent, im Vergleich zu Deutschland 75 und Japan 246 Prozent).[38] Doch wenn sie in Hartwährungen erfolgte und zugleich die Exporterlöse sinken, führt dies durch den Währungsverfall zu Haushaltskrisen und inflationären Entwicklungen. So erscheinen die Rückzahlung der Kredite und das Rating vieler Schuldnerländer über längere Zeit hinweg gefährdet. Das sinkende Bruttoinlandsprodukt 2015 in Algerien, Argentinien, Australien, Brasilien, Mexiko, Russland und der Türkei - in Venezuela hier schrumpfte die Wirtschaft 2015 bereits im dritten Jahr hintereinander - trägt ebenfalls zur Erhöhung der relativen Schuldenlast dieser Staaten bei.

Welthandel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2015 stiegen die Importe der Industrieländer schneller als die der Schwellenländer, die damit ihre Funktion als Treiber des Welthandels, die sie seit den 1990er Jahren ausübten, verloren. Die Importe der Schwellenländer gingen nicht nur bei Maschinen und Ausrüstungen zurück, sondern auch bei hochwertigen Konsumgütern (v. a. Autos). Der Rückgang der Importe Chinas und anderer großer Schwellenländern dämpfte das BIP-Wachstum der OECD-Länder 2015 nach OECD-Schätzungen um rund einen halben Prozentpunkt.[39]

Afrikas Rohstoff- und Agrargüterexporte waren durch die sinkende Nachfrage Chinas und die Unterbrechung des Aufbaus von Infrastrukturen zur Rohstoffgewinnung besonders betroffen; aber auch die Förderung in Chile, Peru, Bolivien, Australien und Kasachstan ging zurück. Allein Indien, der drittgrößte Importeur fossiler Brennstoffe, profitierte von der Preissenkung der Rohstoffeinfuhren und gab von April 2015 bis März 2016 fast 30 Milliarden Euro weniger für Rohöleinfuhren aus.

Die oft vorhergesagte stärkere Verflechtung der Ökonomien der Schwellenländer untereinander zur Reduzierung ihrer Abhängigkeit von den Industrieländern[40] ist - mit Ausnahme der aktiven Rolle, die China z.B. beim Infrastrukturausbau in einigen Schwellenländern übernommen hat - nicht im erwarteten Umfang vorangekommen.

In Deutschland waren die Automobil-, Autozuliefer- und Elektroindustrie, der Maschinenbau, dessen Hauptabnehmer China ist, sowie die autonahe chemische Industrie betroffen. Auch litten die Seeschiffahrt und der Containerumschlag des Hamburger Hafens, der mit 9,7 Millionen 20-Fuß-Standardcontainern (TEU) im Jahr 2014 noch nicht wieder das Niveau von 2007 erreicht hatte, machte doch der Hamburger Umschlag mit China allein 2,97 Millionen TEU aus. Der Seehandel mit Russland, dessen Wirtschaft 2015 um 3,7 % geschrumpft war, ging 2014/15 ebenfalls zurück.[41]

Investitionen in Ölförderung und Rohstofferschließung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Investitionen in die Erschließung neuer Ölquellen und in Fracking gingen weltweit weiter zurück. Shell stellte im September 2015 nach 10 Jahren die Tiefseebohrung in der Arktis ein.[42] Die Frackingindustrie in den USA baute Förderanlagen in großem Stil ab, ebenso die Ölsandindustrie in Kanada. Mehrere russische Ölunternehmen zogen sich 2015 von der Londoner Börse zurück, da sich dort kein Kapital mehr einsammeln ließ.[43] Petrobras, im Jahr 2008 nach Marktkapitalisierung das fünftgrößte Unternehmen der Welt, konnte seine Anleihen kaum noch bedienen und geriet 2015 in Schieflage. Als erste größere Ölfordergesellschaft stellte die chinesische CNOOC im Januar 2016 die Förderung zum Teil ein. Im Frühjahr 2016 sahen Wells Fargo und JPMorgan Chase an die Öl- und Gasindustrie vergebene Kredite in Höhe von mehr als 50 Milliarden US-Dollar als ausfallbedroht an.[44] Im April 2016 war die US-Ölförderung auf den niedrigsten Stand seit Herbst 2014 gefallen.

