Schwellenland

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Ein Schwellenland, seltener Zweite Welt, ist ein Staat, der traditionell noch zu den Entwicklungsländern gezählt wird, aber nicht mehr deren typische Merkmale aufweist. Deshalb wird ein solches Land begrifflich von den Entwicklungsländern getrennt.

Der englischsprachige Begriff Newly Industrializing Economies entstand in den 1970er Jahren und bezog sich ursprünglich auf die asiatischen Tigerstaaten. Gelegentlich wird ein solches Land auch als „take-off country“ bezeichnet, da es die typischen Strukturmerkmale eines Entwicklungslandes überwunden hat und im Begriff ist, sich von dieser Gruppe abzuheben.

Ein Schwellenland ist am Anfang oder im fortgeschrittenen Prozess der Industrialisierung, gemessen an wirtschaftlichen Entwicklungsindikatoren. In diesem Stadium ist ein Schwellenland durch einen weitgehenden Umbau der Wirtschaftsstrukturen gekennzeichnet, der von der Agrarwirtschaft zur Industrialisierung führt. Schwellenländer sind meist geprägt durch einen starken Gegensatz zwischen Arm und Reich. Unterschiede zwischen konservativen Kräften und Parteien, die eine Modernisierung erreichen wollen, führen oft zu Spannungen.

Obwohl im deutschen Sprachraum häufig die Begriffe „Industriestaat“ und „Schwellenland“ gebräuchlich sind, sind deren ökonomischen Strukturen längst über die Dominanz der Industrieproduktion zu den Dienstleistungssektoren übergegangen. Da dies auch für einige „Schwellenländer“ zutrifft, werden sie korrekterweise als important industrialized and developing economies (wichtige industrialisierte und sich entwickelnde Volkswirtschaften) in der offiziellen englischen Sprache bezeichnet.

Die sozialen Entwicklungsindikatoren (Alphabetisierungsrate, Säuglingssterblichkeit, Lebenserwartung, Entwicklung einer Zivilgesellschaft), sowie der Schutz der Umwelt hinken den wirtschaftlichen Fortschritten oft hinterher.

Merkmale[Bearbeiten]

Ein Schwellenland kann in der Regel folgende Erfolge aufweisen:

  • Es werden überdurchschnittliche Wachstumsraten erzielt, die auch die Wachstumsraten der OECD-Länder teilweise deutlich überschreiten.
  • Die Länder entwickeln die Breiten- und Tiefenstruktur der verarbeitenden Industrie bis zur Herstellung von Investitionsgütern und schaffen durch gezielte Investitionen in die materielle und soziale Infrastruktur, vor allem in Ausbildung von Humankapital, die Voraussetzung für Entwicklungssprünge.
  • Es herrscht eine vergleichbare Arbeitsproduktivität mit den OECD-Ländern bei deutlich niedrigerem Lohnniveau.
  • Sie nutzen Nischen des Weltmarktes und setzen auf den Export von Fertigwaren.
  • Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt über 699 US-Dollar pro Jahr.

Am Beispiel des Staates Singapur (der von Schwellenländern umgeben ist) kann man typische Eigenschaften von Schwellenländern verdeutlichen. Singapur zieht langfristige Großinvestitionen wie z.B. Chemiefabriken oder Raffinerien an, weil es mehr als Geld, Land und Steuernachlässe zu bieten hat: Qualifizierte Arbeiter, politische Berechenbarkeit, Sicherheit, Schutz des geistigen Eigentums, wenig Korruption und eine hohe Lebensqualität.[1] All dies lässt in Schwellenländern zu wünschen übrig. Als eine Ursache für Spannungen und Probleme gilt ein starkes Bevölkerungswachstum.

Viele Währungen von Schwellenländern sind von einer hohen Inflation gekennzeichnet sowie von starken Kursschwankungen gegenüber den großen Weltwährungen.

