Shenzhou

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Diagramm zur Struktur eines Shenzhou-Raumschiffs
Geborgene Landekapsel der Shenzhou-5-Mission

Shenzhou (chinesisch 神舟, Pinyin shénzhōu – „magisches Schiff, Götterschiff“) ist die Bezeichnung für das erste bemannte chinesische Raumschiff und das dahinterstehende Programm des Büros für bemannte Raumfahrt.

Übersicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl China seit den 1950er Jahren Trägerraketen entwickelt, beschränkte sich der Bereich der bemannten Raumfahrt lange Zeit auf das Erstellen von Plänen. Erst mit dem Projekt 921-1 begann China 1992 mit der Umsetzung von der Theorie in die Praxis.

Um die enormen Kosten des bemannten Raumfahrtprogramms vor der Bevölkerung rechtfertigen zu können,[1] gab es 1992 von der politischen Führung des Projekts, also General Ding Henggao (丁衡高, * 1931) und seinen beiden Stellvertretern, Generalleutnant Shen Rongjun (沈荣骏, * 1936) und Liu Jiyuan (刘纪元), die Vorgabe, bei Chinas erstem Raumschiff nicht einfach Gagarins Wostok-Kapsel oder die Sojus TM – das damals modernste Raumschiff – nachzubauen, sondern in einer Art Sprunginnovation die Sowjetunion bzw. Russland zu übertreffen. Wang Yongzhi (王永志, * 1932), der Technische Direktor des bemannten Raumfahrtprogramms, war derselben Ansicht. Daher sind die Shenzhou-Raumschiffe, obwohl dem Sojus-Raumschiff sehr ähnlich, in fast allen Abmessungen größer als ihre russischen Gegenstücke und können bis zu vier statt drei Personen transportieren. Die Gesamtmasse des Shenzhou-Raumschiffs liegt bei etwa 7,8 Tonnen, die Gesamtlänge beträgt 8,65 Meter.

Das Raumfahrzeug besteht aus drei Modulen, dem Orbitalmodul als vorderem Teil, der Rückkehrkapsel als mittlerem und dem Servicemodul als hinterem Teil. Diese Bauart war nicht unumstritten. Etwa die Hälfte der Ingenieure, die 1992 an den Vorplanungen für das Projekt beteiligt waren, befürwortete ein Raumschiff mit nur zwei Komponenten, ohne das Orbitalmodul, da dies einfacher zu bauen und sicherer wäre. Am Ende wurde vom damaligen Ministerium für Luft- und Raumfahrtindustrie, einer Vorgängerorganisation der China Aerospace Science and Technology Corporation, der angesehene Raumfahrtingenieur Ren Xinmin als Schlichter entsandt, der, nach einer gewissen Einarbeitungszeit, die Entscheidung für die Variante mit drei Modulen traf.

Den Ausschlag hierbei gab das Koppelungssystem am vorderen Ende des Orbitalmoduls. Wenn auch die Mittel für das bemannte Raumfahrtprogramm nur schrittweise freigegeben wurden, so war in dem dem Ständigen Ausschuss des Politbüros der Kommunistischen Partei Chinas vorgelegten und von diesem am 21. September 1992 gebilligten Plan doch bereits von einem Weltraumlabor und später einer Raumstation die Rede, wofür ein Koppelungsmechanismus unabdingbar und eine zusätzliche Kabine (das Orbitalmodul) wünschenswert war. Wenn man zunächst nur ein einfaches Raumschiff für Erdumkreisungen gebaut hätte, hätte man danach in einem langwierigen und teuren Entwicklungsprozess noch einmal ein anderes Raumschiff entwerfen müssen.

Anders als bei der Sojus TM, wo bei der Rückkehr zur Erde das gesamte Raumschiff den Orbit verlässt, dann das Orbitalmodul und das Servicemodul abgetrennt werden und in der Atmosphäre verglühen, koppeln die Shenzhou-Raumschiffe noch in der Umlaufbahn vom Orbitalmodul ab und kehren erst dann zur Erde zurück. Auf diese Art kann das mit Experimenten bestückte Orbitalmodul noch mindestens ein halbes Jahr (in der Praxis wesentlich länger) genutzt werden. Dies war von Anfang an als erster Schritt zu einem Weltraumlabor gedacht, um herauszufinden, welche Experimente in der Umlaufbahn durchgeführt werden konnten und was hierfür nicht geeignet war. Gleichzeitig konnte sich so bei der Chinesischen Akademie der Wissenschaften eine Gruppe von Forschern zusammenfinden, die sich auf Experimente in der Schwerelosigkeit spezialisierten und mit dem Orbitalmodul bereits erste Erfahrungen sammeln konnten, um dann ihre Apparate für das eigentliche Weltraumlabor besser zu konstruieren.[2]

