Sindbis-Virus

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Sindbis-Virus
Sindbis-Virus Struktur.png

Maßstabsgerechter Querschnitt des Sindbis-Virus

Systematik
Klassifikation: Viren
Realm: Riboviria[2]
Reich: Orthornavirae[1]
Phylum: Kitrinoviricota[1]
Klasse: Alsuviricetes[1]
Ordnung: Martellivirales[1]
Familie: Togaviridae
Gattung: Alphavirus
Untergattung: „Western equine encephalitis complex“
Art: Sindbis virus
Taxonomische Merkmale
Genom: (+)ssRNA, linear
Baltimore: Gruppe 4
Symmetrie: ikosaedrisch
Hülle: vorhanden
Wissenschaftlicher Name
Sindbis virus
Kurzbezeichnung
SINV
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Das Sindbis-Virus (SINV) ist eine Virusspezies aus der Gattung Alphavirus. Es ist der Erreger einer meist harmlosen fiebrigen Erkrankung mit Entzündungen der Gelenke, die zum Teil mit Hautausschlägen und selten mit einer Enzephalitis einhergeht. Das Virus wird durch Stechmücken übertragen und gilt in Mitteleuropa als importierte Reiseinfektion. Aufgrund seines Übertragungsweges wird es der epidemiologischen Gruppe der Arboviren zugerechnet. Einige Subtypen des Sindbis-Virus wurden als Erreger des Karelischen Fiebers und des Ockelbo-Fiebers identifiziert.

Entdeckung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Sindbis-Virus wurde 1952 entdeckt, nachdem man mehrere Stechmückenarten (Culex pipiens und C. univittatus) aus einem Teich in der Nähe des Dorfes Sindbis bzw. Sindibis (arabisch سندبيس) etwa 30 km nördlich von Kairo (Ägypten) auf mögliche Erreger einer ausgebrochenen fiebrigen Erkrankung untersuchte.

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Sindbis-Virus bildet innerhalb der Gattung Alphavirus eine besondere Gruppe von Viren (WEEV-Gruppe, englisch Western equine encephalitis virus complex) zu der auch das Fort-Morgan-Virus (Buggy-Creek-Virus), Highlands-J-Virus, Westliche Equine Encephalomyelitis-Virus (WEEV) und das Whataroa-Virus gehören. Die Spezies Sindbis-Virus wird in sechs Subtypen mit (historisch bedingten) eigenen Namen unterteilt:

  • Spezies: Sindbis-Virus
    • Subtyp: Babanki-Virus (englisch Babanki virus; die Abkürzung BABV steht auch für Babahoya-Virus, Subtyp der Spezies Patois orthobunyavirus, Gattung Orthobunyavirus)[3]
    • Subtyp: Kyzylagach-Virus (englisch Kyzylagach virus, KYZV, Aserbaidschan)
    • Subtyp: Sindbis-like Virus
    • Subtyp: Sindbis-like Virus YN87448
    • Subtyp: Karelisches-Fieber-Virus (Karelien)
    • Subtyp: Ockelbo-Virus (englisch Ockelbo virus, OCKV, Schweden)

Epidemiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stechmücke der Gattung Culex bei der Blutmahlzeit

Alle Alphaviren werden durch blutsaugende Vektoren übertragen. Im Falle des Sindbis-Virus erfolgt die Verbreitung durch Stechmücken der Gattung Culex. Vögel sind das natürliche Reservoir für das Virus. Aufgrund des Vektors ist die Verbreitung des Sindbis-Virus auf Afrika, den östlichen Mittelmeerraum, Sizilien, Süd- und Südostasien, Südamerika sowie Australien beschränkt. In Mitteleuropa vorkommende Infektionen mit dem Sindbis- und den Sindbis-like-Viren sind bislang importierte Infektion nach einem Aufenthalt in gefährdeten Regionen. In Schweden wurde das Ockelbo-Virus[4] und in Tschechien sowie Karelien das Virus des Karelischen Fiebers gefunden. Insgesamt sind diese Virus-Subtypen weniger pathogen. Aufgrund des Vogelzuges wurde eine Anwesenheit des Virus in Mitteleuropa lange angenommen, jedoch konnte virale RNA eines Subtyps des Sindbis-Virus erst 2010 in Süddeutschland in den Mückenarten Anopheles maculipennis, Culex torrentium und Culex pipiens nachgewiesen werden.[5] Der nachgewiesene Subtyp ist dem schwedischen Subtyp (Ockelbo-Virus) verwandt. Die häufigste einheimische Stechmückenart Aedes vexans ist jedoch nicht in der Lage, das Virus zu vermehren und zerstört aufgenommene Virusteilchen des Sindbis-Virus durch Verdauung (proteolytische Spaltung) der Virushülle.[6]

Erkrankung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Infektion mit dem Sindbis-Virus verursacht nach einer Inkubationszeit von 3–4 Tagen nur in seltenen Fällen eine fieberhafte Erkrankung (Sindbis-Fieber), zum Teil mit Hautausschlägen (Exanthemen) und Gelenkbeschwerden. Das klinische Bild ähnelt sehr einer Dengue-Infektion, weshalb man beim Sindbis-Virus auch von einem sogenannten Dengue-ähnlichen Syndrom spricht. Das besonders auffällige Symptom der Gelenkentzündung verdankt die Sindbis-Virus-Infektion auch die Bezeichnung „Epidemische Polyarthritis“. In wenigen Einzelfällen wurden Sindbis-Viren mit neurotroper Eigenschaft und einer damit einhergehenden Enzephalitis beschrieben.

Die Infektion heilt auch ohne spezifische Therapie überwiegend ohne Folgen aus. Eine Impfung steht derzeit nicht zur Verfügung.

Molekularbiologische Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gentechnologisch veränderte, nicht infektiöse Sindbis-Viren werden in einigen sogenannten Positivkontrollen verwendet, so zum Beispiel in Tests auf SARS-2-Coronaviren.[7] Diese Positivkontrollen zeigen an, ob das Testverfahren korrekt funktioniert und korrekt durchgeführt wird.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • D. K. Lvov, T. M. Skvortsova et al.: Isolation of Karelian fever agent from Aedes communis mosquitoes. In: Lancet. 18. August 1984, Band 2, Nr. 8399, S. 399–400, doi:10.1016/s0140-6736(84)90562-2, PMID 6147473.
  • D. K. Lvov, V. L. Gromashevskii et al.: Kyzylagach virus (family Togaviridae, genus alphaviruses), a new arbovirus isolated from Culex modestus mosquitoes trapped in the Azerbaijani SSR. In: Voprosy virusologii. September–Oktober 1979, Band 5, S. 519–523, PMID 159565, ISSN 0507-4088 (russische Erstbeschreibung).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d ICTV: ICTV Master Species List 2019.v1, New MSL including all taxa updates since the 2018b release, März 2020 (MSL #35).
  2. ICTV Master Species List 2018b v1. MSL #34, Februar 2019.
  3. ICTV Report 1993 (PDF; 59 MB) ICTV. Auf S. 307 wird die Spezies als ‚Patios virus Group‘ referenziert.
  4. Y Shirako et al.: Structure of the Ockelbo virus genome and its relationship to other Sindbis viruses. In: Virology. 1991, Band 182, Nr. 2, S. 753–764, PMID 1673813.
  5. H. Jöst et al.: Isolation and phylogenetic analysis of Sindbis viruses from mosquitoes in Germany. In: Journal of Clinical Microbiology. Mai 2010, Band 4, Nr. 5, S. 1900–1903, doi:10.1128/JCM.000372010, PMID 20335414.
  6. M Modlmaier et al.: Transmission studies of European Sindbis virus in the floodwater mosquitos Aedes vexans. In: International Journal of Medical Microbiology. 2002, Band 291, Supplement 33, S. 164–170, PMID 12141742.
  7. Abbott Realtime SARS-CoV-2. (PDF) Amplification Kit - Instructions for Use. Abbott Laboratories, abgerufen am 22. Dezember 2020 (englisch): „Control Kit [...] Contains non-infectious, recombinant Sindbis virus containing SARS-CoV-2 RNA sequences, 1.0% ammonium sulfate, and 7.9% detergent in a buffer solution.“