Semmelweis-Reflex

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Semmelweis-Reflex oder Semmelweis-Effekt ist ein griffiges Schlagwort für die inner-wissenschaftliche Blockade der Weiterentwicklung von Wissen bzw. inner-wissenschaftliche Leugnung der Wissenschaftlichkeit von Entdeckungen anderer Wissenschaftler. Der Begriff beschreibt prägnant das in der Wissens- und Wissenschaftssoziologie beschriebene Phänomen der reflexhaften Ablehnung einer wissenschaftlichen Entdeckung durch das wissenschaftliche Establishment ohne ausreichende Überprüfung und entgegen der Grundsätze der Wissenschaft. Dabei geht es insbesondere um einen Verstoß gegen die Grundsätze der Offenheit und Redlichkeit, aber auch gegen die Grundsätze der Transparenz, Objektivität, Überprüfbarkeit und Verlässlichkeit. Der Begriff bezeichnet außerdem, dass der Urheber oftmals eher bekämpft als unterstützt wird, weil die wissenschaftliche Innovation weit verbreiteten Normen oder Überzeugungen widerspricht.

Begriffsprägung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff ist ein Neologismus, der vom amerikanischen Autor Robert Anton Wilson (1932–2007) geprägt wurde.[1][2]

Grundlage für die Begriffsprägung war die Entdeckung der Bedeutung von Hygiene zur Vermeidung von Kindbettfieber durch den ungarischen Chirurgen und Geburtshelfer Ignaz Semmelweis (1818–1865). Er identifizierte mangelnde Hygiene bei Ärzten und Krankenhauspersonal als eine der Hauptursachen für das gehäufte Auftreten von Kindbettfieber und die resultierende hohe Sterblichkeit von Müttern nach der Entbindung. Deshalb bemühte er sich, Hygienevorschriften einzuführen.

Seine Studie von 1847/48 gilt heute als erster praktischer Fall von evidenzbasierter Medizin in Österreich. Zu seinen Lebzeiten wurden seine Erkenntnisse jedoch nicht anerkannt und von vielen Kollegen, besonders aber von Vorgesetzten als „spekulativer Unfug“ abgelehnt. Erst nach den Arbeiten Joseph Listers (1827–1912) im Bereich der Antiseptischen Medizin wurden die Zusammenhänge zwischen fehlenden Desinfektionsmaßnahmen, Bakterieninfektionen und Kindbettfieber klar.[3]

In einigen Fällen der Abwehr von Erkenntnissen hatten Innovationen in der Wissenschaft eher eine Bestrafung als eine entsprechende Honorierung zur Folge, weil jene Innovationen etablierten Paradigmen und Verhaltensmustern entgegenstanden.[4]

Wissenssoziologische und wissenschaftssoziologische Erklärung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Norbert Elias beschreibt die Bildung von wissenschaftlichen Establishments und den Effekt der Abwehr von Erkenntniszuwachs in seiner Theorie wissenschaftlicher Establishments[5], die zu seiner Wissenssoziologie sowie seiner Wissenschaftssoziologie gehört. Darin beschreibt er unter anderem den Machtaspekt, nämlich die Herrschaft wissenschaftlicher Establishments über gesellschaftliche Orientierungsmittel. Darüber hinaus beschreibt er die Entstehung wissenschaftlicher Establishments sowie den Zusammenhang von politischen und wissenschaftlichen Establishments.

Als Grund für die inner-wissenschaftliche Blockade von Wissensentwicklung nennt er die Abwehr der narzisstischen Kränkung, dass das eigene Wissen nicht (mehr) an der Spitze der Wissensentwicklung steht und damit die eigenen Machtchancen kleiner werden. Durch die laufende Weiterentwicklung des Wissens ist die eigene Position ständig in Gefahr durch:

  • zunehmende fachliche Spezialisierung,
  • Veränderungen von Macht- und Statusdifferenzen zwischen wissenschaftlichen Spezialdisziplinen und
  • durch die Herausbildung einer zu schützenden Berufsideologie, die eigene Wissensbestände gegen neue Erkenntnis verteidigt.

Von Norbert Elias wurde die Blockade von Wissensentwicklung auch abwertend als „eine Art wissenschaftlicher Folklore“ zur Verteidigung einer wissenschaftlichen Berufsideologie bezeichnet.[5]

Weitere Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • R. N. Braun: Wo die angewandte Medizin heute steht oder der Semmelweis-Effekt. In: Der Allgemeinarzt. 1984, Heft 8.
  • Gerhard Medicus: Semmelweis-Effekt. In: Naturwissenschaftliche Rundschau. 64. Jahrgang (2011), Heft 9, S. 501–502, und in ISBN 978-3-86135-583-0, Seiten 60–64.
  • Robert Anton Wilson: The Game of Life. New Falcon Publications. 1991 ISBN 1561840505.
  • Norbert Elias: Wissenschaftliche Establishments, In: Norbert Elias, Aufsätze und andere Schriften II, Amsterdam 2006, S. 243–344.
  • Franz M. Wuketits: Außenseiter in der Wissenschaft: Pioniere – Wegweiser – Reformer. Berlin 2015.
  • Hildegard Matthies; Dagmar Simon: Wissenschaft unter Beobachtung: Effekte und Defekte von Evaluationen. Wiesbaden 2008.
  • Heinrich Zankl: Kampfhähne der Wissenschaft: Kontroversen und Feindschaften. Weinheim 2010.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. F. Mann: How to improve your information. 1993.@1@2Vorlage:Toter Link/www.mind-trek.com (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  2. Who named it? The Semmelweis’ reflex.
  3. a b Heinrich Zankl, 2010: Kampfhähne der Wissenschaft: Kontroversen und Feindschaften. John Wiley & Sons, ISBN 3527325794, ISBN 9783527325795, S. 138.
  4. Cliff, Do you suffer from Semmelweis-Reflex?
  5. a b Norbert Elias: Wissenschaftliche Establishments. In: Norbert Elias (Hrsg.): Aufsätze und andere Schriften II. Amsterdam 2006.
  6. Norbert Elias: Die Gesellschaft der Individuen. In: Norbert Elias (Hrsg.): Die Gesellschaft der Individuen. Gesammelte Schriften Bd. 10. Frankfurt 1939, S. 86 f.