Man einigte sich darauf, dass die Chinesische Akademie für Weltraumtechnologie das Orbitalmodul und die Rückkehrkapsel des Raumschiffs bauen sollte, die Shanghaier Akademie für Raumfahrttechnologie das Servicemodul. Die Projektleitung und Endmontage oblag der Akademie für Weltraumtechnologie in Peking. Chefkonstrukteur des Raumschiffs wurde Qi Faren (戚发轫, * 1933), seit 1983 Direktor der Akademie für Weltraumtechnologie und bis dahin, neben seinen Verwaltungsaufgaben, Entwicklungsleiter für den Kommunikationssatelliten Dong Fang Hong 3. Das Shuguang-Raumschiff, bei dem Qi Faren seinerzeit für die Entwicklung der Druckkabine zuständig gewesen war, war Anfang der 1970er Jahre nie über ein Modell aus Holz und Pappe hinausgekommen; die Ingenieure mussten 1992 nicht nur das Raumschiff konstruieren, ohne über vorherige Erfahrungen zu verfügen, sondern auch die Einrichtungen zu seiner Herstellung. Als erstes baute die Akademie für Weltraumtechnologie in Peking einen Endmontage-Komplex, wo die einzelnen Systemkomponenten integriert und getestet werden konnten, wegen der englischen Bezeichnung Assembly, Integration and Test auch „AIT“ genannt. Dort installierte man die damals größte Vakuumkammer Asiens, ein Labor zur Überprüfung der elektromagnetischen Verträglichkeit der Komponenten und einen großen Rütteltisch, um die Vibrationen beim Start zu simulieren.[3]

Am 19. November 1999 startete Shenzhou 1 zu einem ersten unbemannten Testflug mit der Trägerrakete CZ-2F vom chinesischen Weltraumbahnhof Jiuquan aus. Mit dem erfolgreichen Start von Shenzhou 5 wurde China nach Russland und den USA die dritte Nation, die eine eigene Infrastruktur für bemannte Raumflüge unterhielt. Mit der Mission Shenzhou 6 hielten sich im Oktober 2005 erstmals längere Zeit zwei chinesische Raumfahrer im Weltraum auf.

Das Raumschiff Shenzhou 12 für den ersten Flug zur Chinesischen Raumstation durchlief im März 2020 in der Pekinger Endmontagehalle der Chinesischen Akademie für Weltraumtechnologie die ersten Tests. Da in Peking damals wegen der COVID-19-Pandemie besondere Sicherheitsauflagen galten, wurden Standleitungen zum Chinesischen Astronautenausbildungszentrum geschaltet, um von dort Fernmessungen durchführen zu können. Dadurch gelang es, die Zahl der sich in der Halle aufhaltenden Personen um 1/3 zu verringern, und da die Ingenieure nicht mehr zwischen den einzelnen Gebäuden hin- und herzupendeln brauchten, reduzierte sich auch der Zeitaufwand für die Tests.[4]

Bisherige Missionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Shenzhou – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. In den frühen 2000er Jahren kostete jede Shenzhou-Mission, ohne die Entwicklungskosten für das Raumschiff selbst, mehrere 100 Millionen Yuan. Eine große Schale Nudelsuppe mit Rindfleisch, das Grundnahrungsmittel des Bauarbeiters, kostete damals 3,00 bis 3,50 Yuan.
  2. 朱增泉: 中国飞船—中国载人航天工程总设计师王永志访谈录. In: people.com.cn. 17. Oktober 2003, abgerufen am 2. Oktober 2019 (chinesisch).
  3. 周雁: 神舟二十载问天不停歇. In: cmse.gov.cn. 10. Januar 2020, abgerufen am 15. Januar 2020 (chinesisch).
  4. 代振莹: 神舟十二号、天舟二号、新一代载人飞船试验船、空间站有新进展. In: m.thepaper.cn. 26. März 2020, abgerufen am 27. März 2020 (chinesisch).
  5. China schickt erstmals eine Frau ins All. AFP, 14. Juni 2012, abgerufen am 14. Juni 2012.
  6. Launch of China's manned spacecraft Shenzhou-9 scheduled. In: zw.china-embassy.org. 17. Februar 2012, abgerufen am 2. Oktober 2019 (englisch).