Auch andere Bergbausparten mussten ihre Investitionen abschreiben oder einige ihrer Minen verkaufen. So verlor der hoch verschuldete Glencore-Konzern von 2011 bis September 2015 fast 90 % seines Börsenwerts.[45] Er stoppte die gesamte Zinkproduktion in Peru. BHP Billiton verlor einen großen Teil seines Börsenwerts wegen des Verfalls des Kohlepreises und des Dammbruchs von Bento Rodrigues. Andere Bergbauunternehmen wie Anglo American konnten mit ihren Einkünften aus dem operativen Geschäft nicht einmal mehr ihre Kreditzinsen erwirtschaften; etwa die Hälfte der 135.000 Arbeitsplätze weltweit sind gefährdet. Der Konzern will seine Aktivitäten auf hoch mechanisierten Bergbau konzentrieren. Seine Tochtergesellschaft, die südafrikanische Anglo Platinum, verzeichnete wegen des Einbruchs des Platinpreises für 2015 erstmals hohe Verluste. Auch der staatliche chilenische Kupferkonzern Codelco, der mit etwa 25 Prozent zu den Staatseinnahmen beiträgt, litt unter sinkenden Erlösen und stark steigenden Abbaukosten.

Fast alle Bergbau- und sonstigen Rohstoffunternehmen fuhren 2015/16 ihre geplanten Investitionsvorhaben zurück. Laut Standard & Poors sanken die Investitionen der Rohstoffunternehmen allein im Jahr 2015 um zehn Prozent.[46] Dennoch gerieten sie in Schwierigkeiten bei der Bedienung der von ihnen in Hartwährungen aufgenommenen Kredite. Ihre Schulden in dreistelliger Milliardenhöhe führten seit Beginn des Jahres 2016 auch zu einem Kursverfall der Aktien einiger internationaler Großbanken, die stark im Rohstoffsektor engagiert sind.

Kapitalabfluss aus Schwellenländern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erwartet wurde, dass künftig weniger europäisches Kapital in die asiatischen Schwellenländer fließt, die vor einer Konsolidierung ihrer Bankenlandschaft stehen. Einige europäische Banken zogen sich aus asiatischen Bankplätzen wie Singapur zurück.[47] Angesichts des starken Dollars und höherer Zinsen in den USA warnte der IWF im Januar 2016 vor einer drohenden Zahlungsunfähigkeit der Dollar-Schuldnerländer.[48]

Die Gründung der New Development Bank der BRICS-Länder, die 2016 aktiv werden soll, kam vermutlich für die in einigen Schwellenländern zu erwartende Krise zu spät, um eine erhebliche Rolle bei ihrer Bekämpfung spielen zu können.[49]

Soziale und politische Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die in den letzten zehn bis zwanzig Jahren stark angewachsenen Mittelschichten dieser Länder haben durch Inflation, geplatzte Immobilien- und Börsenblasen sowie das Durchschlagen der Krise auf den Arbeitsmarkt Mühe, ihren Wohlstand zu halten, wenn es nicht zu einem schnellen Wiederanstieg der Rohstoffpreise kommt. In Brasilien stieg die Arbeitslosigkeit von Ende 2014 bis Ende 2015 von etwa 5 auf 8, in Venezuela von 8 auf 14 Prozent.

In vielen Ländern werden der Übergang zu einer offenen Wirtschaft und der Wachstumsoptimismus in Frage gestellt. Die Krise hat die Glaubwürdigkeit westlicher Wirtschaftskonzepte untergraben. Das gilt insbesondere für die arabische Welt und Afrika. Eine (auch durch Kriegswirren bedingte) Abwanderung von Angehörigen der Mittelschichten aus dem arabischen Raum hat seit ca. 2014 eingesetzt. Politische Verwerfungen können die Folge sein oder sind bereits eingetreten. In China, in Russland und in der Türkei, aber z. B. auch in Indien erstarkten seit 2014 nationalistische Tendenzen. In China erreichte die Repression der Opposition ein seit langer Zeit nicht mehr bekanntes Ausmaß.

