Sensation Seeking

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Sensation Seeking beschreibt ein mehrdimensionales, relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal, das durch die Verhaltenstendenz charakterisiert ist, abwechslungsreiche, neue, komplexe und intensive Eindrücke (sensation engl. = ‚Sinneseindruck, Empfindung‘), Erlebnisse und Erfahrungen zu machen und Situationen aufzusuchen und hierfür oft (aber nicht notwendigerweise) physische, psychische oder soziale Herausforderungen oder Risiken auf sich zu nehmen.[1][2] Sensation-Seeking ist nicht notwendigerweise mit gefährlichen Aktivitäten oder Verhaltensweisen verbunden (J. Arnett, 1994)[3] und kann auch bei eher vorsichtigen, risiko-vermeidenden Menschen ausgeprägt sein (→ „Experience Seeking“).[4] Das forschungsmäßig eher naturwissenschaftlich ausgerichtete Sensation-Seeking ist von dem vorrangig geisteswissenschaftlich/psychologisch ausgerichteten Thrill-Seeking mit dem Schwerpunkt auf wagnishaltigem, oft grenzüberschreitendem Handeln zu unterscheiden.[5] Es handelt sich beim Sensation-Seeking um ein physiologisch begründetes Konstrukt, das auf Marvin Zuckerman (1964) zurückgeht[6]. Man geht davon aus, dass es für jeden Menschen ein optimales Erregungsniveau gibt. Über das Aufsuchen oder Vermeiden von stimulierenden Reizen kann die Erregung reguliert werden. Dabei suchen Menschen mit einem geringen initialen Erregungsniveau eher an-/aufregende Reize und werden somit als Sensation-Seeker bezeichnet.[7] Diese Menschen suchen ständig neue Reize, um den gewünschten Pegel einer Stimulierung halten zu können. Mittels psychologischer Tests kann diese Eigenschaft durch die sogenannte Sensation Seeking Scale (SSS-V, M. Zuckerman et al. (1964)[1]; AISS, J. Arnett (1994)[3]; BSSS, R.H. Hoyle et al., (2002)[8][9]; NISS, P. Hammelstein (2004)) bewertet werden.

Der Begriff „Sensation-Seeking“ teilt sich in vier weitere Punkte auf: [10]

  • Thrill and adventure seeking“ (TAS): Körperlich riskante Aktivitäten,
  • Experience seeking“ (ES): Neue Erlebnisse und Erfahrungen, persönliche Entwicklung, unkonventioneller Lebensstil (Reisen, Musik, Drogen, Selbsterfahrung, fremde Kulturen, kognitive, sensorische oder emotionale Stimulationen),
  • Disinhibition (dt.: ‚Enthemmung‘) seeking“ (DIS): Abwechslung durch soziale Stimulation (Party, Promiskuität, soziales Trinken),
  • Boredom susceptibility“ (dt.: ‚Anfälligkeit für Langeweile‘), (BS): Abneigung gegenüber Routine und Langeweile und Neigung zur Unruhe, wenn die Umwelt keine Abwechslung mehr bietet.

Zwillingsstudien zufolge lassen sich im Durchschnitt ca. 70 % der interindividuellen Unterschiede bezüglich des optimalen Erregungsniveaus durch genetische Varianz erklären, die restlichen 30 % werden auf Umwelteinflüsse zurückgeführt.[10] Besonders ausgeprägt ist die ständige Suche nach Abwechslung bei jüngeren Menschen im Alter von 20 bis 25 Jahren. Des Weiteren neigen Männer eher als Frauen zu „Sensation Seeking“.

Untersuchungen anhand von Spielfilmen weisen nach, dass Zuschauer Filme positiver bewerten, wenn sie Spannung und Aufregung erleben (= „Suspense-Effekt“, Huth 1978). Nach Mangold, Winterhoff-Spurk, Stoll und Hamann (1998)[11] haben Rezipienten bei Horror- und Erotikfilmen eine gesteigerte Blutflussgeschwindigkeit, die auf eine erhöhte Erregung hindeutet.

