Simeon Radew

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Simeon Trajtschew Radew (bulgarisch Симеон Трайчев Радев; * 19. Januar 1879 in Resen heute in Mazedonien; † 15. Februar 1967 in Sofia) war ein bulgarischer[1] Diplomat, Historiker, Chronist, Journalist und Publizist. Er war außerdem der erste Vertreter Bulgariens im Völkerbund in Genf, Mitbegründer und Mitglied des Mazedonischen Wissenschaftlichen Instituts[2] und Freimaurer. Simeon Radew ist Vater des Schriftstellers Trajan Radew und einer der bekanntesten Chronisten in den Jahren des bulgarischen Staatsaufbaus.[3]

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Simeon Radew wurde in der traditionsbewussten Familie von Trajtsche Radew in Resen geboren. Trajtsche, der Kaufmann war, hatte Kontakte mit vielen Aktivisten der bulgarischen Wiedergeburt.[4] In den jungen Jahren von Simeon lebte sogar in seinem Familienhaus einer davon, Sachari Tschintulow (Bruder von Dobri Tschintulow), der zu dieser Zeit Lehrer in Resen war.

Simeon hatte acht Geschwister, wobei der frühe Tod seiner kleineren Schwester Olga bei ihm tiefe Spuren hinterließ. Einer seiner Brüder Wladimir absolvierte die angesehene Bulgarischen Männerschule von Saloniki und war Lehrer in mehreren bulgarischen[4] Schulen in Makedonien (unter anderem in Resen, Štip und Kumanovo), die mit Hilfe des Bulgarischen Exarchats zu jener Zeit errichtet wurden. Als Simeon in Ohrid zur Schule ging, war einer seiner Lehrer sein Bruder Wladimir. Dort befreundete er sich mit Despina, der Tochter von Grigor Parlitschew, mit der er in derselben Schulklasse war. Durch sie wurde später Simeon ein guter Freund der Familie Parlitschew. Ein weiterer Bruder von Simeon, der bekannt ist, hieß Christo.[4] Während seiner Kindheit sprach man in Resen vier Sprachen: Bulgarisch, Türkisch, Albanisch und Walachisch, die er alle sehr gut beherrschte.[4] Weiter war Simeon Radew sehr gut mit anderen bekannten bulgarischen Persönlichkeiten befreundet, darunter unter anderem Anthim I. – Erster bulgarischer Exarch, Dame Gruew – bulgarischer Freiheitskämpfer, Andrei Ljaptschew – bulgarischer Politiker, oder dem rumänischen König Karl I.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1891 war er in der bulgarischen Schule in Ohrid eingeschrieben. In der Schule, die sich in einem Nebengebäude der Kirche Sw. Kliment befand, waren die Lehrer alle Absolventen der hochangesehenen Bulgarischen Männerschule von Thessaloniki oder des ebenso bekannten Robert College in Konstantinopel. Während seiner Zeit in Ohrid lernte er Werke der französischen Revolutionsliteratur kennen, wobei Die Elenden von Victor Hugo in dem jungen Charakter Simeons tiefe Spuren hinterließen. In Anspielung auf das Werk äußerte sich später Simeon selbst, dass er zu seiner Ohrider Zeit wie ein Elender ausgesehen hätte, da er sehr dünn gewesen sei. Er lernte Französisch und zählte schnell zu den Besten der gesamten Schule. Durch seine enge Freundschaft zu Despina Parlitschewa, der Tochter des Schriftstellers Grigor Parlitschew, wurde er häufig als Gast zu dessen Literaturabenden eingeladen.

Da sein Bruder Wladimir ein Jahr später in eine andere Schule versetzt wurde, beschlossen die Eltern, Simeon nach Bitola zu schicken. 1892 in Bitola angekommen, wohnte er in der Bulgarischen Pension und studierte am bulgarischen Gymnasium gemeinsam mit Schülern aus ganz Südost Makedonien. Die meisten seiner Klassenkameraden wurden Lehrer in bulgarischen Schulen in Mazedonien und Mitglieder der BMARK (Bulgarische Makedonisch-Adrianopeler Revolutionäre Komitees/Български Македоно-Одрински революционни комитети, einer Vorläuferorganisation der IMRO). Später gab Radew an, dass eines seiner Lieblingsfächer die altbulgarische Grammatik war, was ihm bei dem Erlernen und Lesen der russischen Sprache sehr hilfreich gewesen sei.

