Silberstein-Affäre

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Tal Silberstein (Bildmitte)

Die Silberstein-Affäre (auch Causa Silberstein) rund um die Aktivitäten des israelischen Politikberaters, Spin-Doctors und Unternehmers Tal Silberstein für die Sozialdemokratischen Partei Österreich (SPÖ) im Wahlkampf zur Nationalratswahl in Österreich 2017 wurde im September 2017 durch Artikel im Magazin profil und der Tageszeitung Die Presse ausgelöst.[1][2][3] Wie in einer Reihe von Artikeln publiziert wurde, verantwortete er Dirty Campaigning (Schmutzkübelkampagne) in Form von Videoclips und zwei Facebook-Seiten, die unter Vorspiegelung anderer Urheberschaft ("False flag") Stimmung gegen Sebastian Kurz, den Parteivorsitzenden und Spitzenkandidaten der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), machen sollten. Die Zusammenarbeit mit Silberstein wurde von der SPÖ schon vor dem Bekanntwerden seiner Verantwortlichkeit am 14. August beendet, nachdem er in Israel kurzfristig wegen des Verdachts auf Bestechung, Urkundenfälschung und Geldwäsche verhaftet wurde.[4]

Die Berichterstattung über die Tätigkeiten Silbersteins und das von ihm initiierte Dirty Campaigning überschatteten nach Beginn der Veröffentlichungen rund einen Monat vor dem Wahltermin den Wahlkampf und drängte Sachthemen in den Medien weitgehend in den Hintergrund. Von wem die internen Unterlagen der SPÖ weitergegeben wurden und welcher Art genau sie sind ist unbekannt und wurde von den involvierten Medien unter Hinweis auf den Quellenschutz nicht beantwortet.[5]

Anfänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Silberstein selbst war im und vor dem eigentlichen Wahlkampf immer wieder Teil der medialen Berichterstattung, da die Volkspartei seine Beratungstätigkeiten für die SPÖ kritisierte. Am 5. Oktober 2016, als 2018 noch als nächster Wahltermin galt, wurde bekannt, dass Bundeskanzler und SPÖ-Parteiobmann Christian Kern ihn für eine allfällige vorgezogene Neuwahl im Jahr 2017 engagierte.[6] Im Jänner 2017 berichtete die Tageszeitung Die Presse, dass von Vertretern der ÖVP behauptet wurde, die SPÖ führe Nachforschungen zur Vergangenheit von Kurz durch.[7] ÖVP-Regierungsmitglied Andrä Rupprechter meinte auf Silberstein Bezug nehmend, es erreiche eine „neue Stufe, wenn Spezialisten für Dirty Campaigning gezielt im Privatleben des politischen Gegners herumstöbern und nach alten Schulgeschichten oder Partyfotos suchen“.[8] Von Seiten der SPÖ wurden derartige Nachforschungen dementiert. Kern sagte dazu, dass es unter seiner Führung so etwas nicht gebe und er es auch nicht dulden würde.[9] Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP) unterstrich die Vorwürfe im Kurier, sagte aber auch, dass man keine Beweise habe.[10] Einige Tage später stellten ÖVP-Mandatare wegen eines Medienberichts, wonach in Rumänien ein Haftbefehl gegen Silberstein bezüglich eines Immobiliendeals vorliege, eine parlamentarische Anfrage an den Innenminister. Laut Recherchen der Presse wurde der Haftbefehl in Rumänien aber abgelehnt.[11]

