Seidenlaubenvogel

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Seidenlaubenvogel
Weiblicher Seidenlaubenvogel (Ptilonorhynchus violaceus)

Weiblicher Seidenlaubenvogel (Ptilonorhynchus violaceus)

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Ordnung: Sperlingsvögel (Passeriformes)
Unterordnung: Singvögel (Passeri)
Familie: Laubenvögel (Ptilonorhynchidae)
Gattung: Ptilonorhynchus
Art: Seidenlaubenvogel
Wissenschaftlicher Name
Ptilonorhynchus violaceus
(Vieillot, 1816)
Männchen

Der Seidenlaubenvogel (Ptilonorhynchus violaceus) ist ein im östlichen und südöstlichen Australien lebender Singvogel und wird auch Satinlaubenvogel genannt. Er zählt zu den 17 Arten innerhalb der 20 Arten umfassenden Familie der Laubenvögel, die mit aufwändig gebauten und geschmückten Balzplätze um die Gunst eines Weibchens werben.[1]

An der Brut und der Aufzucht der Jungvögel beteiligt sich das Männchen nicht. Er verteidigt auch kein Revier. Das Weibchen wählt ihren Partner allein nach der Qualität der Laube und dem gezeigten Balztanz aus. Die Lauben der Männchen sind in der Regel 100 Meter voneinander entfernt, so dass das Weibchen die Wahl unter mehreren Männchen hat.[2] Einige Männchen gelingt es, mit ihrem Laubenbau eine große Zahl von Weibchen anzulocken. Sehr erfolgreiche Männchen verpaaren sich mit zwanzig bis dreißig Weibchen. Andere Männchen bleiben dagegen erfolglos und kommen nicht zur Verpaarung.

Seidenlaubenvögel sind sehr langlebig und brauchen mehrere Jahre, bis sie ihre Geschlechtsreife erreicht haben. Auf Grund der Intelligenzleistung, die sie beim Bau ihrer Lauben zeigen, werden sie zu den intelligentesten unter den Vögeln gezählt.[1]

Die IUCN stuft die Bestandssituation des Seidenlaubvogels als ungefährdet (least concern) ein.[3]

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Seidenlaubenvogel wird 28 bis 32 cm lang. Das Gefieder des Männchens ist blauschwarz, das des Weibchens blaugrau bis olivgrün.

Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Seidenlaubenvogel lebt in Regen- und Eukalyptuswäldern entlang der australischen Ostküste. Er ist aber auch in Parks und Gärten zu finden.

Nahrung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vogel ist ein Allesfresser und ernährt sich von Beeren, Früchten, Blütennektar und Insekten.

Laube und Balz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bau der Laube[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laube des Seidenlaubenvogels (Ptilonorhynchus violaceus); um die Laube sind blaue Strohhalme und Plastikflaschenverschlüsse verteilt
Seidenlaubenvogel in einer mit blauen Blüten und blauen Gegenständen ausgelegten Laube
Männchen in seiner Laube

Das Männchen säubert einen Teil des Waldbodens und errichtet einen Balzplatz, eine Art Laube aus Zweigen, deren Bögen ca. 35 cm hoch und 45 cm lang sind und immer in Nord-Süd-Richtung gebaut werden. Der Lichteinfall scheint bei der Wahl des Balzplatzes eine Rolle zu spielen. Einzelne Männchen wurden dabei beobachtet, wie sie gezielt Blätter aus den überhängenden Bewuchs entfernen, um diesen Lichteinfall zu verbessern.[4]

Das Männchen verbaut beim Bau der Laube hunderte von Zweigen. Erfahrene Männchen wählen dabei dünne, gerade Äste, die alle ähnlich lang sind und verbauen sie zu zwei dichten, leicht zueinander geneigten Wänden. Die Wände sind symmetrisch. Um dies zu erreichen, nutzt der Seidenlaubenvogel eine spezifische Technik. Einen Zweig im Schnabel haltend, positioniert er sich in der Mitte des Laubenganges. Er bewegt sich von der Mitte aus zunächst zu einer Seite seiner Laube und bewegt sich dann mit exakt gleichen Bewegungen zur anderen Seite der Laube, um dort den Ast zu verbauen.[4] Die beiden Wände der Lauben entstehen auf diese Weise gleichzeitig. In Experimenten konnte jedoch nachgewiesen werden, dass Seidenlaubenvögel in der Lage sind ihre Bauweise zu adaptieren. In Experimenten wurde nur eine Seite der Laube zerstört. Seidenlaubenvögel bauen danach nur die fehlende Seite des Laubengangs auf.[5]

