Siemczyno

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Siemczyno
Siemczyno führt kein Wappen
Siemczyno (Polen)
Siemczyno
Siemczyno
Basisdaten
Staat: Polen
Woiwodschaft: Westpommern
Powiat: Drawsko Pomorskie
Gmina: Czaplinek
Geographische Lage: 53° 33′ N, 16° 8′ OKoordinaten: 53° 33′ 28″ N, 16° 7′ 54″ O
Höhe: 147 m n.p.m.
Einwohner: 430
Postleitzahl: 78-550/78-551
Telefonvorwahl: (+48) 94
Kfz-Kennzeichen: ZDR
Wirtschaft und Verkehr
Straße: DK 20: StargardZłocieniecCzaplinekGdynia
CieszynoPiaseczno → Siemczyno
Schienenweg: PKP-Linie 210: Bahnstrecke Chojnice–Runowo Pomorskie
Bahnstation: Żelisławie Pom.
Nächster int. Flughafen: Stettin-Gollnow



Siemczyno (deutsch Heinrichsdorf) ist ein Dorf in der Woiwodschaft Westpommern in Polen. Es gehört zur Gmina Czaplinek (Stadt- und Landgemeinde Tempelburg) im Powiat Drawski (Dramburger Kreis).

Geographische Lage und Verkehrsanbindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dorf liegt in Hinterpommern auf einer Landenge zwischen dem Jezioro Wilczkowo (Völzkow-See) im Westen und einem Ausläufer des Jezioro Drawsko (Dratzig-See) im Osten.

Durch das Dorf führt die Landesstraße 20 von Złocieniec (Falkenburg) im Westen nach Czaplinek (Tempelburg) im Osten. Die Straße ist ein Teilstück der ehemaligen deutschen Reichsstraße 158. Etwa drei Kilometer im Norden liegt das Dorf Piaseczno (Blumenwerder).

Bis 1945 bestand eine Bahnstation „Heinrichsdorf (Pom.)“ an der Reichsbahnstrecke von Konitz in Westpreußen nach Ruhnow in Pommern, die aber südlich des Ortes außerhalb des Gemeindegebiets lag. Die Station trägt heute den Namen „Żelisławie Pomorskie“ (Wilhelmshof) an der Bahnstrecke Chojnice–Runowo Pomorskie der Polnischen Staatsbahn.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dorf lag im Mittelalter in einem zwischen Pommern, Polen und Brandenburg umstrittenen Grenzgebiet, das bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts dem Johanniter-Orden gehörte und dessen größter Teil 1438 als Starostei Draheim an Polen kam. Heinrichsdorf war neben dem etwa elf Kilometer weiter nördlich liegenden Neu Wuhrow die einzige ländliche Altsiedlung dieses Gebiets, die bereits zum Ende der Johanniterherrschaft genannt wird.[1] Ferner tauchte das Dorf als Heinersdorff in einer angeblich aus dem Jahre 1251 stammenden Urkunde auf, die aber als Fälschung des Johanniterordens aus der Zeit um 1500 erkannt ist.[2] Der Dorfkrug soll aus dem Jahre 1400 stammen.

Heinrichsdorf war zwischen der Starostei und der Adelsfamilie von der Goltz geteilt:

In den Einnahmeverzeichnissen („Lustrationen“) der Starostei Draheim aus den Jahren 1565 und 1628/1632 wird Heinrichsdorf genannt. Danach unterstanden dem Starosten in dem Dorf jeweils neun Bauern, deren Abgaben im Einzelnen aufgeführt sind.[1] Die Starostei Draheim kam 1668 unter die Pfandherrschaft Brandenburg-Preußens, mit der Ersten Teilung Polens 1772 dann endgültig an Preußen. Ludwig Wilhelm Brüggemanns Ausführliche Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes des Königl. Preußischen Herzogtums Vor- und Hinterpommern von 1784 nennt für den königlichen Anteil von Heinrichsdorf, der zu den „Starostendörfern“ des Amtes Draheim zählte, zwölf Haushaltungen („Feuerstellen“), nämlich einen Freischulzen, einen Freikrüger und zehn Halbbauern.[3]

Die Adelsfamilie von der Goltz, der der andere Teil von Heinrichsdorf gehörte, hatte hier auf ihrem Rittergut ab 1554 einen ihrer Hauptsitze. Bis 1772 bildete ihre Herrschaft Warlang-Heinrichsdorf eine kleine zu Polen gehörende Exklave zwischen der Neumark im Westen und der Starostei Draheim im Osten.[4] Auf einer 1711 für Brandenburg-Preußen aufgenommenen Karte der Starostei Draheim ist Heinrichsdorf demgemäß als „Pohlnisches Territorium“ gezeigt.[5] Ab 1772 gehörte dieser Teil Heinrichsdorfs zum Kreis Deutsch-Krone in Westpreußen.

1816 wurde Heinrichsdorf insgesamt in den Kreis Neustettin der preußischen Provinz Pommern eingegliedert.

1796 wurde das Rittergut Heinrichsdorf an Heinrich August von Arnim verkauft, in dessen Familie es bis 1895 blieb. In den 1890er Jahren wurde eine Fläche von 952 Hektar abgeteilt, auf der 20 Rentengüter geschaffen wurden.[6] Das Rittergut wurde, nach verschiedenen kurzzeitigen Eigentümern, 1907 durch Hartwig Freiherr von Bredow erworben, der 1927 verstarb. Seine Frau Mascha führte den Gutsbetrieb weiter und musste Anfang März 1945 vor der anrückenden Roten Armee fliehen.

In Heinrichsdorf wurden im Jahre 1925 607 Einwohner gezählt, im Jahre 1933 534 Einwohner und im Jahre 1939 577 Einwohner.[7]

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam Heinrichsdorf, wie ganz Hinterpommern, an Polen. Der polnische Staat gab dem Ort den polnischen Namen Siemczyno und besiedelte ihn mit Polen. Er ist heute als Schulzenamt Teil der Gmina Czaplinek (Stadt- und Landgemeinde Tempelburg) im Powiat Drawski (Dramburger Kreis) der polnischen Woiwodschaft Westpommern. In Siemczyno leben heute 430 Menschen.

Schloss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schloss Heinrichsdorf um 1860, Sammlung Alexander Duncker

Das Heinrichsdorfer Schloss wurde von 1723 bis 1728 durch Henning Bernd von der Goltz († 1734) im Barockstil an der Stelle eines wenig repräsentativen Vorgängerbaus errichtet. 1796 wurde es durch Heinrich August von Arnim um einen Flügel erweitert.

Im und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Schloss nicht zerstört, aber die Eigentümer nach 1945 entschädigungslos enteignet.

Bis Ende der 1980er Jahre diente das Schloss als polnische Dorfschule. Ende der 1990er Jahre wurde das Schloss durch Angehörige der polnischen Unternehmerfamilie Andziak aus Kołobrzeg (Kolberg) erworben. Erste Sanierungsmaßnahmen am Gebäude und an den Parkanlagen wurden vorgenommen. Im Untergeschoss richteten die neuen Eigentümer eine historische Ausstellung ein. Ihr Ziel ist die Wiederbelebung des Anwesens als ein gesellschaftliches und touristisches Zentrum in Hinterpommern. In den ehemaligen Stallungen gegenüber dem Schloss wurde 2009 ein Hotel mit ca. 80 Betten eingerichtet.

Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchengebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1560, also nach der Reformation, wurde in Heinrichsdorf eine Kirche errichtet. An die Kirche angebaut ist ein 1699 errichtetes Mausoleum der Familie von der Goltz.[8]

Kirchengemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die fast ausnahmslos von Evangelischen bewohnte Kirchengemeinden Heinrichsdorf mit den Filialkirchen in Reppow und Blumenwerder gehörte ursprünglich zur evangelischen Kirche im Königreich Polen. Sie bildete gemeinsam mit fünf anderen Kirchengemeinden den Goltzer Kreis in der Synode Großpolen und stand unter dem großpolnischen Konsistorium in Fraustadt. Nach der Inbesitznahme des Netzedistrikts durch Preußen im Jahre 1772 wurde an Stelle des Goltzer Kreises eine Superintendentur mit einem größeren Bezirk gebildet.[9]

Per Kabinettsorder vom 11. Juli 1816 wurde die Kirchengemeinde Heinrichsdorf nach Pommern umgelegt. Vor 1945 war sie in den Kirchenkreis Tempelburg im Ostsprengel der Kirchenprovinz Pommern der Kirche der Altpreußischen Union eingegliedert. Das Kirchenpatronat hatten die Besitzer von Heinrichsdorf, Reppow und Blumenwerder inne. Im Jahre 1941 zählte der Pfarrsprengel Heinrichsdorf 904 Gemeindemitglieder, von denen 625 zum Pfarrdorf gehörten.

Seit 1945 lebt eine überwiegend katholische Bevölkerung in Siemczyno. Der Ort ist wieder Pfarrsitz und gehört mit seinen Filialkirche Rzepowo und Piaseczno jetzt zum Dekanat Barwice (Bärwalde) im Bistum Köslin-Kolberg der Katholischen Kirche in Polen. Hier lebende evangelische Kirchenglieder gehören jetzt zum Pfarrsprengel Koszalin (Köslin) mit der Filialgemeinde in Szczecinek (Neustettin) innerhalb der Diözese Pommern-Großpolen der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen.