Im Juli 2017 berichteten Medien über die Facebook-Fan-Seite Wir für Sebastian Kurz. Dort wurde am 19. Juli eine Umfrage online gestellt („Zigtausende Migranten warten in Italien darauf nach Mitteleuropa weiter zukommen, NGOs drohen die Menschen nach Österreich zu bringen. Soll Österreich sich das gefallen lassen?“), deren Inhalt und manche Kommentare dazu unter anderem von Klaus Schwertner (Generalsekretär der Caritas Österreich) scharf kritisiert wurden. Peter L. Eppinger, Sprecher der ÖVP, erklärte, seine Partei habe nichts mit dieser Facebook-Seite zu tun und man habe bereits die Löschung beantragt.[12] Unter Berufung auf ungenannte „Social-Media-Experten“ beklagte die ÖVP, die SPÖ habe, seit Kurz Parteiobmann und Spitzenkandidat der Partei wurde, rund 100.000 Euro pro Monat für „Anti-Kurz-Kampagnen“ in sozialen Netzwerken ausgegeben. Man bezog sich dabei auf negative Artikel im Blog kontrast.at des SPÖ-Parlamentsklubs, auf der SPÖ-nahen Seite politiknews.at oder die Kosten für die Anti-Kurz-Plattform kurz-nachgerechnet.at. ÖVP-Generalsekretärin Elisabeth Köstinger kritisierte, dass man mit Silberstein den schlechten Wahlkampfstil der USA importiere.[13] Am 27. Juli 2017 wurde bekannt, dass der seit Anfang Juni für die SPÖ tätige Wahlkampfmanager Stefan Sengl aus privaten Gründen zurückgetreten war, wobei im Raum stand, dass es zwischen Sengl, Silberstein und SPÖ-Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter Georg Niedermühlbichler Unstimmigkeiten in der Ausrichtung der Wahlkampfstrategie gab.[14][15] Johannes Vetter folgte Sengl als Teil der Spitze des Wahlkampfteams. Niedermühlbichler versicherte, dass Silberstein nur als Berater für die Auswertung von Umfragen zuständig war. Er werte aus und gebe strategische Empfehlungen.[16] Am 3. August äußerte die ÖVP erneut den Verdacht, dass die SPÖ hinter der Facebook-Seite Wir für Sebastian Kurz stünde, da sich die ehemalige ÖH-Generalsekretärin (VSStÖ)[17] und Mitarbeiterin der ehemaligen Wiener Stadträtin Sonja Wehsely, die Juristin Vanessa Schwärzler, die gleichnamige Homepage sichern hatte lassen.[18][19]

Am 14. August 2017 wurde Silberstein in Israel wegen Verdachts auf Geldwäsche, Untreue und Behinderung der Justiz festgenommen, woraufhin die SPÖ seine Mitarbeit kündigte.[20] Kern erklärte, man habe Anfang des Jahres Silbersteins private Geschäfte überprüfen lassen, es habe aber keine ausreichenden Anhaltspunkte gegeben. Mit den neuen Vorwürfen konfrontiert, habe man nun die Zusammenarbeit beendet, wobei Kern es als Fehler bezeichnete, das nicht schon früher getan zu haben.[21] Nach dem Abgang von Silberstein übernahm der SPÖ-Wahlkampfmanager Paul Pöchhacker dessen Agenden.[20]

Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) verdächtigte die SPÖ unter Hinweis auf nicht benannte Medienberichte, wonach Silberstein bereits früher in Israel vorgeworfen worden sei Wahlspenden über dubiose Vereine organisiert zu haben, dies nun auch im laufenden Wahlkampf zu praktizieren. Es würde so „bewusst das Parteienfinanzierungsgesetz umgangen“. Damit spielte er auf ein für Kern eingerichtetes Personenkomitee an, was von der SPÖ zurückgewiesen wurde.[22] Über Silberstein sollen zur Jahrtausendwende in Israel Millionenspenden im Wahlkampf zugunsten von Ehud Barak geflossen sein. Baraks Partei wurde damals mit 7 Millionen DM Strafgeld belegt.[23] Später beriet er Baraks Gegener Ehud Olmert, der in der Folge wegen mehrerer Korruptionsskandale zurücktreten musste und zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.[24]

Enthüllungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anti-Kurz-Videos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 11. September 2017 berichtete der Journalist Gernot Bauer im Magazin profil (Ausgabe 37/2017),[1] dass die Werbeagentur GGK MullenLowe nicht nur die offizielle Wahlwerbung der SPÖ betreut, sondern daneben auch eine Negativkampagne gegen Kurz entwickelte. Ein von der Agentur produziertes Video mit dem Titel Nein! wurde gemäß SPÖ-Wahlkampfleiter Niedermühlbichler im Juni auf politiknews.at veröffentlicht, von wo es offenbar weiterverbreitet wurde und auch auf der Facebook-Seite Die Wahrheit über Sebastian Kurz zu sehen war. In dem Video wurde mittels zusammengeschnittener Zitate unterstellt, Kurz wolle Pensionen, Mindestlohn, Bildungs- und Gesundheitsausgaben kürzen. In dem Magazin zugespielten internen Unterlagen der Agentur wurde im August auch ein Projekt „Negative Campaign, Buberlpartie“ erwähnt, bei dem es sich um die Produktion eines Videos handeln soll, in dem die Berater von Kurz als „Buberlpartie II“ der so genannten Buberlpartie gegenübergestellt werden sollten, dem Kreis enger Mitarbeiter Jörg Haiders (Gernot Rumpold, Peter Westenthaler, Walter Meischberger und Karl-Heinz Grasser) während dessen Aufstieg zum Parteichef der FPÖ in den 1980er- und 90er-Jahren. Ein solches Video tauchte im Internet aber nicht auf.