Schmücken der Laube[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Laube wird vom Männchen mit blauen, blaugrünen und gelben Gegenständen, wie Blüten, Federn, Insekten, Beeren, Schneckenhäusern, Glasscherben oder Zivilisationsmüll, wie Kugelschreiber und Plastikspielzeug, ausgelegt. Es sind Farben, die vor dem dämmrigen Hintergrund des Waldbodens besonders intensiv auffallen. Blau ist außerdem die Farbe, die in Form von Blüten oder Beeren am seltensten in der Natur zu finden ist.[6] Während des Schmückens der Laube nehmen die Männchen immer wieder die Position ein, aus der sich ein Weibchen der Laube nähern würde und dekorieren dann entsprechend ihre Laube um.[7]

Die Männchen stehlen sich gegenseitig das blaue Dekorationsmaterial. Ein reich dekorierte Laube ist deswegen auch der Hinweis darauf, dass das Männchen in der Lage ist, sich gegenüber den benachbarten Männchen durchzusetzen, diese zu überlisten und Material aus ihren Lauben zu stehlen und gleichzeitig seine eigene Laube vor Diebstahl zu schützen.[2] Die Lauben der Männchen sind etwa 100 Meter voneinander entfernt und stehen damit außerhalb der Sichtweite der einzelnen Männchen. Die Fähigkeit der Männchen, die Lauben anderer Männchen gezielt aufzusuchen, ist Beleg dafür, dass die Männchen über eine mentale Landkarte ihrer Umgebung verfügen. Ein Männchen, das die Laube eines benachbarten Seidenlaubenvogels aufsucht, fliegt geräuschlos in deren Nähe und beobachtet die Umgebung von einer Warte aus. Ist der Laubenbesitzer nicht in der Nähe, nähert er sich dann der Laube. Einige der Männchen begrenzen sich nicht nur auf den Diebstahl von Dekorationsmaterial aus den Lauben ihrer Konkurrenten, sondern zerstören deren Lauben auch mit schnellen Bewegungen innerhalb weniger Minuten.[2]

Das Männchen nutzt außerdem blaue Beeren – eine von dieser Vogelart bevorzugte Farbe – und verteilt das Fruchtfleisch mit dem Schnabel oder mit einem Zweigchen an den zur Laube aufgerichteten Zweigen. Auch dies ist ein wesentliches Element, um Weibchen anzuziehen. Zu den Lauben, bei denen experimentell diese Bemalung entfernt wurde, kehrten deutlich weniger Weibchen zurück.[8] Weibchen wählen grundsätzlich ihren Partner auch danach aus, wie stark die Laube geschmückt ist. Wurde experimentell die Dekoration der Laube entfernt, sanken die Chancen eines Männchens, sich mit einem Weibchen zu verpaaren, sehr deutlich.[5]

Aversion gegen Rot[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rote Blüten oder Gegenstände, die experimentell in die Lauben platziert werden, werden von den Männchen sofort entfernt. Vermutet wird, dass die Kombination aus Blau (Blüten und Gegenstände) und Gelbtönen (die trockenen Zweige der Laube) ein klares und unübersehbares Signal an die Weibchen sendet. Die Farbkombination ist im Lebensraum des Seidenlaubenvogels ansonsten so nicht anzutreffen. Jegliche Farbtöne, die die Klarheit des Signals stören, werden deshalb sofort entfernt.[2]

Erlernen des Laubenbaus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Laubenbau, den der Seidenlaubenvogel zeigt, wird zu einem großen Teil als Jungvogel erlernt. Ähnlich wie die Perfektionierung des Balzgesanges bei vielen Singvögeln scheint der elaborierte Laubenbau, den ein ausgewachsener männlicher Seidenlaubenvogel zeigt, dem Weibchen Hinweise auf seine kognitiven Fähigkeiten zu geben. Die männlichen Jungvögel verwenden entsprechend viel Zeit auf das Erlernen dieser Fähigkeit, die maßgeblich ihren Fortpflanzungserfolg bestimmt.[9]

