Semra Ertan

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Semra Ertan (* 31. Mai 1956 in Mersin, Türkei; † 26. Mai 1982 in Hamburg) war eine türkische Arbeitsmigrantin und Schriftstellerin in der Bundesrepublik Deutschland, die sich aus Protest gegen Ausländerfeindlichkeit öffentlich selbst verbrannte. Sie arbeitete als Dolmetscherin und technische Bauzeichnerin.

Leben/Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Semra Ertan war die Tochter von Gani Bilir und Vehbiye Bilir, die in Kiel/Hamburg als ausländische Arbeiter lebten. Als Kind von sechs weiteren Töchtern, zog sie wenig später, nachdem ihre Eltern nach Deutschland kam, mit ihren Schwestern nach Deutschland. Schon sehr bald widmete sie sich der Lyrik. Eines ihrer bekanntesten Gedichte „Mein Name ist Ausländer“ wurde in der Türkei in Schulbüchern veröffentlicht. Des Weiteren wurden ihre Gedichte in Deutschland in einigen Büchern veröffentlicht doch fanden bis heute kaum Beachtung. Sie schrieb über 350 Gedichte und politische Satiren.

Umstände der Tat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ertan kündigte ihren Suizid durch Selbstverbrennung mit einem Anruf beim NDR an. In diesem Telefonat erklärte die 25-jährige auch das Motiv für ihre Tat: Die zunehmende Ausländerfeindlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland sei der Grund, für ihren Entschluss vor den Augen der deutschen Öffentlichkeit zu sterben.

Die öffentliche Selbstverbrennung Semra Ertans ereignete sich in den frühen Morgenstunden an der Kreuzung Simon-von-Utrecht-Straße/Detlef-Bremer-Straße im Hamburger Stadtteil St. Pauli[1]. Die letzten Worte Ertans waren eine Verfluchung all derer, die sie nach ihrer Sicht zu dieser Tat getrieben haben.

Situation der Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland zum Tatzeitpunkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die subjektive Einschätzung der jungen Frau einer drastisch zunehmenden Ausländerfeindlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland unmittelbar vor ihrem Tod wird von statistischen Daten und durch soziologische Studien unterstützt.[2] So waren es im November 1978 noch 39 % der Deutschen, die die Forderung, die Ausländer sollten in ihre Heimatländer zurückkehren, unterstützten, während zwei Monate vor Ertans Tod bereits 68 % der Bundesdeutschen dieser Meinung waren.[3] Auch rechtsmotivierte Gewalttaten gegenüber Ausländern waren 1982 kein Einzelerscheinung mehr.[3] Zudem gab es Bürgerinitiativen und politische Gruppierungen mit Namen wie Ausländerstopp oder Kieler Liste für Ausländerbegrenzung, die nachweislich beachtlichen Zulauf erreichen konnten. Des Weiteren wurden Ausländer mehr und mehr aus dem gesellschaftlichen Leben der BRD ausgeschlossen, der Kontakt mit ihnen seitens der Deutschen möglichst gemieden. Gründe hierfür waren in der wachsenden Arbeitslosigkeit und Wohnungsknappheit in der BRD zu sehen, die dazu führte, dass der Arbeitsmigrant von der deutschstämmigen Gesellschaft zunehmend als Konkurrent um Arbeitsplatz und Wohnraum gesehen wurde. Der kaum stattfindende Kontakt zwischen diesen beiden gesellschaftlichen Gruppen verstärkte zudem kaum auf eigenen Erfahrungen beruhende negative Vorurteile gegenüber den ehemaligen Gastarbeitern.[3]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Reaktion auf die Tat titelte die große türkische Tageszeitung Milliyet am 3. Juni 1982 ganzseitig mit einem zweisprachigen Aufruf (türkisch und deutsch) an die bundesdeutsche Politik und Gesellschaft, notwendige Schritte gegen die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland einzuleiten.

Es entstanden diverse musikalische Verarbeitungen des Schicksals von Semra Ertan z.B. Semra Ertan (1982), ein Adagio und Scherzo für Oktett von Enjott Schneider oder Ilhan Mimaroglus englischsprachige Immolation Scene (1983), das originale aus dem türkischen übersetzte Gedichte der Suizidentin in das Gesamtkonzept mit aufnahm.

Günter Wallraff widmete sein Buch Ganz unten 1985 namentlich u. a. Semra Ertan.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hamburger Abendblatt vom 1. Juni 1982
  2. Walter Friedrich: Fremdenfeindlichkeit und rechtsextreme Orientierungen bei ostdeutschen Jugendlichen. Digitale Bibliothek der Friedrich Ebert-Stiftung, ges. November 2007
  3. a b c Harenberg, Chronik des 20. Jahrhunderts. S. 1183