Niedermühlbichler betonte, dass die Videos „nicht direkt [von der SPÖ] beauftragt worden“ sind. Vielmehr habe der mittlerweile gekündigte Berater Silberstein Konzepte erarbeitet (auch Videos), um diese intern in Fokusgruppen zu testen. Der Chef der Werbeagentur GGK MullenLowe sagte dazu, man habe mit der SPÖ „vertraglich vereinbart, lediglich die klassische Wahlkampagne zu entwerfen, zu produzieren und zu betreuen“ und „kein einziges Negative-Campaigning-Konzept für den externen Gebrauch konzipiert und produziert“. Die in Zusammenarbeit mit Silberstein produzierten Videos seien demnach nur für den internen Gebrauch bestimmt gewesen.

In der nächsten Ausgabe des profil berichtete Bauer über weitere Details.[25] Wie aus internen Dokumenten hervorgehe, sei der SPÖ-Wahlkampfmanager Paul Pöchhacker darüber informiert gewesen, dass die Werbeagentur in Zusammenarbeit mit Silberstein diese Videos entwickelte. Der Geschäftsführer und Wahlkampfleiter der SPÖ bestätigte das, da es den Vorschlag gegeben habe, „Videos für den internen Gebrauch zu produzieren, um diese in Fokusgruppen abzutesten“. Er habe die Kosten dafür aber nicht freigegeben, weil diese für den internen Gebrauch zu hoch gewesen seien. Niedermühlbichler: „Deshalb wurde auch nur ein Video über Auftrag von Tal Silberstein produziert, und es wurden weitere Ideen von mir gestoppt.“ Nach Einschätzung des profil sei die Rolle von Silberstein bedeutsamer gewesen, als Kern öffentlich angegeben hatte. Demnach habe Silberstein die Kampagne „Holen Sie sich, was Ihnen zusteht“ der SPÖ mitentwickelt und sei in den Vorbereitungen der „Plan A“-Rede Kerns in Wels eingebunden gewesen.[26]

Facebook-Seiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 30. September enthüllten die Journalistin Anna Thalhammer in der Online-Ausgabe der Tageszeitungen Die Presse[2] und Gernot Bauer in der Online-Ausgabe des profil[3], dass die Facebook-Seiten Wir für Sebastian Kurz und Die Wahrheit über Sebastian Kurz von Silberstein organisiert worden sein sollen. Die beiden Seiten waren seit dem Frühsommer 2017 online. Sie nahmen dabei folgende Rollen ein:

  • Wir für Sebastian Kurz sollte den Eindruck erwecken, von der ÖVP selbst oder von Fans des ÖVP-Kandidaten betrieben zu werden, und durch radikalisierte Positionen liberale Wähler verschrecken;
  • Die Wahrheit über Sebastian Kurz suggerierte eine Urheberschaft durch politisch weit rechts stehende, FPÖ-nahe Kräfte und bediente teils rassistische, antisemitische und fremdenfeindliche Schemata. Damit sollte sowohl Kurz, als auch der FPÖ geschadet werden.[27]

Auf Die Wahrheit über Sebastian Kurz wurde Kurz etwa als „Fake-Basti“ bezeichnet, in einem Quiz sollten Besucher der Seite Slogans aus dem Ikea-Katalog von seinen Aussagen unterscheiden und er wurde in Videoclips und Fotomontagen verunglimpft (z.B. beim Versprühen von Glyphosat auf einem Acker, als Marionette Wolfgang Schüssels oder Münchhausen auf der Kanonenkugel, in einem Foto-Morphing verwandelte sich Karl Heinz Grasser in Kurz). Wiederholt wurde er auf der Seite als Islam-Versteher beschrieben, der für „eine neue Willkommenskultur“, ungezügelten Zuzug und die Bevorzugung von Ausländern eintrete. Der Großteil der Beiträge richtete sich gemäß profil-Artikel gegen Migranten. In einem Posting wurden antisemitische Verschwörungstheorien zu George Soros aufgegriffen und Kurz als Teil dessen „dubiosen politischen Netzwerks“ dargestellt. In den Kommentaren zu den Beiträgen fanden sich dazu Wahlempfehlungen für die FPÖ. Aufgrund der Inhalte wurde die anonyme Facebook-Seite dann auch FPÖ-nahen Kreisen zugerechnet.