Die OPEC erwies sich als unfähig, den Verfall des Ölpreises durch eine Fördermengenbegrenzung zu stoppen. Auch die Eskalation des Konflikts zwischen Saudi-Arabien und Iran, die in Syrien und Jemen bereits zwei Stellvertreterkriege führen, verhinderte den weiteren Fall des Ölpreises nicht. [50] [51] Alle Versuche zu einer politischen Absprache scheiterten. Mit der Verschärfung der Krise der Staatsfinanzen nahm auch die politische Instabilität der Golfregion zu. Wegen des niedrigen Ölpreises ging in der Region die Zahl der Gastarbeiter aus Indien, Nepal oder Bangladesh stark zurück. Dadurch verringerten sich die Überweisungen in ihre Heimatländer - allein für Indien handelt es sich um einen Betrag von ca. 35 Milliarden US-Dollar pro Jahr.[52] Der hochregulierte, durch Quotensysteme geprägte Arbeitsmarkt Saudi-Arabiens ist besonders von der Krise betroffen. Dort wird wegen der wegfallenden Subventionierung vieler Arbeitsplätze und der Einkommensverluste der Führungselite wie der Mittelschichten eine stark steigende Arbeitslosigkeit vor allem unter den ca. 9 Millionen ausländischen Arbeitern vorhergesagt; jedoch können wichtige Positionen in der Privatwirtschaft nicht mit den dafür nicht hinreichend qualifizierten Inländern besetzt werden. Es droht gerade bei den Inländern ein Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit.[53] Dadurch könnten soziale Unruhen auf der arabischen Halbinsel ausgelöst werden.

In Südamerika scheiterten Regierungen, die sich als unfähig erwiesen, adäquat auf das Ende des Rohstoffbooms zu reagieren, in Venezuela, Brasilien und Argentinien; oder wirtschaftsfreundliche Kandidaten setzten sich bei Wahlen durch wie der frühere Wall-Street-Banker Pedro Pablo Kuczynski 2016 in Peru. Große südamerikanische Staatskonzerne stehen vor der Notwendigkeit, tiefgreifende Reformen durchzuführen. Die Anleger kehrten daher im Frühjahr 2016 an die lateinamerikanischen Börsen zurück, obwohl die Wirtschaft der sieben größten Länder Lateinamerikas auch in 2016 um 1 % schrumpfen soll.[54]

Die Errichtung von Freihandelszonen zwischen den großen Wirtschaftsblöcken durch Abkommen wie TTIP, die nach dem Scheitern der Verhandlungen der WTO-Mitgliedsländer um multilaterale Lösungen der Abwehr der Konkurrenz der Schwellenländern und als Druckmittel der Industrieländer diesen gegenüber dienen sollen,[55] stößt nicht nur in den Schwellenländern, die den Aufbau einer solchen Drohkulisse als Diskriminierung empfinden, auf zunehmende Kritik: Auch in den Industrieländern werden Arbeitsplatzverluste befürchtet, wenn Auslandsinvestitionen der USA oder der EU-Länder durch den Abwertungsdruck auf die Währungen der Schwellenländer erleichtert werden. Der IWF fürchtet in seinem World Economic Outlook vom April 2016 einen weiteren Zuwachs von nationalistischen und protektionistischen Tendenzen.[56] Die Tendenz zur Kooperation in der Weltwirtschaft hat durch die Krise einen Rückschlag erlitten.

