Selahattin Demirtaş

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Demirtaş bei einer Fraktionssitzung (2016)

Selahattin Demirtaş (* 10. April 1973 in Palu) ist ein türkischer Politiker und Co-Vorsitzender der Halkların Demokratik Partisi (HDP). Bei der Präsidentschaftswahl 2014 trat er als einer von drei Kandidaten gegen Erdoğan an. Im November 2016 wurde er verhaftet, seitdem sitzt er in Edirne in einem Typ-F-Gefängnis in U-Haft.

Familie, Ausbildung und Beruf

Das zweite von sieben Kindern der Eheleute Tahir und Sadiye Demirtaş wuchs in Palu auf.[1] Sein Vater arbeitete als selbständiger Wasserinstallateur.[2] Die Familie gehört der Bevölkerungsgruppe der Zaza an. Mit 18 Jahren entschloss er sich dazu, sich politisch zu engagieren. Damals musste er bei einer Trauerfeier für einen von den Sicherheitskräften ermordeten Kurdenpolitiker miterleben, wie die Polizei das Feuer auf die Menge eröffnete und viele Trauergäste erschoss.[3] Demirtaş studierte zunächst Schiffsmanagement und Verwaltung in Izmir und dann in Ankara Rechtswissenschaft. Er arbeitete als Menschenrechtsanwalt und stieg in der Kurdenbewegung auf.[4] Später wurde er in den Vorstand der Menschenrechtsorganisation İnsan Hakları Derneği in Diyarbakır gewählt, wo er die dortige Zweigstelle leitete. Daneben ist er Mitglied des Türkiye İnsan Hakları Vakfı (TİHV) und von Amnesty International.

Politisch aktiv wurde Demirtaş 2007 in der Demokratik Toplum Partisi (DTP),[4] der damals sein älterer Bruder Nurettin Demirtaş (* 1972) vorstand, der wegen seiner PKK-Mitgliedschaft mehr als zehn Jahre lang in Haft war.[3]

Banner für die Präsidentschaftswahlen 2014 ("Demokratische Veränderung, friedliebende Türkei")

Sein Bruder Nurettin schloss sich den PKK-Kämpfern in den nordirakischen Kandil-Bergen gegen die Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) an. Bei Luftangriffen der türkischen Streitkräfte im Sommer 2015 auf Stellungen der PKK, bei denen rund 260 Kämpfer getötet und hunderte Menschen verletzt wurden, wurde Nurettin Demirtaş verletzt. Selahattin Demirtaş distanzierte sich wiederholt von jeder Form der Gewalt, auch der seitens der PKK.[1][5]

Selahattin Demirtaş ist mit der Lehrerin Başak Demirtaş verheiratet und Vater von zwei Töchtern.

Politische Laufbahn

Demirtaş kandidierte bei den türkischen Parlamentswahlen 2007 nominell als unabhängiger Einzelkandidat, um die in der Türkei seit 1982 geltende Zehn-Prozent-Sperrklausel für Parteien zu umgehen. Er wurde als Abgeordneter für die Provinz Diyarbakır direkt in die Große Nationalversammlung der Türkei gewählt. Nach dem Verbot der DTP am 11. Dezember 2009 trat Demirtaş der Nachfolgepartei Barış ve Demokrasi Partisi (BDP) bei. Am 1. Februar 2010 wurde er auf dem Parteitag in Ankara zum neuen Parteivorsitzenden gewählt. Um bei der Parlamentswahl vom 12. Juni 2011 erneut die Sperrklausel umgehen zu können, trat Demirtaş im April 2011 als Vorsitzender zurück und aus der BDP aus; so wurde er als nominell Unabhängiger ins Parlament wiedergewählt. Im September 2011 wurde er auf dem Parteitag der BDP in Ankara erneut zum Parteivorsitzenden gewählt.