Liste von Ländern[Bearbeiten]

Länder nach Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf, 2006
OECD-Staaten, 2010
  • Gründerstaaten
  • Beitrittstaaten

Von verschiedenen Institutionen (zum Beispiel Weltbank, OECD, IWF, EG) wurden in den letzten Jahrzehnten Listen mit Schwellenländern erstellt. Eine verbindliche Liste der Schwellenländer gibt es nicht, ihre Zahl schwankt je nach Liste zwischen 10 und 30. Eine verbindliche Übersetzung in die englische Sprache gibt es ebenfalls nicht; es gibt mehrere englische Begriffe, die mit 'Schwellenland' übersetzt werden können (emerging nation, newly industrialising country, threshold country, emerging market).

Allgemeingültige, messbare und akzeptierte Normen fehlen. Die Weltbank kategorisiert 55 Länder als 'Schwellenländer' (Upper-middle-income economies[2]), darunter Südafrika, Mexiko, Brasilien, Malaysia, Ukraine, Russland und die Türkei. Der Internationaler Währungsfonds (IWF) kategorisiert 150 Länder als 'Schwellenländer' (Emerging and developing economies[3]), darunter Südafrika, Mexiko, Brasilien, Pakistan, die Volksrepublik China, Indien, die Philippinen, Thailand, Malaysia, Äthiopien, Ungarn, Polen, Litauen, Ukraine, Russland und die Türkei.

Oft werden auch die BRICS-Staaten sowie die MIST-Staaten (wie die BRICS-Staaten ein von Jim O'Neill von Goldman Sachs geprägter Begriff für Mexiko, Indonesien, Südkorea und die Türkei)[4] zusammenfassend als Schwellenländer bezeichnet.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und die Europäische Union unternahmen gemeinsam den Versuch, auch soziale und politische Indikatoren zur Bestimmung von Schwellenländern durchzusetzen. Der Versuch wurde auf internationaler Ebene abgewiesen. Daraufhin zog das BMZ seine 30 Schwellenländer umfassende Liste, die unter anderem auch Ecuador und Nicaragua enthielt, wieder zurück.

Emerging Markets[Bearbeiten]

Ökonomen und Investoren bezeichnen Schwellenländer als 'Emerging Markets'. Manchmal ist damit eine ganze Volkswirtschaft gemeint (oder sogar die Gesamtheit der Volkswirtschaften aller Schwellenländer); manchmal nur 'Land XY als Absatzmarkt'; manchmal die Aktienmärkte eines Landes; manchmal sind noch andere Teilbereiche der Volkswirtschaft gemeint. Merkmale der Emerging Markets sind jedoch die hohe Wachstumsdynamik aufgrund nachholender Industrialisierung und/oder hoher Rohstoffexporte, hohe Renditen und hohe Investitionen. Dieser Investitionsboom und die nachholende Industrialisierung der Emerging Markets dämpften in der Krise 2008–2010 die Folgen der Finanzkrise für die Realwirtschaft (vor allem für die Investitionsgüterindsutrie) in den USA und Europa. 2014 zeichnete sich ab, dass diese Dynamik ihre Grenzen hat und vor allem China auf lange Sicht nicht mehr als „Lokomotive der Weltwirtschaft“ dient. Nach Abklingen des Booms rückt danach die zweite Reihe, die sog. „Frontier Markets“ ins Zentrum der Interesse der Investoren. Dazu zählen u.a. Vietnam, Bangladesh und viele afrikanische Staaten.[5]

Wachstumkrise der Schwellenländer seit 2014[Bearbeiten]