Während der Winterferien wurde er gemeinsam mit seiner kleinen Schwester Olga krank. Er überlebte, sie nicht. Zurück in Bitola befreundete er sich mit Georgi Pop Hristow, der später durch Dame Gruew in die BMARK aufgenommen wurde und eine Tscheta während des Ilinden-Aufstandes anführte. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Progymnasiums und des Ablegens einiger Prüfungen vor dem Wali (Gouverneur) von Bitola, entschied 1893 sein Vater Simeon zunächst in die prestigeträchtiges Bulgarischen Männerschule von Thessaloniki zu schicken.

Nach dem Vorschlag von Nikola Paskow, einem guten Freund der Familie Radewi und in den Reihen des bulgarischen Exarchats angesehenen Person, wurde Simeon für ein Stipendium für Begabtenförderung vorgeschlagen. Die Schüler wurden nach Konstantinopel, zur Ausbildung in der Galatasaray Mekteb-i Sultani Elitehochschule („Galatasaray-Schule der Sultane“) geschickt. In den Jahrgang von Simeon kamen drei der Schüler aus dem bulgarischen Gymnasium in Skopje und zwei aus dem in Bitola – Wladimir Robew und Simeon Radew. Radew lernte hier von 1893 bis 1898, als er als einer der besten Schüler seine letzte Prüfungen absolvierte. Bei einer seinen Heimreisen wurde er 1895 als 16-Jähriger auf Vorschlag von Goze Deltschew in die BMARK aufgenommen. Nach seinen Abschluss ging Simeon nach Genf.

Im Jahre 1902 absolvierte er sein Jurastudium in Genf. Während seiner Zeit in Genf veröffentlichte er das zweiwöchentlich erscheinende Blatt L’Effort (1900) auf Französisch und in Paris die Zeitung Le Mouvement Macedonien(1902) ebenfalls auf Französisch. In dieser Zeit führte er Tagebuch, das als Grundlage für sein späteres Werk die „Kolonie der Bulgarische Studenten in Genf (1898–1899)“ (aus dem bulg. “Българската студентска колония в Женева (1898–1899)”) diente. Nach dem Ilinden-Preobraschenie-Aufstand 1903 ging er nach Italien, Frankreich und Großbritannien und setze sich dort für die Lösung der „mazedonische Frage“ ein.[5]

Simeon war zwischen 1901 und 1909 Journalist für die Wetscherna Posta (Вечерна поща, aus dem bulg. Abendpost), bei der er als Korrespondent, Redakteur (1906) und Chefredakteur (1905–1909) arbeitete und während der Revolution aus Russland berichtete.

Auf Vorschlag von Pawel Genadiew war er gemeinsam mit Aleksandar Balabanow zwischen 1906 und 1909 Ko-Redakteur und von 1909 bis 1912 Chefredakteur der Zeitschrift Chudoschnik (bulg. “Художник” = Maler, Künstler). Ende 1908 entsandte Nikola Genadiew Simeon Radew nach Thessaloníki mit dem Auftrag, Kontakte zu den Jungtürken aufzunehmen, eine Zeitung herauszugeben und sich um seine Wahl von der Liste der Partei „Union der bulgarischen Verfassungsclubs in Makedonien“ (bulg. Съюз на българските конституционни клубове) in das türkische Parlament zu bemühen.

In dieser Zeit trat er der bulgarischen Volksliberale Partei bei und wurde zu einem der Verfasser ihres Programms von 1911. Im selben Jahr begründete er die parteinahe Tageszeitung Wolja (bulg. “Воля” = Wille), deren Direktor er auch für einige Zeit war.