Demirtaş' Ergebnis nach Provinzen (Präsidentschaftswahlen 2014)

Im Juni 2014 trat er der linken Sammlungspartei HDP bei und wurde zusammen mit Figen Yüksekdağ zum Co-Vorsitzenden gewählt; die Partei hat strukturell eine Doppelspitze aus einem Mann und einer Frau. Eine Woche später wurde er als Kandidat der HDP für die Präsidentschaftswahl 2014 nominiert,[6] bei der er mit 9,77 % auf dem dritten Platz landete. Dieses „beachtliche“ Ergebnis sieht Michael Martens als den „Durchbruch“ von Demirtaş in der öffentlichen Wahrnehmung, den er durch seine humorvollen, volksnahen und rhetorisch geschickten Auftritte als fähigen Wahlkämpfer charakterisiert.[4] In anderen westlichen Medien ist Demirtaş wegen seines Aussehens und Auftretens als „türkischer Obama“ bezeichnet worden, der trotz persönlicher Angriffe gegen den „hübschen Jungen“, „Popstar“ und „Ungläubiger“ und einem tödlichen Anschlag gegen eine HDP-Veranstaltung immer staatsmännische Ruhe bewahrt habe.[1]

Bei der Parlamentswahl vom 7. Juni 2015 kandidierte Demirtaş erfolgreich für die Provinz Istanbul. Bei dieser Wahl erhielt die HDP 13,1 Prozent der Stimmen; sie überwand damit die Zehn-Prozent-Sperrklausel für den Einzug ins türkische Parlament. Demirtaş, der von der regierenden AKP als „Terroristenvertreter“ und „unislamisch“ gebrandmarkt worden war, kündigte an, sich für die Rechte aller Minderheiten, also nicht nur jene der Kurden, einzusetzen, neben ethnischen und religiösen insbesondere auch von Frauen und Homosexuellen. Als seine politische Hauptaufgabe gelte die Entschärfung des anhaltenden Kurdenkonflikts.[2] Demirtaş lehnte eine Koalition mit der zuvor allein regierenden (Kabinett Davutoğlu III), islamisch ausgerichteten AKP ab und sah im Wahlergebnis einen Erfolg der säkularen linken Kräfte.[1]

Zwei Tage nachdem Präsident Recep Tayyip Erdoğan juristisches Vorgehen gegen HDP-Parlamentarier angekündigt hatte,[7] wurde Medienberichten zufolge am 30. Juli 2015 ein Ermittlungsverfahren gegen Demirtaş wegen des Vorwurfs der Anstachelung bewaffneter Proteste gegen die fehlende Unterstützung seitens der Türkei in der Verteidigung Kobanês gegen den Islamischen Staat eingeleitet.[8]

Wahlkundgebung mit Demirtaş (2015)

Bei der vorgezogenen Parlamentswahl vom 1. November 2015 erhielt die HDP 10,8 Prozent der Stimmen und 59 der 550 Parlamentssitze. Am 23. November 2015 teilte die HDP mit, dass auf Demirtaşs gepanzertes Fahrzeug geschossen wurde, sie ging von einem Anschlagsversuch aus. Türkische Behörden widersprachen dieser Darstellung, davon unbenommen stellte Demirtaş Strafanzeige.[9]

Im Mai 2016 wurde auf Betreiben von Staatspräsident Erdoğan die Immunität zahlreicher HDP-Abgeordneter im türkischen Parlament aufgehoben, darunter auch die von Demirtaş.[10] Nach dem Putschversuch in der Türkei Mitte Juli 2016 ist in dem Land der Ausnahmezustand verhängt worden. Am 18. Oktober warnte Demirtaş vor einer Diktatur in der Türkei.[11]

Haft

Am 3. November 2016 wurden Demirtaş, die Co-Vorsitzende Figen Yüksekdağ und weitere HDP-Abgeordnete festgenommen.[10][12] Ihnen wird auf Initiative der Erdoğan-Regierung „Terrorpropaganda und Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation (PKK)“ vorgeworfen.[13][14] Bundesaußenminister Steinmeier stellte fest, dass niemand das Recht der Türkei bestreite, gegen Terrorismus vorzugehen, dies dürfe aber „nicht als Rechtfertigung dafür dienen, die politische Opposition mundtot zu machen oder gar hinter Gitter zu bringen“. [15] Die Verhaftung der Politiker folgte der Schließung von 15 pro-kurdischen Medien, darunter der Tageszeitung Özgür Gündem und der Nachrichtenagentur Dicle Haber Ajansı (DIHA).[16]