Seit 2013 kam es im Anschluss an einen Rohstoff- und Eportboom in vielen Schwellenländern zu einem Wirtschaftsabschwung, der sich durch den Verfall des Ölpreises und anderer Rohstoffe 2014 vor allem in den Öl fördernden Schwellenländern beschleunigte und 2015 zu einer Wachstumskrise bis hin zur drohenden Rezession auswuchs. Für letztere Entwicklung war auch der krisenhafte Verlauf der Umstrukturierung der chinesischen Wirtschaft von der auf niedrigen Arbeitskosten basierenden Massenproduktion hin zu einer binnenmarktorientierten und wissensbasierten Ökonomie ausschlaggebend, deren Rohstoffbedarf sich stark reduzierte. Diese und andere Faktoren führten zu einem massiven Kapitalabzug aus den Schwellenländern, deren im Vergleich zu früheren Jahre bescheidene Wachstumsraten in Verbindung mit steigender Inflation auf internationale Investoren abschreckend wirken.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Die Schwellenländer, vor allem die BRIC-Staaten, waren in relativ geringem Maß von der Finanzkrise 2008 betroffen. Vor, aber auch nach der Finanzkrise flossen in Erwartung eines Globalisierungsbooms bzw. in der Hoffnung auf dessen Fortsetzung umfangreiche Investitionen aus dem Dollar- und Euroraum in die Schwellenländer und in die extraktive Wirtschaft dieser Staaten (Ölförderung, Bergbau, Cash Crops). Zunächst wurden die BRIC-Staaten seit ca. 2001, später auch die MIST-Länder (Mexiko, Indonesien, Südkorea, Türkei) sowie Kasachstan, Malaysia, Thailand und andere zu Zielen teils spekulativer Kapitalanlagen, die sich vom vermuteten weiteren Anstieg der Rohstoffpreise, von der Perspektive einer dynamischen Globalisierung der Weltwirtschaft und einer forciert nachholenden Industrialisierung der Schwellenländer leiten ließen. Zahlreiche Investmentfonds fokussierten ihre Anlagen auf diese Staaten bzw. auf die dort geförderten oder produzierten Rohstoffe wie Öl, Gold, Kupfer, Nickel, Palmöl, Soja usw.

Nach der Finanzkrise verstärkte sich der Kapitalzufluss in die Schwellenländer sogar wegen der Niedrigzinspolitik in den USA und Europa. Insgesamt flossen durch den Rohstoff- und Industrialisierungsboom von 2000 bis 2012 ca. 5 Billionen US-Dollar in die Schwellenländer. Viele Unternehmen nutzten Dollar- und Eurokredite sowie Kredite in Schweizer Franken, um ihre Kapazitäten auszubauen. Ebenso stiegen die Staatsverschuldung der Schwellenländer sowie (besonders in Malaysia und Thailand) der Verschuldungsgrad privater Haushalte. Der kreditfinanzierte Investitionsboom zog teils gigantische Infrastrukturprojekte, einen privaten Bauboom, den Abbau der Arbeitslosigkeit und einen Anstieg des Wohlstands vieler privater Haushalte nach sich. So stieg der Anteil der BRIC-Staaten am kaufkraftbereinigten globalen Bruttoinlandprodukt bis 2015 auf ca. 27 Prozent und verdoppelten sich damit innerhalb von knapp 15 Jahren. Gleichzeitig stiegen 2010 bis 2013 die Importquoten der USA und Europas im Zuge der Erholung des Welthandels kräftig an. Im Gegenzug versechsfachten sich Deutschlands Exporte in die BRIC-Staaten im Zeitraum von 1999 bis 2011, wovon vor allem Autoindustrie, Maschinenbau, chemische und Elektroindustrie profitierten.

Schon 2012 wurde vielfach von einer „überoptimistischen Globalisierungseuphorie“ gesprochen. [6] Auch negative Wirkungen des Ressourcenfluchs, der auf der starken Abhängigkeit vieler Länder von Rohstoffexporten lag, wurden deutlich. Erzielte z. B. Brasilien 2011 noch einen Rekordaußenhandelsüberschuss von fast 30 Milliarden durch hohe Preise für Rohstoffe wie Eisenerz, Sojabohnen und Rohöl, so schrumpfte dieser im Jahr 2013 auf knapp 2,6 Milliarden Dollar.[7]

Vor allem aber gründeten sich die andauernden Kapitalzuflüsse immer weniger auf realistische Wachstumserwartungen, sondern die Wachstumserwartungen gründeten sich umgekehrt auf die spekulative Erwartung weiterer Kapitalzuflüsse angesichts vermutlich langfristig niedriger Zinsen in den USA und Europa. Dabei gerieten immer mehr Schwellenländer aus der zweiten Reihe ins Visier spekulativer Investoren.[8]

Der Zufluss von Kapital aus dem Ausland begünstigte auch die Korruption in Staaten mit wesentlicher staatlicher Beteiligung an der Wirtschaft wie Malaysia, verzögerte die Schließung unrentabler Staatsbetriebe in vielen Ländern und förderte die Ausbreitung der Schattenwirtschaft.