In einer Untersuchung mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) konnte anhand einer größeren Stichprobe (188 Personen) gezeigt werden, dass bestimmte Gehirnregionen unter Risikoentscheidungen bei Thrill- und Adventure Seekern im Vergleich mit weniger risikobereiten Personen andere Aktivierungsmuster zeigen (Kruschwitz et al., 2011)[12] Die gefundenen neuronalen Unterschiede legen für Thrill und Adventure Seeker einen Mechanismus im Gehirn nahe, bei dem die neuronalen Signale eines potenziellen Gewinns unter Risiko (z. B. ein potenzieller Gewinn von 100 Euro beim Glücksspiel), den Einfluss der neuronalen Antwort für einen potenziellen Verlust (z. B. Verlust von 100 Euro beim Glücksspiel) aufheben bzw. abwerten und somit im Verhalten zu risikoreichen Entscheidungen führen (z. B. Entscheidung am Glücksspiel teilzunehmen).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Marvin Zuckerman (1988). Behavior and Biology: Research on Sensation Seeking and Reactions to the Media. In L. Donohew, H.E. Sypher and E.T. Higgins (Eds.), Communication, Social Cognition and Affect. Hillsdale, New Jersey: Lawrence Erlbaum.
  2. Sensationssuche - Lexikon der Psychologie. (spektrum.de [abgerufen am 27. August 2017]).
  3. a b J. Arnett (1994): Sensation seeking: A new conceptualization and a new scale. Personality and Individual Differences, 16(2), 289-296. doi:10.1016/0191-8869(94)90165-1
  4. Siegbert A. Warwitz:: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsmodelle für grenzüberschreitendes Verhalten. 2., erw. Auflage. Schneider Hohengehren, Auflage: 2., erweiterte Auflage (1. Juni 2016), ISBN 978-3-8340-1620-1.
  5. Siegbert A. Warwitz: Sensationssucht oder Sinnsuche. Thrill oder Skill. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Erklärungsversuche für grenzüberschreitendes Verhalten. 2., erw. Auflage, Verlag Schneider, Baltmannsweiler 2016, S. 296–308
  6. Marvin Zuckerman, et al.: Development of a sensation-seeking scale. Hrsg.: Journal of consulting psychology. Band 28, Nr. 6, 1964, S. 477 ff.
  7. Marcus Roth, Philipp Hammelstein,: Sensation Seeking : Konzeption, Diagnostik und Anwendung. Hogrefe, Göttingen 2003, ISBN 978-3-8017-1719-3.
  8. R. H. Hoyle, M. T. Stephenson, P. Palmgreen, E. P. Lorch, R. L. Donohew (2002): Reliability and validity of a brief measure of sensation seeking. Pers. Indiv. Differences, 32, 401–414.
  9. Peter Eachus: Using the Brief Sensation Seeking Scale (BSSS) to predict holiday preferences. In: Personality and Individual Differences. Band 36, Nr. 1, 1. Januar 2004, S. 141–153, doi:10.1016/S0191-8869(03)00074-6 (sciencedirect.com [abgerufen am 27. August 2017]).
  10. a b P. Winterhoff-Spurk (2004). Medienpsychologie. Stuttgart: Kohlhammer.
  11. R. Mangold, P. Winterhoff-Spurk, G. Hamann, M. Stoll, (1998): Veränderungen des zerebralen Blutflusses bei der Rezeption emotionalisierender Filmausschnitte: Eine Pilotstudie. Medienpsychologie, 10, 51-72.
  12. J. D. Kruschwitz, A. N. Simmons, T. Flagan, M. P. Paulus, (2011): Nothing to lose: processing blindness to potential losses drives thrill and adventure seekers, NeuroImage, doi:10.1016/j.neuroimage.2011.09.048.