Während des Ersten Balkankrieges nahm Simeon als Freiwilliger zunächst als Verbindungsoffizier für die ausländische Presse im Generalstab der bulgarischen Armee und später als Offizier im Makedonien-Adrianopel-Freiwilligen-Korps teil. Dabei war er in Kämpfe in Thrakien und Makedonien gegen Türken und Serben verwickelt. Er nahm in Thrakien bei der Erstürmung von Tekirdağ, Corlu, sowie der Marmara-Insel[6] teil. In den letzten Tagen des Krieges wurde er über die Edirne-Thessaloniki-Bahn in sein vertrautes Makedonien verlegt und nahm an Scharmützeln mit der serbischen Armee teil.

Nach dem Ausbruch des Zweiten Balkankrieges wurde er 1913 nach Sofia beordert. Wenige Wochen später wurde Simeon Radew bulgarischer Gesandter in Bukarest, wo er gemeinsam mit Oberst Iwan Fitschew und Dimitar Tontschew an den Verhandlungen über den Frieden von Bukarest teilnahm. Nachdem er und die bulgarische Delegation bei den Friedensgesprächen das Verbleiben Makedoniens innerhalb Serbiens nicht verhindern konnte, wurde er als Verräter in seiner Heimat angesehen. Nach der Friedenskonferenz blieb Radew auf persönliches Verlangen des rumänischen Königs Karl I. in Bukarest als Botschafter tätig.

Nachdem das Königreich Rumänien im Sommer 1916 an Seite der Entente in den Ersten Weltkrieg eintrat, wurde Radew im September 1916 nach Bern versetzt. Dort blieb er jedoch nur bis März 1917, als er sein Amt niederlegte und sich als Freiwilliger in der Bulgarischen Armee meldete. Am Ende des Krieges nahm er gemeinsam mit seinem alten Freund Andrei Ljaptschew an der Ausarbeitung des Waffenstillstandes mit der Entente, der am 29. September 1918 in Thessaloniki unterschrieben wurde, teil.

In den folgenden Jahren war er bulgarischer Botschafter in Den Haag (1920–1921), Ankara (1923–1925), Washington, D.C. (1925–1933), London (1935–1938) und Brüssel (1938–1940) und unterschrieb am 18. Oktober 1925 als solcher den Friedens- und Freundschaftsvertrag von Angora mit der Türkei. Er war der erste Vertreter Bulgariens im Völkerbund in Genf.

Nach der Machtergreifung der Kommunisten in Bulgarien fiel Radew jedoch schnell in Ungnade und wurde entlassen. Gleichzeitig wurde ihm der Zugang zur Presse, sowie die öffentliche und politische Tätigkeit verwehrt. Dennoch wurde er wegen seiner Erfahrungen auf dem internationalen Parkett von Wassil Kolarow als Delegierter für die Pariser Friedenskonferenz 1946 vorgeschlagen.[7]

Er starb 1967 in Sofia in bitterer Armut, einige Tage nachdem seine Autobiografie „Frühe Erinnerungen“ veröffentlicht werden dürfte. Sie wurde jedoch wenig später von den kommunistischen Machthabern wie seine anderen Werke auf die schwarze Liste gesetzt und gehörte bis Anfang der 90er zu den verbotenen Büchern. Ein Teil seiner Handschriften wurde von der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften angekauft und bis heute nicht publiziert.

Seit 2006 ist der Radev Point nach ihm benannt, eine Landspitze von Rugged Island in der Antarktis.

Bibliografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Simeon Radew schrieb oft unter den Namen S. Trajtschew/С. Трайчев Beiträge in Zeitschriften und Zeitungen. Er hat mehr als 1500 Artikel, Reportagen, Interviews, Pamphleten und weiteres geschrieben. Einige seiner Memoiren werden heute als Standardwerke in der bulgarischen Schule erlernt.

