Seelenwaage

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Engel des Weltgerichts: Engel mit Seelenwaage und Posaune (Wallfahrtskirche Maria Gail)

Die Seelenwaage (auch Seelenwägung) gilt in der christlichen Ikonografie als eines der beiden Attribute des Erzengels Michael. Sein Charakter ist es, sich gegen jeden zu stellen, der Gott als oberste Institution in Zweifel zieht. Michael gilt insbesondere als Bezwinger des Teufels in Gestalt des Drachen (Höllensturz) sowie als Anführer der himmlischen Heerscharen. Für diesen Status des Erzengels steht als Symbol sein Feuerschwert.

Weiterhin spielt Michael eine wichtige Rolle im Totenkult des traditionellen christlichen Glaubens. Er erstellt ein Verzeichnis über die guten und schlechten Taten im Leben eines jeden Menschen und legt es an dessen Sterbetag (Partikulargericht) und am Tag des Jüngsten Gerichtes Gott für dessen Urteil über den Menschen vor (Paradies oder ewige Verdammnis). Als sichtbares Zeichen dieses Status trägt er eine Waage in seiner Hand, die Seelenwaage, mit der er Gut und Böse abwägt. Die Farbmystik ordnet dem Erzengel Michael die Farbe Rot, die für Feuer, Wärme und Blut steht, in allen Schattierungen zu.

Ein anschauliches Beispiel findet sich in der Pfarrkirche von Maria Gail (Südkärnten), an deren Außenmauer eine Steinplastik mit einer Darstellung des Weltgerichtes angebracht ist. Abgebildet sind der Erzengel Michael mit Schwert und Seelenwaage sowie ein weiterer Engel mit Posaune und Kreuz. Die Relief-Plastik dürfte vor 1300 entstanden sein und stellt eine kunsthistorische Rarität dar (wobei die Zuschreibung der Seelenwage zum Erzengel Michael sekundär ist, wie die gleichrangige Darstellung der beiden Engel zeigt – die Posaune wurde später keinem Erzengel zugeordnet).
Ein weiteres Beispiel früher Darstellungen des Seelenwägens befindet sich am Westtympanon der Kathedrale Saint-Lazare im burgundischen Autun. Dort schuf der Bildhauer Gislebertus im 12. Jahrhundert eine Darstellung des Jüngsten Gerichts, in der sich auch das Motiv des Seelenwägens findet.

Auf Gotland schuf der Michaelsmeister um 1260 eine große Himmelshälfte in der Kirche von Vamlingbo. Der niederländische Maler Rogier van der Weyden (15. Jahrhundert) greift in seinem Altarbild Das Jüngste Gericht (im Hôtel-Dieu, Beaune) in nahezu vollendeter Weise die damals gängige Ikonografie auf. Michael wägt die Seelen, die, durch den Klang der Posaunen erweckt, aus ihren Gräbern kriechen, um sich dem Gericht zu stellen. Er ist gekleidet wie ein Diakon, mit Albe, der diagonal über die Brust verlaufenden Stola und einem schweren, prunkvollen Chormantel aus rotem Goldbrokat, der mit einer Fibel geschlossen wird. Die segnende Geste des richtenden Erzengels weist den Seligen den Weg zur Paradiespforte, dargestellt durch ein gotisches Portal mit Porphyrsäulen und vergoldetem Tympanon, wo sie vom Erzengel Gabriel, dem Paradieswächter, empfangen werden. Den Verdammten dagegen weist die Geste des Richters, unterstrichen durch das blutrote Gerichtsschwert, den Weg zur Hölle, aus deren weitgeöffnetem schwarzem Schlund die Flammen emporlodern.

In der Barockzeit waren Seelenwägerabbildungen als Tafelbilder, Fresken oder Plastiken weit verbreitet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Leopold Kretzenbacher: Die Seelenwaage : Zur religiösen Idee vom Jenseitsgericht auf der Schicksalswaage in Hochreligion, Bildkunst und Volksglaube. Klagenfurt: Landesmuseum f. Kärnten, 1958 (Buchreihe des Landesmuseums für Kärnten ; 4)
  • Otto Rudolf Kissel: Die Justitia : Reflexionen über ein Symbol und seine Darstellung in der Bildenden Kunst. - München : Beck, 1984.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Seelenwaage – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien