Sigwardskirche (Idensen)

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Sigwardskirche, Außenansicht

Die Sigwardskirche in Idensen, heute Ortsteil von Wunstorf, ist eine romanische Kirche, die wegen ihrer Architektur und der im Original erhaltenen romanischen Ausmalung als einer der bedeutendsten sakralen Kleinbauten der Romanik gilt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Romanische Deckenmalerei
Romanische Deckenmalerei: Jesus Christus als Weltenrichter, zu seiner Rechten die Geretteten, zu seiner Linken die Verdammten

In den Jahren 1129 bis 1134 ließ Bischof Sigward von Minden die Kirche errichten. Sie wurde der heiligen Ursula von Köln und ihren elftausend Jungfrauen geweiht, da das Bistum Minden zur Kirchenprovinz Köln gehörte. Die Zentralstellung des Apostels Petrus im Bildprogramm erklärt sich aus seiner Rolle als Hauptpatron sowohl des Kölner wie des Mindener Doms. Bischof Sigward, der die Kirche und vermutete Anbauten auch als Sommerresidenz nutzte, wurde 1140 dort bestattet. Eine Grabanlage ist allerdings nicht auffindbar.[1] Vermutlich seit dem 17. Jahrhundert wurde die romanische Ausmalung mit weißem Kalk übertüncht[2] und erst 1858 teilweise wiederentdeckt. Die Fresken der Südwand waren zwischenzeitlich durch einen Sturmschaden am Dach fast vollständig zerstört worden, so dass manche Motive heute nur in Bruchstücken erkennbar sind. Der hannoversche Baurat Conrad Wilhelm Hase[3] konnte 1888 den drohenden Abbruch der Sigwardskirche verhindern; nach seinen Plänen wurde 1887 bis 1888 stattdessen ein neugotischen Neubau gegenüber der alten Kirche errichtet. In den Jahren 1930 bis 1934 wurde die Ausmalung schließlich vollständig freigelegt. Seitdem werden kontinuierlich aufwendige Sanierungs- und Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt.

Die Kirche ist öffentlich zugänglich und kann täglich bis zum Einbruch der Dunkelheit besichtigt werden. Zu besonderen Anlässen wird sie weiterhin auch gottesdienstlich genutzt.[4]

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sigwardskirche besteht aus einem einschiffigen, dreijochigen Langhaus und einer außen polygonalen, innen halbrunden Apsis mit einem halben Chorjoch. Dem östlichen Langhausjoch sind beidseitig Kapellen angefügt, die den Eindruck eines kurzen Querhauses mit rechteckiger Vierung erzeugen. Die Joche sind innen mit doppelten, halbsäulen- und wandpfeilergestützten Gurtbögen abgeteilt und mit Gewölben überspannt, deren Grate nach oben in Tonnenform auslaufen. Besonderen Gestaltungswillen zeigt die Apsis mit ihrer Fenster- und Säulengliederung.

Westlich schließt sich an das Langhaus der massive, annähernd quadratische Turm an. Er enthält eine überwölbte Portalhalle, darüber eine Kapelle mit Vierpassfenster und Durchblick zum Kirchenschiff, darüber ein Glockengeschoss.

Bischof Sigward hatte 1129, unmittelbar vor Baubeginn in Idensen, im Beisein von König Lothar von Süpplinburg die Stiftskirche von Elten geweiht, die erste vollständig gewölbte Kirche am Niederrhein, von wo er auch die Bauhandwerker mitgebracht haben wird. Beide Bauten zeigen nicht nur dasselbe Gewölbesystem, sondern besitzen jeweils auch den ältesten romanischen Kirchturm in ihrer Region.[5]

Wandmalereien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bildthemen der Wandmalereien

Die romanischen Wandmalereien zeigen biblische Szenen und Heiligendarstellungen.

Das auf den Schriften des Rupert von Deutz basierende typologische Bildprogramm der Ausmalung stellt im Schiff in Bildpaaren des Alten und Neuen Testaments von Ost nach West Sintflut und Taufe (die zerstörende und segnende Kraft des Wassers), Turmbau zu Babel und Pfingstwunder (Sprachverwirrung und Sprachwunder) sowie Sodom und Gomorra und Jüngstes Gericht (Gericht über die Menschheit) dar. Hinzu kommt eine auf Bischof Sigward verweisende persönliche Bezugsebene, indem die durch den Architekturrahmen im Mindener Dom lokalisierte Taufe seine Aufnahme in die Kirche, die Pfingstszene seine bischöfliche Sendung und das Gericht (er selbst ist unter den Gerichteten dargestellt) seine letztendliche Verantwortung thematisieren. Das große Bild der Westwand – hier befand sich im Mittelalter meist die kaiserliche Empore (siehe Westwerk) – zeigt den Befehl des als Kirchenverfolger gesehenen Königs Etzel zum Martyrium der heiligen Ursula und ihrer Begleiterinnen und stellt damit eine Verbindung zu den Ereignissen des soeben (1122) überwundenen Investiturstreits zwischen Kaiser und Kirche her.[6]

Die Seitenarme, die Petrus und Paulus geweiht sind, zeigen Szenen aus dem Wirken dieser Apostel. In der Apsiswölbung thront Christus als Allherrscher.

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sigwardskirche besitzt drei Glocken, von denen eine aus der Erbauungszeit der Kirche stammt; sie ist die älteste erhaltene Glocke Niedersachsens und schlägt heute noch zu jeder Viertelstunde. Die beiden anderen Glocken stammen von 1724 und 1823.

Sigwardsweg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sigwardskirche ist mit dem Mindener Dom Ausgangs- und Zielpunkt der beschilderten Pilgerroute Sigwardsweg.

Bewerbung als Welterbestätte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2012 bewarb sich die Stadt Wunstorf mit der Sigwardskirche um Aufnahme in die deutsche Tentativliste bei zukünftigen Anträgen als UNESCO-Welterbestätte. Eine Expertenkommission unter Führung des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur lehnte die Kandidatur wegen geringer Erfolgsaussichten ab, da Kirchengebäude unter den Welterbestätten bereits überrepräsentiert seien.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Sigwardskirche Idensen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. chronico.de, 12. September 2003
  2. Monitoring-Bericht des NLD
  3. Baubeschreibung (PDF-Datei; 976 kB), Centralblatt der Bauverwaltung, 31. März 1883, S. 111, abgerufen am 17. Dezember 2012
  4. Öffnungszeiten
  5. Johann Josef Böker: Idensen. Architektur und Ausmalungsprogramm einer romanischen Hofkapelle, Berlin 1995, S. 19-50.
  6. Johann Josef Böker: Idensen. Architektur und Ausmalungsprogramm einer romanischen Hofkapelle, Berlin 1995, S. 51-68.
  7. Wer wird Welterbe? in: Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 18. Juni 2012

Koordinaten: 52° 24′ 8,1″ N, 9° 21′ 20,3″ O