Trendwende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Rückgang der Investitionen in die Ölförderung, die Drosselung der Fracking-Aktivitäten sowie Ausfälle bei der Ölförderung in Venezuela, Nigeria und - bedingt durch Waldbrände - in Kanada, führten dazu, dass seit Frühjahr 2016 die Ölvorräte weltweit sanken und der Preis pro Barrel bis Juni 2016 wieder auf über 50 US-Dollar anstieg. Hinzu kam ein stark steigender Benzinverbrauch durch Autofahrer in den USA. Auch die Schließung von Kupfer- und Zinkminen, die erhöhte Nachfrage nach Gold sowie Ernteausfälle bei Agrarprodukten (z.B. bei Kaffee und Kakao) führten im Frühsommer 2016 zu steigenden Preisen für Rohstoffe und Agrarprodukte, die teils ihren Stand aus der Zeit vor 2015 erreichten. Der Kakaopreis erreichte im Juli 2016 sogar sein höchstes Niveau seit 1977.

Im Verhältnis zur fast stagnierenden europäischen Wirtschaft erscheinen daher die Schwellenländer vielen Investoren seit 2016 - insbesondere nach dem Brexit-Referendum - wieder als interessante Anlagefelder. Dennoch dürften die politischen und sozialen Folgen des Wachstumseinschnitts von 2014/15 noch lange spürbar sein.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. FAZ (Christoph Hein, FAZ-Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur): Asien bekommt die Wirklichkeit zu spüren - vor allem in Südostasien, wo die Unsicherheit wächst und Aktien- und Wechselkurse zunehmend verfallen.
  2. The World Bank - Country Groups
  3. International Monetary Fund - Country Groups Information
  4. In Verbindung mit einer Investitionsempfehlung für Finanzprodukte, die zum größten Teil von Goldman Sachs gemanagt werden, siehe Handelsblatt 21. August 2012: Die Anlagestrategie ist MIST, online: handelsblatt.com
  5. DWS (Deutsche Bank), 19. August 2015
  6. J. Studwell: How Asia Works: Success and Failure in the World’s Most Dynamic Region. 2013.
  7. Siehe die Rezension des Buchs in der Financial Times, 5. April 2013
  8. Nach Angaben des Institute of International Finance (IIF); vgl. Frank Wiebe: Studien erhellen die Krise der Schwellenländer. Handelsblatt, 4. September 2015, online: handelsblatt.com
  9. D. Eckert: Die wahre Schuldenbombe tickt in Asien. In: Die Welt, 10. Februar 2015, online: welt.de und Chr. Geinitz: Asiens Schulden laufen aus dem Ruder. FAZ-net, online: faz.net
  10. Wo die BRIC-Staaten schwächeln. Handelsblatt, 16. März 2012.
  11. AP/Reuters lt. Handelsblatt, 3. Januar 2014
  12. Christoph Hein: Thailand und Malaysia: Krise, aber keine zweite Asien-Krise. FAZ-net, 28. August 2013 faz.net
  13. Stefanie Schmitt: Staatsunternehmen im Reformstau. AsienKurier 11/2010, 1. November 2010
  14. Bundeszentrale für politische Bildung: Landwirtschaft in der Krise, 3. Mai 2014
  15. John Le Fevre: Thai Economy Loses §12 billion in 2014 - What's Ahead for 2015? Establishment Post, 15. Januar 2015
  16. www.boerse.de
  17. Länderinfo des BMZ
  18. Auswärtiges Amt: Länderinfo Russische Föderation: Wirtschaft, April 2015
  19. Weltbank: Gini-Index, Abrif 5. September 2015
  20. Deutsche Wirtschafts-Nachrichten 12. Juni 2015
  21. n-tv, 11. August 2015
  22. Benjamin Triebe: Wenn der Rubel ein Segen ist. In: NZZ, Internationale Ausgabe, 2. September 2015, S. 10.
  23. dpa-Meldung vom 24. August 2015
  24. Handelsblatt vom 8. Dezember 2015
  25. finanzen.net, 3. Februar 2015
  26. a b Finanzen.net, 25. August 2015
  27. Türken fliehen aus der Lira. Handelsblatt, 21./22./23. August 2015, S. 32 f.