Die parallel dazu eingerichtete Seite, vorgebliche Pro-Kurz-Seite Wir für Sebastian Kurz erreichte im Juli 2017 erstmals mit einer Umfrage mediale Aufmerksamkeit, ob „Österreich“ es sich „gefallen lassen“ soll, dass NGOs angeblich drohten, „zigtausende Migranten“ aus Italien ins Land zu bringen. Als ÖVP-Generalsekretärin Köstinger daraufhin der SPÖ vorwarf, hinter der Seite zu stecken, verwies SPÖ-Wahlkampfleiter Niedermühlbichler zunächst darauf, dass dort „scharf gegen [...] Christian Kern geschossen“ werde. Im September noch vor der Veröffentlichung von profil mit dem Vorwurf konfrontiert, SPÖ-Berater Silberstein habe die beiden Seiten in Auftrag gegeben, gab er an, man habe „den Fall hausintern genauestens prüfen lassen“ und herausgefunden, dass es einen Mitarbeiter gebe, „der um diese Website wusste“. Zugleich betonte er erneut, dass die Website „in keinster Weise“ von der SPÖ unterstützt worden sei, „gerade wo dort auch empörende Inhalte gegen unseren Spitzenkandidaten veröffentlicht werden“.[3]

Interne Dokumente, die den Journalisten bei profil und Die Presse vorlagen, wiesen darauf hin, dass Silberstein nicht nur ein einzelner Berater war, sondern ein Team rund um den selbstständigen PR-Berater Peter Puller in einem Büro in Wien beschäftigte, das sich dem Dirty Campaigning widmen sollte. Auf Presse-Anfrage wies Puller seine SPÖ-Tätigkeit zurück. Er habe nie mit Silberstein für die SPÖ gearbeitet. Mit den Facebook-Seiten habe er nichts zu tun. Gemäß der Veröffentlichung der Presse und den internen Dokumenten gebe es jedoch keinen Zweifel an der Arbeit von Puller. Gemeinsam mit Silberstein und einem Verbindungsmann in der SPÖ-Zentrale [Anm.: Paul Pöchhacker] soll er die Kampagne umgesetzt haben.[28] Puller stellte in Interview mit der Zeitung Standard klar, gesagt zu haben, nicht für die SPÖ gearbeitet zu haben, da Silberstein sein Vertragspartner gewesen sei. In der Zusammenarbeit sei er „in die strategische Planung und Analyse involviert“ gewesen.[29] Die Facebook-Seiten waren auch nach der Kündigung Silbersteins im August 2017 noch online und wurden weiter bespielt. Das profil schätzte das Budget für die Negativ-Kampagne auf 500.000 Euro. Der später von der SPÖ veröffentlichte (nicht unterschriebene) Vertrag mit Silberstein sieht eine Vereinbarung über 536.000 € vor, wovon die SPÖ 131.000 € zurückverlangen möchte. Eine namentliche Erwähnung der Facebook-Kampagne ist in dem Vertrag nicht enthalten.[30]

Reaktionen und weitere Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Reaktion der Veröffentlichungen am 30. September trat am selben Tag SPÖ-Bundesgeschäftsführer und -Wahlkampfleiter Georg Niedermühlbichler zurück. Er betonte dabei, dass es keine Geldflüsse der SPÖ für das Dirty-Campainging-Team von Silberstein gab: „Wir haben diese Seiten weder beauftragt, noch finanziert oder gar betrieben.“ Die Seiten auf Facebook seien „abscheulich [und] mit demokratischen und sozialdemokratischen Werten in keinster Weise vereinbar“. Der Hauptgeschädigte sei ohnehin Christian Kern. Es sei ein Fehler gewesen, Silberstein zu engagieren. Die Grünen begrüßten den Rücktritt, forderten aber von Christian Kern, der als Obmann die Verantwortung in der SPÖ trage, eine Erklärung über die Vorgänge. Für die FPÖ war Niedermühlbichler ein Bauernopfer und sie forderten den Rücktritt von Kern. Beide Seiten verschwanden zeitgleich mit Niedermühlbichlers Rücktritt aus dem Netz.[31]