Hinzu kamen wegen der teils fünfzehnjährigen Prosperitätsphase in verschiedenen Ländern unterlassene Strukturreformen (z.B. Bürokratieabbau), die die Effektivität der Investitionen und die Steigerung der Arbeitsproduktivität behinderten. Zu nennen sind auch die Streikwelle 2013 und die allgemein krisenhaften Arbeitsbeziehungen in Südafrika sowie der im Verhältnis zum Bevölkerungswachstum viel zu langsame Ausbau des Bildungswesens in Brasilien und Indonesien. So erlebte Indonesien von 1999 bis 2014 eine weitgehend ungestörte Boomphase, die den bescheidenen Wohlstand vermehrte, allerdings auf Java zentriert war und nicht zur Entwicklung der Human Resources und der maroden Infrastruktur genutzt wurde. Russlands Wachstums wurde zudem durch die Sanktionen der EU und der USA im Zuge der Ukrainekrise bei gleichzeitig fallenden Ölpreisen gedämpft.

Auch gelang es trotz steigender Lohnkosten nicht, die in vielen Schwellenländern extreme soziale Ungleichheit zu reduzieren. Diese hat in Brasilien, Indonesien, aber auch in Indien in Form des Kastenwesens eine deutlich wachstumshemmende Wirkung. Der Gini-Index als Maß der Ungleichheit der Einkommensverteilung wuchs durch den Investitionsboom sogar weiter an.

Ein entscheidender Faktor für die Zuspitzung der Wachstumskrise war jedoch die durch die staatliche chinesische Politik unterstützte Blasenbildung an den Immobilien- und Finanzmärkten Chinas.

Ölpreisverfall[Bearbeiten]

Ursächlich für den Einbruch der Exporterlöse der Schwellenländer war vor allem der Verfall der Ölpreise seit April 2014. Dieser war bedingt durch die vorausgehende starke Expansion der Förderung, die – gemessen am infolge der Energiewende nur langsam wachsenden Bedarf – zu Überkapazitäten führte. Dazu trug wesentlich der Aufstieg der USA zum Exportland von Fracking-Öl bei, welches innerhalb von nur vier Jahren seine Ölfördermenge verdoppelte. Laut Weltenergiebericht 2015 der BP stieg die US-Ölförderung 2014 um den Rekordwert von 1,6 Millionen Barrel pro Tag. Auch die Gasproduktion der USA legte weiter zu, so dass sie Russland als weltgrößte Fördernation der beiden Rohstoffe insgesamt und Saudi-Arabien als größten Ölförderer verdrängten.[9]

Während die Ölförderkosten aufgrund der Erschließung abgelegener Lagerstätten z. B. in der Polarregion weltweit stiegen und die Konkurrenz durch erneuerbare Energien zunahm, reagierten die OPEC-Staaten, allem voran Saudi-Arabien, anders als bei vergangenen Ölpreisabstürzen nicht mit einer Reduzierung der Fördermengen. In Erwartung steigender Ölpreise gebunkerte Ölreserven der großen Mineralölkonzerne mussten von diesen sogar verkauft werden. Hinzu kam perspektivisch das Auftreten Irans als neuer großer Anbieter auf dem Weltmarkt nach dem Wegfall der Sanktionen.