  28. Real verliert dramatisch an Boden. In: Handelsblatt, 24. September 2015
  29. Benjamin Triebe: Öl reißt Währungen mit. In: NZZ, Internationale Ausgabe, 30. Dezember 2015, S. 12.
  30. Chinas Überkapazitäten bedrohen Europas Industrie. In: Die Welt 22. Februar 2016 online
  31. Smog in China: Aus für Kohlebergwerke bedroht eine Million Jobs. In: Spiegel Online. Spiegel online, 21. Januar 2016, abgerufen am 12. April 2016.
  32. German Trade & Invest, 21. Oktober 2014
  33. finanzen100.de, 25. Juni 2015
  34. Ende eines Traums? In: Handelsblatt 21./22./23. August 2015, S. 42 ff.
  35. Shanghai Composite, 25. August 2014
  36. Handelsüberschuss: Chinas Reserven wachsen um 500 Milliarden Dollar. In: Spiegel Online. Spiegel Online, 15. Januar 2015, abgerufen am 12. April 2016.
  37. finanzen.net, 7. Januar 2016.
  38. de.statista.com, Zugriff 27. Januar 2016.
  39. Stefan Bielmeier: Zeitenwende bei den deutschen Exporten, in: Wirtschaftswoche, 2. März 2016 [1]
  40. Vgl. z. B. Yaprak/Karademir 2010 und Dehnen 2012.
  41. Hamburger Hafenstatistik 2014
  42. Shell legt Arktis-Projekt auf Eis. In: NZZ, Internationale Ausgabe, 30. September 2015, S. 7.
  43. Londons Börse gleich einem sinkenden Schiff. Handelsblatt, 12. Oktober 2015
  44. Immer mehr Kredite von Zahlungsausfall bedroht, in: Handelsblatt, 5. Mai 2016 [2]
  45. Glencore wird Fallobst. In: NZZ, Internationale Ausgabe, 30. September 2015, S. 1, 15.
  46. Matthias Streit: Das Ende der Billig-Bohne. In: Handelsblatt, 7. Juni 2016 [3]
  47. M. Rist: Digitalisierung ist gut, Kundenkontakt ist besser. In: NZZ, Internationale Ausgabe, 16. September 2015, Beilage S. 21.
  48. Warnungen von IWF und WEF: Risiken für die Weltwirtschaft so groß wie lange nicht mehr. Online; t-online.de, 14. Januar 2016.
  49. Nina Trentmann: Nina Trentmann: Wir wollen zeigen, dass wir anders sind. In: Die Welt 23. August 2015 [4]
  50. Die Zeit, 3. Januar 2016.
  51. CNBC, 5. Januar 2016.
  52. Volker Pabst: Das Geschenk des billigen Erdöls. NZZ, internationale Ausgabe, 27. Januar 2016, S. 10.
  53. Germany Trad & Invest, 31. Januar 2014
  54. Alexander Busch: Verkehrte Welt in Lateinamerika, in: NZZ, Internationale Ausgabe, 4. Mai 2016, S. 15.
  55. Barbara Unmüßig, Rainer Falk: Die Revanche des Nordens. In: Die Zeit, 15. Februar 2014
  56. IWF senkt Ausblick – und warnt vor nationalistischen Tendenzen. In: Die Presse, 12. April 2016.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Schwellenland – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hermann Sebastian Dehnen: Markteintritt in Emerging Market Economies: Entwicklung Eines Internationalisierungsprozessmodells. Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-8349-4217-3.
  • Martin Leschke: Ökonomik der Entwicklung: Eine Einführung aus institutionenökonomischer Sicht. Bayreuth, 2. Auflage 2015.
  • Franz Nuscheler: Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik. (Eine grundlegende Einführung in die zentralen entwicklungspolitischen Themenfelder Globalisierung, Staatsversagen, Hunger, Bevölkerung, Wirtschaft und Umwelt). 5., völlig neu bearbeitete Auflage. Dietz, Bonn 2004, ISBN 3-8012-0350-6.
  • Attila Yaprak, Bahattin Karademir: The internationalization of emerging market business groups: an integrated literature review. In: International Marketing Review, Heft 2 (27) 2010, S. 245 - 262. doi:10.1108/02651331011037548 (Literaturbericht).