Sentinelerhebung

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Sentinel bzw. Sentinelerhebung, auch Sentinel-System, Sentinel-Überwachung, in englisch: Sentinel Surveillance, ist ein auf freiwilliger Mitarbeit der Beteiligten aufbauendes Werkzeug der epidemiologischen Überwachung.[1]

Durchführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Epidemiologische Daten werden als Nebenprodukt der gesundheitlichen Vorsorge erfasst, um die epidemiologische Entwicklung spezifischer Krankheitsfelder innerhalb eines Teils oder der gesamten Bevölkerung zu bestimmen. Gemäß § 13 und § 14 Infektionsschutzgesetz werden eine Reihe dieser Erhebungen routinemäßig für das epidemiologische Monitoring durchgeführt. Daten für Sentinelproben, z. B. Gewebeproben und Abstriche, werden anonym und stichprobenartig erfasst.[1] Wegen der Kopplung an nationale bzw. internationale Immunisierungsprogramme bestimmter Erreger erfasst ein Sentinel-System keine lokalen Ausbrüche mit raren bzw. neuen Erregern oder Erregern außerhalb der Ziel-Mikroorganismen.[2]

Erhebungen der WHO[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die WHO teilt die Überwachung der öffentlichen Gesundheit als Begleitung für Immunisierungsprogramme, z. B. Impfungen, in drei Kategorien ein.[3] Die Sentinel-Überwachung ist unter den Methoden die aufwändigste.[2]

  • National Passive Surveillance (Passive Erhebung, freiwillige Erhebung): Damit ist gemeint, dass aus dem Gesundheitssystem Meldungen über bestimmte Erkrankungen an eine Erfassungsstelle übermittelt werden. Von der WHO in dieser Art gesammelt: Diphtherie, Hepatitis B, Mumps, Keuchhusten, Tetanus und Gelbfieber.[4]
  • National Active Surveillance; Accelerated disease control (Aktive Erhebung): Personen besuchen aktiv Gesundheitszentren und ermitteln durch Gespräche und Aktenlage die Verbreitung von überwachten Erkrankungen. Die WHO ermittelt auf diese Weise Daten zu: Masern, Neonataler Tetanus (Neugeborenen-Tetanus), Kinderlähmung, Röteln[5]
  • Sentinel Surveillance (Sentinelerhebung): Wird angewendet, wenn für die Immunisierungsprogramme sehr exakte Daten benötigt werden, beispielsweise über die Veränderung von Viren. Aber auch wenn die Diagnose selbst für Spezialisten nicht einfach ist. Die WHO sammelt damit Daten der Haemophilus influenzae b-Infektion vom Typ B (HIB).[2]