Durch den Ölpreisverfall – im August 2015 erreichte der Preis für ein Barrel US-Öl mit 39 Dollar ein Sechsjahrestief[10] – sanken staatliche Einnahmen und Unternehmensgewinne der Öl und Gas fördernden bzw. exportierenden Länder (vor allem in Brasilien, Russland, Kasachstan, Venezuela) rasch ab; zur Kompensation der zurückgehenden Einnahmen aus dem Ölverkauf wurden verstärkt andere Rohstoffe auf den Markt geworfen, was auch zu deren Preisverfall beitrug. Der Eisenerzpreis halbierte sich von Anfang 2014 bis Anfang 2015 von 135 auf 67 US-Dollar, wofür die sinkende Nachfrage aus China ausschlaggebend war.[11] Ebenso sanken der Nickelpreis innerhalb von 12 Monaten bis August 2015 um 38 Prozent[12] und der Kupferpreis im gleichen Zeitraum um 20 Prozent.[13]

In der Folge stieg die Verschuldung von rohstoffexportierenden Staaten, aber auch von rohstofffördernden Unternehmen, die wegen der niedrigen Zinsen in den USA und Europa Dollar- und Eurokredite aufgenommen hatten, innerhalb kurzer Zeit rasch an. Länder wie Indien, die Türkei und insbesondere Südkorea, die in geringerem Maße abhängig von Rohstoffexporten sind, konnten sich dem Trend zunächst entziehen, doch auch ihr Außenhandelsdefizit wuchs.

Von 2006 bis 2014 verdoppelten sich die Auslandsschulden der MIST-Staaten; diejenigen Indiens wuchsen auf das Zweieinhalbfache. Malaysia, dass sich mit seiner weitgehend von Staatsfonds kontrollierten Wirtschaft den Vorgaben des IWF widersetzte, wies auch 2014 eine aktive Außenhandelsbilanz auf, wenngleich die Staatsverschuldung anstieg.

Die Ratings verschiedener Schwellenländer wurden stark herabgesetzt; die Wechselkurse ihrer Währungen der Schwellenländer gegenüber Dollar und Euro brachen ein bzw. wurden wie im Fall Chinas 2015 gezielt abgewertet, um die Konjunktur zu stimulieren. Dadurch stiegen Inflation und Zinsen in den Schwellenländern deutlich an (in Brasilien bspw. auf über 14 Prozent). Unternehmen und Staaten fiel es immer schwerer, Fremdwährungskredite zu bedienen, während sie ihre Erträge bzw. Steuern in Landeswährung bezogen.

Als im Sommer 2015 Zinserhöhungen in den USA für den Herbst des Jahres angekündigt wurden, setzte eine massive Kapitalflucht aus den Schwellenländern ein, deren Börsen einbrachen, wobei das Zinsniveau weiter anstieg. So verlor die türkische Lira von Januar bis August 2015 etwa 28 Prozent ihres Werts gegenüber dem US-Dollar,[14] der Rubel seit Ende 2012 bis August 2015 etwa 50 Prozent und die indonesische Rupiah etwa 25 Prozent gegenüber dem Euro, der Ringgit fiel auf den Tiefststand seit 1998.

Die Schlüsselrolle Chinas[Bearbeiten]

China weist zwar 2015 immer noch ein im Vergleich zu Europa beachtliches Wachstum auf, doch sank es 2014 auf den niedrigsten Stand seit 25 Jahre. Diese Entwicklung spielte eine katalytische Rolle für die Wachstumskrise in anderen Schwellenländern.

Der geplante Umbau der chinesischen Wirtschaft von der staatlich gelenkten Massenproduktion zur Hochtechnologie und binnenmarktorientierten Dienstleistungsökonomie verlief nicht ohne gravierende Verwerfungen. Trotz Abwertung der Landeswährung zur Steigerung der Exporte wurden zahlreiche Unternehmen geschlossen. Infolge dessen ging der Rohstoffbedarf Chinas, das in seiner Rolle als „Werkbank“ der USA und Europas eines der wichtigsten Rohstoffe importierenden Länder ist und weltweit in die Erschließung und Förderung von Rohstoffen investiert hatte, stark zurück. Die Weltmarktpreise von Öl, Eisenerz, Kupfer, Nickel usw. fielen weiter. Davon waren vor allem Brasilien, das erst kurz zuvor durch große Investitionen zum Netto-Rohölexporteur geworden war, sowie andere lateinamerikanische Länder betroffen, deren wichtigster Absatzmarkt bei bestimmten Rohstoffen China geworden war.