Junge Männchen bauen zunächst nur sehr unzureichende Lauben. sie wählen typischerweise Ästchen für den Bau der Laubenmauern aus, die zu dick sind, zu unterschiedliche Längen haben und beherrschen auch noch nicht die Fähigkeit, die es ihnen ermöglicht, symmetrische Mauern zu bauen. Die ersten Bauten sind reine Übungslauben, an denen häufig mehrere Jungvögel arbeiten. Sie arbeiten daran nicht kooperativ - ein einzelner Jungvögel verbaut beispielsweise einzelne Ästchen, der nächste Jungvogel zerstört das existierende Bauwerk und beginnt von vorne, ein dritter setzt weitere Ästchen hinzu.[9]

Jungvögel perfektionieren ihre Technik, indem sie ältere Vögel nachahmen. Sie besuchen regelmäßig die Lauben älterer Seidenlaubenvögel und helfen dort aus. Sie erlernen auch das Balzverhalten, indem sie sich der Laube ähnlich wie ein Weibchen nähern und dem Männchen bei dessen Balztanz und -gesang zusehen. Die älteren Männchen tolerieren dies, weil sie ebenfalls von der Übung vor einem zusehenden Artgenossen profitieren.[8]

Balz um das Weibchen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der fertigen Laube warten die Männchen darauf, dass ein Weibchen sich für ihre Laube interessiert. Sobald ein Weibchen sich dem Laubeneingang nähert, beginnt er mit einem komplizierten Balztanz, der aus Hüpfbewegungen, schnellem Laufen und abrupten, schnellen Bewegungen der Flügel und Spreizen der Schwanzfedern besteht. Die Männchen ahmen dabei die Rufe einer Reihe anderer Vogelarten nach. Beschreiben wurden dabei für einzelne Männchen die Rufe des Jägerliests, des Goldohr-Honigfressers, des Gelbhaubenkakadus, einer australischen Krähenart und des Gelbohr-Rabenkakadus.[10]

Partnerwahl durch das Weibchen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weiblicher Seidenlaubenvogel, Victoria, Australien

Weibchen suchen in ihrem jeweiligen Areal die Lauben mehrerer Männchen auf.[1] Sie beurteilen die Männchen nach ihren „architektonischen Fähigkeiten“ und ihrem Balzverhalten. Ein vollständige und dekorierte Laube signalisiert dem Weibchen nicht nur, dass das Männchen ausreichend erfahren ist, um den Bau zu bewerkstelligen, sondern dass er auch in der Lage ist, diesen gegenüber anderen Männchen zu verteidigen.[2] Weibchen bleiben zwischen einigen Sekunden und einer halben Stunde in der Laube eines einzelnen Männchens.[10] Bis zur finalen Entscheidung besucht sie einzelne Lauben dabei mehrfach.[8]

Ackermann weist darauf hin, dass die Partnerwahl auch dem Weibchen eine erhebliche Intelligenzleistung abverlangt. Sie muss über die Balzzeit hinweg die Zahl der potentiellen Kandidaten sichten und aussortieren, deren Lauben versteckt unter Büschen mitunter Kilometer auseinanderliegen. Begegnet sie einem neuen potentiellen Partner, muss sie ihn mit denen vergleichen, die sie zuvor besucht hat und ihn in einer Rangfolge einordnen. Neben der Bauleistung, die ein Männchen verbaut, muss sie auch seinen Gesang und seinen Balztanz bewerten.

Jared Diamond sieht, wie er in seinem Buch Der dritte Schimpanse erläutert, den Laubenbau als sehr effektives Merkmal zur sexuellen Selektion, da dieser Weibchen ermöglicht, sehr viele Eigenschaften des potentiellen Paarungspartners zu beurteilen.[11]