Sentinelerhebungen und andere Erhebungstypen in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Akute Atemwegserkrankungen wie Grippe und andere Virusinfektionen:
    • GrippeWeb: Passive Erhebung durch Patientenangaben. Erfasst akute Atemwegserkrankungen (ARE-Rate) und Influenza-ähnlicher Erkrankungen (ILI-Rate). GrippeWeb ist ein internetbasiertes Werkzeug des Robert Koch-Instituts.[6]
    • Influenza-Surveillance oder AGI-Sentinel
    • SARI-Studie: Erfassung von schweren akuten respiratorischen Infektionen (SARI) bei stationär versorgten Patienten in Kliniken (hospitalisierte Personen). Auch in diesem System werden Virenproben genommen und am Nationalen Referenzzentrum für Influenzaviren analysiert. Die Analyseergebnisse werden auch über die Arbeitsgemeinschaft Influenza veröffentlicht.[8]
    • Laborbasierte Surveillance SARS-CoV-2
      Die Antibiotika-Resistenz-Surveillance (ARS) am Robert Koch-Institut wurde im Jahr 2020 für die Surveillance von SARS-CoV-2 erweitert. Derzeit (Stand 10. September 2020) melden 70 Labore freiwillig detaillierte Daten zu SARS-CoV-2-Testungen in Deutschland. Dies deckt rund 40 % aller Testungen ab. Die Daten sind vollständig, da neu hinzukommende Labore ihre Daten auch rückwirkend bereitstellen. Die Daten sind nicht repräsentativ, da Krankenhauslabore gegenüber niedergelassenen Laboren derzeit unterrepräsentiert sind, und nicht alle Bundesländer gleich abgedeckt sind. Auswertungen werden in Wochenberichten veröffentlicht.[9][10]
  • Influenza-A-Virus H1N1: Sentinelerhebung. Basiert auf freiwilliger Dateneingabe der Krankenhäuser. Eingeführt 2010 unter dem Projektnamen Pandemische Influenza Krankenhaus-Surveillance (PIKS). Koordiniert vom Robert Koch Institut.[11]
  • Invasive Pneumokokken-Erkrankungen (IPD) wie Bakterielle Lungenentzündungen, Meningitis und Mittelohrentzündung: Laborsentinel zu Pneumokokken und Staphylokokken. Koordiniert vom PneumoWeb, einer Zusammenarbeit zwischen dem Robert Koch-Institut, Berlin, und dem Nationalen Referenzzentrum für Streptokokken (NRZ-S) an der RWTH in Aachen.[12]
  • Masern (Masernviren, MeV): Bundesweites Sentinel-System, Verantwortlich: Arbeitsgemeinschaft Masern[13]
  • Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC, E-Coli): Laborgestützte Überwachung (eventuell Sentinel), Hamburg-Wernigerode[13]
  • Salmonellen: Laborgestützte Überwachung (eventuell Sentinel), Hamburg-Wernigerode[13]
  • Magengeschwür durch Helicobacter pylori: Überwachung (evtl. Sentinelerhebung), zusätzlich Untersuchung der Antibiotikaresistenz des H. pylori, Erhebung durch Projekt ResiNet am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, Freiburg[13][14]
  • Importierte Infektionen allgemein: Überwachung (evtl. Sentinelerhebung) durch SIMPID, München[13]
  • Sexuell übertragbare Krankheiten und Infektionen (Sexually Transmitted Disease, STD) wie Chlamydien/Chlamydiose, Gonorrhö, Hepatitis B, Hepatitis C, Herpes, HIV/AIDS, humane Papillomaviren, Shigellose, Skabies (Krätze), Syphilis: STD-Sentinel-Surveillance, Robert Koch-Institut, Berlin[13][15][16]
  • Varizellen- und Herpes-Zoster-Erkrankungen wie Windpocken und Gürtelrose: Sentinelerhebung, obwohl nach Infektionsschutzgesetz die Überwachung nicht gefordert wird, genannt Varizellen-Sentinel zur wissenschaftlichen Begleitung der Varizellen-Impfung. Durchgeführt von der Arbeitsgemeinschaft Varizellen (AGV) am Robert Koch-Institut[17]

Sentinelerhebung und andere Erhebungstypen in der Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über das Sentinella-Meldesystem werden aktive, passive und Sentinelerhebungen zentral erfasst. Das Sentinella-System ist im Bundesamts für Gesundheit, Abteilung Epidemiologie und Infektionskrankheiten beheimatet.[13][18]