Am Morgen des 31. März 2017 begann Demirtaş einen Hungerstreik, aus Solidarität mit mehr als 100 politischen Gefangenen, die per Hungerstreik gegen die Haftbedingungen im Ausnahmezustand protestieren.[17] Der Streik konnte am Abend des gleichen Tages wieder beendet werden, da die Gefängnisleitung deutliche Besserung gelobte.[18]

Laut Aussagen seiner Frau wusste Demirtaş bereits Monate zuvor von seiner bevorstehenden Verhaftung. Er habe von vielen Freunden im Ausland die Möglichkeit bekommen, zu ihnen zu fliehen, was Demirtaş allerdings ablehnte. Während tausende verhaftet würden, könne er sich als Co-Parteivorsitzender nur für den Widerstand entscheiden.[19]

Sein Anwalt Mahsuni Karaman teilte mit, dass sich kein einziger Beweis in der Anklageschrift befinde. Es seien lediglich Reden aus dem Parlament und von Wahlkampfveranstaltungen sowie abgehörte Telefongespräche vorhanden. Letztgenanntes sei illegal, da dies bereits vor der Aufhebung seiner parlamentarischen Immunität passiert sein soll.[20]

Weblinks

 Commons: Selahattin Demirtaş – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d Turkey election 2015: Kurdish Obama is the country’s bright new star. In: The Guardian, 8. Juni 2015 (englisch).
  2. a b Hasnain Kazim: Demirtas’ König der Kurden. In: Spiegel Online, 8. Juni 2015.
  3. a b Wie Kurden Erdogan das Fürchten lehren. In: Der Tagesspiegel. 21. Mai 2015; abgerufen am 28. Dezember 2015.
  4. a b c Michael Martens: Der Mann, der Erdogan Paroli bot. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. Juni 2015.
  5. Irakische Kurden fordern PKK zum Abzug auf. In: Die Zeit. 1. August 2015; abgerufen am 28. Dezember 2015.
  6. Pinar Tremblay: Demirtas looks beyond the ‘Kurdish vote’. in: Al-Monitor.com, 3. Juli 2014.
  7. Erdogan fordert Ende der Immunität. Auch kurdische Abgeordnete im Visier. In: tagesschau.de. 29. Juli 2015; abgerufen am 30. Juli 2015.
  8. Türkei: Justiz ermittelt gegen Chef der pro-kurdischen HDP. DiePresse.com, 30. Juli 2015; abgerufen am 30. Juli 2015.
  9. Auto von HDP-Chef Demirtas beschossen? In: tagesschau.de, 23. Dezember 2015.
  10. a b zeit.de 4. November 2016: HDP nennt Verhaftungen "politische Lynchjustiz" In: Die Zeit, 4. November 2016.
  11. HDP-Chef Demirtas warnt vor Diktatur in Türkei. In: DiePresse.com, 18. Oktober 2016
  12. Führende Kurden-Politiker festgenommen. In: tagesschau.de, 4. November 2016.
  13. Polizei nimmt Chefs der prokurdischen HDP fest. In: Spiegel Online, 4. November 2016.
  14. Deniz Yücel: „Sie sind ein Bandit und ihr Staatsanwalt auch“. In: WeltN24. 3. Oktober 2016; abgerufen am 3. November 2016.
  15. Steinmeier bestellt türkischen Geschäftsträger ein. In: WeltN24. 3. November 2016; abgerufen am 3. November 2016.
  16. Türkei: Weitere pro-kurdische Medien per Dekret geschlossen. In: Süddeutsche Zeitung, 30. Oktober 2016.
  17. zeit.de 31. März 2017
  18. Gefangener HDP-Chef Demirtas isst wieder. Abgerufen am 3. April 2017 (Schweizer Hochdeutsch).
  19. "Selahattin Demirtaş cezaevinde 12 kilo verdi". In: NTV. 13. November 2017 (com.tr [abgerufen am 16. November 2017]).
  20. Marco Kauffmann Bossart: Das Twitterkonto von Demirtas macht Erdogan nervös | NZZ. In: Neue Zürcher Zeitung. 3. November 2017, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 16. November 2017]).