Vorläufig als Fehlschlag erwies sich das Vorhaben der chinesischen Regierung, den Wandel der Industrie weg von der „Werkbank der Welt“ und die dafür erforderliche schrittweise Reform des privaten Bankensystems durch die Stimulierung des Aktienmarktes zu bewältigen, während die Staatsbanken, vor allem die China Development Bank weiterhin die großen Staats- oder staatsnahen Konzerne wie Huawei und einen überaus ehrgeizigen Ausbau der Infrastruktur finanzieren sollten. 2013 betrug die Investitionsquote in China fast 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Viele dieser Investitionen versickerten ohne nachhaltige Effekte in schwach entwickelten Regionen (Politik der „neuen Seidenstraße“ mit der Stadt Xi’an als Ausgangspunkt). So wurden zahllose Flughäfen (allein 97 waren für die Jahre von 2008 bis 2020 geplant), Häfen, Straßen und Hochhaussiedlungen gebaut, die allerdings dort, wo sie errichtet wurden, nicht immer benötigt wurden. Die Investitionen in staatsnahe Unternehmen erlaubten diese, zu Dumpingpreisen zu exportieren. Die Abwanderung vom Lande in die Stadt und insbesondere in die Städte der Küstenzone beschleunigte sich mit der Zunahme der Investitionen und dem steigenden Wohlstand. 2013 stiegen die Landverkäufe auf einen Rekordwert, der 50 % über dem von 2012 lag. Lag der Urbanisierungsgrad in China 1990 bei 26 Prozent, so leben heute ca. 55 Prozent der Chinesen in den Städten. Damit stieg aber auch die Anfälligkeit des Arbeitsmarktes gegenüber Schwankungen der Auftragslage von exportintensiven Großunternehmen, um die herum zahlreiche Schlafstädte aus dem Boden gestampft wurden. Im Hinterland kam es hingegen zu massiven Leerständen in Städten jenseits der ersten Reihe, ja zu Geisterstädten. [15] 2014 brach der Wohnungsbau dann deutlich ein.

Die Gesamtverschuldung Chinas war durch den Investitionsboom von 158 Prozent des Bruttoinlandprodukts 2007 auf 282 Prozent im Jahr 2014 gestiegen und überschritt damit relativ die Verschuldung der USA. Dabei spielen die Lokalregierungen eine treibende Rolle; sie finanzierten sich durch den Verkauf von Landnutzungsrechten und förderten damit die Immobilienblase.[16] Millionen von Kleinsparern - man spricht von 5 Prozent der Bevölkerung - legten unter dem Einfluss der Propaganda einen großen Teil ihrer Ersparnisse an der Börse an. Der Composite Index der Börse in Shanghai stieg innerhalb eines Jahres um mehr als 150 Prozent; vom Höhepunkt dieser Blasenbildung am 12. Juni 2015 bis zum 25. August 2015 fiel er dann um ca. 42 Prozent.[17] Diese Entwicklung löste im Sommer 2015 panikartige Kapitalrückflüsse auch aus anderen Schwellenländern nach Nordamerika und Europa aus.

Auswirkungen[Bearbeiten]

Der weitere Verlauf und die Auswirkungen der Entwicklung sind derzeit (August 2015) noch kaum absehbar, am wenigsten wohl im Falle Chinas. Dort sind jedoch Beeinträchtigungen des Konsums und der Investitionen zu erwarten. Sinken wird das Bruttoinlandsprodukt 2015 vermutlich in Brasilien, Mexiko, Algerien und der Türkei[18] sowie in Russland.[19] In Deutschland könnten die Automobil- und Elektroindustrie, der Maschinenbau (dessen Hauptabnehmer China ist) sowie die autonahe chemische Industrie betroffen sein. Auch die Seeschiffahrt und der Containerumschlag des Hamburger Hafens, der mit 9,7 Millionen 20-Fuß-Standardcontainern (TEU) bis 2014 noch nicht wieder das Niveau von 2007 erreicht hatte, dürften leiden. Der Handel mit China machte davon allein 2,97 Millionen TEU aus. Auch der Seehandel mit Russland ging 2014 zurück.[20]

Die Investitionen in die Erschließung neuer Ölquellen und in Fracking werden weltweit zurückgehen. Die Frackingindustrie in den USA hat bereits Förderanlagen in großem Stil abgebaut; dieser Trend wird sich fortsetzen.