Sentinelerhebung auf EU-Ebene[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sentinelüberwachung in sonstigen Ländern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • M. Schlaud, E. Swart: Beobachtungspraxen – Ein flexibles Erhebungskonzept der Epidemiologie. In: Umweltmed. Forsch. Prax. Band 8 (2003), Nr. 3, S. 147–154.
  • J. Szecsenyi, H. Uphoff, H.D. Brede: Influenza surveillance: experience from establishing a sentinelsurveillance system in Germany. In: J. Epidemiol. Community Health. Band 49, 2009, S. 9–13.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Sentinels. In: rki.de. Robert Koch-Institut, 3. Dezember 2004, abgerufen am 6. Mai 2020.
  2. a b c Sentinel Surveillance. (Im Bereich: Immunization, Vaccines and Biologicals). In: who.int. World Health Organisation, abgerufen am 6. Mai 2020 (englisch).
  3. Types of Surveillance. (Im Bereich: Immunization, Vaccines and Biologicals). In: who.int. World Health Organisation, abgerufen am 6. Mai 2020 (englisch).
  4. National passive. (Im Bereich: Immunization, Vaccines and Biologicals). In: who.int. World Health Organisation, abgerufen am 6. Mai 2020 (englisch).
  5. Accelerated Disease Control - National Active. (Im Bereich: Immunization, Vaccines and Biologicals). In: who.int. World Health Organisation, abgerufen am 6. Mai 2020 (englisch).
  6. GrippeWeb. In: rki.de. Robert Koch-Institut, abgerufen am 5. Oktober 2020.
  7. Arbeitsgemeinschaft Influenza. In: rki.de. Robert Koch-Institut, 2. Februar 2010, abgerufen am 6. Mai 2020.
  8. a b Influenza-Monatsbericht, Kalenderwochen 37bis 39 (5.9. bis 25.9.2020). In: rki.de. Robert Koch-Institut, abgerufen am 5. Oktober 2020.
  9. Epidemiologisches Bulletin 15/2020. In: rki.de. Robert Koch-Institut, 9. April 2020, S. 5–9, abgerufen am 10. September 2020.
  10. Laborbasierte Surveillance SARS-CoV-2. In: ars.rki.de. Robert Koch-Institut, abgerufen am 10. September 2020.
  11. PIKS: Pandemische Influenza A(H1N1)v Krankenhaus Surveillance. In: rki.de. Robert Koch-Institut, 13. April 2010, abgerufen am 6. Mai 2020.
  12. PneumoWeb – Laborsentinel invasiver Pneumokokken-Erkrankungen. In: rki.de. Robert Koch-Institut, abgerufen am 6. Mai 2020.
  13. a b c d e f g h R. Bornemann et. al: Rahmenempfehlungen für Sentinel-Surveillance-Projekte in der Infektionsepidemiologie. (Beitrag zur: 11. Jahrestagung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (DAE), Heidelberg 16. bis 19. März 2004). 2. Oktober 2004 (uni-bielefeld.de [PDF; 47 kB; abgerufen am 7. Mai 2020]).
  14. Manfred Kist, Erik-Oliver Glocker: ResiNet – A nationwide German sentinel study for surveillance and analysis of antimicrobial resistance in Helicobacter pylori. In: European Centre for Disease Control and Prevention (Hrsg.): Weekly Releases. Band 8 (2004), Nr. 9, 26. Februar 2004, ISSN 9999-1233, doi:10.2807/esw.08.09.02395-en (englisch, eurosurveillance.org [abgerufen am 7. Mai 2020]).
  15. Sexuell übertragbare Infektionen (STI). In: rki.de. Robert Koch-Institut, 29. August 2017, abgerufen am 6. Mai 2020.
  16. Fachgebiet 34 der Abteilung für Infektionsepidemiologie des RKI: Sechs Jahre STD-Sentinel-Surveillance in Deutschland – Zahlen und Fakten. In: Robert Koch-Institut (Hrsg.): Epidemiologisches Bulletin. Band 2010, Nr. 3. Brandenburgische Universitätsdruckerei und Verlagsgesellschaft Potsdam, 25. Januar 2010, ISSN 1430-0265, ISSN 1430-1172 (Fax), PVKZ A-14273, S. 20–27 (rki.de [PDF; 116 kB; abgerufen am 7. Mai 2020]).
  17. Das Varizellen-Sentinel der AGV. In: rki.de. Robert Koch-Institut, 13. November 2017, abgerufen am 6. Mai 2020.
  18. Sentinella-Statistik. (PDF; 50 kByte) Bundesamt für Gesundheit, Abteilung Epidemiologie und Infektionskrankheiten, 14. März 2006, archiviert vom Original am 16. November 2011; abgerufen am 6. Mai 2020.
  19. a b European Influenza Surveillance Network (EISN). European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), abgerufen am 7. Mai 2020 (englisch).
  20. System. In: Flu News Europe - Joint ECDC-WHO/Europe weekly influenza update. European Centre for Disease Prevention and Control + WHO Regional Office for Europe, abgerufen am 7. Mai 2020 (englisch).