Einen Tag nach dem Rücktritt von Niedermühlbichler gab Bundeskanzler Kern eine Pressekonferenz. Es sei ein Fehler gewesen, Silberstein als Berater einzustellen. „Mir ist wichtig, dass wir volle Aufklärung bekommen.“ Man werde eine interne Arbeitsgruppe einsetzen, die die Vorgänge rund um die SPÖ-Kampagne und Silberstein aufklären soll. Christoph Matznetter soll dieser vorstehen, der gleichzeitig als interimistischer SPÖ-Bundesgeschäftsführer bestellt wurde. Gleichzeitig sagte Kern, dass er nichts von den Dirty-Campaigning-Aktivitäten gewusst habe. Zudem strich er hervor, dass die Verschwörungstheorie, wonach Sebastian Kurz von George Soros finanziert wird, erst nach der Entlassung von Silberstein am 17. August auf der Facebook-Seite publiziert wurde. Er verortete illoyale österreichische Mitarbeiter von Silberstein, die früher auch für andere Parteien gearbeitet haben und die Facebook-Seiten nach Festnahme und Entlassung von Silberstein Mitte August auf eigene Faust weiter betrieben haben sollen. Die Zusammenarbeit mit Silberstein sei am 17. August eingestellt worden und deshalb wisse er nicht, wer die Seiten weiter betrieben habe. Kern meinte auch, dass der Ton auf der gefälschten Facebook-Seite nach der Entlassung des Silberstein-Teams rauer und antisemitischer wurde. Silberstein und seine Mitarbeiter seien aber zuvor schon von der SPÖ-Kampagne abgezogen worden. Er kündigte die Offenlegung des Berater-Vertrages an.[32][33][34] Des Weiteren wurde angekündigt, dass man in einem ersten Schritt um eine Anzeige bei der Polizei ersuchen werde, um die Einleitung eines Verwaltungsstrafverfahrens gegen die Facebook-Seiten Wir für Sebastian Kurz, Die Wahrheit über Sebastian Kurz und auch über Die Wahrheit über Christian Kern zu ermöglichen, da kein Impressum ausgewiesen wurde. Als nächsten Schritt möchte man die Staatsanwaltschaft ermächtigen, Erhebungen wegen übler Nachrede einzuleiten. Abschließend möchte man ein Schreiben an Facebook verfassen.[35]

Am 3. Oktober veröffentlichten erneut Anna Thalhammer in der Online-Ausgabe der Presse und Gernot Bauer in der Online-Ausgabe des profil Berichte,[36][37] mit Informationen aus SPÖ-internen Unterlagen, wonach auch nach dem Abzug von Silberstein und seinen israelischen Mitarbeitern der langjährige SPÖ-Mitarbeiter und hochrangige Kampagnenmitarbeiter Paul Pöchhacker, der nach der Entlassung Silbersteins die offiziellen Agenden (Umfragenanalyse und Motivforschung) von ihm übernommen hatte, bis zuletzt über die Aktivitäten und die Fortführung der Seiten Bescheid wusste. Pöchhacker habe dem Facebook-Team nachweislich weiter Input und Inhalte geliefert.[38] Infolge dieser Veröffentlichungen suspendierte die SPÖ ihn noch am selben Tag.[39] Anschließend erklärte der neue SPÖ-Bundesgeschäftsführer Christoph Matznetter, dass Pöchhacker bestreite, nach Mitte August weiter für die Seite gearbeitet zu haben. Es sei nur nicht sicher, ob er am Tag der Verhaftung von Silberstein am 14. August oder erst am 16. August sein Engagement für die Seite beendete. Nach den internen Dokumenten, die Der Presse zugespielt worden waren, soll Pöchhacker jedoch über Mitte August hinaus weiter an der Seite mitgewirkt haben.[36] Auf Anfrage Pullers, wie mit den Seiten zu verfahren sei, habe er dazu geraten sie noch online zu lassen, da sonst die Verbindung zu Silberstein ersichtlich wäre.[40] Die SPÖ behält sich rechtliche Schritte gegen Pöchhacker, Puller und Silberstein vor.[41]