Die Gründung der New Development Bank der BRICS-Länder, die 2016 aktiv werden soll, kommt vermutlich für eine in einigen Schwellenländern zu erwartende Krise zu spät, um eine erhebliche Rolle bei ihrer Bekämpfung spielen zu können.[21]

Die Importe von Maschinen, Ausrüstungen und hochwertiger Konsumgüter (v. a. Autos) in die Schwellenländer gehen derzeit massiv zurück. Die in den letzten zehn bis zwanzig Jahren stark angewachsenen Mittelschichten dieser Länder werden durch Inflation, geplatzte Immobilien- und Börsenblasen sowie durch das Durchschlagen der Krise auf den Arbeitsmarkt Mühe haben, ihren Wohlstand zu halten, wenn es nicht zu einem schnellen Wiederanstieg der Rohstoffpreise kommt. Die Unzufriedenheit mit den Regierungen wächst; politische Verwerfungen sind in einigen Ländern absehbar (z.B. in Brasilien). Die Staats- und Unternehmensverschuldung in Hartwährungen wird die Rückzahlbarkeit der Kredite und das Rating einiger Schuldnerländer über längere Zeit hinweg gefährden.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. FAZ (Christoph Hein, FAZ-Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur): Asien bekommt die Wirklichkeit zu spüren - vor allem in Südostasien, wo die Unsicherheit wächst und Aktien- und Wechselkurse zunehmend verfallen.
  2. The World Bank - Country Groups
  3. | International Monetary Fund - Country Groups Information
  4. In Verbindung mit einer Investitionsempfehlung für Finanzprodukte, die zum größten Teil von Goldman Sachs gemanagt werden, siehe Handelsblatt 21. August 2012: Die Anlagestrategie ist MIST, online: [1]
  5. DWS (Deutsche Bank), 19. August 2015 [2]
  6. Wo die BRIC-Staaten schwächeln. Handelsblatt, 16. März 2012.
  7. AP/Reuters lt. Handelsblatt, 3. Januar 2014 [3]
  8. Christoph Hein: Thailand und Malaysia: Krise, aber keine zweite Asien-Krise. FAZ-net, 28. August 2013 [4]
  9. nach Deutsche Wirtschafts-Nachrichten, 12. Juni 2015 [5]
  10. dpa-Meldung vom 24. August 2015 [6]
  11. Finanzen-Net, 3. Februar 2015 [7]
  12. Finanzen.net, 25. August 2015 [8]
  13. Finanzen.net, 25. August 2015 [9]
  14. ‘‘Türken fliehen aus der Lira.‘‘ Handelsblatt, 21./22./23. August 2015, S. 32 f.
  15. German Trade & Invest, 21. Oktober 2014, online: [10]
  16. ‘‘Ende eines Traums?‘‘ Handelsblatt, 21./22./23. August 2015, S. 42 ff.
  17. Shanghai Composite, 25. August 2014
  18. Weltbankprognose lt. n-tv, 12. Juni 2015 [11]
  19. IWF-Prognose lt. Handelsblatt, 3. August 2015 [12]
  20. Hamburger Hafenstatistik 2014
  21. Nina Trentmann: ‘‘Wir wollen zeigen, dass wir anders sind.‘‘ Die Welt, 23. August 2015, online: [13]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Schwellenland – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Literatur[Bearbeiten]

  • Franz Nuscheler: Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik. Bonn 2004, ISBN 3-8012-0350-6