Pfarrer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Geistliche amtierten bis 1945 in Heinrichsdorf:[10]

  • Friedrich Schmieden, um 1560[11]
  • Johannes Grützmacher, um 1593[11]
  • Johann Krüger, 1657–1700
  • Friedrich Scheffler (Schettler), 1700–1733
  • Johann Friedrich Kalisch, 1734–1754
  • Balthasar Samuel Beuthner, 1755–1766
  • Ephraim Bartholomäi, 1766–1810
  • Gottlob Daniel Schink
  • Dr. August Wilhelm Zechlin, 1819–1825
  • Karl Friedrich Violet, 1825–1845
  • Rudolf Vollrat August Ideler, 1845–1861
  • Friedrich Wilhelm Lüpke, 1861–1868
  • Ferdinand Friedrich Albert Polykarb Reinhardt, 1866–1881
  • Julius Wilhelm Karl Hilbert, 1882–1885
  • Johannes Winter, 1886–1894
  • Karl August Kock, 1894–1902
  • Gustav Benjamin Gottlieb Goldmann, 1904–1918
  • Fritz Bahr, 1918–1931
  • Martin Wenzel, 1931–1945

Bemerkenswert ist eine Bestimmung in der Berufungsurkunde des Pastors Ephraim Bartholomäi von 1766: Danach sollte der sonntägliche Gottesdienst um 10 Uhr beginnen „und umb 12 Uhr, ohne Ausnahme und sonder Ausrede aus seyn“. Letzter evangelischer Pastor war Martin Wenzel, der nach der Vertreibung Pastor in Kemnitz (bei Greifswald) wurde.[11]

Naturdenkmäler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Am Völzkowsee bei Heinrichsdorf befand sich ein neun Meter hoher Wacholder, der vor 1945 in die Liste der Naturdenkmäler eingetragen war.[12]

Persönlichkeiten: Söhne und Töchter des Ortes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mathias Freiherr von Bredow: Ein Zeichen der Versöhnung. Heinrichsdorf soll wieder ein gesellschaftliches Zentrum werden. In: Die Pommersche Zeitung. Nr. 22/2011, S. 10–11.
  • Johannes Hinz: Pommern. Wegweiser durch ein unvergessenes Land. Flechsig-Buchvertrieb, Würzburg 2002, ISBN 3-88189-439-X, S. 151.
  • Helmut Sieber: Schlösser und Herrensitze in Pommern. 3. Auflage. Verlag Weidlich, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-8035-8012-9, S. 121–122.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Ernst Bahr: Die Starostei Draheim zwischen 1565 und 1632. In: Baltische Studien. Band 57 N.F., 1971, ISSN 0067-3099, S. 33.
  2. Klaus Conrad (Bearb.): Pommersches Urkundenbuch. Band 1. 2. Auflage. Böhlau Verlag, Köln und Wien 1970, Nr. 544.
  3. Ludwig Wilhelm Brüggemann: Ausführliche Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes des Königl. Preußischen Herzogtums Vor- und Hinterpommern. Teil II, Band 2, Stettin 1784, S. 731, Nr. 9.
  4. Übersichtskarte bei: Haik Thomas Porada, Michael Lissok: Die frühere Starostei Draheim und die Stadt Tempelburg. In: Pommern. Zeitschrift für Kultur und Geschichte. Heft 2/2002, ISSN 0032-4167, S. 2.
  5. Die Karte ist abgebildet bei: Haik Thomas Porada, Michael Lissok: Die frühere Starostei Draheim und die Stadt Tempelburg. In: Pommern. Zeitschrift für Kultur und Geschichte. Heft 2/2002, ISSN 0032-4167, S. 9.
  6. Franz Stelter (Bearb.): Der Kreis Neustettin. Holzner Verlag, Würzburg 1972, S. 354.
  7. Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990. neustettin.html. (Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2001).
  8. Haik Thomas Porada, Michael Lissok: Die frühere Starostei Draheim und die Stadt Tempelburg. In: Pommern. Zeitschrift für Kultur und Geschichte. Heft 2/2002, ISSN 0032-4167, S. 8 (mit Abbildung).
  9. Friedrich Wilhelm Ferdinand Schmitt: Geschichte des Deutsch-Croner Kreises. Thorn 1867, S. 183–184. (Online)
  10. Ernst Müller: Die Evangelischen Geistlichen Pommerns von der Reformation bis zur Gegenwart. Teil 2. Stettin 1912.
  11. a b c Wilhelm Rohde: Aus der Geschichte evangelischer Kirchengemeinden. In: Franz Stelter (Bearb.): Der Kreis Neustettin. Holzner Verlag, Würzburg 1972, S. 189–241.
  12. Heinrich Rogge: Naturdenkmäler und Bodenschätze. In: Franz Stelter (Bearb.): Der Kreis Neustettin. Holzner Verlag, Würzburg 1972, S. 13–16.