Memoiren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die bulgarische Studentenkolonie in Genf (1898–1899) (aus dem bulg. “Българската студентска колония в Женева (1898–1899)”)
  • Frühe Erinnerungen (aus dem bulg. "Ранни спомени")
  • Das was ich im Balkankrieg gesehen habe (bulg. "Това, което видях от Балканската война")
  • Die Erbauer/Schöpfer des modernen Bulgariens Band 1, Band 2 (1910–1911) und Band 3 (2008) (bulg. "Строителите на съвременна България. Том 1"). Das Buch gründet sich ausschließlich auf dem sorgfältigen Studium von Zeitdokumenten, Archivmaterialien, Interviews mit den Beteiligten[8]
  • “La Macedoine et la renaissance bulgare au XIXe siecle” (Makedonien und die bulgarische Wiedergeburt im 19. Jahrhundert) (1918–1943г.), herausgegeben 1918 – auf Französisch, 1927 und 1943 – auf bulgarisch
  • Die Konferenz in Bukarest und der Friedensvertrag von Bukarest von 1913 (aus dem bulg. “Конференцията в Букурещ и Букурещския мир от 1913 г.”)
  • “Погледи върху литературата, изкуството и лични спомени” (1965)

Weiteres[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „La question bulgare et les Etats balkaniques“, 1919
  • Das Poem Der Hajduke Welju (bulg. “Хайдут Велко”) ist das erste Werk von Radew, geschrieben in seine Zeit in Konstantinopel
  • Die Erzählungen
    • Zwist (bulg. “Раздор”) 1895
    • Ein Spaziergang bis Halki (bulg. „Една разходка до Халки“)
    • Tanas Kalimatschka (bulg. „Танас Колимачка“) nach einer Wahre Geschichte aus Ohrid
    • Der Blinde Geigenspieler (bulg. “Слепият цигулар”)
  • Das Drama Sommer Regen (bulg. “Летен порой”)

Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literarische Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dr. Krastew als literarischer Kritiker. (bulg. „Д-р Кръстев като литературен критик“) 1907

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eduard Bayer, Dietmar Endler: Bulgarische Literatur im Überblick. P. Reclam, Leipzig 1983, DNB 840021690.
  • United Center for Research and Training in History: Bulgarian historical review/1.1973. Publ. House of the Bulg. Acad. of Sciences, 1973, ISSN 0204-8906.
  • Norbert Randow: Die neuere bulgarische Geschichte im Spiegel der Literatur. Deutsch-Bulgarische Gesellschaft, Hamburg, pdf – Onlineversion, besucht am 16. Juni 2008.
  • Helene Auzinger: Kleine slavische Biographie. Harrassowitz, Wiesbaden 1958,
  • R. J. Crampton: Bulgaria. Oxford University Press, 2007, ISBN 978-0-19-820514-2, S. 451.
  • Otto Harrassowitz: Kleine Slavische Biographie. MZ-Verlag, Wiesbaden 1958, S. 569.
  • Jahrbuch für europäische Geschichte. Band 5, 2004, S. 128–130.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Artikel zu Simeon Trajkow Radew in Meyers Lexikon online (Zugriff am 14. Februar 2009; nicht mehr zugreifbar)
  2. Mitglieder-Gründer des Mazedonischen Wissenschaftlichen Instituts (bulg.) (Memento des Originals vom 19. April 2012 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/macedonia-science.org
  3. Claudia Weber: Auf der Suche nach der Nation: Erinnerungskultur in Bulgarien von 1878–1944. LIT Verlag, Berlin/ Hamburg/ Münster 2006, ISBN 3-8258-7736-1, S. 94.
  4. a b c d Simeon Radew: Frühe Erinnerungen
  5. Otto Harrassowitz: Kleine Slavische Biographie. S. 743.
  6. Simeon Radew: Das was ich im Balkankrieg gesehen habe
  7. Magarditsch A. Hatschikjan: Tradition und Neuorientierung in der bulgarischen Aussenpolitik 1944–1948. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 1988, ISBN 3-486-55001-2, S. 184.
  8. Eduard Bayer, Dietmar Endler: Bulgarische Literatur im Überblick.