Von wem die den Enthüllungen zugrundeliegenden SPÖ-internen Unterlagen an das Magazin profil und der Tageszeitung Die Presse übermittelt wurden, welcher Art sie sind und ob ein Zusammenhang mit einem bereits davor der Tageszeitung Österreich zugespielten älteren Kern-kritischen Papier aus dem Umfeld der SPÖ besteht ist nicht bekannt.[5] Die Politikberaterin und ehemalige Pressesprecherin und Strategieberaterin[42] von Wolfgang Schüssel, Heidi Glück, meinte im Report Spezial des ORF, „wenn die ÖVP Informationen bekommt über Interna des SPÖ-Wahlkampfs, was soll sie machen, außer dass sie sie Journalisten erzählt, oder, dass sie sie verbreitet?“[43]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Gernot Bauer: SPÖ beauftragte Anti-Kurz-Videos. In: profil. 11. September 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  2. a b Anna Thalhammer: Tal Silberstein und die Wahrheit über die Schmutzkübel-Kampagnen der SPÖ. In: Die Presse. 30. September 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  3. a b c Gernot Bauer: SPÖ-Berater Silberstein organisierte rechte Facebook-Seite gegen Kurz. In: profil. 30. September 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  4. SPÖ: Wahlkampfberater Silberstein verhaftet. In: Kurier, 14. August 2017
  5. a b Falter 40/17: Die Affäre Silberstein, 3. Oktober 2017
  6. Oliver Pink: Rüsten für Neuwahlen I: Kern engagiert Kampagnen-Guru. In: Die Presse. 5. Oktober 2016, abgerufen am 3. Oktober 2017.
  7. Oliver Pink: Kurz vs. Kern: Ein Duell wirft seinen Schatten voraus. In: Die Presse. 7. Januar 2017, abgerufen am 1. Oktober 2017.
  8. Dirty Campaigning-Vorwürfe gegen SPÖ. In: Kurier. 8. Januar 2017, abgerufen am 1. Oktober 2017.
  9. Oliver Pink und Iris Bonavida: Ärger in der ÖVP vor Kanzler Kerns Rede. In: Die Presse. 10. Januar 2017, abgerufen am 1. Oktober 2017.
  10. Sobotka: SPÖ will Kurz "weich schießen". In: Die Presse. 11. Januar 2017, abgerufen am 1. Oktober 2017.
  11. Haftbefehl gegen Berater? ÖVP will Kern-Erklärung. In: Die Presse. 14. Januar 2017, abgerufen am 1. Oktober 2017.
  12. Siehe hierzu:
  13. ÖVP beklagt Negativkampagnen durch SPÖ. In: Salzburger Nachrichten. 21. Juli 2017, abgerufen am 1. Oktober 2017.
  14. SPÖ-Wahlkampfmanager Sengl zieht sich zurück. In: Der Standard. 27. Juli 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  15. Oliver Pink: Viel zu holen ist für die SPÖ (derzeit) nicht mehr. In: Die Presse. 15. August 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  16. Thomas Prior: Niedermühlbichler: „Die Reichen richten es sich“. In: Die Presse. 9. August 2017, abgerufen am 3. Oktober 2017.
  17. Gaby Konrad: Uni-Rektoren: Freier Zugang ist unhaltbar. In: Kurier. 31. Januar 2005, S. 2.
  18. „Wir für Kurz“: ÖVP und SPÖ werfen sich gegenseitig „Dirty Campaigning“ vor. Die Presse, 3. August 2017, abgerufen am 18. Oktober 2017.
  19. Amtsblatt der Stadt Wien, Nr. 29. Magistrat der Stadt Wien, 16. Juli 2015, S. 4, abgerufen am 21. Oktober 2017 (Gemeinderatsausschuss Gesundheit und Soziales, Sitzung vom 5. März 2015).
    MAGISTRAT DER STADT WIEN, Büro der Geschäftsgruppe Gesundheit und Soziales. BAWO - Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, 25. November 2013, abgerufen am 21. Oktober 2017.
  20. a b Oliver Pink: SPÖ: Augen zu und durch. 15. August 2017, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  21. Kern: Festhalten an Silberstein war ein Fehler. In: Die Presse. 16. August 2017, abgerufen am 3. Oktober 2017.
  22. ÖVP ortet auch in Österreich dubiose Silberstein-Praktiken. In: Der Standard. 15. August 2017, abgerufen am 3. Oktober 2017.