Untersuchungen an Seidenlaubenvogel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kognitive Fähigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aversion des männlichen Seidenlaubenvogel gegen rote Gegenstände in seiner Laube wurde in Studien genutzt, um die Problemlösefähigkeit von Seidenlaubenvögeln zu untersuchen. Dazu wurden drei rote Gegenstände in die Laube gelegt und jeweils mit einem durchsichtigen Plastikbehälter bedeckt. Wenige Vögel waren nicht in der Lage, den Plastikbehälter zu entfernen und somit an den roten Gegenstand zu gelangen. Sehr geschickte Vögel hatten in weniger als 20 Sekunden die Aufgabe gelöst. Die meisten pickten so lange gegen den Plastikbehälter, bis dieser umfiel.[12]

In einer verschärften Problemlösesituation wurde ein roter Ziegelstück in die Laube gelegt, der mit einer Schraube so im Erdboden befestigt, dass der Seidenlaubenvogel ihn nicht mehr entfernen konnte. Das stellte für die Vögel eine Aufgabe dar, wie sie ihnen in natürlicher Umgebung nicht begegnet. Eine Reihe von Männchen begannen sehr schnell dieses Rot mit Blättern oder anderem Material zu bedecken, so dass dieses Rot nicht mehr sichtbar sind. Männliche Seidenlaubenvögel, die bei beiden Aufgaben sehr schnell Lösungen fanden, waren gleichzeitig die, die sich häufiger als ihre Artgenossen mit Weibchen verpaarten[12]. Aus diesen Experimenten hat man geschlossen, dass der Laubenbaus dem Weibchen etwas über die kognitiven Fähigkeiten des potentiellen Vaters ihres Nachwuchses verrät.

Reaktion auf das Verhalten der Weibchen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weibchen scheinen generell einen Balztanz und Balzgesang der Männchen zu präferieren, die beide kraftvoll und intensiv so. Ein zu aggressives Verhalten führt dazu, dass Weibchen die Laube verlassen und nicht wieder zurückkehren.

Um die Reaktion der Männchen auf das Verhalten der Männchen objektiver messbar zu machen, wurde ein Roboter gebaut, der in einem präparierten Balg eines weiblichen Seidenlaubensängers steckte. Verschiedene Motoren befähigten den Apparat, ähnlich wie ein echter weiblicher Vogel sich in geduckter Haltung der Laube zu nähern, sich umzusehen und die Flügel in ähnlicher Weise wie Weibchen zu spreizen, die damit Paarungsbereitschaft signalisieren. Die Bewegungsabläufe wurden bewusst standardisiert, um die Reaktion der Männchen auf die einzelnen Aktionen des Weibchens messbarer zu machen und das Verhalten von 23 verschiedenen Männchen während ihres Balztanzes untersucht. Dabei zeigte sich, dass einige Männchen im Balztanz und -gesang kaum auf die Reaktionen des Weibchens eingehen. Andere dagegen reagieren, wenn das Weibchen alarmiert zu sein scheint und mäßigen die Intensität ihres Verhaltens. Eine höhere Paarungsquote haben dabei die Männchen, die auf die Weibchen reagieren.[9]

Brutgeschäft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Brutsaison dauert von Oktober bis Januar. Auf Waldbäumen, in 4 bis 10 m Höhe, wird aus Zweigen ein Nest gebaut. Das Weibchen legt 1 bis 3 creme- bis lederfarbene, dunkel gezeichnete Eier. Das Männchen beteiligt sich weder beim Brüten noch bei der Aufzucht der Jungvögel.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Seidenlaubenvogel – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelbelege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Ackerman: The Genius of Birds. S. 159
  2. a b c d e Ackerman: The Genius of Birds. S. 165.
  3. Ptilonorhynchus violaceus in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN 2008. Eingestellt von: BirdLife International, 2008. Abgerufen am 19. Dezember 2016
  4. a b Ackerman: The Genius of Birds. S. 161.
  5. a b Ackerman: The Genius of Birds. S. 162.
  6. Ackerman: The Genius of Birds. S. 164.
  7. Ackerman: The Genius of Birds. S. 168.
  8. a b c Ackerman: The Genius of Birds. S. 170.
  9. a b c Ackerman: The Genius of Birds. S. 169.
  10. a b Ackerman: The Genius of Birds. S. 160.
  11. Jared Diamond: Der dritte Schimpanse. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-10-013912-7, Kapitel 9 „Wie die Kunst dem Tierreich entsprang“ S. 217 ff., S. 223.
  12. a b Ackerman: The Genius of Birds. S. 166.