  23. Susanne Knaul: Spendensumpf auch in Israel. In: taz. 28. Januar 2000, S. 5 (Online [abgerufen am 21. Oktober 2017]).
  24. Der tiefe Fall des Tal Silberstein. In: Kleine Zeitung. 16. August 2017, S. 6, 7: „Obwohl er seine Karriere auf der linken Seite des Politikspektrums in Israel begann, hatte Silberstein auch keine Probleme damit, im Laufe der Zeit immer häufiger deren politische Kontrahenten auf der Rechten zu beraten. Zuerst wurde er zum engen Berater des späteren Premiers Ehud Olmert, einem Kandidaten der Mitte, der dann wegen mehrerer Korruptionsskandale zurücktreten musste und schließlich zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.“
  25. Gernot Bauer: SPÖ-Wahlkampf-Dokumente: "Wir brauchen einen Feind". In: profil. 18. September 2017, abgerufen am 3. Oktober 2017.
  26. Siehe bzgl. des Abschnitts auch:
  27. Gernot Bauer, Michael Nikbakhsh: Schmutzschichtarbeiten. In: profil. Nr. 40, 9. Oktober 2017, S. 18–20, 23–24.
  28. Ein Mann mit vielen Kontakten. In: Der Standard. 1. Oktober 2017, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  29. Günther Oswald: "Silberstein-Mitarbeiter Puller will 100.000-Euro-Angebot der ÖVP vor Gericht beweisen" Der Standard vom 6. Oktober 2017
  30. SPÖ legt Silberstein-Vertrag offen, 536.000 € bezahlt. In: Der Standard. 5. Oktober 2017, abgerufen am 18. Oktober 2017.
  31. Georg Niedermühlbichler tritt zurück. In: Wiener Zeitung. 30. September 2017, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  32. Causa Silberstein - Kern: "Viele offene Fragen". In: Oberösterreichische Nachrichten. 1. Oktober 2017, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  33. Wahlkampfaffäre: Kern tritt nicht zurück und verspricht Aufklärung. In: Der Standard. 30. September 2017, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  34. Anna Thalhammer: SPÖ-Facebook-Affäre: Wo Christian Kern irrt. In: Die Presse. 3. Oktober 2017, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  35. Causa Silberstein: SPÖ hat Anzeigen eingebracht. In: Die Presse. 3. Oktober 2017, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  36. a b Anna Thalhammer: SPÖ-Mann führte Facebook-Kampagne nach Silbersteins Ausscheiden weiter. In: Die Presse. 3. Oktober 2017, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  37. Gernot Bauer: Dirty-Campaigning-Affäre: SPÖ-Team machte nach Silberstein-Festnahme weiter wie zuvor. In: profil. 3. Oktober 2017, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  38. Silberstein: Entlastungsof­fen­sive der SPÖ gerät erneut ins Wanken. In: Kurier. 3. Oktober 2017, abgerufen am 3. Oktober 2017.
  39. Neue Details publik geworden. In: ORF. 3. Oktober 2017, abgerufen am 3. Oktober 2017.
  40. Christian Böhmer: Silberstein: Entlastungsoffensive der SPÖ gerät erneut ins Wanken. In: Kurier. 4. Oktober 2017, S. 2 (Online – Der Print-Artikel enthält eine Faksimile zum Schriftverkehr.): „Aus der Korrespondenz zwischen Pöchhacker (SPÖ) und Puller (Silberstein) geht hervor, dass Silbersteins Team nachgefragt hat, was mit den untergriffigen Facebook-Seiten passieren soll. Die Antwort Pöchhackers: Die Seiten müssen vorerst online bleiben - ansonsten würde man die Verbindung zwischen Silberstein und den Seiten sofort sehen.“
  41. Anna Thalhammer: Silbersteins Rolle und Honorare. In: Die Presse. 6. Oktober 2017, S. 1 (Online [abgerufen am 11. Oktober 2017]).
  42. Wiener Zeitung: Lobbying: Das neue Leben der Heidi Glück, 24. Mai 2007
  43. ORF Report Spezial zum Wahlkampf (Abschnitt: Schmutz im Wahlkampf, 3:05), 11. Oktober 2017, abgerufen am 12. Oktober 2017